Von Lena Schnabl (Text) und Dirk Schwieger (Illustrationen)
Der Mann, der 48 Jahre lang auf seine Hinrichtung wartete, nimmt Erdbeersahne auf die Gabel. Der ehemalige Profiboxer Iwao Hakamada, ein kleiner Mann von vielleicht ein Meter fünfzig, isst gern Süßes. Mit Anfang dreißig wurde er wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt und 2014 als Unschuldiger aus der Haft entlassen. Heute, am 10. März 2015, feiert er seinen 79. Geburtstag. In Freiheit.
Hakamada sitzt auf einem gepolsterten Plastiksessel in einer Wohnung in Hamamatsu, einer Stadt 250 Kilometer südlich von Tokio, in der er 1936 als Jüngster von sechs Geschwistern geboren wurde. Ihm gegenüber sitzt seine ältere Schwester Hideko, 81 Jahre alt. Seit seiner Freilassung lebt er bei ihr. Vor dem Apartmenthaus drängen sich Kamerateams, auch das Wohnzimmer ist voller Menschen. Hakamadas Unterstützerinnen und Unterstützer haben Kuchen und Geschenke mitgebracht.
Hakamadas Geschichte ist die eines beispiellosen Justizskandals. Er saß länger im Todestrakt als je ein Mensch zuvor. Seit 2011 steht er damit im Guinnessbuch der Rekorde. Will man wissen, was ein Leben in Isolationshaft mit einem Menschen macht, muss man zu ihm, muss seine Akten und Briefe lesen.
Jetzt kann Hakamada Geschenke und Glückwünsche persönlich entgegennehmen. Ein Mann spielt auf einer Gitarre und singt: "Der Sohn schreibt immer weiter Briefe, schreibt, dass er es nicht getan habe. Ein Schatten-Ich jagt dem Traum des Weiterlebens hinterher. Lebe! Lebe! Bis deine Unschuld bewiesen ist. Free Hakamada! Free Hakamada!"
Derjenige, dessen Schicksal besungen wird, hört sanft und gleichmütig zu, als ginge es nicht um ihn, als ließe er das Fest über sich ergehen. Alle duzen ihn, es ist ein bisschen wie bei Stars, die dem Publikum vertraut sind. "Ich bin die Anwältin Tanaka, erinnerst du dich an mich?" "Nicht wirklich." "Ich habe dich seit den 80er Jahren unterstützt. Du hast mir Briefe geschrieben." "In der Welt gibt es vieles und man vergisst vieles." Sie kennen ihn, er kennt sie nicht.
Mit seinem kompakten Körper und dem runden Gesicht erinnert Hakamada an 'Daruma', einen kugeligen Talisman, der den Japanerinnen und Japanern Wünsche erfüllen soll. Daruma war ursprünglich ein Zen-Mönch, der laut Überlieferung neun Jahre in einer Steinhöhle meditierte, bis ihm Arme und Beine abfielen. Die Darumafigur aus Pappmaché ist daher etwas kugelig. Und sie hat große weiße Augen. Wer sich etwas wünscht, malt der Figur ein Auge schwarz an. Wenn der Wunsch in Erfüllung gegangen ist, folgt das zweite Auge. Dann lässt man sie in einem Tempel verbrennen. Hakamada, der fast vierzig Jahre länger in seiner Zelle verbrachte als Daruma in seiner Höhle, sagt: "Ich bin 23." Er sagt auch: "Ich bin der Gott des Universums." "Er wird wohl niemals wieder gesund werden", sagt seine Schwester.
Hakamada war Boxer. Mit fünfzehn Jahren schloss er die Mittelschule ab, arbeitete in einer Autowerkstatt und trainierte nebenbei. Er bewies Talent und kam schnell nach oben. Federgewicht. Im Frühling 1958 beschrieb ein Magazin den mittlerweile 21-Jährigen als "stürmischen Fighter". Im selben Jahr zog er von der Provinz nach Kawasaki, eine Nachbarstadt Tokios, um dort als Profiboxer zu trainieren. Zwei Jahre nach seinem Debüt stand er in Japan auf Platz sechs. Doch dann schwächelte sein Körper.
