Pressemitteilung Aktuell Katar 26. August 2021

Katar: Todesfälle von Arbeitsmigrant_innen müssen untersucht ­werden

Die Aufnahme einer Baustelle zeigt circa 20 Männer mit Schutzhelmen und Warnwesten, die unter anderem mit Schaufeln, Schubkarren und Maurerkellen arbeiten.

Baustelle in Doha in Katar (Archivaufnahme)

In einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht kritisiert Amnesty International das Versäumnis katarischer Behörden, den Tod tausender Arbeitsmigrant_innen in den vergangenen zehn Jahren nicht untersucht zu haben, obwohl es Hinweise gibt für einen Zusammenhang zwischen ihrem vorzeitigen Tod und den gefährlichen Arbeitsbedingungen.

In dem Bericht "In the Prime of their Lives. Qatar’s failure to investigate, remedy and prevent migrant workers' deaths" dokumentiert Amnesty International, wie Katar routinemäßig Totenscheine für Arbeitsmigrant_innen ausstellt, ohne angemessene Untersuchungen zur Todesursache durchzuführen. Stattdessen werden die Todesfälle auf "natürliche Ursachen" oder vage definierte "Herzfehler" zurückgeführt.

Wenn relativ junge und gesunde Männer nach vielen Arbeitsstunden in extremer Hitze plötzlich sterben, wirft dies ernste Fragen über die Arbeitsbedingungen in Katar auf.

Katja
Müller-Fahlbusch
Expertin der deutschen Amnesty-Sektion für die Region Naher Osten und Nordafrika

Für den Bericht befragte Amnesty International führende Mediziner_innen, prüfte Regierungsangaben zu tausenden Todesfällen, analysierte Totenscheine und befragte Familien gestorbener Arbeitsmigranten.

Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland, sagt: "Wenn relativ junge und gesunde Männer nach vielen Arbeitsstunden in extremer Hitze plötzlich sterben, wirft dies ernste Fragen über die Arbeitsbedingungen in Katar auf. Wir fordern die katarischen Behörden auf, alle Todesfälle von Arbeitsmigrant_innen umfassend zu untersuchen. Wenn Arbeiter gefährlichen Bedingungen wie extremer Hitze ausgesetzt waren, muss Katar unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um den Schutz von aktuell Beschäftigten zu verbessern. Den Tod von Arbeitsmigrant_innen nicht zu untersuchen und dies sogar zu verhindern, ist ein Verstoß gegen die Verpflichtung Katars, das Recht auf Leben zu wahren und zu schützen."

Das Ausmaß der ungeklärten Todesfälle
 
Amnesty International hat 18 Totenscheine für Arbeitsmigrant_innen geprüft, die Katar zwischen 2017 und 2021 ausgestellt hatte. 15 enthielten keine Informationen über die zugrundeliegenden Ursachen, stattdessen wurden Bezeichnungen verwendet wie "akutes Herzversagen", "natürliche Ursache", "unspezifisches Herzversagen" und "akutes Atemversagen aufgrund natürlicher Ursache".

Ähnliche Formulierungen wurden bei mehr als der Hälfte der 35 Todesfälle verwendet, die seit 2015 auf den Stadionbaustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 verzeichnet wurden und die als "nicht arbeitsbedingt" klassifiziert wurden. Dies lässt darauf schließen, dass in den betreffenden Fällen wahrscheinlich keine aussagekräftigen Untersuchungen durchgeführt wurden.

Die von Amnesty International durchgeführte Analyse von Sterbefällen aus verschiedenen Quellen deutet darauf hin, dass die Quote der ungeklärten Todesfälle von Arbeitsmigrant_innen in Katar bei fast 70 Prozent liegen könnte.

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Plötzliche Todesfälle

Amnesty International untersuchte die Todesfälle von sechs männlichen Arbeitsmigranten im Detail: vier Bauarbeiter, ein Wachmann und ein LKW-Fahrer. Bei keinem der Männer waren gesundheitliche Probleme bekannt, alle hatten die vorgeschriebenen medizinischen Tests bestanden, bevor sie nach Katar reisten. Keine der Familien hat nach dem Tod des Angehörigen eine Entschädigung erhalten.

Die Menschenrechtsorganisation befragte die Familien der Männer in Nepal und Bangladesch. Die Familienmitglieder waren schockiert über den Tod der Männer und gaben an, ihre Angehörigen seien bei guter Gesundheit gewesen. Keiner der von der Menschenrechtsorganisation befragten Familien wurde eine Obduktion angeboten, um die Todesursache ihrer Angehörigen zu ermitteln. Es konnte so nicht festgestellt werden, ob die Arbeitsbedingungen zum Tod der Angehörigen beigetragen haben. Somit war auch eine Entschädigung durch die Arbeitgeber_innen oder die katarischen Behörden ausgeschlossen.

Katja Müller-Fahlbusch fordert: "Katar muss mithilfe von Spezialist_innen jeden Todesfall unter Arbeitnehmer_innen ordnungsgemäß untersuchen und sicherstellen, dass in allen Fällen, in denen Arbeitsmigranten extremer Hitze ausgesetzt waren und keine andere Todesursache festgestellt werden konnte, eine Entschädigung gezahlt wird. Katar ist eines der reichsten Länder der Welt – es kann es sich nicht nur leisten, verantwortlich zu agieren, sondern hat auch die Pflicht dazu."

Mehrere Männer tragen auf einem von Bäumen gesäumten Feldweg einen Sarg auf ihren Schultern.

Beerdigung von Balkisun Mandal Khatwe in seinem Heimatdorf in Nepal. Der junge Mann hatte in Katar als Arbeitsmigrant weniger als einen Monat für ein Unternehmen gearbeitet, als er plötzlich im Schlaf starb.

Hintergrund

Seit der Vergabe der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2022 an Katar 2010 hat das Land mehrere wichtige Reformen seines Arbeitsrechts eingeleitet. Die unzureichende Umsetzung und Durchsetzung bedeuten jedoch, dass die Fortschritte vor Ort nur langsam sichtbar werden und Ausbeutung weiterhin an der Tagesordnung ist. Viele Arbeitsmigrant_innen sind nach wie vor skrupellosen Arbeitgeber_innen ausgeliefert, die sie ungestraft missbrauchen können.

Offizielle Statistiken zeigen, dass zwischen 2010 und 2019 insgesamt 15.021 Staatsangehörige anderer Staaten in Katar gestorben sind. Aus den Regierungsdaten geht nicht hervor, wie viele Arbeiter_innen bei den Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft ums Leben gekommen sind. Katars Oberster Ausschuss für Projektüberwachung hat festgestellt, dass seit 2015 insgesamt 35 Arbeiter bei den von ihm überwachten WM-Projekten gestorben sind. Es gibt jedoch keine Schätzung, wie viele Arbeiter_innen bei anderen Infrastrukturprojekten im Zusammenhang mit der Durchführung des Turniers gestorben sind.

 

Weitere Informationen:

Der kenianische Arbeitsrechtsaktivist Malcolm Bidali, der am 4. Mai 2021 von den katarischen Behörden entführt und einen Monat lang in Isolationshaft gehalten wurde, durfte das Land endlich verlassen. Erfahre hier mehr.

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