Aktuell 04. Januar 2011

"Spüren, was die Musik sagen will"

Der Starviolinist Daniel Hope über gesellschaftliches Engagement im Konzerthaus, kulturbeflissenes Publikum und darüber, was Musik bewegen kann.

Zur Person

Daniel Hope, weltweit gefeierter Violinist, gilt als Ziehsohn von Yehudi Menuhin. Er wurde 1974 in Durban, Südafrika, geboren.

Ihre Großeltern, deutsche Juden, mussten unter dem Nationalsozialismus nach Südafrika fliehen. Ihr Vater, Apartheidsgegner, emigrierte 1975 nach London. Die Geschichte Ihrer Familie ist von Flucht und Marginalisierung geprägt. Sie engagieren sich heute gesellschaftspolitisch sehr stark, unter anderem auch für Amnesty. Hat das eine mit dem anderen zu tun?
Ganz sicher. Mein Vater ist ein sehr politischer Mensch und er hat mich und meinen Bruder schon als Kinder immer dazu ermutigt, über Politik zu sprechen, uns eine Meinung zu bilden. Als meine Eltern Südafrika verließen, war ich noch ein Baby. Aber ich bin in London aufgewachsen als Kind eines Mannes, der vor einem politischen Regime in die Emigration gezwungen wurde. Das prägt, und auch die vielen politischen Diskussionen früher, zu Hause, haben sicher eine große Wirkung auf das, was ich heute tue.

Neben dem Mainstream der Klassik, neben Vivaldi, Beethoven und Händel, bringen Sie immer wieder die "vergessene Musik" von Komponisten zur Aufführung, die durch Nationalsozialisten ermordet wurden. Etwa Erwin Schulhoff, der in dem bayerischen KZ Wülzburg ums Leben kam, oder Hans Krása, der im KZ Theresienstadt die berühmte Kinderoper "Brundibár" schrieb und in Auschwitz vergast wurde. Politik auf der Bühne – wie reagieren Ihre Zuhörer auf die "vergessene Musik"?
Das kommt sehr auf das Publikum an. Sind es Zuhörer, die eigens zu einem solchen Konzert gekommen sind, oder handelt es sich um ein Publikum, das ich in der Zugabe mit einem Stück "vergessener Musik" überrasche. Meistens jedoch sind die Reaktionen sehr positiv, sehr bewegend – und das weltweit. Dazu muss man wissen, dass die "vergessene Musik" emotional sehr stark ist, sie bringt Melancholie, Verzweiflung, aber auch Kampfgeist zum Ausdruck und ist getragen von einer unglaublichen Energie. Ich bin wegen ihrer Musik zu den von den Nationalsozialisten verfolgten Komponisten gekommen, nicht wegen ihrer Geschichte. Als ich das erste Mal Gideon Klein im Radio gehört habe, musste ich auf einer Autofahrt rechts ranfahren, so beeindruckt war ich. In Deutschland ist bei solchen Konzerten oft eine große Betroffenheit im Publikum zu spüren. In den USA, in einem Land, in dem viele Überlebende des Holocausts heute noch leben, sind die Reaktionen meist sehr persönlich. Da kommen nach dem Konzert Menschen zu mir auf die Bühne und erzählen mir von ihrer Zeit in Theresienstadt, in Auschwitz. Das ist erschütternd.

Teure Abendgarderobe, feingeistige Gespräche mit den Nachbarn, Abschalten vom Alltagsstress – unter dem Publikum klassischer Musik stellt man sich nicht gerade einen Pool ­gesellschaftspolitischer Aktivisten vor. Ist das nur ein Vor­urteil?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Das ist von Land zu Land, sogar von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In den Niederlanden, vor allem in Amsterdam, haben Sie ein sehr junges, politisch waches Konzertpublikum. In Berlin treffen Sie in der Regel auf ein sehr disparat besetztes Haus – engagierte und bildungsbewusste Altachtundsechziger, bürgerliches Publikum und junge, unangepasste Leute. In anderen deutschen Städten begegnet man dagegen häufiger dem sogenannten Abonnementpublikum, das sich in erster Linie auf schöne Musik und ­einen schönen Abend freut.