Hakamada wollte pausieren und zog in die Provinz zurück. Er heiratete eine Tänzerin, wurde Vater, übernahm eine Bar, trennte sich. Ein Lebemann, aber auch ein Anpacker. Über Kontakte bekam er einen Job in der Kogane Misofabrik, die Pasten für die klassisch japanische Misosuppe herstellte. Der Fabrikdirektor war ein Judoka, der sich wie Hakamada in der Vergnügungsbranche herumtrieb. Hakamada soll ein enges Verhältnis zu seinem Vorgesetzten gehabt haben und war öfter zum Abendessen im Wohnhaus der Familie unweit der Fabrik eingeladen.
In der Nacht zum 30. Juni 1966 brannte das Haus des Fabrikdirektors nieder. Am nächsten Morgen fand die Polizei vier Tote, den Direktor, seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn – alle waren erstochen worden. Neben den Leichen wurde ein Messer gefunden. Außerdem fehlten etwa 60.000 Yen, umgerechnet rund 435 Euro. Es war der Tag vor der Lohnauszahlung. Vier verkohlte Leichen mit mehr als 40 Stichwunden. Damit fing es an.
Die Polizei ging 1966 davon aus, dass der Täter stark gewesen sein muss. Jemand, der einen Judoka umbringen kann. Und jemand, der wusste, dass der Zahltag bevorstand und Geld im Haus war. Der Verdacht fiel auf Hakamada, den Außenseiter, den Boxer, den Tunichtgut. Er hatte kein stichhaltiges Alibi für die Tatzeit, eine kleine Verletzung am Finger und ein paar Flecken auf dem Pyjama.
Wenige Tage nach seiner Geburtstagsfeier im März 2015 besucht Hakamada eine Boxkampfveranstaltung im Tokio Dome, zum ersten Mal seit seiner Freilassung. Er sitzt auf einem Klappstuhl in der zweiten Reihe vor dem Ring. In einem karierten Sakko mit Fliege und Papierfächer beobachtet er den Kampf zweier Boxerinnen. Hakamada klatscht nicht und spricht nicht. Er wirkt ausdruckslos, lässt die Kämpfe an sich vorbeiziehen. Im Ring schlägt Atomgewicht-Champion Ayaka Miyao einen linken Haken und trifft ihre Gegnerin am Kiefer, es folgt eine rechte Gerade in den Bauch. Die Fans grölen. Miyao gewinnt. Hakamada fächelt sich Luft zu.
"Wir haben heute einen besonderen Gast", ruft der Ringsprecher, "den ehemaligen Profiboxer Iwao Hakamada, der 50 Jahre unschuldig im Todestrakt saß." Als die Zuschauer applaudieren, springt Hakamada auf und versucht, in den Ring zu klettern. Seine Schwester ruft, er solle zurückkommen. Ein Auftritt war nicht geplant. Hakamada hat Probleme, zwischen den Seilen durchzuschlüpfen und prallt zunächst ab. Dann steht er im Ring. Er läuft von Ecke zu Ecke, wackelig, tatterig, und lässt sich beklatschen. Währenddessen versucht der Schiedsrichter ihn wieder einzufangen. Seine Schwester lacht, wohlwollend, wie man einem kleinen Hund zulacht, der Unsinn macht, und winkt ihren Bruder zu sich.
Hakamada war für die Ermittlerinnen und Ermittler der einzige Verdächtige. Er kam in Untersuchungshaft und wurde bis zu zwölf Stunden täglich verhört. Am 6. September, nach insgesamt 264 Stunden Verhör, drei Tage bevor die Polizei ihn aus der Untersuchungshaft hätte entlassen müssen, gestand Hakamada die Tat. Es folgten 45 weitere Geständnisse. Mal sagte er aus, er habe eine Affäre mit der Frau seines Chefs gehabt, mal sagte er, er habe nur das Geld haben wollen. Das Motiv wechselt, als wäre es egal, warum jemand vier Menschen tötet, oder als ob jemand bereit sei, alles zu bestätigen, was ihm unterstellt wird, weil er der Verhöre leid ist.
Hakamadas Familie glaubte an seine Unschuld und stand damit zunächst allein. Erst als der Oberste Gerichtshof in den 1980er-Jahren die Todesstrafe endgültig bestätigte, bildeten sich in Shimizu, Hamamatsu und Tokio Gruppen von Unterstützerinnen und Unterstützern. In Tokio unterstützte eine katholische Kirchengemeinde Hakamada. Amnesty International setzte sich für seine Freilassung ein.
