Aktuell 21. März 2018

Frauenrechte bleiben bei Twitter außen vor

Weißes verfremdetes Twitter-Logo mit dem Twitter-Vogel, der die Zunge rausstreckt, mit Hashtag "Toxic Twitter" vor blauem Hintergrund

Genau zwölf Jahre nach dem ersten auf Twitter geposteten Tweet startet Amnesty eine neue Kampagne, um auf das Scheitern von Twitter aufmerksam zu machen, Online-Gewalt und -Belästigung an Frauen zu verhindern. Zwar hat das Unternehmen mehr Rechenschaftspflicht bei den Bemühungen zur Verbesserung eines "gesunden“ Dialogs auf seiner Plattform zugesichert, doch die Veröffentlichung aussagekräftiger Informationen über den Umgang mit angezeigten Vorfällen von Belästigung und Gewalt steht nach wie vor aus.

Twitter hat jüngst verkündet, "Seite an Seite mit Frauen auf der ganzen Welt“ zu stehen. Diese Worte haben allerdings einen schalen Beigeschmack angesichts des wiederholten Versagens der milliardenschweren Onlineplattform, seine Nutzerinnen vor Gewalt und Belästigung zu schützen. Dies erklärte Amnesty International am 21. März anlässlich der Veröffentlichung eines neuen Berichts über die Erfahrungen von Frauen auf Twitter.

 Der Bericht trägt den Titel #ToxicTwitter: Violence and abuse against women online und zeigt auf, dass das Unternehmen derzeit beim Schutz der Menschenrechte von Frauen versagt, da es auf Gewalt und Belästigungen nicht angemessen reagiert. Der Bericht beinhaltet eine Reihe konkreter Empfehlungen, um Twitter zu einem sichereren Ort für Frauen zu machen.

Frauen haben das Recht, ihr Leben frei von Diskriminierung und Gewalt zu führen, und zwar sowohl offline als auch online. Indem Twitter nichts gegen einschlägige Belästigungen unternimmt, untergräbt es diese Rechte. Obwohl das Unternehmen wiederholt zugesichert hat, auf der Plattform für Ordnung zu sorgen, finden viele Frauen in ihren Twitter-Feeds Morddrohungen, Vergewaltigungsandrohungen und rassistische oder homofeindliche Beleidigungen vor. Unsere Recherchen zeigen, dass Twitter keine geeigneten Abhilfemaßnahmen für Personen bereitstellt, die auf der Plattform Gewalt oder Belästigungen ausgesetzt sind. Das Unternehmen muss viel mehr tun, um die Menschenrechte von Frauen zu gewährleisten.

Azmina
Dhrodia
Amnesty-Expertin für Neue Technologien und Menschenrechte

Twitter-CEO Jack Dorsey hat in diesen Monat die Öffentlichkeit um Unterstützung gebeten und mehr Rechenschaftspflicht bei den Bemühungen zur Verbesserung eines "gesunden“ Dialogs auf seiner Plattform zugesichert. Trotz mehrerer Anfragen von Amnesty International weigerte sich Twitter jedoch, aussagekräftige Informationen über den Umgang mit angezeigten Vorfällen von Belästigung und Gewalt zu veröffentlichen.

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Wir freuen uns, dass Jack Dorsey zu diesem Thema Unterstützung sucht und Feedback einholt; doch Twitter weigert sich, aussagekräftige Informationen über den Umgang mit Online-Gewalt gegen Frauen zu veröffentlichen, was die Erarbeitung einer angemessenen Lösung erschwert. Twitter sollte proaktiv konkrete Maßnahmen ergreifen und sich beispielsweise als absolutes Minimum dazu verpflichten, Nutzerinnen und Nutzern, die Belästigungen melden, zu antworten.

