Amnesty Journal Sudan 15. November 2011

Im toten Winkel

In der sudanesischen Provinz Südkordofan führt die Armee einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Hunderttausende flüchten vor den Luftangriffen. Amnesty International befürchtet, dass der Konflikt wie in der Krisenregion Darfur eskalieren könnte.

Von Carsten Stormer

Der Tag beginnt mit dem Versuch, nicht an den Tod zu denken. Starr wie eine Säule steht Musa al-Abir auf dem riesigen Granitbrocken, die Augen gen Himmel gerichtet. Psst, ist da nicht das Brummen eines Flugzeugs zu hören? Seine Ohren spielen ihm einen Streich. Da war nichts. Der Wind treibt Wolken über den Himmel, die Schatten auf die Nuba-Berge werfen. Sie kommen bestimmt bald: Die Bomber der sudanesischen Armee lassen täglich ihre tödliche Fracht fallen. Wo wird sie heute landen?

Musa al-Abir ist ein großer, hagerer Mann, 45 Jahre alt, mit Augen so schwarz wie Onyx und schwieligen Händen, aus denen alle Kraft gewichen ist. Jeden Tag steht er auf dem Berg, sucht den Himmel nach Flugzeugen ab und lauscht in die Stille der Nuba-Berge. »Erst gestern traf eine Bombe ein Haus.« Schwerfällig klettert er den Hang hinunter, bahnt sich einen Weg durch das Dickicht bis zu einer Höhle, die seit zwei Monaten sein Zuhause ist. Er zeigt auf ein Spalier aus windschiefen Holzhütten, dreihundert Meter weiter unten im Tal, links und rechts der Staubpiste, die das Dorf Kurchi mit der Welt verbindet. »Das ist unser Markt. Dort unten starben zwei meiner vier Töchter.«

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit führt die sudanesische Regierung seit Anfang Juni Krieg gegen die Zivilbevölkerung in den Nuba-Bergen der Provinz Südkordofan, an der Grenze zwischen Nord- und Südsudan. Die sudanesische Luftwaffe bombardiert wahllos Dörfer, Märkte, Wasserlöcher und die Stellungen der Sudanesischen Befreiungsarmee (SPLA). Hunderte starben bei diesen Angriffen. Flüchtlinge berichten von ethnischen Säuberungen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass über 150.000 Menschen in die Berge flohen, wo sie Schutz in Höhlen und Felsspalten suchen.

Sie berichten von arabischen Milizen, die nach den Bombenangriffen auf Kamelen und Motorrädern in die Dörfer kamen, Menschen töteten, Vieh und Nahrungsvorräte stahlen, Kinder entführten und die Hütten der Bewohner niederbrannten. Aus der von Regierungstruppen gehaltenen Provinzhauptstadt Kadugli dringen Berichte über Exekutionen von Zivilisten. Satellitenbilder zeugen von Massengräbern. Die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch warnen in einem gemeinsamen Bericht davor, dass der Konflikt zu einem neuen Darfur werden könnte. Die Vereinten Nationen wollen prüfen, ob die sudanesische Armee in Südkordofan Kriegsverbrechen begeht.

Musa al-Abir gehört zum Volk der Nuba. Sie sind Bauern und Viehhirten, Christen und Moslems und bekannt für ihre religiöse und kulturelle Toleranz. Durch die sudanesische Provinz Südkordofan verläuft eine unsichtbare Grenze: Hier grenzt der arabisch dominierte Norden des Sudan an die Subsahara. Verschiedene Kulturen, Traditionen und Rituale prallen aufeinander. Jahrhunderte lang betrachteten die Araber die Nuba als Menschen dritter Klasse. Südkordofan ist eine Region, um die der Fortschritt einen großen Bogen machte: Es gibt kaum geteerte Straßen, kaum Krankenhäuser, und in den wenigen Schulen werden die Lehrer nicht bezahlt. Wasser kommt aus schlammigen Brunnen, Elektrizität liefern, wenn überhaupt, Generatoren.

