Amnesty Journal Indien 18. März 2016

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"Wir müssen mit neuen Attacken rechnen." Henri Tiphagne während eines Menschenrechtstrainings für Lehrerinnen und Lehrer

"Wir müssen mit neuen Attacken rechnen." Henri Tiphagne während eines Menschenrechtstrainings für Lehrerinnen und Lehrer

Die Nichtregierungsorganisation »People’s Watch« begann vor mehr als zwei ­Jahrzehnten, gegen Willkür und Misshandlungen in Indien aktiv zu werden.
Heute gehört sie zu den wichtigsten Menschenrechtsorganisationen des Landes
und hat auch international viel Aufmerksamkeit erfahren. Doch der Erfolg kommt nicht überall gut an: Die Behörden versuchen immer wieder, ihre Arbeit zu behindern.

Von Andrzej Rybak

Es geschah am Morgen des 7. April 2015. Polizisten aus Andra Pradesh überraschten eine Räuberbande, die ­illegal Sandelholzbäume fällte. So schildert es der Polizeibericht. Als die Banditen die Polizisten mit Steinen, Äxten und Eisenstangen angriffen, eröffneten diese das Feuer und töteten 20 Männer – zur Selbstverteidigung.

»Wir haben noch am selben Tag eine Erkundungsmission nach Chittoor geschickt, alles erfahrene Menschenrechtler, ­Forensiker und Justizmitarbeiter«, erzählt Henri Tiphagne, der Direktor der Menschenrechtsorganisation »People’s Watch« im südindischen Madurai. »Sie stellten fest, dass die Toten arme ­Tagelöhner waren und aus nächster Nähe hingerichtet wurden. Die Leichen zeigten Spuren von Folter.« Die Sandelholzstämme, die neben den Toten lagen, waren nicht soeben gefällt worden, sondern trugen Stempel der Waldbehörde. Zwei Zeugen berichteten, die Tagelöhner seien einen Tag zuvor ohne Grund fest­genommen, auf der Polizeistation misshandelt und erschossen worden. »Wir haben unseren Bericht an die Nationale Menschenrechtskommission und ans Justizministerium geschickt«, berichtet Tiphagne. Bisher sei niemand belangt worden.

Ist er deswegen nicht frustriert? »Bei der Menschenrechts­arbeit ist eine gelungene Beweisführung bereits ein Erfolg«, sagt Tiphagne. »Erst die Summe unzähliger Bemühungen führt zu einem substanziellen Fortschritt.« Der Menschenrechtler sitzt im Büro von »People’s Watch« in Madurai, einer Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern im Bundesstaat Tamil Nadu. Auf seinem riesigen Schreibtisch, der mit bunten indischen Tüchern mit Elefantenmotiven bedeckt ist, stapeln sich Bücher und Dokumente. Zwischen den Bücherregalen hängen Urkunden und Fotos, in jeder Nische stehen Andenken – kleine Holzschnitzereien neben Plastikfiguren. Tiphagne teilt sich das Büro mit Cynthia, seiner Frau und wichtigsten Mitarbeiterin, deren Schreibtisch allerdings viel kleiner ist. »In den 20 Jahren hat sich einiges an Andenken angesammelt«, sagt Tiphagne, der »People’s Watch« zusammen mit dem katholischen Priester Alexis Diamondraj im Dezember 1995 gegründet hat.

Die »Catholic Organisation für Relief and Development Aid« aus Holland finanzierte die ersten Projekte der Menschenrechtsorganisation, die sofort damit begann, in den entferntesten ­Regionen des Landes Unrecht zu bekämpfen. Mitarbeiter von »People’s Watch« spürten Verschwundene auf, registrierten Polizeiübergriffe und Tötungen, dokumentierten Folter in Gefängnissen und auf Polizeistationen, verteidigten Aktivisten, die auf Grundlage konstruierter Anklagen vor Gericht standen. In kürzester Zeit erwarb sich »People’s Watch« Respekt und zählt heute zu den wichtigsten indischen Menschenrechtsorganisationen.

