Amnesty Journal Ägypten 05. Mai 2019

Comicszene: Flucht ins Fiktive

Ein schwarz-weißer Comic mit der Superheldin Qahera

Qahera, die ägyptische Superroman, löst Alltagsprobleme auf weibliche Weise.

Superheldinnen haben vor sexueller Belästigung und Gefängnis keine Angst. Trotz eingeschränkter Meinungsfreiheit hat sich in Ägypten eine gesellschaftskritische Comicszene entwickelt.

Von Hannah El-Hitami, Kairo

Dinge, vor denen man als Superheldin keine Angst ­haben muss: sexuelle Belästigung, gesellschaftliche Zwänge, Gefängnis, Wirtschaftskrisen und Verkehrschaos. Die ägyptische Comicfigur Qahera (arabisch für "Kairo") stellt Männer zur Rede, die Frauen belästigen, wirft Polizeiautos um und schreit ohne Angst vor Konsequenzen ihre Meinung heraus. Gezeichnet wird die feministische Superheldin in Kopftuch und langem Mantel seit 2013 von Deena Mohamed, der inzwischen bekanntesten Künstlerin der ägyptischen Comicszene. 

Als in Ägypten 2011 die Demonstrationen gegen den damaligen Präsidenten Husni Mubarak und für Brot, Freiheit und Würde begannen, war Deena Mohamed erst 16 Jahre alt. Ob sie auch ohne Revolution Comiczeichnerin geworden wäre, kann sie also nicht sagen. Die heute 24-Jährige ist sich jedoch sicher, dass die Revolution und die zeichnerische Szene sich gegenseitig beeinflusst haben. Auch in ihren Geschichten spielt die gesellschaftspolitische Lage des Landes mal subtil, mal offensichtlich eine wichtige Rolle.

Der moderne Comic erlebte sein Revival in Ägypten bereits 2008 mit Magdy El-Shafees Graphic Novel "Metro", einer düsteren Großstadtgeschichte über Korruption und Armut, die kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten wurde. "Die Leute, die ›Metro‹ gelesen haben, waren später Teil der Revolution, das waren die Leute aus der Blogosphäre", erklärt Deena Mohamed. Gleichzeitig habe die Revolution mehr kreativen Freiraum eröffnet. Dass ihr Webcomic "Qahera" sich so schnell verbreitete, habe sicher etwas mit der Stimmung des Umbruchs zu tun gehabt, glaubt sie.

Die Comicszene in Ägypten hat eine lange Tradition, auch wenn einem breiten Publikum eher politische Karikaturen und Comics für Kinder bekannt sind. Schon Ende des 19. Jahrhunderts erschienen antikoloniale Karikaturen, kurz darauf die ersten Comics. Zwischen beiden Genres gibt es enge Verbindungen: Die ägyptische Comicszene entwickelte sich aus der Satire und dem politischen Dissens heraus, und dieser Einfluss ist bis heute sichtbar. Auch stilistisch ist der ägyptische Comic nah an der Karikatur: mit stark betonten und oftmals übertriebenen Gesichtszügen und -ausdrücken. Jedoch seien Comics im Gegensatz zu Karikaturen nicht immer offensichtlich politisch, erklärt Deena Mohamed: "Es ist nicht so, dass jemand gegen die Regierung kämpft und deswegen einen Comic zeichnet. Es ist vielmehr einfach Teil unserer Identität, Witze über Politik zu machen, die Welt um uns herum zu reflektieren und Kunst zu machen, die relevant ist." 

Pressefreiheit am Tiefpunkt

Kunst, die sich mit gesellschaftlichen oder politischen Problemen beschäftigt, ist in Ägypten heute nicht ungefährlich. Meinungs- und Pressefreiheit haben unter der Präsidentschaft von Ex-General Abdel Fattah al-Sisi einen Tiefpunkt erreicht. ­Karikaturistinnen und Karikaturisten klagen über die unsichtbaren roten Linien, die ihre Arbeit eingrenzen. In der Comic­szene fällt die Flucht ins Fiktive leichter. Politische Themen bilden die Kulisse im Hintergrund, bleiben aber präsent.