Azmina
Dhrodia
Amnesty-Expertin für Neue Technologien und Menschenrechte

Twitter sagte in einer Stellungnahme, es stimme den von Amnesty International gewonnen Erkenntnissen nicht zu. Das Unternehmen erklärte, "Hass und Vorurteile nicht aus der Gesellschaft tilgen zu können“, und verwies auf mehr als 30 Veränderungen, die in den vergangenen 16 Monaten an der Plattform vorgenommen worden seien, um die Sicherheit zu verbessern. Zudem gehe man nun schärfer gegen beleidigende bzw. bedrohliche Tweets vor. Twitter hielt an dem Standpunkt fest, Informationen zum Umgang mit angezeigten Belästigungen nicht zu veröffentlichen. Das Unternehmen führte an, solche Daten seien "nicht aussagekräftig“, weil "Reporting-Tools häufig unangemessen eingesetzt“ würden.

Amnesty International erkennt an, dass bei der Veröffentlichung von Rohdaten der Kontext immer eine wichtige Rolle spielt, doch Twitter ist sehr wohl in der Lage, diesen Kontext gemeinsam mit den relevanten Informationen zur Verfügung zu stellen. Die menschenrechtlichen Verpflichtungen des Unternehmens bedeuten eine Pflicht zur Transparenz bezüglich des Umgangs mit angezeigten Vorfällen von Gewalt oder Belästigung.

 

Twitter hat wiederholt versucht, die Aufmerksamkeit von seiner eigenen Verantwortung abzulenken und stattdessen über breitere Themen wie Hass und Vorurteile in der Gesellschaft zu sprechen. Wir verlangen nicht, dass Twitter alle Probleme dieser Welt löst. Was wir jedoch von dem Unternehmen verlangen, sind konkrete Maßnahmen, die eindeutig klarmachen, dass die Belästigung von Frauen auf Twitter nicht geduldet wird.

Azmina
Dhrodia
Amnesty-Expertin für Neue Technologien und Menschenrechte

Der Amnesty-Bericht basiert auf quantitativen und qualitativen Forschungsergebnissen, die in den vergangenen 16 Monaten zusammengetragen wurden. Grundlage sind Gespräche mit 86 Frauen und Personen, die sich außerhalb der binären Geschlechterverteilung einordnen, unter anderem Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten und andere Nutzerinnen und Nutzer in Großbritannien und in den USA. Sie sprechen über ihre Erfahrungen damit, wie Twitter mit gemeldeten Belästigungen umgeht.

 Die Twitter-internen Richtlinien zu Hasskommentaren verbieten Gewalt und Belästigung an Frauen, und Twitter hat ein Berichtssystem, mit dem Nutzer_innen Twitter-Konten und Tweets melden können, die gegen diese Richtlinien verstoßen.

Aus dem Amnesty-Bericht geht jedoch hervor, dass Twitter die Nutzer_innen nicht darüber informiert, wie diese Richtlinien ausgelegt und durchgesetzt werden, und wie der Umgang mit gemeldeten Vorfällen von Gewalt und Belästigung genau gehandhabt wird. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass solche Vorfälle inkonsequent verfolgt und manchmal gar nicht bewältigt werden, was bedeutet, dass entsprechende Inhalte auf der Plattform sichtbar bleiben, obwohl sie gegen die Regeln verstoßen.

Miski Noor, gender-nonkonforme Kommunikationsspezialistin für Black Lives Matter Global Network, sagte: "Twitter muss jetzt Stellung beziehen und klarmachen, ob es auf der Seite der Nutzerinnen und Nutzern steht oder nicht. Twitter hat es in der Hand, wie auf seiner Plattform mit der Belästigung von Frauen und denjenigen, die sich als weiblich identifizieren, umgegangen wird. Das Unternehmen ist für die Plattform verantwortlich und ist daher in der Lage, die Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer zum Positiven zu verändern.“

Folgen von Belästigung

Twitter hat genau wie andere Unternehmen die Verantwortung, die Menschenrechte zu respektieren, und dazu gehören u. a. die Rechte auf Freiheit von Diskriminierung und Gewalt sowie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Recherchen von Amnesty International zeigen allerdings auf, dass die Unfähigkeit des Unternehmens, angemessen gegen Online-Gewalt und -Belästigung vorzugehen, dazu beiträgt, dass sich Frauen bei der Nutzung der Plattform zurücknehmen.