»Mehr als 2.000 Fälle von Folter dokumentiert«
»Wir haben Fälle übernommen, an die sich niemand wagte«, erzählt Tiphagne. Dabei hat die Organisation nicht nur Mut, sondern auch Integrität bewiesen. Sie deckte viele von der Polizei verübte Gräueltaten auf und zwang den Staat, die Opfer zu entschädigen. So dokumentierte »People’s Watch« 2001 die Verbrechen der Polizei in Sankaralingapuram, einem kleinen Ort in Tamil Nadu, wo bei Protesten der »Unberührbaren«, der Dalits, ein Polizist durch einen Steinwurf getötet wurde. Seine Kollegen übten furchtbare Rache, schlugen Dutzende Leute krankenhausreif, zerstörten Häuser der Dalits und vernichteten ihre Ernten. »People’s Watch« organisierte eine öffentliche Anhörung, bei der mehrere Zeugen aussagten. Die Resonanz war riesig, die Ministerpräsidentin von Tamil Nadu sah sich gezwungen, das Dorf zu besuchen und den Opfern eine Entschädigung zu zahlen. Daraufhin wurden 169 Mordanklagen gegen unschuldige Bewohner fallen gelassen. Zu den Angeklagten gehörte auch Prabakar, dem damals die Flucht aus Sankaralingapuram gelungen war. Er wurde von »People’s Watch« aufgenommen und zur Schule geschickt. Heute steht er vor seiner Zulassung als Rechtsanwalt und arbeitet für die NGO.

Die Menschenrechtler um Tiphagne setzten sich auch für die Opfer der Polizeigewalt in den Bergen von Sathyamangalam ein. Dort hatte der Sandelholzschmuggler und Räuber Veerappan jahrelang sein Unwesen getrieben. Auf der Suche nach Veerappan gingen Polizeieinheiten mit Gewalt gegen die Dorfbevölkerung vor. Wer im Verdacht stand, dem Räuber zu helfen, wurde entführt und gefoltert. »Wir konnten mehr als 2.000 Fälle von Folter dokumentieren«, berichtet Cynthia Tiphagne. Dutzende Frauen wurden von Polizisten vergewaltigt, Männer und Kinder geschlagen und mit Elektroschocks gefoltert. Viele Menschen büßten ihre Gesundheit ein und konnten nicht mehr arbeiten. Solche Einsätze machten »People’s Watch« international bekannt. Vertreter der UNO und der EU suchten die Menschenrechtler auf, um gemeinsam Projekte anzuschieben.

Jahrelang dokumentierten die Mitarbeiter der Organisation Fälle von Folter in Gefängnissen und auf Polizeistationen in neun indischen Bundesstaaten. »Die Regierung hatte immer behauptet, dass es keine Polizeifolter in Indien gibt«, sagt Tiphagne. »Wir haben die Wahrheit aufgedeckt.« Die Menschenrechtler besuchten auch Dutzende Häftlinge, die in Untersuchungshaft saßen. Sie fanden Personen, die wegen Bagatelldelikten viele Jahre ohne Gerichtsverhandlung in Untersuchungshaft verbrachten, weil man sie schlicht vergessen hatte. »Die Lage hat sich seitdem deutlich verbessert«, sagt Tiphagne. »Heute haftet der Gefängnisdirektor, wenn so etwas passiert.«

»People’s Watch« leistete von Anfang an auch Basisarbeit in den Gemeinden von Tamil Nadu. 1997 gründete Tiphagne das Institut für Menschenrechtsbildung, das Fortbildungen für Lehrer organisierte und Menschenrechtsunterricht an Schulen startete. Ab 2005 dehnte »People’s Watch« seine Bildungsprogramme auf 18 indische Bundesstaaten aus, finanziell unterstützt von Misereor, Brot für die Welt und der Ford-Foundation. Bis heute haben zahlreiche Schüler der Klassenstufen 6, 7 und 8 an diesem Menschenrechtsunterricht teilgenommen, 6.000 Lehrer absolvierten ein spezielles Trainingsprogramm. Mit den vielen Aufgaben wuchs auch die Zahl der Mitarbeiter. Anfang 2012 hatte »People’s Watch« bereits rund 170 feste Mitarbeiter, die von einem Heer freiwilliger Helfer unterstützt wurden.