Auch Boxer solidarisierten sich mit ihm, weil sie davon ausgingen, Vorurteile gegen ihre Sportart hätten das Urteil begünstigt. Sie reservierten ihm bei Boxkämpfen zwei Stühle im Tokio Dome. Im März 2015 ist es das erste Mal, dass Hakamada das nutzt. Als die acht Kämpfe nach Stunden ausgefochten sind, gibt Hakamada zusammen mit seiner Schwester und seinem Anwalt eine Pressekonferenz.
Ein Boxer, der während der Kämpfe neben ihm saß, sagt, es sei wie ein Traum, dass Hakamada wirklich gekommen sei. Er habe regen Anteil genommen am Geschehen. Auf Nachfrage habe er gesagt "heftige Rechte" oder "bei dieser Runde hat blau die Oberhand". Auch die Schwester sagt, so wohlauf habe sie ihren Bruder selten gesehen. Schon frühmorgens habe er sich zurechtgemacht und es kaum erwarten können, nach Tokio zu fahren. Er habe von Anfang an dabei sein und auch keine Pausen machen wollen. Sie kommt zu dem Schluss: "Boxen ist die beste Rehabilitation."
Dann spricht Hakamada. Auf die Frage, wie ihm die Veranstaltung heute gefallen habe, sagt er Sätze wie: "Wir sind in ein Zeitalter der Keuschheit eingetreten" oder "Ich bin der Chef und ich schaffe eine glücklichere Welt". Es ist schwierig, ihn zu bremsen, wenn er einmal loslegt mit dem Sprechen. "Iwao, es reicht", sagt seine Schwester. "Na, wir wollen mal hören, was der Anwalt so sagt", sagt der Veranstalter. Iwao spricht einfach weiter. Es ist schwierig, aus ihm das herauszubekommen, was man wissen will. Auf seine Lage angesprochen sagt er: "Es gibt keine Todesstrafe, die habe ich abgeschafft" und "Es gibt keine Gefängnisse". Hakamada saß so lange in seiner Zelle, bis das Gefängnis, das ihn umgab, sich für ihn auflöste. Er trat die Flucht nach innen an, in eine eigene Welt mit eigener Logik und eigener Realität.
Ein zum Tode Verurteilter sitzt in Japan in Einzelhaft. Jeder Tag kann sein letzter sein, denn der Gefangene erfährt erst morgens, ob er ein paar Stunden später hingerichtet wird. Er darf weder mit den Wärtern noch mit anderen Häftlingen sprechen. Zwei bis drei Mal die Woche dürfen die Gefangenen eine halbe Stunde Sport treiben, getrennt voneinander.
Ansonsten sollen sie möglichst regungslos in ihren Zellen sitzen. Sie dürfen unregelmäßig Besuch von ihren Anwältinnen und Anwälten und Verwandten empfangen und täglich einen bis zu sieben Seiten langen Brief schreiben. Der Häftling führt ein Leben auf Abruf. Er kann nicht leben und muss darauf warten, zu sterben. Das Gefängnis ist eine Art Bahnhof, eine Durchgangsstation zwischen Leben und Tod. Und niemand weiß, wann der Zug fährt.
Hakamada schrieb viele Briefe aus dem Gefängnis – an seine Eltern, seine Geschwister, seine Schwester Hideko. Darin schildert er seinen Alltag: Essen, schlafen, lesen. Schattenboxen, ab und an einen Film schauen, Kekse, Radiohören beim Friseur. So vergeht Jahr um Jahr. In den Briefen beteuert er seine Unschuld, geht die Beweise durch. Er legt dar, dass er zu seinem Geständnis gezwungen wurde, dass er diesen für ihn untragbaren Verhören habe entfliehen wollen.
Ein Todeskandidat wird am Tag seiner Hinrichtung morgens abgeholt. Ein Strick, drei Zentimeter dick, wird um seinen Hals gelegt. Drei Beamte drücken auf je einen Knopf. Einer davon öffnet eine Falltür. Der Gefangene stürzt und bricht sich das Genick. Eine Ärztin oder ein Arzt kontrolliert, wann der Tod eintritt. Im Schnitt dauert es 15 Minuten. Der Erhängte wird in Weiß gekleidet. Die Familie wird über den Tod informiert und erhält die Habseligkeiten des Hingerichteten.
1991 schrieb Hakamada die letzte Postkarte an seine Schwester. Als Empfängerin schrieb er den Namen einer Göttin, strich ihn durch, schrieb 'Hideko'. Damit endete die Korrespondenz. Danach drang fast nichts mehr nach außen. Ab 1994 verweigerte Hakamada Besuche, sagte, er habe keine Schwester.