Die aufmüpfigen Nuba sind den Machthabern in Khartum schon lange ein Dorn im Auge. Während des sudanesischen Bürgerkriegs kämpften sie auf Seiten der südsudanesischen Rebellen der SPLA gegen die Regierung. Dann forderten sie Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, außerdem lehnen sie die im Sudan geltende Scharia ab. Der Südsudan erreichte in diesem Jahr seine Unabhängigkeit, Südkordofan blieb indes Teil des Sudans. Im Mai dieses Jahres sahen die Nuba die letzte Chance, ihre Rechte auf politischem Wege einzufordern, als in Südkordofan ein neuer Gouverneur gewählt wurde. Es gab jedoch so gut wie keine internationalen Wahlbeobachter. Nach der Wahl reklamierten sowohl die Nuba als auch die sudanesische Regierung den Wahlsieg für sich. Die Regierung in Khartum setzte Ahmed Haroun in das Amt ein; ein Mann, dem der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag vorwirft, Kriegsverbrechen in Darfur begangen zu haben. Daraufhin brach der Krieg aus.

Doch von alldem ahnte Musa al-Abir nichts. Das Leben ging seinen Gang im Rhythmus der Feldarbeit – bis zum Nachmittag des 26. Juni. An diesem Sonntag gingen die Bewohner des Dorfes Kurchi nach dem Gottesdienst wie üblich auf den Markt. Kurchi ist ein verschlafenes Nest aus reisiggedeckten Rundhütten, eingerahmt von Bergen und Hirsefeldern, zwei Autostunden auf holprigen Feldwegen von der Provinzhauptstadt Kadugli entfernt. Unter Akazien spielten alte Männer Domino und tranken Tee und die Frauen und Mädchen des Dorfes standen am Wasserloch Schlange, um ihre Kanister zu füllen. Musa al-Abir bestellte an diesem Tag seine Felder.

Am frühen Abend hörte er ein leises Brummen am Himmel, dann sah er das Flugzeug. Eine russische Antonow schimmerte silbern in der Sonne. Wenige Sekunden später schlug die erste Bombe ein. So nahe, dass Steine und Erdbrocken auf ihn herab regneten. Musa al-Abir warf sich auf den Boden, sah Rauch aufsteigen, roch den Qualm brennender Häuser und hörte Menschen schreien.
Er fand seine Töchter in den Dornen, wo sie sich versteckt hatten. Die 15-jährige Maryam war sofort tot, ein Schrapnell hatte einen Teil ihres Kopfes weggerissen. Die dreizehnjährige Iqbaal verblutete auf dem Weg in die Klinik, in der zwei überforderte Krankenschwestern vergeblich versuchten, zerfetzte Körper zu flicken, weil es in Kurchi keinen Arzt gibt. Musa al-Abir begrub seine Töchter in einer Grube neben seiner Hütte. Sieben Bomben fielen an diesem Tag auf den Markt von Kurchi. Sie töteten 16 Menschen und verletzten 53 schwer.

Nach der Beerdigung packte er ein paar Habseligkeiten zusammen und zog mit den Überlebenden seiner Familie in eine Höhle. Dort versteckt er sich jetzt, wie Hunderte andere Familien auch. Er zeigt auf einen Topf mit ein bisschen Hirse. »Das ist alles, was wir zum Essen haben«, sagt er und begräbt sein Gesicht in den Handflächen. »Und Blätter. Ja, Blätter.« Ein paar Höhlen weiter sitzt die dreißigjährige Lehrerin Suwar Daldchum, eine zierliche Frau, eingewickelt in ein rot leuchtendes Tuch. Im Mai, kurz nach den Wahlen, floh sie aus ihrem Heimatort Kadugli, nachdem sudanesische Soldaten und Milizionäre von Haus zu Haus gezogen waren und Nuba ermordet hatten, denen Verbindungen zur Sudanesischen Befreiungsarmee nachgesagt wurden. »Sie verbrannten unsere Hirse und Häuser, führten Menschen ab und töteten das Vieh. Und sie haben meinen Bruder ermordet.« Vier Tage dauerte ihre Flucht mit ihren fünf Kindern. Nachts liefen sie, tagsüber versteckten sie sich vor den Soldaten und den Milizen in Büschen.

Die Menschen in den Höhlen leiden an Hunger, Durchfall und Malaria. Der Ausnahmezustand ist hier Alltag. Schulen bleiben geschlossen, die Felder können weder bestellt noch abgeerntet werden. Das Leben ist davon bestimmt, Neuigkeiten in Erfahrung zu bringen. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Gab es neue Kämpfe, Hinrichtungen oder Plünderungen? Die Kontakte zur Außenwelt sind beschränkt. Die wenigen Hilfsorganisationen haben alle internationalen Mitarbeiter abgezogen.
Einer, der geblieben ist, ist der amerikanische Arzt Tom Catena.

