Amnesty Journal Haiti 26. Februar 2010

Arbeiten ohne Lohn und Brot

Für die siebenjährige Valentine beginnt die Arbeit um vier Uhr früh. Zu essen bekommt sie nur, was in ihrer Gastfamilie übrigbleibt. Dennoch hat sie Glück: Ihre Zieheltern erlauben ihr, nachmittags eine Schule zu besuchen. Hunderttausende Kinder arbeiten in Haiti in fremden Haushalten. Die meisten dieser »Restavèks« werden wie Sklaven behandelt und sind der Gewalt ihrer Arbeitgeber hilflos ausgeliefert.

Ein paar hundert Meter muss Valentine Eska im Morgengrauen zur einzigen Wasserstelle in Wharf Jérémie laufen. Vor dem Brunnen, an dem die städtische Wasserleitung in diesem Armenviertel endet, hat sich schon eine Menschentraube gebildet. Sattelschlepper rasen laut hupend und halsbrecherisch Richtung Hafen vorbei. Es wird gestikuliert, geschrieen und gedrängelt. Die Erwachsenen schubsen die Jüngeren zur Seite, die größeren Kinder die kleineren.

Nach einer halben Stunde hat Valentine ihren Wassereimer gefüllt. Das Mädchen mit den spindeldünnen Ärmchen legt sich ein Tuch auf ihrem Kopf zurecht, stemmt den Eimer nach oben, schwankt, eine Frau erbarmt sich und hilft ihr. Rund 18 Liter schwappen in dem schmutzigweißen Plastikkübel, den das Kind nach Hause bringen muss. Ihr Gesicht ist ernst, konzentriert, angestrengt.

Valentines abgetragenes Kleid war mal weiß-rot kariert, die Knöpfe fehlen fast bis zum Bauchnabel. Ihre Gummilatschen mit Blümchenmuster sinken in den vom Abwasser matschigen Boden. Die engen Gässchen der Wellblechsiedlung direkt am Meer sind nicht asphaltiert und von Müll und Unrat übersät. Niemand, der hier wohnt, hat eine Latrine. Die meisten gehen auf eine Freifläche, die sich ein paar Meter hinter den letzten Häusern erstreckt, um ihre Notdurft zu verrichten.

Im Wohnlabyrinth von Wharf Jérémie leben die Ärmsten der haitianischen Hauptstadt. Ferkel suhlen sich in den schwarzen, übelriechenden Rinnsalen, die sich zwischen den Hütten gebildet haben. Bereits um diese Uhrzeit herrscht ein hektisches Hin und Her in dem engen Gassengewirr, durch das Valentine ihren Eimer jongliert. In der Ferne blitzen die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen hervor, die sich südöstlich von Port-au-Prince erheben.

Für die Siebenjährige hat der Arbeitstag schon um vier Uhr in der Nacht begonnen. Zuerst musste sie für die Erwachsenen und Kinder das kärgliche Frühstück aus übrig gebliebenem Reis vom Vortag zubereiten. Anschließend hat sie in der Einraumbehausung aus Beton und Wellblech die Betten gemacht, gekehrt und feucht durchgewischt.

Auf zehn Quadratmetern drängen sich hier in der Nacht acht Personen, vier Erwachsene und vier Kinder. Fadenscheinige Tücher trennen die drei Betten. Es riecht muffig und feucht. Eine Petroleumfunzel spendet schummriges Licht. Jetzt, zurück vom Wasserholen, vermischt das Mädchen Mehl mit Wasser und knetet die Masse zu einem Teig.

»Meine Tante verkauft an der Straßenecke Fettgebackenes«, erzählt Valentine später, als sie auf der blank polierten Eingangsstufe des Hauses sitzt. Endlich kann sie sich ein paar Minuten ausruhen. Gegessen hat sie noch immer nicht. Vom Frühstück ist nichts übrig geblieben, und nur wenn nicht alles verkauft wird, gibt es für sie Reste des Fettgebackenen. »La tante« verdient damit den Lebensunterhalt für die Familie. Von den Einkünften sieht Valentine nichts. Die Tante, Madame Sara (Name geändert), ist keine leibliche Verwandte, sondern eine Ziehmutter.

