Amnesty Journal 10. November 2010

"Sie haben das im Blut"

Besonders in Zeiten von Wirtschaftskrisen nimmt der Hass gegen Roma zu. So wie in einigen Dörfern in Rumänien. Dort wollen viele Bewohner die unliebsame Minderheit lieber heute als morgen verjagen. Eine Spurensuche in Siebenbürgen.

Von Keno Verseck

Der Bürgermeister faltet die Hände, holt Luft und atmet entnervt aus. Er versteht nicht, warum man noch wegen der Zigeuner kommt und nachfragt, es ist doch schon ein Jahr vergangen und seither wieder ­alles friedlich. "Die meisten Zigeuner haben sich angepasst", sagt Ernö Székely, "von Diebstählen habe ich nichts mehr gehört, es gab also einen Fortschritt. Aber in bestimmter Hinsicht können sie sich nicht ändern, sie sind und bleiben eben Zigeuner." Worin äußert sich das? "Sie benutzen keine Toiletten", sagt Ernö Székely. "Und wirklich ernsthafte Arbeit kann man ihnen nicht geben, sie sind unfähig, sie zu erledigen, sie können höchstens die Straße fegen."

In der Dorfbar, dort, wo vor einem Jahr alles begann, sitzt der Tierarzt Ferenc Bors vor seinem Bier und blickt in den Raum. "Der Friede wird nicht von Dauer sein", sagt er. "Wir haben hier ein Sprichwort. 'Der Zigeuner kann morgens und mittags keiner sein, abends ist und bleibt er doch ein Zigeuner.' Sie haben das im Blut, es ist einfach ein genetisches Problem." Gegenüber der Bar befindet sich die "Zigeunerzeile", wie sie im Dorf heißt, ein Gelände, etwa dreißig mal fünfzig Meter, auf dem in winzigen, halbverfallenen Holzhütten zwanzig Roma-­Familien leben, zusammen mit Pferden, Ziegen und Hunden. Niemand hat eine feste Arbeit, fast alle sind Analphabeten. Die Kinder spielen im Dreck, es gibt ein, zwei Fernseher mit Satellitenantenne, einen einzigen Wasserhahn, keine Kanalisation.

Zwischen den Hütten, umringt von Männern, steht der ­Bulibascha János Gráncsa, 54, der Führer der Roma im Dorf. Er wohnt weiter oben am Dorfrand mit seiner Familie in einem richtigen Haus. Gráncsa streicht sich bedächtig über seinen langen, grauen Schnauzbart. "Der Zigeuner kann jetzt wieder friedlich neben dem Ungar auf der Straße gehen, Gott sei´s gedankt", sagt er. Die Männer aus den Hütten, die um ihn herumstehen, nicken schweigend. Gráncsa will nichts mehr aufwühlen. Nicht mehr jede hässliche Bemerkung, die irgendwo im Dorf über seine Leute und ihn fällt, so ganz genau hören. Kann man die Ausschreitungen gegen die Roma im Dorf, die nur knapp verhinderte Lynchjustiz vergessen? Gráncsa lächelt. "Was zählt, ist, dass wir Ruhe haben, Gott sei’s gedankt", sagt er. Er versucht, gelassen zu klingen, doch man hört die Zweifel in seiner rauen Stimme, man hört die Angst.

Spurensuche in Sâncraieni, ein Jahr danach: In dem 2.400-Einwohner-Dorf im Szeklerland in Ostsiebenbürgen, eine Gegend überwiegend bewohnt von der ungarischen Minderheit Rumäniens, war es am 9. Juli 2009 zu schweren Ausschreitungen gegen die rund 200 Roma im Dorf gekommen. Auslöser: Ein Streit zwischen einem Ungar und einem Rom in der Dorfbar am Tag zuvor. Ersterer hatte, so die Version der Polizei, mit einem Hocker nach dem Rom geworfen, der dann auf den Ungarn mit einem Messer einstach und ihn schwer verletzte. Die Polizei leitete ein Ermittlungsverfahren gegen den Rom ein, ließ ihn jedoch unter der Auflage täglicher Meldepflicht wieder frei.