Zwölf Jahre lang fuhr Hideko dennoch nach Tokio, nannte ihren Namen, ihre Adresse, ihr Verwandtschaftsverhältnis, zeigte ihren Ausweis. Es war jedes Mal dieselbe Prozedur. Sie erhielt eine Nummer und wartete, bis sie an der Reihe war. Dann betrat sie den Besuchsraum Nummer fünf im zehnten Stock. Doch Iwao kam nicht. 2006 sah sie ihn erstmals wieder, dann verweigerte er sich erneut. Doch Hideko fuhr weiterhin jeden Monat hin. Und wenn sie ihn sehen konnte, achtete sie auf seine Gesichtsfarbe und nicht darauf, was er sagte, weil es meistens Unsinn war.
2007 wurde erstmals ein psychologisches Guthaben erstellt, um festzustellen, ob Hakamada sein Erbe antreten könne. Der Arzt kam zu dem Schluss, Hakamada leide unter Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch den langen Gefängnisaufenthalt. 2008 untersuchte ihn ein weiterer Arzt. Er fragte ihn, was eine Hinrichtung sei, woraufhin Hakamada antwortete: "Die Weisheit stirbt nicht. (…) Es gibt viele Frauen in der Welt und viele Tiere. Jeder lebt und fühlt etwas. Elefanten, Drachen. Ich werde keineswegs sterben."
Hakamada starb nicht. Im Laufe der Jahrzehnte amtierten in Japan etwa sechzig Justizminister, von denen keiner die Hinrichtung autorisierte. Damit Hakamada 2014 freikommen konnte, musste jedoch erst ein anderer Mann an die Öffentlichkeit treten: Norimichi Kumamoto, einer der drei Richter, die den Boxer einst verurteilt hatten.Während Hakamada im März 2015 seinen 79. Geburtstag feiert, liegt Kumamoto nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Er leidet außerdem unter Alzheimer, Parkinson und Krebs im fortgeschrittenen Stadium und kann nicht mehr sprechen.
2007 hatte Kumamoto öffentlich erklärt, er halte Hakamada für unschuldig und sei schon immer dieser Auffassung gewesen. Doch hätten ihn die beiden anderen Richter damals überstimmt. Die waren mittlerweile gestorben. Auch Kumamoto war bereits betagt und hatte bei seinem Auftritt im Fernsehen und in New York bei Amnesty International sichtlich Mühe, zu sprechen. Er sagte Sätze wie: "Jeden Tag bete ich, dass Hakamadas Unschuld anerkannt und er aus dem Todestrakt entlassen wird". Der ehemalige Richter brachte den Fall wieder in die Medien und wies damit auf die Fehlbarkeit der japanischen Justiz hin, die eine Verurteilungsrate von mehr als 99 Prozent aufweist.
Kumamoto war der Richter, der das Urteil 1968 schreiben sollte. Die Urteilsbegründung liest sich stellenweise wie eine Verteidigung:
Kumamoto wurde überstimmt und schwieg. Ihm stand eine steile Karriere bevor, nachdem er mit nur 29 Jahren bereits Richter geworden war. Vor dem Fall Hakamadas hatte er bereits fünf Todesurteile gefällt. Es war nicht die Todesstrafe an sich, die er hinterfragte, sondern die Verurteilung des Boxers. Nach dem Urteil gab Kumamoto seinen Richterberuf auf, er arbeitete als Lehrer und Anwalt und verließ seine Frau und seine beiden Töchter. Er zog umher und wurde obdachlos. Erst als er auf eine neue Frau traf, erzählte er von Hakamada und seinen Zweifeln. Der Sohn seiner neuen Freundin richtete einen Blog ein, in dem sich Kumamoto äußerte. Die japanische Justiz reagierte. Das Verfahren wurde wieder aufgerollt.
Nach dieser Entscheidung des Landgerichts Shizuoka kam Hakamada 2014 frei, nach 48 Jahren Haft. Wer 1966 die vier Morde verübte, wurde nie geklärt. Der einzige Verdächtige war Hakamada, und die Beweise gegen ihn waren offenbar gefälscht. Er wollte nicht mitkommen, als die Anwälte und seine Schwester Hideko ihn abholen wollten. "Du bist jetzt frei." "Ihr lügt", sagte er. Wenn es in seiner Realität kein Gefängnis gibt, wozu sollte er es verlassen? Hideko kam am nächsten Tag wieder, um ihren Bruder mit nach Hause zu nehmen. Sie wollte in Tokio in den Shinkansen, den japanischen Hochgeschwindigkeitszug, steigen und nach Hamamatsu fahren. Doch schon bei der ersten Autofahrt musste sich Hakamada übergeben.
