Amnesty Journal Ghana 04. Dezember 2017

Rächer des Rechtsstaats

Der Undercover-Journalist Anas Aremeyaw Anas mit einem goldenen Perlenvorhang vor seinem Gesicht.

Schützende Exzentrik. Anas Aremeyaw Anas hinter Perlenvorhang.

Der ghanaische Journalist Anas Aremeyaw Anas arbeitet mit drastischen Methoden, um Korruption und Menschenrechtsverletzungen aufzudecken.

Von Hannah El-Hitami

Was wie die Ansage eines Superhelden aus einem eher seichten Blockbuster klingt, sind die Worte des ghanaischen Journalisten Anas Aremeyaw Anas in dem Filmporträt "Chameleon": "Wo du dich auch versteckst, wenn du ein Krimineller bist, werde ich dich finden. Ich komme über den Landweg, über das Meer oder aus der Luft. Wo immer du bist, ich werde kommen." Tatsächlich wird der ungewöhnliche Reporter in Ghana von vielen als Held gefeiert – und präsentiert sich in den Medien auch gern selbst als Gerechtigkeitskämpfer, als geheimnisvoller Rächer des Rechtsstaates.

Anas ist Undercoverjournalist, der wohl bekannteste auf dem afrikanischen Kontinent. Wie er aussieht, weiß niemand: Bei öffentlichen Auftritten verbirgt er sein Gesicht hinter Perlenvorhängen, Kabelsalat oder Häkeldeckchen. Diese Exzentrik mag zu seinem Kultstatus beigetragen haben. Manche wollen glauben, er sei kein Mensch und könne durch Wände gehen. Im übertragenen Sinne stimmt das sogar: Mit versteckter Kamera ist Anas in seinen 17 Jahren als Undercoverjournalist in Räume und Situationen vorgedrungen, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleiben.

Für seine investigative Arbeit ließ er sich in einer psychiatrischen Einrichtung behandeln, ins Gefängnis sperren und ging monatelang noch einmal zur Schule, um Übergriffe an einem Gymnasium aufzudecken: "Ich musste sogar eine Freundin auf dem Campus haben", erzählt Anas vergnügt am Telefon. "Wir gingen zusammen in Clubs und Bars. Aber das war natürlich ­alles Teil meiner Arbeit." Besonders gern erinnert er sich an ­gefährliche Missionen: als er sich als Felsen tarnte, um Kakaoschmuggler zwischen Ghana und der Elfenbeinküste zu schnappen oder in die Rolle eines arabischen Kronprinzen schlüpfte, um chinesische Menschenhändler in Ghana aufzuspüren. Unter dem Namen Joseph Jesus Christ trat er sogar einer christlichen Sekte in der ghanaischen Ashanti-Region bei, um den Kindesmissbrauch dort ans Licht zu bringen.

Anas setzt sich als Journalist für Recht und Gerechtigkeit in seiner Heimat und in benachbarten Ländern ein. Seine kühne Mission: "Naming, shaming and jailing" – also aufspüren, bloßstellen und hinter Gitter bringen. Die drei Worte sind sein Mantra, er erwähnt sie bei jeder Gelegenheit, wenn er in Schulen, Universitäten oder bei Konferenzen auftritt – und sich von seinen Fans bejubeln lässt. Die Stimme des stets sorgfältig gekleideten Mittdreißigers ist ruhig und fest, als er am Telefon von seiner Arbeit spricht. Wie viele Missionen er bereits erfüllt hat, weiß er nicht. "Ich habe nicht mitgezählt, aber es waren sehr, sehr viele." An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. "Meine Geschichten hatten einen großen Einfluss, nicht nur auf Ghana, sondern auf Afrika und die ganze Welt."

Tatsächlich hat der Star der ghanaischen Medien zahlreiche Menschen vor Gericht und ins Gefängnis gebracht. Dafür erhielt er auch internationale Anerkennung, unter anderem Kofi Annan und Barack Obama lobten seinen furchtlosen Einsatz für Recht und Gerechtigkeit. In seiner wohl prominentesten Story "Ghana in the Eyes of God" traf sein Kampf gegen das Unrecht sogar die Justiz selbst. Die dreistündige Dokumentation wurde 2015 veröffentlicht – wie immer übergab er das Ergebnis seiner Recherche nicht nur den Behörden und der Regierung, sondern zeigte es auch kostenlos in öffentlichen Filmvorführungen. Zwei Jahre lang hatte Anas Justizbeamte mit versteckter Kamera gefilmt. Er zeigte 34 Richterinnen und Richter, die Geld oder sexuelle Gefälligkeiten annahmen, um im Gegenzug Prozesse zu manipulieren. Zwölf der korrupten Beamten waren am Hohen Gericht des Landes tätig und wurden infolge des Skandals suspendiert.