Daraufhin versuchten die Ungarn im Dorf, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. Am Tag nach dem Streit versammelten sich rund 400 Personen vor der "Zigeunerzeile" und verlangten die Auslieferung des Messerstechers. Die Roma flohen, die wütende Menge verwüstete ihre Häuser, jemand zündete einen Heuhaufen in einer Scheune an, ein Pferd, das darin angebunden war, verbrannte lebendig. Bevor die Menge Menschen lynchen konnte, traf aus der nahegelegenen Kreisstadt Miercurea Ciuc eine Hundertschaft Polizei ein und zerstreute den Mob. Die Polizei blieb noch tagelang. Langsam kehrten die Roma ins Dorf zurück. Der Messerstecher kam in Untersuchungshaft. Die Polizei konnte keinen der Randalierer dingfest machen.

Vier Tage nach den Ausschreitungen legten der Bürgermeister und neun Mitglieder des Gemeinderates dem Bulibascha János Gráncsa einen schriftlichen "Pakt für ein friedliches Zusammenleben" vor. Er umfasste elf Punkte. Unter anderem: das Verbot, Hunde zu halten, wenn diese nicht angeleint sind; das Verbot für Roma, Weide- und Ackerland zu betreten; das Verbot der Pferdehaltung für Roma, die nicht mindestens selbst einen halben Hektar eigenes oder Pachtland besitzen; die Verpflichtung zu "zivilisiertem Verhalten" sowie die Verpflichtung, "Diebstähle einzustellen". Es war in der postkommunistischen Geschichte Rumäniens ein einzigartiger Vertrag. János Gráncsa und weitere zwölf Vertreter der Roma von Sâncraieni unterschrieben. Sie dachten nicht über Kollektivstrafen nach und nicht darüber, ob der Pakt Grund- und Bürgerrechte außer Kraft setzte. Sie wollten im Dorf bleiben. Sie hatten Angst, sie würden vertrieben werden, wenn sie nicht unterschrieben. "Ich habe dem Volk damals versprochen, dass wir Zigeuner uns anständig verhalten werden", sagt János Gráncsa heute, "und daraufhin hat sich das Volk dann beruhigt". Frage an den Bürgermeister: Hat die Staatsanwaltschaft wegen des "Paktes" ermittelt? Ernö Székely versteht die Frage nicht. "Niemand hat ermittelt! Warum auch?", sagt er aufbrausend. "Ich kann doch private Verträge abschließen, mit wem ich will!"

Die Ausschreitungen in Sâncraieni waren der schwerste Fall kollektiver Gewalt gegen Roma in Rumänien seit mehr als einem Jahrzehnt. Bis Mitte der neunziger Jahre hatte es im Land Dutzende pogromartiger Angriffe auf Roma gegeben, in einem besonders schweren Fall waren 1993 in dem siebenbürgischen Dorf Hădăreni drei Roma unter den Augen örtlicher Polizisten gelyncht worden. In den folgenden Jahren hatten rumänische Behörden jedoch – vor allem auf Druck von Bürgerrechtsorga­nisationen und der EU – konsequenter gegen antiziganistische Gewalttäter durchgegriffen und die Ausschreitungen damit eingedämmt. Und nun wieder. Ein Einzelfall, ein unglücklicher Zufall? Wohl nicht. Es gärt zwischen Roma einerseits und der Mehrheit andererseits. Wie überall in Osteuropa so auch in Rumänien. Die Roma verlieren den sozialökonomischen Anschluss, sie sind die Hauptverlierer des Übergangs zur Marktwirtschaft, von Globalisierung und Weltwirtschaftskrise, und sie sind seit einigen Jahren auch Opfer eines rassistischen Diskurses, der in Osteuropa stark zunimmt.

Innerhalb Rumäniens gärt es besonders im Szeklerland. Die Region ist gegenüber dem Rest des Landes weit zurückgeblieben. Schon der Diktator Ceausescu und sein Apparat waren an der sozialen, ökonomischen und infrastrukturellen Entwicklung der Minderheitenregion nicht interessiert, und an dieser Politik hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten wenig geändert. Bereits vor 1989 setzte ein Exodus nach Ungarn ein, inzwischen ist die Elite der ungarischen Minderheit größtenteils ausgewandert. Die ungarisierten Roma der Gegend leben bis auf wenige Ausnahmen unter besonders elenden Bedingungen, die sozialen und kulturellen Bindungen zu anderen Roma im Land sind abgeschnitten.

