Verschwundener tot aufgefunden

Ein Mann trägt ein rotes T-shirt und einen blauen Turban um den Kopf gewickelt.

Der pakistanische Menschenrechtsverteidiger Seengar Noonari

Am 2. September bestätigte eine Gruppe unabhängiger forensischer Expert_innen, dass es sich bei einer am 16. August aufgefundenen Leiche um Facundo Astudillo Castro handelt, der am 30. April in der Provinz Buenos Aires "verschwunden" war. Die Polizei hatte ihn festgenommen, weil er gegen die landesweite Quarantäne verstoßen hatte. Am 2. Juli reichte seine Familie eine Beschwerde bei den Bundesbehörden ein, um Ermittlungen zu seinem "Verschwinden" zu veranlassen. Es muss eine unabhängige, zielführende und unparteiische Untersuchung gegen die für das Verschwindenlassen und den Tod von Facundo Astudillo Castro Verantwortlichen eingeleitet werden, damit seine Familie Gerechtigkeit erfährt.

Appell an

Generalstaatsanwalt
Mr. Santiago Ulpiano Martínez

Federal Prosecutor
Bahía Blanca
Province of Buenos Aires
ARGENTINIEN

 

Sende eine Kopie an

Botschaft der Republik Argentinien
S. E. Herrn Pedro Raúl Villagra Delgado
Kleiststraße 23-26
10787 Berlin

Fax: 030-229 14 00
E-Mail: ealem@mrecic.gov.ar

Amnesty fordert:

  • Leiten Sie bitte eine unabhängige, zielführende und unparteiische Untersuchung des "Verschwindens" und Todes von Facundo Astudillo Castro ein, veröffentlichen Sie die Ergebnisse und stellen Sie die Verantwortlichen vor Gericht.

Sachlage

Facundo Astudillo Castro "verschwand" am 30. April in der Provinz Buenos Aires. Seither waren sein Schicksal und Verbleib unbekannt. Drei Zeug_innen sahen, wie die Polizei ihn in Mayor Buratovich festnahm, als er eine Mitfahrgelegenheit nach Bahia Blanca suchte. Die Polizei beschuldigte ihn, gegen die landesweit verhängte Quarantäne verstoßen zu haben.

Nachdem er vier Monate lang "verschwunden" war, fand man am 16. August eine zunächst nicht identifizierte Leiche. Forensische Expert_innen bestätigten am 2. September, dass es sich dabei um Facundo Astudillo Castro handelte. Der Fall ist bislang ungeklärt und muss dringend unabhängig und unparteiisch untersucht werden.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Am 12. März 2020 erklärte Präsident Alberto Fernández anlässlich der Covid-19-Pandemie einen "Gesundheitsnotstand" gemäß Gesetz 27.541. Eine Woche später, am 19. März, ordnete er mit dem Notstandserlass Nr. 297/2020 einen Lockdown für alle Bewohner_innen Argentiniens an.

Die Maßnahmen zur Beschränkung der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit (Abstandhalten und Lockdown) wurden strikt umgesetzt. Amnesty International hat über 20 Fälle von rechtswidriger Gewaltanwendung gegen Personen bestätigt, die gegen die von der Regierung verordneten Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 verstoßen haben sollen.

Nachdem Facundo Astudillo "verschwand", wurde ein Nachforschungsantrag im Büro des Bezirks Villarino gestellt. Nach zwei Monaten erfolgloser Ermittlungen und einigen Unregelmäßigkeiten und widersprüchlichen Aussagen der Polizei stellte die Familie zusammen mit den Anwälten Luciano Peretto Ithurralde und Leandro Aparicio Strafanzeige bei der Bundesbehörde, damit das Verschwindenlassen untersucht wird.

Vier Polizeiangehörige der Provinz Buenos Aires stehen nach einer Reihe von Widersprüchen in ihren Aussagen unter Verdacht. Einer soll angegeben haben, dass Facundo Astudillo in einem Truck davonfuhr, nachdem er von den Beamt_innen kontrolliert worden war. Doch später änderte er seine Angaben und sagte, der 22-Jährige sei zu Fuß weggegangen. Drei Zeug_innen geben dagegen an, dass der junge Mann in ein Polizeifahrzeug gesetzt wurde.

Am 1. August ordnete die Interamerikanische Menschenrechtskommission Schutzmaßnahmen im Fall von Facundo Astudillo Castro an. Die Kommission forderte Argentinien auf, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um sein Schicksal und seinen Verbleib zu klären, sein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten, und anhand von Spezialmechanismen eine wirksame Suche einzuleiten.

Mehrere Maßnahmen wie die Suche entlang der Nationalstraße 3, Untersuchungen nach "möglichen Blutspuren" in zwei Polizeifahrzeugen sowie die Aufnahme von Zeugenaussagen blieben erfolglos. Am 16. August, mehr als vier Monate nach dem Verschwinden des 22-Jährigen, fanden einige Fischer in der Gegend Cabeza de Buey eine Leiche. Am 2. September bestätigte eine Gruppe unabhängiger forensischer Expert_innen (Equipo Argentino de Antropología Forense – EAAF), dass es sich bei der Leiche um Facundo Astudillo Castro handelte.

Am 6. Juli griff die autonome und unabhängige Provinzkommission zur Erinnerung (Comisión Provincial por la Memoria – CPM) in ihrer Funktion als lokale Stelle zur Verhütung von Folter ein und stellte vor dem UN-Ausschuss über das Verschwindenlassen einen Antrag auf eine Eilaktion. Sie begründete dies mit den widersprüchlichen Aussagen der Polizeibeamt_innen.

Am 10. Juli rief der UN-Ausschuss über das Verschwindenlassen Argentinien auf, eine "schlüssige Strategie" einzusetzen, um Facundo Astudillo zu finden und sofort eine umfassende Untersuchung zum Verschwinden des 22-Jährigen durchzuführen. Facundo Astudillo war zuletzt verhaftet an einem Polizeikontrollpunkt in der Provinz Buenos Aires gesehen worden.

Das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen definiert das Verschwindenlassen als die "Festnahme, Inhaftierung, Entführung oder eine andere Form der Freiheitsberaubung durch staatliche Kräfte oder durch Personen oder Gruppen, die mit Genehmigung, Unterstützung oder dem Einverständnis des Staates handeln, gefolgt von der Weigerung, die Freiheitsberaubung anzuerkennen oder der Verheimlichung des Schicksals und Aufenthaltsortes der verschwundenen Person, was diese Person dem Schutz des Gesetzes entzieht". Argentinien hat dieses Übereinkommen 2007 ratifiziert (Gesetz 26.298).