Amnesty Journal Brasilien 21. Mai 2014

Hilferuf aus dem Fenster

Auf dem Höhepunkt der Militärdiktatur wurde Luiz Rossi 1973 verschleppt und ­gefoltert. Um seine Freilassung zu erreichen, startete Amnesty zum ersten Mal eine ­sogenannte »Urgent Action«. Rossi wurde tatsächlich entlassen und Eilaktionen sind aus der Arbeit von Amnesty nicht mehr wegzudenken.

Von Sara Fremberg

Am Abend des 15. Februar 1973 stürmen Angehörige der brasilianischen Militärpolizei das Haus von Luiz Basilio Rossi. Seine Frau Maria José und die drei Töchter müssen hilflos zusehen, wie ihr Ehemann und Vater abgeführt wird. Maria José selbst wird unter Hausarrest gestellt. Außerdem beschlagnahmen die Sicherheitskräfte Bücher und Dokumente.

Luiz Rossi ist Wirtschaftsprofessor an der Universität von São Paulo, Gewerkschafter und politisch aktiv. Das ist gefährlich in einem Land, das seit dem Putsch 1964 von einem brutalen Militärregime regiert wird. Seit 1969 ist General Emílio Garrastazu Médici Präsident des Landes. Unter seiner Führung gehen die Militärs besonders repressiv gegen Kritiker und Oppositionelle vor. Säuberungsaktionen und Folter in Gewahrsam sind an der Tagesordnung.

Sechs Wochen lang erfährt seine Familie nicht, wo Luiz Rossi sich aufhält und ob er überhaupt noch am Leben ist: Ohne Kontakt zur Außenwelt wird er immer wieder vernommen, geschlagen und mit Elektroschocks gefoltert. »Wenn Sie damals als Linker politisch aktiv waren, bedeutete jeder Gefängnisaufenthalt Folter – psychische und körperliche – und möglicherweise den Tod. Ich hatte die Kontrolle über mein Leben verloren. Mit dieser Perspektive verbrachte ich die Wochen im Gefängnis«, ­erzählt Rossi Jahre später.

Maria José gelingt es schließlich, einen Zettel mit einem Hilferuf aus dem Fenster zu werfen. Eine siebenjährige Nachbars­tocher findet die Botschaft und gibt sie an Bekannte weiter, die wiederum Kontakt zur Amnesty-Zentrale in London aufnehmen. Die Amnesty-Mitarbeiterin Tracy ­Ulveit-Moe sammelt zu diesem Zeitpunkt bereits seit längerem Beweise und Berichte über Folter und »Verschwundene« in Brasilien. Sie weiß, dass für Luiz Rossi unmittelbare Lebensgefahr besteht. Gemeinsam mit Kollegen entwickelt sie eine Idee, die als »Urgent Action« (Eilaktion) zu einer der wirksamsten ­Aktionsformen von Amnesty wird. Am 19. März 1973 ruft die Organisation Menschen weltweit dazu auf, einen Brief an die brasilianische Militärregierung zu schreiben und darin die Freilassung Rossis zu fordern.

Zwei Wochen später wird Maria José ins Hauptquartier der Geheimpolizei DOPS einbestellt, vorgeblich, um den Leichnam ihres Mannes zu identifizieren. Dort angekommen, zeigt man ihr stapelweise Briefe und teilt ihr mit, Luiz Rossi sei noch am Leben. »Ihr Mann muss wichtiger sein, als wir geglaubt haben«, erklärt ihr der Direktor der DOPS. »Sonst hätten wir nicht all diese Briefe aus der ganzen Welt erhalten.«

Maria José wird aufgefordert, als Antwort auf die Briefe zu bestätigen, dass es ihrem Mann gut gehe. Sie weigert sich, dies ohne Beweise zu tun. Daraufhin darf sie Luiz Rossi für einige Minuten sehen. In Gegenwart der Militärs schreibt Maria José eine Nachricht an Amnesty, widerruft ihre Aussage jedoch wenige Stunden später – denn noch ist ihr Mann in Gewahrsam. Luiz Rossi schöpft nach dem Wiedersehen Hoffnung: »Als ich erfuhr, dass mein Fall öffentlich geworden war, wusste ich, dass sie mich nicht mehr töten konnten. Der Druck auf mich ließ nach und meine Haftbedingungen verbesserten sich.«

Die »Urgent Action« läuft weiter. Immer mehr Menschen fordern die Freilassung des Inhaftierten. Am 24. Oktober 1973 wird Luiz Rossi schließlich freigelassen.
Fast drei Jahrzehnte später ist Luiz Rossi anlässlich der Verleihung des Amnesty-Menschenrechtspreises 2006 in Berlin zu Gast. Er bedankt sich bei Amnesty und wirbt dafür, weiterhin Eilaktionen für Menschen in Gefahr zu starten: »Meine Peiniger wollten mich brechen und isolieren, alle Verbindungen zur Außenwelt kappen. Doch die ›Urgent Action‹ von Amnesty hat diese Isolation durchbrochen.«

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