Spurensuche, ein Jahr danach
Sâncraieni ist eines der wenigen besser situierten Dörfer im Szeklerland. Im Unterschied zu den meisten anderen Orten gibt es hier einen großen Betrieb: die Mineralwasserfabrik "Perla Harghitei", in der rund 350 Leute arbeiten. Ansonsten sieht es aus wie in den meisten Dörfern in der Region: Bescheidene alte Bauernhäuser mit großen Gärten, Kühe, Schweine, Ziegen, Hühner und Gänse in den Höfen, auf der Dorfstraße gibt es viel Pferdewagenverkehr. Die meisten Leute leben von einer museumsreifen Subsistenzwirtschaft. Mitten im Dorf, an der Hauptstraße das kleine Roma-Ghetto mit seinen winzigen, elenden Hütten aus Holz, Lehm und Wellasbest. Hier, am Schauplatz der Ausschreitungen von vor einem Jahr, wohnt die eine Hälfte der 200 Roma im Ort. Fast alle heißen Gráncsa oder Restás, doch die meisten sind nur entfernt miteinander verwandt. Niemand hier hat einen Schulabschluss, niemand eine feste Arbeit. Im Hof spielen Kinder, Frauen in bunten Röcken waschen in Emailleschüsseln Wäsche, eine Romni schrubbt die Dielen ihrer Hütte, Männer mit schwarzen Hüten palavern.

Niemand möchte daran erinnert werden, was damals geschah. Ja, es habe einige Heudiebstähle gegeben, und der Messerstecher sei ein Radaubruder gewesen, sagen die Männer und Frauen widerwillig, aber jetzt herrsche Friede. Die Roma leben hier seit Generationen. Sie nennen die Ungarn im Dorf wahlweise "das Volk" oder "die Einwohnerschaft". "Jetzt haben wir ein gutes Verhältnis zur Einwohnerschaft", sagt Zoltán Gráncsa, 26, einer der Männer. Was halten sie von dem "Pakt für ein friedliches Zusammenleben"? Die Männer zucken die Schultern, sie können nicht lesen, der Bulibascha János Gráncsa hat ihnen nur gesagt, was drin steht. "Es gibt keine Probleme mehr", wiederholen einige der Männer. "Nur Arbeit, von der wir unsere Familien ernähren können, haben wir nicht."

In einer der Hütten wohnt Mária Gráncsa, die Frau des Messerstechers. Sie ist klein, zierlich, 28 Jahre alt. Ihre Gesichtszüge haben etwas Jugendliches und zugleich etwas sehr Herbes. Bevor sie den Besucher einlässt, rückt sie ihr Kopftuch zurecht, bittet eine Nachbarin zu sich und zieht ihre besten Kleider an, einen geflickten rötlichen Taftrock und eine dunkle Bluse mit gelben Blümchen. Mária Gráncsa lebt mit ihren drei Kindern, sechs, acht und zehn Jahre alt, auf drei mal vier Quadratmetern. In der Holzhütte stehen ein Bett, zwei Tische, zwei Stühle, ein Schrank, ein eiserner Ofen und ein Sack Kartoffeln. Über dem Bett hängt ein Bild der Heiligen Jungfrau mit dem Jesuskind.

Auch Mária Gráncsa will sich nicht gern erinnern. Sie weiß noch, dass ihr Mann Gábor am Nachmittag des 8. Juli 2009 mit Platzwunden am Kopf und blutüberströmt nach Hause kam, kurz darauf brachte ihn ein Rettungswagen ins Krankenhaus, ebenso wie den Ungarn, auf den er eingestochen hatte. Am nächsten Tag floh Mária Gráncsa vor dem wütenden Mob mit ihren drei Kindern in den Wald und kam dann nach einer Nacht unter Polizeischutz wieder. Da saß ihr Mann schon in Untersuchungshaft. Einige Wochen später wurde er zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, die Höchststrafe für versuchten Mord.

