Amnesty Journal Südafrika 06. April 2010

"Es gibt ständig neue Übergriffe"

Ein Gespräch mit Dean Peacock, einem der Gründer des »Sonke Gender Justice Network«, über Fremdenfeindlichkeit in Südafrika und Projekte zur Integration von Flüchtlingen und Migranten. Peacock leitet die Organisation zusammen mit Bafana Khumalo. Sonke ­arbeitet mit der südafrikanischen Amnesty-Sektion und weiteren Organisationen in einem Bündnis für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten.

Sonke ist eine der wenigen Organisationen in Südafrika, die auf die massiven Übergriffe gegen Ausländer 2008 nicht nur kurzfristig reagierten, sondern das Problem Fremdenfeindlichkeit langfristig auf die Tagesordnung hoben. Wie genau ­sehen Ihre Interventionen aus?
Während der Krise haben wir vor allem humanitäre Hilfe geleistet, Sachspenden gesammelt und verteilt und für bessere Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern gekämpft. Wir haben Demonstrationen gegen Ausländerhass organisiert und Informationsmaterial verteilt. Im Township Khayelitsha bei Kapstadt bringen wir Südafrikaner und Einwanderer in Straßenkunst- und Fußballprojekten zusammen und nutzen das Lokalradio für Diskussionen mit Hörern. Außerdem haben wir Teams in Johannesburg und Kapstadt, die Flüchtlingen dabei helfen, Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem und zu Behörden zu bekommen – denn auch in diesen Sektoren gibt es unglaubliche Vorurteile gegen Ausländer.

Wie ernst ist denn die Lage zurzeit? Sehen Sie langfristige Trends im Umgang mit Ausländern in Südafrika?
Die Lage ist stabil, aber stabil auf einem gefährlichen Niveau. Es gibt ständig irgendwo neue Übergriffe. Und das ist nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen arme Menschen in Südafrika überleben. Gleichzeitig ­leben wir auf einem Kontinent mit Ländern wie Somalia, Kongo und Simbabwe, die so instabil sind, dass die Menschen von dort in Scharen nach Südafrika flüchten. Und das erhöht hier natürlich den Druck.

Sozio-ökonomische Probleme sind sicher eine wichtige Erklärung für Übergriffe gegen Ausländer. Aber Armut allein erzeugt ja noch keinen Ausländerhass…
In Vierteln, in denen die Mehrheit der Menschen arbeitslos ist, wird es immer Spannungen geben. Da können auch wir in unseren Projekten nur an die Menschlichkeit appellieren. Das funktioniert allerdings auch. Oft sind die Südafrikaner hier völlig überrascht, zu hören, was genau in Ruanda los war, oder was derzeit im Kongo passiert. Und wenn sie diese Geschichten hören, dann entwickeln sie auch Mitgefühl und Verständnis.

Können Einwanderer für arme Gemeinden nicht auch ein Gewinn sein?
Auf jeden Fall. Somalische Händler zum Beispiel nutzen seit jeher Netzwerke, um Waren beim Großhandel zu kaufen und sie billiger anzubieten als die Konkurrenz. Das verärgert natürlich die südafrikanischen Ladenbesitzer, doch die Kunden, die mit jedem Cent rechnen müssen, profitieren davon. Und das ist nur ein Beispiel.

Wie schätzen Sie die Reaktion der südafrikanischen Regierung auf das Problem ein?
Es ist die erste Pflicht der Regierung, dafür zu sorgen, dass die Millionen armer Menschen in Südafrika ein Dach über dem Kopf haben, Zugang zu akzeptablen Schulen und so weiter. Gleichzeitig ist es ihre Pflicht, die Flüchtlinge hier im Land vor Übergriffen zu schützen. Als die Vertriebenen in den Zeltlagern mit Essensrationen versorgt wurden, hat das den Ausländerhass der Südafrikaner zum Teil noch weiter angefacht – Einheimische kommen schließlich nicht in den Genuss solcher »Privilegien«. Gleichzeitig sind die Behörden während und nach der Krise oft auf eine Weise mit den Opfern umgegangen, die viele als kalt und desinteressiert empfunden haben. Da gab es ein paar furchtbare Momente. Es ist fast unmöglich, da eine Balance zu wahren bei so großen – und berechtigten – Bedürfnissen auf beiden Seiten. Die Situation ist extrem schwierig, einfache Lösungen gibt es da nicht.

Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?
Nach den Übergriffen 2008 wurden mehr als tausend mögliche Täter verhaftet. Doch im Fall des in Alexandra verbrannten Mosambikaners zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, wer die Mörder waren, obwohl es so viele Zeugen gab. Es gibt einfach keine Verurteilungen. Gerade in diesen Fällen, die für so viel ­öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt haben, ist es unglaublich wichtig, eine klare Botschaft zu senden: Wer so etwas tut, wandert ins Gefängnis. So lange das nicht passiert, erreicht man das genaue Gegenteil. Gewalt wird akzeptabel. Es ist absolut erschreckend, dass hier nicht konsequent durchgegriffen wird.

Fragen: Corinna Arndt

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