»Restavèk« werden in Haiti Kinder wie Valentine genannt, die nicht mehr bei ihrer Familie leben. Der kreolische Ausdruck leitet sich aus dem Französischen »rester avec« ab und bedeutet »bei jemanden bleiben«. Manchmal finden Restavèks Unterkunft bei nahen oder fernen Verwandten, viel öfter aber werden sie von fremden Menschen aufgenommen.

Eines verbindet sie: Sie müssen vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht alle im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigen und auch noch froh sein, wenigstens ein Obdach zu haben, während schätzungsweise 3.000 Kinder in der haitianischen Hauptstadt auf der Straße leben. Valentine ist eine kindliche Arbeitssklavin. Dabei hat sie mit ihrer Herrin, Madame Sara, noch Glück gehabt. Andere Restavèks werden schlechter behandelt.

Mehr als 200 Jahre nachdem afrikanische Zwangsarbeiter die französische Kolonialherrschaft abgeschüttelt und am 1. Januar 1804 die erste Republik Lateinamerikas ausgerufen haben, werden in Haiti Kinder wie Leibeigene behandelt. Nach einer Statistik des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF gibt es in Haiti etwa 173.000 Restavèk-Kinder. »Die Dunkelziffer ist hoch«, sagt Coleen Hedglin, Leiterin der Stiftung »Fondasyon Jean-Robert Cadet«, die sich um die kleinen Arbeitssklaven kümmert. »Wir schätzen ihre Zahl auf rund 300.000.« Cadet, der Gründer der Stiftung, wuchs selbst als billige Arbeitskraft in einem fremden Haushalt auf.

»Die Lebensgeschichte fast aller Restavèks gleicht sich«, erläutert die 41-jährige Hedglin, die vor 14 Jahren aus den USA nach Haiti übersiedelte. »Die Mehrzahl der Kindern kommt aus abgelegenen Regionen des Landes. Den Eltern fehlt das Geld, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bieten, sie sind zwar kinderreich, aber bitterarm.«

Haiti ist das Armenhaus des amerikanischen Kontinents. Über zwei Drittel der Bevölkerung haben keine feste Arbeit, bestreiten ihr Einkommen mit Gelegenheitsarbeiten oder aus Überweisungen von im Ausland lebenden Familienmitgliedern. 80 Prozent der Haitianer und Haitianerinnen müssen den täglichen Lebensunterhalt mit weniger als einem Euro fünfzig Cent bestreiten. Rund ein Drittel der etwa 9,2 Millionen Menschen im »Land der Berge«, wie es die Taíno-Ureinwohner nannten, haben noch nicht einmal diese Geldsumme zur Verfügung. Sie müssen mit weniger als 70 Eurocent am Tag überleben.

»Das Problem der Restavèk-Kinder ist auch eine Frage der Armut in Haiti«, sagt Alinx Jean-Baptiste, der in Port-au-Prince die Arbeit der deutschen Kindernothilfe (KNH) leitet. Jedes Familienmitglied, das nicht mit am Tisch sitzt, vergrößert den Anteil der anderen am kärglichen Tagesgericht, das meist nur aus Reis und Bohnen und einer fettigen Soße aus Hering, Möhrenstückchen und Paprikaschoten besteht.

»Auf dem Land gibt es kaum Arbeit und wenige Schulen. Viele glauben, in der Stadt ginge es den Menschen besser, man könne lernen, eine Arbeit finden und später dann die eigene Familie unterstützen«, fasst Jean-Baptiste die Motive zusammen, die ­Familien in den bergigen Provinzen des Landes dazu bewegen, ihre Kinder wegzugeben. »Früher haben sich die Familien gegenseitig geholfen. Die wirkliche Tante hat Kinder zu sich geholt, wenn sie kinderlos war, oder die Mutter sich nicht um die Kinder kümmern konnte«, sagt Coleen Hedglin.

