Gedichte aus Guantanamo
Donnerstag, 30.10.2025, 21.00 bis 23.00 Uhr
Beschreibung
Seit dem 11. Januar 2002 waren über 780 muslimische Männer unrechtmäßig im extraterritorialen Gefangenenlager Guantánamo Bay inhaftiert. 15 von ihnen sind bis heute dort gefangen. Mit den Jahren wurden die Künste für sie ein entscheidendes Instrument, um sich an die Weltöffentlichkeit zu wenden: in Form von Zeichnungen und Skulpturen, von Briefen, Memoiren und Gedichten. Während jüngst immer wieder Podcasts, Artikel und Filme über Guantánamo veröffentlicht wurden, hören wir die Gefangenen hier in ihren eigenen Worten.
Die Anthologie „Gedichte aus Guantánamo“ versammelt 22 Gedichte, die stellvertretend für die Überlebens- und Widerstandspraktiken der Gefangenen unter Folter stehen. Sie geben nicht nur Auskunft über die Folter und die Überlebensversuche ihrer Autoren, sondern stellen auch eine Reflexion über den Wert von Erfindungskraft und Literatur in Notsituationen dar. In den Gedichten betrauern die verschleppten Menschen ihre verlorenen Vergangenheiten und erschreiben sich eine versagte Zukunft. Sie entwerfen die Kunst als eine von Staaten und Institutionen unabhängige Arena der Gerechtigkeit und Anerkennung. Und sie sprechen uns Lesende direkt in an: „Wo ist die Welt um uns zu retten vor dem Feuer und der Trauer?» Diese literarischen Hilferufe wurden oft nicht einmal aufgeschrieben, sondern bloß in Becher gekratzt, still auswendig gelernt oder Anwält:innen übermittelt. Die kostbaren Texte legen Zeugnis von Folter und Widerstand im Gefangenenlager ab und zeigen uns, wie lebenswichtig Gedichte sein können.
Heute, wo die Trump-Regierung bereits damit begonnen hat bis zu 30.000 angeblich illegale Migrant:innen nach Guantanamo zu verschleppen, ist eine Auseinandersetzung mit der langen Kolonial-und Gewaltgeschichte des Lagers von ungebrochener Aktualität.
Dr. Sebastian Köthe wurde nach einem Studium der Kulturwissenschaft und Philosophie mit der Arbeit „Guantánamo bezeugen“ an der Universität der Künste Berlin promoviert, für die er mit dem Dissertationspreis der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft ausgezeichnet wurde. Er ist Kurator der Ausstellung «über Guantánamo hinaus» und Herausgeber des Bandes «Gedichte aus Guantánamo», der zweimal auf die SWR-Bestenliste gewählt wurde. Heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule der Künste, wo er über das Wechselverhältnis von Gewalt, Widerstand und künstlerischen Praktiken forscht.
Veranstaltungsort
Literaturhaus Göttingen
Düstere Straße 7
Göttingen 37073
Deutschland
Kooperationspartner_innen
Göttinger Literaturherbst