Durch das Bloßlegen korrupter Strukturen will er seinen Landsleuten den Glauben an die Justiz zurückgeben – denn ohne sie würde Chaos herrschen, davon ist Anas überzeugt: "Ich vertraue nicht allen Justizbeamten, aber ich glaube an den Rechtsstaat." Am Ende seiner Recherche steht daher nicht allein die mediale Veröffentlichung, sondern immer die Kooperation mit den Behörden. Oft sind seine Aufträge von internationalen Medienunternehmen wie Aljazeera finanziert oder von der ghanaischen Tageszeitung The New Crusading Guide, bei deren Vorläufer er seine journalistische Karriere begann. Doch es kommt auch vor, dass seine Projekte staatlich unterstützt werden, dann verschwimmt die Grenze zwischen Journalismus und Ermittlung. Ohnehin wird Anas stets im entscheidenden Moment von Polizeibeamten begleitet, die die überführten Übeltäter festnehmen.

Anas’ moralischer Rahmen ist klar abgesteckt: Wer gegen ­Gesetze verstößt und der Gesellschaft schadet, hat darin keinen Platz. Er sei da radikal, sagt er selbst. Als Beispiel nennt er den Aberglauben, der in Tansania zur Ermordung und Verstümmelung zahlreicher Albinos führt. Ihrer Haut, ihren Haaren und Knochen werden magische Kräfte zugeschrieben. "Niemand kann Menschenleben erschaffen, also hat niemand das Recht, die Körperteile eines Albinos abzuhacken. Wer so etwas tut, hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen", sagt Anas. 2012 hatte er die Attrappe eines Albinoarmes herstellen lassen und mit versteckter Kamera Männer aufgespürt, die mit gemahlenen Knochen von Albinokindern handelten. In einem Video hält er einem der Händler den vermeintlich abgehackten Körperteil unter die Nase, bis dieser weinend schwört, nie wieder Knochenpulver zu verkaufen. Dann lässt er ihn festnehmen.

Dass Vergehen wie diese nicht nur auf den illegalen Machenschaften Einzelner, sondern auf tief verwurzeltem Irrglauben oder gesellschaftlichen Normen beruhen können, lässt ihn nicht an seinem Vorgehen zweifeln. "Wir versuchen seit so vielen Jahren, Menschen aufzuklären, haben aber noch immer nichts verändert", regt er sich am Telefon auf. "Aufklärung ist wichtig, aber nicht genug. Man muss beweisen, dass das Gesetz funktioniert. Man muss beweisen, dass die Bösen zur Rechenschaft gezogen werden."

Anas spricht oft von den Bösen, von den "Bad Guys", den Gaunern, denen er das Handwerk legt. Wer ihm zuhört, gewinnt den Eindruck, dass Gut und Böse klar definiert sind und man nur harte Fakten braucht, damit das Gute gewinnt. Dabei nutzt er selbst Methoden, die durchaus an einen Überwachungsstaat erinnern. "Niemand bringt einem Journalisten bei, sich zu verkleiden, in anderer Leute Privaträume einzudringen und dort Kameras zu installieren", sagt Kwesi Pratt, Chefredakteur der ghanaischen Insight News, im Dokumentarfilm "Chameleon". "Andererseits hat Anas entscheidend dazu beigetragen, Korruption in unserer Gesellschaft aufzudecken."

Anas lebt gefährlich. Er müsse regelmäßig den Wohnort wechseln, um sich zu schützen, sagt er. "Menschen drohen, mich zu töten, mich zu entführen. Das ist völlig normal, wenn du in diesem Teil der Welt Reporter bist", erklärt Anas cool. Dass er mit seiner Arbeit auch andere in Gefahr bringt, scheint ihn nicht zu irritieren. Als Anas einem Abtreibungsarzt auf der Spur ist, der seine verzweifelten Patientinnen vor der Abtreibung zum Geschlechtsverkehr nötigt, filmt er mit versteckter Kamera das Behandlungszimmer. Auf die Frage eines Journalisten, ob das Videomaterial nicht auch die Frauen in Gefahr bringen werde, die aus der Not heraus eine illegale Abtreibung durchführen lassen wollten, antwortet Anas mit seiner üblichen Gelassenheit: "Das überlasse ich voll und ganz der Staatsanwaltschaft. Was immer sie entscheidet, werde ich respektieren."

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