Das familiäre Solidarsystem ist längst pervertiert. In den Slums der Großstädte suchen Mütter, die sich allein um den Familienunterhalt kümmern müssen und denen das Geld für eine bezahlte Haushaltshilfe fehlt, die unbezahlte Hilfe. »Restavèks leben meistens bei bitterarmen Eltern, die eigentlich selbst für ihre eigenen Kinder nicht sorgen können«, erklärt KNH-Büroleiter Jean-Baptiste. Oft bekommen sie ihre Hausmädchen von sogenannten »courtiers« (Maklern) gegen eine Provision geliefert. Den Eltern versprechen die courtiers das Blaue vom Himmel: gutes Essen für das Kind, ein eigenes Zimmer und den Besuch einer Schule. Obwohl viele Eltern vermutlich ahnen, dass diese Verheißungen erlogen sind, willigen sie ein und »hoffen, ihr Kind werde es doch nicht so schlecht treffen, wie manche behaupten«, sagt Stiftungsleiterin Hedglin.

Nicht nur Mädchen verbringen ihre Kindheit und Jugend bei Fremden als Haushaltshilfe. Rund 30 Prozent der Restavèks sind Jungen, wie etwa der 21 Jahre alte Jonathan Saintpul. Seit seinem neunten Lebensjahr lebt er bei seiner »Tante« und seinem »Onkel«. Er kocht und putzt, holt Wasser und bereitet das Frühstück, er bringt die Kinder der »Gastfamilie« zur Schule und holt sie nach Schulschluss dort wieder ab. Er ist morgens der Erste, der aufsteht und abends, wenn alle sich hingelegt haben, ist Jonathan Saintpul der Letzte, der sich im Wohnzimmer aus alten Decken ein Bett bauen darf.

Valentine ist mit drei Jahren nach Wharf Jérémie gekommen. Zuvor lebte sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Les Anglais, im Südwesten Haitis, mehr als eine Tagesreise von Port-au-Prince entfernt. Über ihre Familie weiß sie wenig. »Mama und Papa sind gestorben, meine Geschwister auch«, erzählt sie. Eine »Tante« brachte sie dann zu Madame Sara. »Das Kind hat es gut bei uns«, erzählt die Schwester von Madame Sara, schließlich sorge man für sie. Valentine widerspricht nicht. Später, als niemand aus ihrer Gastfamilie zuhört, erzählt sie, dass sie manchmal geschlagen wird, wenn sie nicht schnell genug arbeite oder »sich dumm anstellt«.

In unmittelbarer Nähe von Valentine arbeiten die neunjährige Johanne und die acht Jahre alte Michel-Ange in der Hütte von Joselène Domingue. Die Wände der 1,5 Meter breiten und vielleicht drei Meter langen Behausung bestehen aus alten Zink- und Pressspanplatten, die nur notdürftig mit Eisendrähten verbunden und an dünne Holzpfosten genagelt sind. Darüber bietet rostiges, löchriges Wellblech nur unzureichenden Schutz vor den tropischen Regenfällen. Der Boden ist feucht vom Sickerwasser. Die 38 Jahre alte Marktfrau kannte die Mutter der beiden Mädchen, die ebenfalls Kleinhändlerin war. »Nach dem Tod ihrer Mutter lebten sie auf der Straße und streunten auf dem Markt herum. Da habe ich sie mit nach Hause genommen«, erzählt Madame Joselène. »Jetzt helfen sie mir beim Haushalt und auf dem Markt.«

Valentine, Johanne und Michel-Ange besuchen inzwischen das Collège Verena in der Nähe ihres Stadtviertels, eine halbe Stunde Fußweg entfernt. KNH-Mitarbeiter Jean-Baptiste hat die »Pflegeeltern« davon überzeugt, dass die Kinder wenigstens nachmittags in eine Schule gehören. Die Bildungseinrichtung der Heilsarmee bietet, finanziert von der deutschen Kindernothilfe, 50 Restavèk-Kindern aus Wharf Jérémie und der Umgebung eine pädagogische Sonderbetreuung. Vor dem Unterricht bekommen alle Kinder ein Mittagessen. »Ein leerer Bauch studiert nicht gern«, zitiert Alinx Jean-Baptiste, der in Hannover studiert hat, schmunzelnd ein deutsches Sprichwort. »Aber für viele ist es auch die einzige Mahlzeit, die sie am Tag erhalten.«

