Aktuell 03. September 2010

Amnesty fordert Gleichbehandlung von Roma-Kindern

Schulen in der Slowakei
Roma in einer Sonderschule in Krivany, Slowakei 2010

Roma in einer Sonderschule in Krivany, Slowakei 2010

Amnesty International ruft die slowakische Regierung auf, unverzüglich die Ungleichbehandlung von Roma-Kindern im Bildungssystem abzuschaffen. Tausende von Roma-Kindern in der Slowakei gehen auf Sonderschulen und besuchen Klassen für Kinder mit "leichter geistiger Behinderung" oder sie werden in den Regelschulen in Extraklassen mit schlechterem Bildungsstandard ausgegrenzt.

In dem Briefing "Schritte zur Beendigung der Segregation im Bildungswesen" weist Amnesty International die slowakische Regierung auf die gravierenden Versäumnisse bei der Durchsetzung und Kontrolle des Diskriminierungsverbots im Bildungssystem hin.

"Roma-Kinder überall in der Slowakei sind die Leidtragenden eines Schulsystems, in dem sie in Folge der weit verbreiteten Diskriminierung keine Unterstützung erfahren. Es enthält Roma-Kindern die Chancengleichheit vor und verdammt sie zu einem Leben in Armut und Ausgrenzung", konstatiert David Diaz-Jogeix, stellvertretender Leiter der Abteilung Europa und Zentralasien bei Amnesty International und fährt fort: "Die slowakische Regierung muss noch viel tun, um die Segregation zu beenden, deren Auswirkungen einen großen Teil der Bevölkerung betreffen. Die Ausgrenzung im Bildungswesen bedeutet für die betroffenen Kinder ein lebenslanges Stigma, denn ihre Zukunftschancen werden dadurch weitreichend eingeschränkt. Diese Praxis hat im Europa des 21 Jahrhunderts nichts zu suchen, sie gehört abgeschafft."

Roma machen in der Slowakei weniger als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, nach einer Erhebung von 2009 stellen sie aber 60 Prozent der Schüler_innen in den Sonderschulklassen. In Regionen mit hohem Roma-Anteil machen sie sogar Dreiviertel der Schüler_innen in den Sonderschulen aus. Und 85 Prozent der Kinder in Förderklassen sind Roma.

Ursachen der Diskriminierung

Die Ursachen der Segregation sind komplex. So herrscht in der slowakischen Bevölkerung eine fest verwurzelte negative Einstellung gegenüber Roma. Das schließt auch Eltern von Nicht-Roma-Kindern und die Lehrkräfte mit ein. In der Folge werden Roma-Kinder manchmal im wahrsten Sinne des Wortes in getrennte Klassenzimmer, Flure oder Gebäude eingeschlossen.

Politisch hat man im Bildungssystem versagt: Die Kinder erhalten früh eine Schulempfehlung, der oft eine falsche Einschätzung zugrunde liegt und Roma-Kinder in Regelschulen werden nur unzureichend unterstützt.

Umso mehr begrüßt Amnesty das Versprechen der neuen Koalitionsregierung vom August 2010, die Trennung der Roma im Schulsystem abzuschaffen.

"Die Vorstellung, dass Getrenntes gleich sein kann, hat ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die Slowakei kann den Roma-Kindern im Land das Recht auf Bildung ohne Diskriminierung nicht weiter verwehren", sagt David Diaz-Jogeix. "Die Entscheidungen der Regierung werden die Leben von tausenden Roma-Kindern beeinflussen. Es liegt in den Händen der Regierung, den Roma in der Slowakei umfassende gesellschaftliche Partizipation in der slowakischen und europäischen Gesellschaft zu ermöglichen."

Forderungen

Amnesty hat folgende Forderungen an die slowakische Regierung:

  • Bereitstellung von angemessenen Ressourcen für die staatliche Schulaufsicht und die Einführung verbindlicher, detaillierter Richtlinien zur Feststellung, Kontrolle und Bekämpfung der Segregation in der Praxis.

  • Einführung einer systematischen Datenerfassung über das Bildungsniveau in sowohl ko-edukativen als auch ethnisch gemischten Schulen.

  • Verpflichtung der Schulen die Segregation aufzuheben und Unterstützung der Schulen bei diesem Prozess.

  • Einführung angemessener Maßnahmen zur Förderung der Roma- und Nicht-Roma-Kinder, die zusätzliche Unterstützung benötigen, damit sie in Regelschulen ihr volles Potential entfalten können.

Einzelfälle

Jakub
Der 16-jährige Jakub lebt mit seiner Familie in einer Roma-Siedlung 20 km nord-westlich der Hauptstadt Bratislava. In seiner Grundschulzeit wurde Jakubs Begabung durch ein Stipendium gefördert.

Eine Auseinandersetzung mit einem seiner Lehrer in der fünften Klasse hatte zur Folge, dass bei einer Überprüfung seiner Eignung eine "leichte geistige Behinderung" festgestellt wurde. All dies geschah, ohne das Jakubs Eltern informiert wurden. Jakub besuchte daraufhin eine spezielle Klasse für Kinder mit einer "leichten geistigen Behinderung".

Einer der ehemaligen Lehrer von Jakub berichtete Amnesty International: "Einige der Kinder sind im Schulsystem völlig falsch aufgehoben. Bei Jakub beispielsweise wurde eine Hyperaktivität mit einer leichten geistigen Behinderung festgestellt. Doch dieses Kind hätte eine reguläre Klasse besuchen müssen. Er war ein Genie."

Jakub hat gerade die Regelschule beendet und äußert sich sehr frustriert über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist: "Was sie mir angetan haben ist scheußlich. Sie haben mich zum Idioten gemacht."

Luboš
Die Mutter des siebenjährigen Luboš meldete ihren Sohn im Zentrum der Stadt an einer der besten Schulen von Prešov, der drittgrößten Stadt der Slowakei, an. Zur Einschulung begleitete ihn der Vater – er ist kein Roma.

Die Mutter berichtet, dass sich die Situation für Luboš schlagartig änderte, nachdem sie ihn das erste Mal in die Schule begleitet hatte. Die Lehrerin klagte plötzlich über Probleme mit Luboš und machte der Mutter Angelika unmissverständlich klar, dass er nicht mehr an dieser Schule bleiben könne: "Sie sagte, dass mein Kind nicht zu dieser Klasse gehöre, weil er Roma sei, und ich ihn auf eine andere Schule schicken müsse." Angelika nahm Luboš schließlich von der Schule. Dadurch verlor er ein ganzes Schuljahr.

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