»Wir müssen aber mit neuen Attacken rechnen.«
Kein Thema war der NGO zu heiß. Als 2011 die UNO-Sonderberichterstatterin für Menschenrechtsverteidiger, Margaret ­Sekaggya, nach Indien kam, führte Tiphagne sie elf Tage lang durch das Land. Er organisierte Treffen mit Menschenrechts­verteidigern, die über ihre prekäre Lage berichteten und die ­Nationale Menschenrechtskommission (NHRC) der Untätigkeit bezichtigten. Kurz darauf veröffentlichte »People’s Watch« einen Bericht über die NHRC, der einige Fälle dokumentierte, in denen die Kommission den Menschenrechtsverteidigern die notwendige Unterstützung und den Rechtsbeistand verweigert hatte. Der Bericht wurde an die UNO-Menschenrechtskommission in Genf gesandt. »Diese Studie hat uns dann die Lizenz gekostet«, erzählt Tiphagne. Im Sommer 2012 ordnete die Regierung von Manmohan Singh eine Finanzprüfung von »People’s Watch« an. Tagelang wurden die Bücher der Organisation geprüft, ohne dass irgendwelche Verstöße ans Licht kamen. Dennoch wurde die Zulassung unter Berufung auf ein Gesetz, das aus dem Ausland finanzierte Organisationen stark reglementiert, für sechs Monate suspendiert und die Bankkonten eingefroren.

»Die Regierung benutzt das Gesetz, um unbequeme Organisationen zum Schweigen zu bringen, auch uns hat man absurde Dinge vorgeworfen«, sagt Tiphagne. »Wir sollen irgendwelche Bücher doppelt bezahlt und so die Geldgeber betrogen haben. Und wir sollen gegen nationale Interessen verstoßen haben, weil ich Atomkraftgegner bei ihrem Hungerstreik besuchte.« Auf ihre Einsprüche bekam die Organisation keine Antwort. ­Anfang 2013 wurde die Zulassung für weitere sechs Monate ­suspendiert, aus neuen nichtigen Gründen. Nach der dritten Suspendierung im Oktober 2013 klagte Tiphagne vor Gericht.

Als es zur Verhandlung kam, war die Suspendierung ­bereits abgelaufen. Das Gericht befahl nur, das eingefrorene Bankkonto wieder freizugeben. »Seitdem herrscht Ruhe«, sagt Tiphagne. »Wir müssen aber mit neuen Attacken rechnen.«

Die indische Zivilgesellschaft steht seit einigen Jahren massiv unter Druck. Seit dem Amtsantritt von Premierminister ­Narendra Modi im Mai 2014 hat sich die Situation weiter verschärft. »Die Regierung wirft den NGOs vor, sie würden das Wirtschaftswachstum bremsen, wenn sie gegen Atomkraft oder neue Kohlebergwerke protestieren«, schimpft Tiphagne. »Sie will der Welt ein modernes Land präsentieren, da gilt jeder, der Kritik übt, als Nestbeschmutzer.«

Aufgrund der Angriffe der Regierung hat »People’s Watch« mehr als 100 Mitarbeiter verloren, denn die Organisation konnte 20 Monate lang keine Gehälter zahlen. Außerdem musste sie das Sudhantra-Rehabilitationszentrum für Gewaltopfer schließen, in dem traumatisierte Frauen psychologisch betreut wurden. »Wir betreiben noch die Hotline, bei der sich die Opfer ­melden können«, sagt Cynthia Tiphagne. »Doch wir müssen die Leute auf andere Einrichtungen verteilen.« Das Kernteam von ­»People’s Watch« ist enger zusammengerückt. Für einige Mit­arbeiter, die einst selbst Opfer der Staatsgewalt wurden, kam eine Kündigung nicht in Frage. Sie wurden als Jugendliche von Cynthia und Henri Tiphagne aufgenommen und gingen in Madurai zur Schule. »Die Organisation ist meine zweite ­Familie«, sagt Prabakar. »Cynthia und Henri sind meine Ersatzeltern.«

