Amnesty Journal Demokratische Republik Kongo 04. Dezember 2017

Blut für die Welt

Filmszene aus "Das Kongo Tribunal": Eine Gruppe von Erwachsenen und Kindern stehen vor einer großen Tür und blicken ins Innere

Weltpolitik mit den Mitteln des Theaters. Zuschauer, Ankläger und Involvierte (Filmszene aus "Das Kongo Tribunal").

Der Schweizer Milo Rau hat einen Dokumentarfilm über sein Theaterprojekt "Kongo-Tribunal"gedreht. Er erzählt vom Kampf um Rohstoffe in der Demokra­tischen Republik Kongo – und der Inszenierung einer Wahrheitsfindung.

Von Jürgen Kiontke

Wo die Politik versagt, muss es die Kunst richten. Der Film "Das Kongo Tribunal"dokumentiert eine Gerichtsverhandlung auf einer Theaterbühne. Das Gericht, das hier tagt, ist zwar nur symbolisch, doch bleibt seine Arbeit nicht wirkungslos. Denn es schafft Öffentlichkeit für einen Konflikt, der mit der modernen Welt und ihrer Kommunikation zu tun hat.

Seit mehr als 20 Jahren tobt ein Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo, einem der rohstoffreichsten Länder der Erde. Rund sechs Millionen Menschen wurden seither getötet. Es geht um wichtige Rohstoffe, an allererster Stelle um Coltan, den Grundstoff des Metalls Tantal, ohne das kein Handy funktioniert. Coltan ist das Konfliktmaterial schlechthin: Wer mobil telefoniert, hat Blut an den Händen.

Es ist eine Auseinandersetzung ohne Grenzen, Gerechtigkeit, Schutz. Der Abbau des Erzes wird von Milizen kontrolliert und von Kindern unter schlimmsten Bedingungen geleistet, ein Umstand, der von Amnesty International seit Jahren kritisiert wird.

Gesteuert wird der Rohstoffhandel von internationalen ­Konzernen, die in Europa und den USA ansässig sind. Funktionierende staatliche Strukturen im Kongo wären ihnen im Wege: Je weniger Barrieren und Kontrollen es gibt, desto eher lassen sich die Preise drücken. Die Konkurrenz der Milizen sorgt für ­erschwingliche Güter. Eine Situation, von der jeder im Kongo ­betroffen sein und in Konflikte hineingezogen werden kann. ­Lösungen sind nicht in Sicht.

Seit einigen Jahren widmet sich der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau dieser Krise mit einem der ambitioniertesten Theaterexperimente, das je auf die Bühne kam. Er lud im Kriegsgebiet Opfer, Milizionäre, Regierungsmitglieder, Oppositionelle, Unternehmer und Vertreter internationaler Organisationen zur Teilnahme am Kunstprojekt "Kongo Tribunal" ein.

Er setzte damit eine Idee der Philosophen Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell fort: In den sechziger Jahren wurden US-amerikanische Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg vor einer unabhängigen Jury in Europa verhandelt – ohne juristische Folgen, dafür in aller Öffentlichkeit. Die Legalität des "Russell-Tribunals" bestehe in seiner absoluten Machtlosigkeit und zugleich in seiner Universalität, war sich Sartre sicher.

Das Gleiche treffe auf "Das Kongo Tribunal" zu, glaubt Rau. Das Urteil der Jury werde keinerlei Rechtskraft haben. Aber es entstehe das Porträt einer entfesselten Weltwirtschaft. Dem symbolischen Gericht gehörten kongolesische und internationale Experten sowie zwei Juristen des Internationalen Straf­gerichtshofs in Den Haag an.

Aber nicht spektakulär und anklagend, sondern beschaulich beginnt Raus Film: mit Luftaufnahmen von einem sehr schönen und sehr grünen Land, auf dessen Hügeln kleine Siedlungen liegen. Doch schon bald folgen Bilder eines Blutbads, dessen Zeuge Rau und sein Team zufällig während einer Recherchereise wurden: des Massakers von Mutarule in der Nähe der ostkongolesischen Stadt Bukavu im Juni 2014. Mehr als 30 Menschen fielen ihm zum Opfer. "Dies ist der Grund, warum wir 'Das Kongo Tribunal' durchgeführt haben: Um zu verstehen, warum Mutarule, warum all diese Vertreibungen und Massaker stattgefunden haben und weiter stattfinden", sagt Rau. Und es waren Hunderte. Denn unter dem Grün liegen Rohstoffe, und wo sie gefunden werden, muss die Bevölkerung mit ihren Ackerflächen weichen.

