Amnesty Journal Tadschikistan 26. Juli 2018

Die Unbequeme

Eine Frau steht mit verschränkten Armen vor einem bunten Hintergrund und lächelt in die Kamera

Im Visier des tadschikischen Geheimdienstes. Humayra Bakhtiyar, Hamburg, Mai 2018.

Die regierungskritische Journalistin Humayra Bakhtiyar aus Tadschikistan versucht, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Doch auch hier gerät sie unter Druck.

Von Anke Schwarzer

Erst in Hamburg merkt Humayra Bakhtiyar, welche Spuren die jahrelange Belästigung und Einschüchterung hinterlassen haben. "Jeder braucht seine Zeit", sagt die 32-jährige Journalistin über ihre Monate im Exil, in denen sie versucht, zu Kräften zu kommen. Feine graue Strähnen durchziehen ihr Haar; ihre Ohrstecker funkeln.

Aufgrund ihrer Recherchen war sie ins Visier des tadschikischen Geheimdienstes geraten: Agenten suchten die preisgekrönte Reporterin seit 2014 mehrfach in ihrem Büro auf. Ihr ­Telefon wurde abgehört. Zunächst konnte die Journalistin die staatlichen Verfolger auf Abstand halten. Wurde sie ins Gebäude des Geheimdienstes zitiert, bestand sie stets auf einer schriftlichen Vorladung – die nie erfolgte. Hatte sie einen Termin, wies sie die Geheimdienstler darauf hin, dass Kollegen über soziale Medien über das Treffen informiert seien.

Laut Reporter ohne Grenzen werden unabhängige Journa­listen in der ehemaligen Sowjetrepublik regelmäßig an ihrer ­Arbeit gehindert – etwa, indem ihnen der Zugang zu Presse­konferenzen verweigert wird. Wer zu heiklen Themen recherchiert, muss mit gewaltsamen Übergriffen von beauftragten Schlägern, aber auch von Polizisten rechnen. Im März 2015 ­erschossen Unbekannte in Istanbul den im türkischen Exil ­lebenden Regierungskritiker Umarali Quvvatov – einen Tag nachdem Bakhtiyar ihn per Telefon interviewt hatte.

Ihr Facebook-Account wurde gehackt, manipulierte Bilder zeigten die kritische Journalistin als angebliche Prostituierte oder sollten belegen, dass sie von der Opposition bezahlt werde. "Moralische Attacken", sagt Bakhtiyar dazu. "Du bist so jung und schön, warum beschäftigst du dich mit dreckiger Politik?", fragte sie ein Agent bei einem der Überraschungsbesuche. Um sich eine Pause zu verschaffen, arbeitete sie im Sommer 2015 bei der Deutschen Welle in Bonn. Trotz Warnungen ihrer Kollegen kehrte sie nach Tadschikistan zurück.

Vor 14 Jahren hatte sich für die junge Frau eine Notlösung in eine Profession mit Herzblut gewandelt: Sie erhielt die Möglichkeit, an der Tadschikischen Nationaluniversität Journalismus zu studieren. Begeistert war sie zunächst nicht. "Ich kannte damals nur das russischsprachige Staatsfernsehen", erklärt Bakhtiyar. Ihr Traumberuf war Diplomatin. Doch ihre Eltern, ein Lehrer und eine Krankenschwester, konnten das dafür notwendige ­Studium nicht finanzieren.

Also Journalismus. Während der Praxismonate arbeitete die Studentin mit Redakteuren aus verschiedenen Ländern zusammen, die sie sehr beeindruckten, etwa in der Farsi-Abteilung der BBC in Duschanbe. Die Gründung des ersten unabhängigen Radiosenders des Landes, Radio Imruz, im Jahr 2007 begeisterte Bakhtiyar. Zum ersten Mal konnte sie auf Tadschikisch berichten. Die Redaktion informierte über soziale Themen in dem bitterarmen Land, über die Preisentwicklung oder Transportprobleme. Dann fiel der Sender aus. Von Regierungsseite hieß es, es gebe "technische Probleme, an denen gearbeitet werde", sagt Bakhtiyar und malt Anführungszeichen in die Luft. Zwei Monate später gingen wieder Nachrichten über den Äther – nach einem Gespräch von Regierungsvertretern mit der Chefredaktion. Von nun an galt die Devise, "vorsichtiger" zu berichten.