Heute arbeiten 62 Menschen für »People’s Watch«, die Hälfte davon in Madurai. Weitere Büros gibt es noch in Chennai, der Hauptstadt von Tamil Nadu, und in Neu Delhi. Das Hauptquartier befindet sich in einem zweistöckigen Haus aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, das in einem ruhigen Wohnviertel von Madurai steht und von einem Garten umgeben ist. Das Büro des Direktors liegt gleich neben dem Eingang, von dort führen schmale Korridore zu den Arbeitsräumen der Mit­arbeiter, die dicht gedrängt an ihren Computern sitzen. In Madurai werden alle Berichte und Publikationen vorbereitet, die dann im ganzen Land verteilt werden. »Alles wird erst in Tamil geschrieben und dann ins Englische übersetzt«, sagt die Übersetzerin Sabitha. »Die Übersetzungen aus dem Englischen in ­andere Sprachen wie Bengali oder Gujarati übernehmen unsere Mitarbeiter in Kolkata und Ahmedabad. Wenn wir alle Texte ­haben, gehen die Bücher in den Druck.«

Im ersten Stock befindet sich eine kleine Bibliothek, in der Zeitschriften und Bücher zum Thema Menschenrechte archiviert sind. Sie sind für die Öffentlichkeit jederzeit zugänglich. Unter dem Dach wurde ein Konferenzraum eingerichtet, in dem ein Mal im Monat Vorträge und Diskussionen organisiert werden. Täglich um 13.30 Uhr versammeln sich alle Mitarbeiter im Hof und tauschen sich kurz über ihre Arbeit aus.

Den Rückschlag durch die Suspendierung hat »People’s Watch« zwar gut verkraftet, dennoch muss die Organisation heute Prioritäten setzen. »Es gibt in Indien inzwischen mehrere Organisationen, die Menschenrechtsverstöße dokumentieren können«, sagt Tiphagne. »Aus diesem Bereich können wir uns zurückziehen.« Der Schwerpunkt liegt nun auf der Bildungsarbeit und der Unterstützung von Menschenrechtsverteidigern im ganzen Land. »Die Menschenrechtsaktivisten werden bedroht«, sagt Tiphagne. »2015 wurden zehn Aktivisten ermordet, das ist deutlich mehr als im Jahr zuvor.« Vor allem in den Bundesstaaten Jharkhand, Chhattisgarh und Odisha, wo Menschenrechtler gegen Umsiedlungen kämpfen, die von Bergbauunternehmen verursacht sind, stehen sie auf der Abschussliste.

Außerdem plant »People’s Watch« einen Strategiewechsel. »Wir haben aus der Suspendierung unsere Lehren gezogen«, sagt Tiphagne. »Wir müssen die Strukturen weiter dezentralisieren, um die Arbeit fortsetzen zu können, sollte die Regierung auf die Idee kommen, uns doch noch zu verbieten.«

Tiphagne hat die Bewegung »Citizens for Human Rights in Tamil Nadu« ins Leben gerufen, in der 1.500 örtliche Menschenrechtsgruppen vernetzt sind. Er initiierte außerdem die Plattform »Human Rights Defenders – Alert India«, die über die Situation der Menschenrechtsverteidiger berichtet – unabhängig von »People’s Watch«. Auch die Bildungsprogramme können von den Partnern in den jeweiligen Regionen fortgeführt werden. »Wenn wir nicht mehr da sind, wird die Arbeit fortgeführt«, sagt Tiphagne, »solange es Menschenrechtsverstöße gibt.«

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Hamburg.

Menschenrechtspreis 2016
Henri Tiphagne hat sein Leben dem Kampf für ein gerechteres Indien gewidmet und erhält dafür in diesem Jahr den Menschenrechtspreis von Amnesty International. Mit dem Preis will die deutsche Amnesty-Sektion Tiphagnes Einsatz würdigen und ihn in seiner Arbeit unterstützen. Seit 1998 zeichnet Amnesty Persönlichkeiten aus, die sich unter schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen. Mit der Preisverleihung will Amnesty wichtige Problemfelder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und Menschen anregen, selbst aktiv zu werden. 

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