Amnesty Journal Iran 11. Januar 2010

Mann der leisen Worte

Amir Hassan Cheheltans Bücher erscheinen im Iran meist zensiert. Wie weit seine Regimekritik geht, zeigt sein in Deutschland veröffentlichter Roman »Teheran Revolutionsstraße«. Über einen höflichen Dissidenten, den seine internationale Bekanntheit schützt.

Amir Hassan Cheheltan (53) lebt in diesem Herbst dank eines DAAD-Stipendiums in Berlin. Dort stellte er kürzlich seinen neuen Roman »Teheran Revolutionsstraße« vor. Höflich beantwortete er Fragen wie zum Beispiel: »In dem Buch spielen viele Szenen im Teheraner Evin-Gefängnis. Woher kennen Sie eigentlich die Zustände dort so genau?« Seine Erklärung: »Es gibt in Teheran kaum eine Familie, von der nicht irgendein Mitglied dort gesessen hat. Nichts ist einfacher, als Augenzeugen dafür zu finden.«

Cheheltan tritt leise auf. Er ist genau der Typ Iraner, von dem Europäer erklärt bekommen möchten, was in seinem Land eigentlich los ist. Seit 2004 schreibt er Kolumnen in der »FAZ«. Darin berichtet er vom absurden Alltag daheim, wo man die Bürger bis in die kleinsten Einzelheiten ihres Privatlebens gängelt. Die politischen Exzesse der letzten Zeit betrachtet er als Krämpfe, die sein Land auf dem Weg in die Moderne schütteln. Auf diesem Weg möchte auch er nicht alles kritiklos vom Westen übernehmen, doch mehr noch kritisiert er das Regime der Mullahs.

Seine bislang sechs Romane erschienen im Iran nur mit großer zeitlicher Verzögerung, voller Streichungen und Änderungen. Bemäkelten die Zensoren einmal nichts, so deshalb, weil Cheheltan seine Aussagen zwischen den Zeilen versteckte. »Teheran Revolutionsstraße« schrieb er ohne diese Schere im Kopf. Das Buch erscheint zunächst in Deutschland. In seiner Heimat wäre es undenkbar.

Immer wieder geht es in dem Roman um Heuchelei. Protagonisten sind der chirurgische Autodidakt Fatah, spezialisiert auf die Wiederherstellung zerstörter Jungfernhäutchen und in eine seiner Patientinnen verliebt, der Gefängnisdirektor Keramat und sein Angestellter Mustafa. Schon ein schiefer Blick auf ihre Mütter könnte die drei zur Weißglut bringen. Die ihnen aber jeweils anvertrauten jungen Frauen beschimpfen sie unflätig und quälen sie mit Fleiß. Fatah, indem er die Jungfernhäutchen schmerzhafter wieder zusammennäht als nötig, die beiden anderen foltern und töten im Evin-Gefängnis.

Der Roman lässt Teheran lebendig werden, so zum Beispiel den Platz Ssabse Maydan: »Schuhläden und Straßenhändler, die grobe Waschhandschuhe, sprechende Ziervögel und Viagra-Pillen verkauften. Den Faulenzern, die dort herumlungerten und die Rundungen städtischer Frauen musterten, hingen die Hosenzwickel bis in die Kniekehlen und in ihren Mundwinkeln glänzte der Speichel. Eine Art unterdrückter Gewalt lag in den Molekülen der Luft, die durch ein Antippen hätte freigesetzt werden können.«

Wir bewegen uns unter bettelarmen Leuten, denen inmitten all der politischen Instabilität nur noch Wunderheiler und Orakel den Glauben an ein Morgen vermitteln – das Regime stützt sich auf die Unwissenheit und Schwächen vieler seiner Bürger.
Seit der Islamischen Revolution 1979 gab es immer wieder Hexenjagden auf vorwiegend junge Demokraten, Häretiker und Kommunisten. Die jüngsten Unruhen erscheinen als Fortsetzung früher niedergeschlagener Oppositionsbewegungen. Auch 2009 verschwanden junge Menschen im Evin-Gefängnis.

Amir Hassan Cheheltan studierte in den nachrevolutionären Jahren Elektrotechnik, veröffentlichte erste Erzählungen, war kaum politisch aktiv und blieb von Verfolgungen verschont. Seine letzten zwei Studienjahre verbrachte er in England. Ab 1985 arbeitete er als Ingenieur an einem Wissenschaftszentrum in ­Teheran – und schrieb weiter.

Seine Texte brachten ihm bald Drohungen ein. 1998 spitzte sich die innenpolitische Lage zu. Freunde warnten ihn davor, die Wohnung zu verlassen. Er verbarrikadierte sich in Todesangst. 1999 konnte er mit seiner Frau und dem kleinen Sohn für zwei Jahre als »Writer in Residence« in der Toskana leben.

Als er nach Teheran zurückkehrte, verlor er seine Stelle. Nun musste das Schreiben ihn ernähren. Helden weiterer Romane Cheheltans sind ein vom Schah-Geheimdienst Entführter oder ein iranischer Kommunist. In einem Filmskript von ihm wird eine Soldatenmutter interviewt. Er leitete Literatur-Workshops und eine Online-Literaturzeitschrift und wurde 2001 in den Vorstand des iranischen Schriftstellerverbandes gewählt. Dank seiner zahlreichen Veröffentlichungen im Ausland mussten die ­Teheraner Machthaber allmählich mit ihm rechnen.
Cheheltan, der viel im Ausland unterwegs ist, hat einmal ­gesagt, zu Hause hasse er Teheran eher, aus der Ferne liebe er es mehr. Die Rückkehr in den Iran war für ihn jedes Mal selbst­verständlich. Zwar bezeichnet er sich als »Emigrant im eigenen Land«, doch findet er dort seine schriftstellerischen Impulse.

»Teheran Revolutionsstraße« handelt auch davon, wie die Liebe zu einem Mädchen namens Schahrsad in dem Chirurgen Fatah und in Mustafa die Sehnsucht nach einem rechtschaffeneren Dasein weckt. Was sie nicht ahnen: die staatliche Terrormaschine rollt auch über ihr Privatleben hinweg, sie sind längst nicht nur Täter, sondern auch Opfer.

Einer der Höhepunkte des Romans ist der Besuch von Schahrsads Onkel aus der Provinz im Evin-Gefängnis. Er will sich dort ein besseres Bild von der Arbeit Mustafas machen, der um die Hand seiner Nichte angehalten hat. Beim Blick auf den Gefängnishof sieht er mehrmals Gruppen junger Menschen mit Binden vor den Augen, die fortgeführt werden. Als der Folterer Mustafa den Raum betritt, schnürt etwas dem Onkel die Kehle zu: »Er mühte sich und fragte schließlich wie ein überaus bekümmerter Träumer, ›Wohin bringt man Euch, mein Sohn?‹«

Von Barbara Kerneck. Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

Amir Hassan Cheheltan: »Teheran Revolutionsstraße«. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. P. Kirchheim, München 2009, 208 Seiten, 22 Euro.

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