In Konjo, drei Autostunden von Kurchi entfernt, steht der 48-Jährige in einem Operationssaal und versucht, Kriegsopfer zu retten: Kinder mit abgetrennten Füßen, Frauen mit Verbrennungen, Soldaten, die im Dschungel auf eine Mine getreten sind. Catena ist der letzte Arzt im einzigen Krankenhaus von Südkordofan. Jeden Tag kämpft er gegen den Impuls, wie seine Assistenzärzte und der Anästhesist das Krisengebiet zu verlassen. »Mein Verstand sagt, dass ich leben möchte. Mein Gewissen, dass ich bleiben muss.« Irgendwann beschloss er, nicht mehr auf seinen Verstand zu hören, um nicht verrückt zu werden. Nur zwei Schwestern aus Uganda und Mexiko sind ihm geblieben. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und Schweiß.

Das Krankenhaus ist ein Durchgangslager für ramponierte Körper und Seelen. Schon am frühen Morgen versammeln sich Dutzende Neuzugänge im Innenhof der Klinik. Tom Catena ist ein hochgewachsener, schlaksiger New Yorker mit dunklen Ringen unter den Augen, Stirnglatze, Fünftagebart und einer Brille, die ihm ständig von der Nase rutscht. Wenn er von seiner Arbeit spricht, wird seine Stimme immer tiefer, bis sie zum Schluss nur noch ein tiefes Grollen ist. Ständig das gleiche Leid, die gleichen Geschichten, nur die Gesichter sind andere. Er erzählt, wie die Schwerverletzten im Minutentakt hereingetragen werden, wie er sich manchmal entscheiden muss, wem er zuerst hilft: wer sterben muss, wer leben darf.

Vor allem der Verlust seines Anästhesisten macht ihm zu schaffen. »So jemand ist kaum zu ersetzen«, sagt Tom Catena und schiebt sich die Brille zurecht. »Hier finde ich kein ausgebildetes Fachpersonal.« Langsam gehen die Medikamente aus. Seitdem die Landebahn im nahe gelegenen Kauda bombardiert wurde, landen keine Hilfsflüge mehr aus Kenia oder dem Süd­sudan. Südkordofan ist abgeriegelt von der Außenwelt; kaum ­jemand kommt heraus, fast nichts hinein.

Seit dem Beginn der Regenzeit vor ein paar Wochen köchelt der Krieg auf Sparflamme. Der Regen hat die sandigen Pisten in schlammigen Morast verwandelt, immer wieder bleiben die Geländewagen stecken. Es ist ein langer und beschwerlicher Weg an die Front, vorbei an verlassenen Dörfern, menschenleeren Hütten und Checkpoints der SPLA. In einem Rebellenlager an der Front von Alhamra sitzt der schmächtige Mohammed Ali unter einer Akazie und schaut verängstigt in eine Welt, die er nicht mehr versteht. Er sitzt im Schatten eines Panzers, den SPLA-Kämpfer vor einigen Wochen in einer Schlacht erbeutet haben.

Neben ihm lehnt ein Junge am Panzer, blättert in der ­Bedienungsanleitung eines Granatwerfers und kratzt sich den Kopf. Mohammed ist 24 Jahre alt, schmal und blinzelt aus müden Augen in die Abendsonne. Er blickt hinüber zu einer Gruppe Rebellen, die lachend Domino spielen und sich feixend in die Rippen boxen, die Panzerfäuste und Kalaschnikows immer griffbereit. Sie beachten Mohammed nicht. Er ist ein geduldeter Gast, mehr nicht, aber sie misstrauen ihm, obwohl er ein Nuba ist, einer von ihnen. Aber Mohammed Ali war drei Jahre lang Gefreiter in der sudanesischen Armee, bis der Krieg begann.

Plötzlich herrscht Aufregung im Lager, Rebellen, die sich eben noch für unverwundbar hielten, starren jetzt wie verängstigte Kinder in den Himmel. Ein weißer Hubschrauber fliegt über das Lager, ganz nah und tief. Männer, halbe Kinder noch, suchen unter Bäumen Deckung, springen in Büsche, die Gewehre im Anschlag, Panzerfäuste richten sich in den Himmel. »Der Feind kommt!«, schreien sie, Angst und Hass im Blick. Mohammeds Hände beginnen zu zittern, sein Körper spannt sich, bereit wegzulaufen. Es scheint, als ob er schrumpfen würde. Von irgendwoher ertönt der dumpfe Knall einer Flugabwehrkanone. Der Hubschrauber fliegt noch einige Runden, dann dreht er ab. Anspannung weicht Gelassenheit. Einige Rebellen wenden sich wieder dem Dominospiel zu, beschimpfen den Piloten als feigen Hund, klopfen sich auf die Schultern, sprechen sich Mut zu. Ihre Münder lachen, die Augen nicht.