"Wir sind ja keine Karikaturisten, die direkte politische Kritik üben. Aber wir erzählen Geschichten mit gesellschaftspolitischen Elementen", sagt Haitham El-Seht, der zusammen mit seinem Bruder Mohamed zu den treibenden Kräften der Szene gehört: Die ­Zwillinge veranstalten das seit 2015 jährlich stattfindende Cairo Comix Festival mit, organisieren Workshops für Nachwuchszeichner und bringen regelmäßig die Zeitschrift Garage heraus. Daran sind auch viele Zeichner aus der Karikaturszene beteiligt. Themen wie sexuelle Belästigung, Armut und Korruption werden hier dargestellt.

Auch Deena Mohameds Botschaft ist heute subtiler. In ihrem ersten Comic war die Superheldin Qahera noch Trägerin ­einer klaren politischen Botschaft: Sie kämpfte einerseits gegen konservative muslimische Männer, die Frauen vorschreiben, wie sie sich verhalten sollen – zum anderen gegen westliche ­Feministinnen, die muslimische Frauen als Opfer sehen und ­bevormunden. In Mohameds neuer Veröffentlichung, der Graphic-Novel-Trilogie "Shubeik Lubeik", steht eine Fantasiewelt im Vordergrund, die dem modernen Kairo sehr ähnlich sieht. Der einzige Unterschied: Es gibt Wünsche zu kaufen. Wer viel Geld hat, leistet sich einen Wunsch erster Klasse.

Schwarz-weißer Comic mit der Superheldin Qahera

Szenen aus dem Comic von Deena Mohamed.

Die weniger Privilegierten müssen sich mit Wünschen zweiter und dritter Klasse zufriedengeben, bei denen man nie so genau weiß, ob sie sich erfüllen oder nach hinten losgehen. Die Handlung des ersten Bandes folgt der armen Frau Aziza, die über Jahre hinweg schuftet und kämpft, um einen der teuersten Wünsche zu ergattern. Dabei wird sie mit den Hürden ihrer sozialen Herkunft und der ägyptischen Bürokratie konfrontiert und landet schließlich im Gefängnis – ohne Anklage und ohne Rechtsbeistand. »Wenn man die Realität ignoriert«, sagt Deena Mohamed, »kann man keine gute Geschichte schreiben.«

Seit die Comicszene im Zuge der Revolution 2011 einen Aufschwung erlebte, hat es viele neue Publikationen gegeben, doch die Publikationen sind weit davon entfernt profitabel zu sein. Fast alle Zeichnerinnen und Zeichner haben Vollzeitjobs in Bereichen wie Werbung, Grafik und Design. Ihre Comics machen sie auf eigene Kosten. »Gerade steht die Comicszene still«, sagt Haitham El-Seht. Wegen der Wirtschaftskrise, die Ägypten fest im Griff hat, müsse sich jeder um seine eigene Karriere kümmern, vermutet der 32-Jährige. »Die Inflation beeinflusst sogar die Kunst.«

Trotz finanzieller Schwierigkeiten haben die "Twins Cartoon" – so der Künstlername der beiden Comicbrüder – gerade eine neue Graphic Novel veröffentlicht. Darin geht es um die nubische Minderheit im Süden Ägyptens, die in den 1960er Jahren für den Bau des Assuan-Staudamms aus ihrer Heimat vertrieben wurde. »Wir Ägypter wissen über Nubier nur, dass sie dunkler sind als wir. Sonst nichts«, kritisiert Mohamed El-Seht. In den Medien werde über diese Minderheit nicht berichtet. Die Recherche für den Comic führte die beiden Brüder in nubische Dörfer, in denen sie mit Bewohnern über ihre Geschichte und deren Wunsch nach Rückkehr sprachen. "Die Menschen dort haben uns sehr inspiriert", erzählt Mohamed. "Sie sind gelassen, aber tragen zugleich eine große Wut in sich, weil sie von ihrer Heimat am Nil in die Wüste vertrieben wurden." Das Thema sei nicht ungefährlich, habe ein Kollege die Brüder gewarnt, denn der Kampf der Nubier um ihr Land wird von der ägyptischen Regierung nach wie vor unterdrückt und wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Doch die Zwillinge fürchten nicht, wegen ihrer Arbeit in Schwierigkeiten zu geraten. "Wir Comiczeichner haben die ›Freiheit‹, dass uns niemand wahrnimmt", sagt Mohamed El-Seht. "Wir denken also nicht darüber nach."

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