Sie blieben erst einmal in Tokio. In einem Hotel schlief Hakamada das erste Mal in seinem Leben in einem Bett und nicht auf einem Futon auf dem Boden. "Er ist rumgekugelt und hatte Probleme, aufzustehen, weil es so weich war", erzählt Hideko. Am nächsten Tag brachte sie ihn in ein Krankenhaus. Erst zwei Monate später war ihr Bruder in der Lage, die Fahrt nach Hause anzutreten – durch eine ihm völlig fremde Welt.
Hochgeschwindigkeitszüge, sprechende Rolltreppen, Leuchtreklame. Hakamadas Augen bewegen sich nicht, sie schauen sich die Welt, die er nicht kennt, gar nicht an. Gleichmütig wie eine Darumafigur aus Pappmaché. Seine Geburtsstadt Hamamatsu hat sich verändert. Er kennt weder die 'Act City', einen Shopping-Hotel-Büro-Komplex mit einem 45-stöckigen Turm, noch die Fastfood-Ketten gegenüber vom Bahnhof. Zunächst sprach Hakamada überhaupt nicht. Er habe nur gebrabbelt, doch habe man kein Wort verstanden, erzählt Hideko. Er habe in eine Richtung gesprochen, in der sich niemand befand. "Das war etwas unheimlich." Und er lief ruhelos durch die Wohnung. "Es gab Tage, an denen ist er zehn Stunden durch das Apartment spaziert."
Hakamada ist während der 48 Jahre im Gefängnis ein alter, gebrechlicher Mann geworden. Inzwischen spricht er, und auch wenn das Wenigste davon Sinn ergibt, schaut er sein Gegenüber doch an. "Gibt es Drachen?", fragt er. Hideko hält es wie bei ihren Besuchen im Gefängnis: Sie achtet weniger darauf, was er sagt, sondern vielmehr darauf, ob er eine gute Gesichtsfarbe hat.
Jeden Morgen um 4 Uhr 30 steht Hakamada auf. Es dauert etwa eine Stunde, bis er für das Frühstück bereit ist. Zehn Minuten aufstehen, zehn Minuten im Bad, zehn Minuten Futon zusammenfalten, zehn Minuten anziehen… Es ist ein Leben in Zeitlupe. "Ich glaube schon, dass er die Wohnung mittlerweile kennt. Als einen Ort, an den er zurückkehrt und an dem er sich sicher fühlen kann", sagt Hideko. Sie glaubt, dass er läuft, um in seiner Welt etwas zu bewegen. "Dagegen gibt es keine Medizin."
Sie holt alte Fotos aus dem Schrank: Hakamada als kleiner Junge in Badehose mit seinen fünf Geschwistern. Hakamada mit Boxhandschuhen, die er zur Abhärtung verkehrt herum trug. Hakamada bei der Hochzeit einer seiner Schwestern. Hakamada in Manila. Das letzte Bild in Freiheit zeigt Hakamada 1966 in der Misofabrik in Shimizu, ein Handtuch um den Nacken.
In einer Vitrine steht neben Büchern über den Fall Hakamada "Sofies Welt", eine Einführung in die Philosophie für Kinder. Kleine gestrickte Boxerfiguren hängen an der Wand neben Origami-Kranichen, dem japanischen Symbol für Glück und Langlebigkeit. Es sind alles Geschenke. "Ich bekomme zu viele, ich brauche das alles nicht", sagt Hideko lachend.
Hideko lächelt immer und lacht oft. Es ist das für Japan so typische versöhnliche Lächeln, das Aiso Warai, hinter dem sich oft schmerzhafte Gefühle verbergen. Es dient nicht nur dazu, die eigenen Emotionen im Privaten zu belassen, sondern auch dazu, das Gegenüber zu schützen: Niemand soll sich verpflichtet fühlen, Hilfestellung zu leisten oder Verständnis zu äußern. Aiso Warai ist die Kunst, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, egal, wie es im Inneren aussieht.