Die unbequeme Bakhtiyar musste nunmehr als Parlamentsreporterin arbeiten. "Ich habe geweint", sagt sie über diese Versetzung, "denn das Pro-Regierungsparlament war völlig passiv". Bald aber begann sie, an den öffentlichen Sitzungen Gefallen zu finden und hinter die Kulissen zu schauen. Sie recherchierte zur mangelhaften Trinkwasserversorgung, zu Foltervorwürfen und kritisierte, dass die Regierung die tadschikischen Arbeitsmigranten in Russland nicht unterstützt, die häufig Opfer von Ausbeutung und Gewalt werden. Die Journalistin erzählt ausführlich und ruhig. Ab 2014 berichtete sie unter anderem auch für die Nachrichtenagentur Asia-Plus über Menschenrechtsverstöße der tadschikischen Regierung: Prozesse gegen Oppositionelle und deren Anwälte unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit hohen Haftstrafen, Beschneidung der Religionsfreiheit, Korruption, Festnahmen von Regierungskritikern, Gewalt in der Haft, Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im März 2015, willkürliche Verbote von Oppositionsparteien, Medienlizenzen und Nichtregierungsorganisationen. Auch Amnesty International hat zahlreiche Einschränkungen demokratischer Grundrechte in Tadschikistan dokumentiert. Das Land zählt zu den repressivsten Staaten der Welt, und der seit 1994 regierende Präsident Emomali Rahmon baut seinen Einfluss offenbar weiter aus. 2016 setzte er mehrere Verfassungsänderungen durch, darunter die Möglichkeit einer lebenslangen Präsidentschaft.

Nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr von ihrer Tätigkeit bei der Deutschen Welle wurde Bakhtiyar von der Asia-Plus-Redaktion entlassen. "Ich habe keine Wahl", sagte ihr einer der Chefs im September 2015. Sie war enttäuscht. Aber aufgeben? Freiberuflich arbeitete sie weiter. Im Café saßen die Agenten nun am Nachbartisch, standen zu Hause vor ihrer Tür, verfolgten sie mit dem Auto. "Du erkennst die Männer des Geheimdienstes an ihren standardisierten Anzügen und Krawatten, an den Blicken; sie tun so, als tippten sie eine SMS oder unterhielten sich, aber du merkst, dass sie wegen dir da sind", erzählt sie. Ständig erhielt sie Anrufe. Im Fitnessstudio forderte man sie auf, vor die Tür zu kommen. "Sie wollen dich einschüchtern, kontrollieren und zeigen, dass sie alles wissen, was auch immer du machst", sagt Bakhtiyar. Zu einer Journalistenfortbildung ins Nachbarland Kirgisistan durfte sie nicht ausreisen. Als sie im Herbst 2015 von vier Männern verfolgt wurde, bekam Bakhtiyar Panik. Sie konnte fast nicht mehr atmen, nicht mehr alleinbleiben. Weil ein Auto ihr nachgejagt war, wollte sie Anzeige erstatten. "›Vielleicht sind sie in dich verliebt‹, sagten die Polizisten und machten noch andere dumme Sprüche, obwohl sie wussten, wer ich war." Bakhtiyars sonst so ruhige Stimme übersteuert kurz.

Es dauert, bis die Flucht gelingt. Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und andere NGOs ermöglichen ihr schließlich im Sommer 2016 einen Auslandsaufenthalt. "Ich kann nicht zurück, aber ich weiß nicht, wie es hier weitergeht", sagt Bakhtiyar. Für unabhängige Medien in Tadschikistan arbeiten? Erst vor wenigen Wochen hat der Geheimdienst Angehörige von ihr bedrängt. "Ich kann mir vorstellen, was sie alles machen können", sagt sie und schüttelt den Kopf. Und so sorgen Präsident Rahmons Agenten weiterhin dafür, dass die Journalistin auch in Deutschland ihren Beruf nicht ausüben kann. 

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