Im Jahr 2017 führte Amnesty International eine Umfrage unter 4.000 Frauen in acht Ländern durch. Daraus ging hervor, dass mehr als drei Viertel (76 %) aller Frauen, die in den Sozialen Medien Belästigung oder Schikane erfahren hatten, ihr Verhalten auf der jeweiligen Plattform änderten. Hierzu zählte z. B. Selbstzensur bei der Veröffentlichung von Beiträgen: 32 % der Frauen gaben an, dass sie keine Inhalte mehr posten, die ihre Meinung zu gewissen Themen deutlich machen.

Amnesty International hat dokumentiert, dass Frauen mit Rassismuserfahrung, Frauen aus ethnischen oder religiösen Minderheiten, LGBTI-Frauen, Frauen mit Behinderungen sowie Personen, die sich außerhalb der binären Geschlechterverteilung einordnen, besonders häufig und auf vielen verschiedenen Ebenen ins Visier genommen werden. Dies kann dazu führen, dass ohnehin bereits marginalisierte Stimmen noch weiter aus dem öffentlichen Diskurs herausgedrängt werden.

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Ich werde belästigt, weil ich eine Frau bin, und werde dann nochmal extra schikaniert, weil ich eine schwarze Frau bin. Weiße Frauen werden als "F*tze“ beschimpft, ich als "N*ger-F*tze“. Jede Art von Identität wird aufgegriffen und gegen dich verwendet. Jede Art von Beleidigung, die man sich für eine marginalisierte Gruppe ausdenken kann, wird gegen dich eingesetzt.

Imani
Gandy
US-amerikanische Autorin und Bloggerin

Eine weniger toxische Umgebung schaffen

In dem Bericht sind konkrete Empfehlungen darüber enthalten, wie Twitter eine sicherere und weniger toxische Umgebung für Frauen gewährleisten kann. Einige Beispiele:

  • Angeben genauer Beispiele von Gewalt und Belästigung, die nicht toleriert werden;
  • Veröffentlichen von Reaktionszeiten auf Belästigungsmeldungen; Setzen von Zielen und regelmäßige Berichterstattung;
  • Sicherstellen, dass Entscheidungen zur Beschränkung von Inhalten vereinbar sind mit internationalen Menschenrechtsnormen und -standards

Twitter sollte sich zudem darauf konzentrieren, seine Nutzer_innen in die Lage zu versetzen, selbst für eine sicherere und weniger toxische Umgebung zu sorgen, z. B. durch Sensibilisierungskampagnen zu den verschiedenen Features für die eigene Sicherheit und Privatsphäre.

"In den vergangenen Monaten gab es unter Frauen auf der ganzen Welt eine enorme Bewegung für Solidarität und Aktivismus, und Twitter spielt in Bewegungen wie #MeToo ganz ohne Zweifel eine wichtige Rolle“, so Azmina Dhrodia.

Die jüngsten Initiativen der Plattform zeigen, dass Twitter diesen gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten möchte, doch die Frauen, die auf der Plattform Belästigung erfahren, sehen das ganz anders. Twitter muss dringend weitere konkrete Maßnahmen ergreifen, um Online-Gewalt und -Belästigung an Frauen auf seiner Plattform wirksam zu identifizieren und bewältigen. Ansonsten kann das Unternehmen nicht glaubhaft behaupten, wirklich auf der Seite der Frauen zu stehen.

Azmina
Dhrodia
Amnesty-Expertin für Neue Technologien und Menschenrechte

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