»Viele Kinder sind noch nie in der Schule gewesen und verschüchtert«, sagt Madame Morisette, die Lehrerin von Valentine, Michel-Ange und Johanne. »Sie sind unkonzentriert, müde. Wenn sie in die Schule kommen, haben die meisten schon einen achtstündigen Arbeitstag hinter sich.« Oft fehlen die Schülerinnen und Schüler auch: »Ich musste auf die Kinder aufpassen«, »ich musste Wasser holen«, »ich musste der ›Tante‹ auf dem Markt helfen«, bekomme sie dann zu hören. »Es sind noch kleine Kinder, aber ihr Leben ist mühsam wie das eines Erwachsenen. Sie hatten nie eine Kindheit und kaum Zeit zum Spielen.«

»Viele werden geschlagen und misshandelt«, sagt Vladimir Nevers Constant. Der 35 Jahre alte Psychologe betreut Restavèks im gemeinnützigen Heim »Foyer Maurice Sixto«. Das Berufsbildungsinstitut in Mahotière kümmert sich speziell um Kinder in sogenannten Gastfamilien. Mit Geld der Kindernothilfe werden hier Jugendliche zu Schneiderinnen, Köchinnen, Bauarbeitern, Schlossern und Elektrikern ausgebildet.

»Wenige haben eine altersentsprechende Schulbildung. Viele sind traumatisiert, nicht nur dadurch, dass sie von ihren Eltern weggegeben wurden, sondern auch durch die Behandlung von ihren ›Tanten‹.« Mädchen, aber auch Jungen würden sexuell belästigt und missbraucht. »Sie haben kein Selbstwertgefühl und glauben, dass andere bessere Menschen sind als sie.«

Wie Alinx Jean-Baptiste und Coleen Hedglin sieht auch Nevers Constant wenig Möglichkeit, die Restavèk-Kinder einfach aus den derzeitigen Familien herauszuholen. Nur für die schwersten Notfälle gibt es in Port-au-Prince überhaupt Unterbringungsmöglichkeiten in einem öffentlichen Heim. Es gibt weder private noch staatliche Einrichtungen in Haiti, in denen die große Zahl der »Gastkinder« untergebracht und angemessen betreut werden könnte. Die haitianische Regierung hat zwar alle internationalen Verträge zum Kinderschutz unterzeichnet, aber in der Praxis zählen die Kinderrechte wenig. Die staatlichen Institutionen sind überfordert oder desinteressiert.

In Gruppengesprächen mit den Familien der Restavèk-Kinder versucht Nevers Constant, Problembewusstsein zu schaffen, ein erster Schritt, damit diese besser behandelt werden und die Möglichkeit zu Schulbesuch und einer Ausbildung erhalten. »Kinder und Jugendliche, die unsere Bildungseinrichtung besuchen, lassen sich nicht mehr alles gefallen«, erzählt Nevers Constant.

Die 25 Jahre alte Sara Permission macht im Foyer Maurice Sixto eine Ausbildung als Schneiderin. Drei Familien hat sie verlassen – weil die Männer ihr nachstellten, wie sie andeutet. Ihre letzte »Tante« hat sie inzwischen verlassen, weil die ihr den Schulbesuch verbieten wollte. Jetzt wohnt sie zur Untermiete und muss sich den Lebensunterhalt mit dem Verkauf von selbstgemachten Süßigkeiten finanzieren. Für ihre Nachbarn näht sie Schulkleider und will, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat, sie eine kleine Nähstube aufmachen, um für sich selbst sorgen zu können.

Von Wharf Jérémie aus sieht man die Sonne im Meer versinken. Die Wellblechdächer sind in rötliches Licht getaucht. Der Reis für das Abendessen ihrer »Tante« und deren Familie gart auf dem Holzkohlefeuer. Nach dem Abspülen darf sich Valentine ihr Nachtlager auf dem von ihr blank geputzten Betonfußboden bereiten. Morgen muss die Siebenjährige wieder im Morgengrauen zur Wasserstelle.

Von Hans-Ulrich Dillmann.
Der Autor ist Journalist und lebt in der Dominikanischen Republik.

_Im November 2009 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht zu den Restavèks. Amnesty-Mitglieder weltweit forderten von den haitianischen Behörden konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der minderjährigen Hausangestellten. Mehr Informationen finden Sie hier._

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