Ist dieses Publikum zu bewegen?
Davon bin ich überzeugt. Man kann ein Publikum vielleicht nicht von einer Sache komplett überzeugen, aber man kann Denkanstöße geben. Dass klassische Musik häufig nicht mit ­politischem Aktivismus oder gesellschaftlichem Engagement verbunden wird, liegt auch an den künstlerischen Kollegen, die in ihrer Musik voll und ganz aufgehen. Ich will das nicht kritisieren, man muss von der Musik besessen sein, um glanzvoll spielen zu können. Aber viele Kolleginnen und Kollegen trauen sich schlicht nicht, sich offen zu engagieren oder politische Akzente zu setzen. Dabei ist ein volles Konzerthaus ja auch eine Chance: Sie haben einen ganzen Abend Zeit, ein Publikum mit einem Thema vertraut zu machen, es für ein Thema zu gewinnen. Bei meinen "Tu was!"-Konzerten habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Publikum sehr offen für meine gesellschaftlichen Anliegen ist.

Sie haben schon öfter prominente Kollegen für Ihre Benefizkonzerte auf die Bühne geholt. Die eingespielten Gelder kommen Initiativen zum Klimaschutz oder gegen das Vergessen des Holocausts zugute. Als Zuhörer weiß ich, mein Vergnügen dient einem guten Zweck. Ist das – aus Sicht der Zuhörer – ein überaus bequemes gesellschaftliches Engagement unterhalb des Spendenniveaus?
Diesen Aspekt muss man in Kauf nehmen, um überhaupt Menschen für ein Thema gewinnen zu können. Ich bin ja kein Politiker, ich will lediglich Auskunft geben über ein gesellschaftliches Problem, zu dessen Lösung wir alle beitragen können. Und ich lerne selbst etwas dabei. Wenn die Leute einfach nur ein Konzert von mir wollen, dann gibt es genügend Abende, die nicht thematisch gebunden sind. Wer aber etwas tun will, kommt in meine Benefizkonzerte. Da steht schon eine bewusste Entscheidung dahinter.

Kann Musik selbst gesellschaftspolitisch etwas bewegen? Haben Sie hier persönlich schon Momente erlebt, gewissermaßen als Zeitzeuge, die Sie tief berührt haben?
Ja. Ich habe mit anderen Musikern zum 60. Jahrestag der Befreiung von Dachau ein Konzert gegeben. Wir haben vor fünfhundert Überlebenden gespielt, die zum ersten Mal nach ihrer Haft wieder das Konzentrationslager gesehen haben. Wir haben dort Musik gespielt, die von Häftlingen im KZ Theresienstadt komponiert wurde – sperrige Musik, die es einem gewiss nicht leicht macht, einen Zugang zu finden. Die Reaktion des Publikums war erstaunlich, es war mitgerissen. Viele sagten hinterher, sie hätten gespürt, was diese Musik sagen will. Das war für mich sehr bewegend, zu erleben, dass Musik eine eigene Sprache spricht.

Fragen: Uta von Schrenk

Infokasten Initative »Tu was!«

"Tu was!", heißt die Initiative, mit der Daniel Hope sich gegen das Vergessen des Holocausts und nun auch für den Klimaschutz engagiert. 2008 hat er ein Benefizkonzert mit Starbesetzung im Tempelhofer Flughafen zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November1938 initiiert. Er holte unter anderen Klaus Maria Brandauer, Till Brönner und Thomas Quasthoff auf die Bühne. Der Erlös des Konzertes ging an die Freya von Moltke-Stiftung für den Erhalt der Internationalen Gedenk- und Begegnungsstätte im einstigen Kreisau, heute das polnische Krzyżowa. Ende August gab Daniel Hope mit seiner Initiative im mecklenburgischen Schloss Ulrichshusen ein Konzert zugunsten des Klimaschutzes. Die Arbeit von Amnesty International unterstützt Hope auf vielfältige Weise. So sorgte er 2008 zur Verleihung des Menschenrechtspreises für die musikalische Gestaltung des Abends.

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