Freunde habe sie kaum, sagt Hideko. Man habe sie nicht wegen ihres Bruders diskriminiert, sie habe sich vielmehr von sich aus zurückgezogen. Sie wollte sich nicht mit Menschen umgeben, die dachten, ihr Bruder sei schuldig. Und außer der Familie habe niemand an seine Unschuld geglaubt. "Ich hatte Angst, die anderen könnten mich beeinflussen." Sie führte ein zurückgezogenes Leben. Einmal dachte Hideko darüber nach, zu heiraten, doch dann verwarf sie die Idee. "Ich hätte mich dann nicht mehr um Iwao kümmern können." Bevor es den Hochgeschwindigkeitszug gab, benötigte Hideko mehr als zwei Stunden, um zum Gefängnis nach Tokio zu kommen.
"Irgendwann", sagt Hideko, "habe ich mein Schicksal akzeptiert." Ein schreckliches Schicksal, ja, aber was bringe es, darüber zu klagen. Gaman shika nai. Das Einzige, was man tun könne, sei durchzuhalten, sagt sie. Gaman, aussitzen, ertragen, dulden. In Japan gilt das als ein Zeichen von Stärke und Reife. Im Ausland wird diese Haltung oft als fehlende Initiative missverstanden.
Hideko erträgt und lächelt. Sie feierte weder das Neujahrsfest noch Geburtstage, solange Hakamada im Gefängnis saß. "Ich wollte ihm nah sein." Er habe doch auch durchgehalten, er habe überlebt.
Hakamada läuft jetzt nicht mehr so viel, vielleicht zwanzig Minuten am Tag. Die restliche Zeit sitzt er im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Er wechselt auch das Programm, aber seine Augen bewegen sich nicht. Er sieht nicht fern, sondern in die Ferne. Dann steht er auf, holt aus einem Regal das Shogi-Spiel, die japanische Variante von Schach, stellt es auf den Couchtisch und setzt sich wieder. Heute spielt er gegen einen seiner Unterstützer. Hakamada beherrscht dieses Spiel, das er als Kind von seinem Bruder gelernt hat. "Iwao, warum bist du so stark im Shogi?" "Weil ich der Stärkste bin." "Verlierst du nie?" "Nein, das geht gar nicht." "Warum?" "Weil das hier ein Haus Gottes ist."
Im Gefängnis wurde Hakamada gläubig. Nachdem die Todesstrafe 1981 durch den Obersten Gerichtshof bestätigt wurde, wurde er Christ. Er nannte sich Paul und wollte sich taufen lassen, da nur Gott ihn beschützen könne. Er zitierte aus der Bibel, schrieb immer häufiger in seinen Briefen über Gott. Er beschäftigte sich so intensiv damit, bis er der Überzeugung war, selbst eine Gottheit zu sein.
Hakamada setzt Stein um Stein und gewinnt auch heute. Nur einmal, sagt seine Schwester, habe er bisher beim Shogi-Spiel verloren, gegen einen Reporter vom japanischen Fernsehen. "Hast Du nicht gestern verloren, Iwao?" "Nein, ich kann nicht verlieren." Weil seine Wohnung Gott gehöre. "Und weil ich darauf warte, dass er zurückkommt, kann ich nicht rausgehen." Deshalb konnte er auch an den Geburtstagsfeiern, die außerhalb der Wohnung für ihn veranstaltet wurden, nicht teilnehmen. Hakamada ist nach all den Jahren gefangen in einer Zelle, gefangen in seinen Vorstellungen. "Eigentlich", sagt ein Unterstützer, "will ich den kämpfenden Iwao sehen, aber ich denke, das ist schwierig. Wichtig ist vor allem, dass er gemütlich leben kann."
Würde Hakamadas Unschuld bestätigt werden, würde er vom japanischen Staat für jeden Tag in Haft 12.500 Yen, also 90 Euro Entschädigung erhalten, insgesamt 1.609.050 Euro. Hideko setzt sich gemeinsam mit Unterstützerinnen und Unterstützern und Anwältinnen und Anwälten dafür ein. Gaman shika nai: Das Einzige, was man tun kann, ist durchhalten. Hideko lächelt. Sie hoffe, dass das Gerichtsurteil bis zu ihrem Tod entschieden sei, sagt sie. Während vor dem Gerichtsgebäude in Tokio für Hakamada demonstriert wird, ist er zu Hause in Hamamatsu und passt auf die Wohnung auf. Er wartet dort nicht mehr auf den Tod, sondern ob Gott vielleicht zurückkommt.
Dieser Text und die Illustrationen erschienen zuerst im Amnesty Journal Ausgabe Juni/Juli 2016.