Amnesty Journal Ukraine 01. April 2015

Lähmung, Aufbruch, Krieg

Lähmung, Aufbruch, Krieg

De facto Krieg. Der Flughafen Donezk im Februar 2015

Im Osten wird gekämpft, im Westen hofft man auf Europa: Die Journalistin Ute Schaeffer legt eine Materialsammlung zur Situation in der Ukraine vor.

Von Maik Söhler

Die Hoffnung ruht auf der Zivilgesellschaft. Ute Schaeffer, die das ukrainische Programm des Auslandssenders Deutsche Welle aufgebaut hat, betont in ihrem Buch »Ukraine. Reportagen aus einem Land im Aufbruch« die Bedeutung von engagierten Bürgern und nichtstaatlichen Organisationen für den Demokratisierungsprozess in der Ukraine. Es seien der Vernetzungsgrad und die zahlreichen Akteure der ukrainischen Zivilgesellschaft, die den Unterschied zu Weißrussland ausmachten und zu Russland sowieso.

Vom Maidan nach Donezk und Lugansk, von der Westukraine in den Süden, von der sowjetischen Vergangenheit zur möglichen Zukunft in der EU, von der Wirtschaft zum Krieg – Schaeffer lässt kaum einen Aspekt aus, um herzuleiten, wie die Ukraine des Jahres 2015 zu dem wurde, was sie ist. Die von ihr befragten Politologen, Historiker, Juristen und Ökonomen benennen klar die Gefahren, vor denen das Land steht: politische Destabilisierung aus Russland, alte Eliten, die ihren Anteil an der Macht sichern wollen, ökonomischer Kollaps, ein schwacher Staat und grassierende Korruption.

Die Autorin räumt dem Regime des ehemaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch viel Platz ein und macht ein pseudodemokratisches System sichtbar, das sich mit Patronage, Bestechung, Korruption, wirtschaftlicher und juristischer Willkür am Leben hielt und sich dabei viele Feinde schuf. Es entstand der sogenannte »Euromaidan« und mit ihm, wie Schaeffer betont, eine klare Mehrheit im Land, die »einen demokratischen Rechtsstaat und eine Ausrichtung nach Europa« will.

»Ein knappes Vierteljahrhundert ist die Unabhängigkeits­erklärung der Ukraine alt. Doch immer noch spaltet das Thema Familien und Freunde«, schreibt Schaeffer und nennt neben von außen erzeugten auch innere Gründe für die Spaltung: regionale Identitäten, starke Oligarchen, gegen die der Staat nicht ankommt, und Reformpolitiker, denen Reformen nicht mehr zugetraut werden.

Ihr Buch ist dort stark, wo sie einzelne Menschen porträtiert, die im Staatsdienst oder als zivilgesellschaft­liche Akteure trotz aller Probleme versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Ihr Buch ist dort schwach, wo sie mehr will als Stimmen zu sammeln, zu bündeln und wiederzugeben.

Vielleicht liegt es an der Zerrüttung des Gegenstandes, über den sie schreibt. »Ukraine. Reportagen aus einem Land im Aufbruch« liefert keine Reportagen, sondern ein Sammelsurium aus Interviews, Eindrücken, Hintergrundgesprächen und Empfehlungen an die deutsche und europäische Politik.

Die Ukraine wurde um einen Teil ihres Landes beraubt, in einem anderen Teil blamiert sich der Begriff Waffenruhe ein ums andere Mal und der Rest des Landes kommt aus seiner politischen, ökonomischen und rechtlichen Stagnation kaum heraus. Diesem Land voller Widersprüche entspricht das Buch, das viel Material zum Thema liefert, aber eine klare Gedankenführung leider vermissen lässt.

Ute Schaeffer: Ukraine. Reportagen aus einem Land im Aufbruch. Wagenbach, Berlin 2015. 160 Seiten, 10,90 Euro.

Mehr dazu