»Ich will nie wieder kämpfen«, sagt Mohammed. »Nie wieder!« Und dann berichtet er von diesen Tagen im Juli in Kadugli, der Provinzhauptstadt Südkordofans, in der er mit seiner Einheit stationiert war. Seit Beginn der Kämpfe mieden ihn seine Kameraden, ihn, den Mann aus dem Süden. Verräter, hörte er sie hinter seinem Rücken tuscheln. Oder Spion, weil sie glaubten, dass er den Rebellen Informationen zukommen lasse. An einem Donnerstag erhielt seine Einheit den Auftrag, zum Quartier der Friedensmission der Vereinten Nationen (UNMIS) zu fahren. Sie hatten eine Liste mit Namen von Leuten, allesamt Nuba, die dort arbeiteten. Man brauche Arbeitskräfte, sagten die Soldaten. Die ägyptischen UNO-Soldaten glaubten ihnen. Mohammed fuhr den Lkw, auf dem die acht Männer transportiert wurden.

Im Niemandsland der Savanne, außerhalb Kaduglis, in der Nähe des Dorfes Alshire, mussten sie aussteigen, bewacht von bewaffneten Männern, und eine Grube schaufeln. Dann band man ihnen die Hände auf den Rücken und ein Tuch um ihre Augen und erschoss sie. Als seine arabischen Kameraden wenige Tage später damit begannen, die Nuba in den eigenen Reihen zu entwaffnen, fürchtete Mohammed Ali um sein Leben und lief zu den Rebellen über. Jetzt hängt er hier fest, an der Schwelle zu Leben und Tod. »Ich weiß nicht, ob meine Familie noch lebt.« Das letzte, was er von ihnen gehört hat, ist, dass sie sich in die Berge durchschlagen wollten.

Wie so viele in diesen Tagen. In Kurchi durchquert Musa al-Abir die Berge, der Vater zweier toter Mädchen, auf der Suche nach Essbarem. An seiner Hand hält er seine achtjährige Tochter Heba, die seit dem Bombenangriff auf den Markt nicht mehr von seiner Seite weicht. Die Bombensplitter in Knie und Auge schmerzen oft, Heba weint viel; nachts schläft sie spät ein. Am Himmel ziehen dunkle Regenwolken auf. Dann hört Musa al-Abir das Brummen, es kommt langsam näher, wird immer lauter. »Antonow! Antonow!«, schreien die Flüchtlinge, ihre Rufe hallen von den Bergwänden wider. Kinder rennen panisch davon, quetschen sich in Felsspalten, Angst im Blick. Frauen schlüpfen in Höhlen. Ein wildes Durcheinander, bis alle in Sicherheit sind. Musa al-Abir packt seine Tochter am Arm, rennt mit ihr den Hang hinauf, bis er den Eingang der rettenden Höhle erreicht.

Heba weint, ihr kleiner Körper zittert und schmiegt sich ganz fest an ihren Vater. Kurz darauf hören sie die Einschläge der Bomben, ein dumpfes Grollen, weiter unten im Süden, und wieder legt sich ein Schleier über seine Augen. Dann beginnt es zu regnen.

Der Autor ist Journalist und lebt in Manila.

In einem gemeinsamen Bericht kritisieren Amnesty International und Human Rights Watch, dass die sudanesische Armee in Südkordofan rücksichtlos Zivilisten bombardiert und verhindert, dass internationale Hilfe in das Gebiet ­gelangt. Beide Organisationen fordern unter anderem, dass sich der UNO-Sicherheitsrat mit den mutmaßlichen Kriegsverbrechen befasst. Weitere Informationen unter [www.amnesty.de/2011/8/30/sudan-bombenangriffe-
auf-bevoelkerung-sued-kordofan](http://www.amnesty.de/2011/8/30/sudan-bombenangriffe- auf-bevoelkerung-sued-kordofan)

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