Der Film dokumentiert Raus Inszenierung einer Wahrheitsfindung. Ein theatrales Tribunal, sagt Rau, bei dem nichts Kunst, aber alles echt sei: vom Minenarbeiter über den Rebellen und zynischen Minister bis zum Anwalt aus Den Haag spielten sämtliche Teilnehmer nur sich selbst. Gleichzeitig entstehe in dem Film etwas, was eigentlich dokumentarisch gar nicht darstellbar sei: ein Porträt der Weltwirtschaft, eine sehr konkrete Analyse all der Faktoren und Hintergründe, die dazu führen, dass der Bürgerkrieg im Ostkongo seit mehr als 20 Jahren andauert – und welche Kräfte ein Interesse daran haben, dass dies so bleibt.

Und so teilt sich die Erzählung: Das Massaker im Dorf Mutarule, die gewaltsamen Enteignungen und Zwangsumsiedlungen der Minenarbeiter stehen bei der Gerichtsverhandlung im Kongo im Fokus. Am zweiten Spielort in Berlin geht es um die Verwicklungen der Europäischen Union, der Weltbank, der multinationalen Unternehmen in den Konflikt, analysiert werden sie von einer Jury um die belgische Afrikakorrespondentin Colette Braeckman, den Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck, die Soziologin Saskia Sassen und den Gewaltforscher Harald Welzer. Es werden Handelsvereinbarungen beleuchtet, die für die EU lukrativ, aber für die Minenarbeiter und ihre Familien verheerend sind. Das Motto der Europäer: Unsere Rohstoffe liegen in Afrika.

Wer verübt die Morde? Oft genug bilden Menschen, die in den Minen keine Anstellung finden, Banden und überfallen ihre Nachbarn. Die Minenarbeiter wiederum bewaffnen sich, um sich und ihre Familien zu schützen. Menschen sind im Weg, weil eine neue Mine gegraben werden muss. Menschen sind im Weg, weil man ihr Wasser für die Metallgewinnung braucht. Dies alles sind Mikrokonflikte, die sich jederzeit ausweiten können.

Die infernalische Situation, wie sie sich in der betroffenen Region rund um die ostkongolesischen Städte Bukavu und Goma präsentiere, sei aus ästhetischer Sicht eine vielleicht einmalige Konstellation, sagt Rau. Das sei nicht zynisch gemeint. In dem Konflikt zeige sich eindrücklich und exemplarisch, wie hoch die menschlichen Kosten des globalen Handels mit Rohstoffen seien: "Internationale Multis, durch Bestechung an ihre Gold- und Coltan-Konzession gekommen, vertreiben die Bevölkerung, und wer nicht von alleine geht, wird durch europäische oder amerikanische Monopolgesetze vom Markt gedrängt."

Weltpolitik mit den Mitteln des Theaters – die Produktion entwickelt durchaus ihre Eigendynamik. Es bleibe ihm bis heute unverständlich, warum zwei Regierungspolitiker der Provinz Südkivu, der Bergbauminister Albert Murhi und der Innenminister Jean-Julien Miruho, beide indirekt mitverantwortlich für das Massaker in Mutarule, freimütig an dem Tribunal teilnahmen, sagt Rau. Beide waren im Zuge des Projekts recht schnell ihre Posten los. "Gott nimmt die Treppe, nicht den Aufzug", heißt es einmal im Film.

Bis heute wundert sich Rau über so manches: "Wie es möglich war, dieses im Herz des Bürgerkriegsgebiets durchzuführen – vor tausend Zuschauern, aufgezeichnet von sieben Kameras, an einem Ort, an dem es kaum genug Strom für ein paar Glühbirnen gibt."Und dass nicht nur kongolesische Regierungspolitiker und ihre Opfer, sondern auch die Armee und Rebellengruppen, die UNO, NGOs, die Vertreter der Weltbank und damit sämtliche westlichen Industrienationen vor die Schranken des Theatertribunals traten – und oft genug unverblümt ihre Verbrechen zugaben. "Die Soldaten der Armee vergewaltigen doch auch", sagt ein Milizenführer im Film unumwunden.

Sollte sich Gerechtigkeit etwa irgendwann ganz von allein einstellen, wie bei den beiden Provinzministern? Das dann wohl doch nicht. Es kommen auch Menschen mit weniger Gottvertrauen in diesem Film zu Wort: "Jetzt wollen wir ein richtiges Tribunal."

"Das Kongo Tribunal«. CH/D 2017. Regie: Milo Rau. ­Kinostart: 16. November 2017. www.the-congo-tribunal.com

Mehr dazu