Seitdem muss Mária Gráncsa allein klarkommen. Sie lebt wie alle anderen hier von Sozialhilfe, umgerechnet 30 Euro im Monat. Dafür muss sie an zwei Tagen pro Woche im Dorf gemeinnützige Arbeit leisten, auf den Dorfstraßen kehren oder Müll einsammeln. Wenn es bei Bauern Arbeit auf den Feldern gibt, verdingt sie sich als Tagelöhnerin, von sieben Uhr früh bis sieben Uhr abends, für sieben Euro und drei Mahlzeiten. Außerdem bekommt sie noch zehn Euro Kindergeld monatlich pro Kind.
Sie hat ihr ganzes Leben lang hier im Dorf gelebt, mit siebzehn ihren Mann Gábor geheiratet, seitdem wohnt sie in dieser Hütte. Sie kann sich nur schlecht ausdrücken, sie ist nie zur Schule gegangen. Sie könnte ihren Mann jede Woche im Gefängnis in der Kreisstadt Miercurea Ciuc besuchen, es sind sieben Kilometer mit dem Maxi-Taxi oder dem Zug, aber sie hat das Geld dafür nicht, deshalb besucht sie ihn höchstens alle zwei Monate. "Jetzt gibt es keine Probleme mehr mit der Einwohnerschaft, Gott sei Dank", sagt sie, "aber ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Mein Mann hat so viele Jahre bekommen, wovon soll ich meine Kinder ernähren und Brennholz für den Winter kaufen?"

Wie es weitergehen soll, darüber sinniert auch der Bulibascha János Gráncsa, der Führer der Roma im Dorf. Er hat warme, gütige, ein wenig furchtsam blickende und zugleich sehr lebenserfahrene Augen. János Gráncsa ist einer der wenigen Roma im Dorf, die fließend lesen und schreiben können, er hat vor 1989 in der landwirtschaftlichen Genossenschaft, dann in der Mineralwasserabfüllung gearbeitet, er war sogar Parteimitglied, jetzt betreibt er ein wenig Landwirtschaft. Seit Generationen lebt seine Familie hier im Dorf, seit Generationen hat sie das Amt des Bulibaschas inne, Gráncsa selbst hat es 1984 von seinem Vater übernommen, da war er gerade 28 Jahre alt. Es ist ein Ehrenamt, er muss schlichten, wenn es Streit gibt, er organisiert Hilfe, wenn jemand stirbt oder in großer Not ist, und wenn die Dorfpolizei etwas von einem Rom will, dann ruft sie meistens erst einmal ihn an. Der Bürgermeister nennt ihn mit ironischer Herablassung "Häuptling" und duzt ihn natürlich. Gut möglich, dass er ihm manchmal etwas Geld zusteckt.
Das Bulibascha-System ist eine archaische und ziemlich ­undurchsichtige Sache für ein EU-Land. Aber es passt gut in die byzantinische Vetternwirtschaft, die in Rumänien herrscht. Natürlich kann man mit János Gráncsa über solche prämodernen Strukturen nicht diskutieren, ebenso wenig wie über Kollektivstrafen und über Grund- und Bürgerrechte. Er will Ruhe, er will Arbeit für seine Roma, er will, dass sie ein wenig Anschluss finden. Wie könnte das gelingen?

János Gráncsa sitzt in der guten Stube seines Hauses, sie ist über und über bemalt mit bunten Blumenmustern, viele Teppiche liegen aus, und auf dem Bett türmen sich Kissen mit feinen Bezügen. Am Tisch sitzt neben dem Bulibascha sein Enkel, auch er heißt János. Er ist ein schmaler Junge mit feinen, leicht melancholischen Gesichtszügen, 15 Jahre alt, der ganze Stolz der Familie. Denn er hat es als erster und einziger Rom im Dorf seit Menschengedenken aufs Gymnasium in die Kreisstadt geschafft. Voller Zärtlichkeit blickt der alte Gráncsa seinen Enkel an, und dann antwortet er auf die Frage.

"Lernen, lernen, lernen."
Der alte Gráncsa hat sechs Kinder, vier Söhne und zwei Töchter, niemand von ihnen kann richtig lesen und schreiben. János der Enkel aber hat offenbar Talent. Das Glück des kleinen Jungen in der Grundschule war eine Lehrerin, die nichts gegen Zigeuner hatte, die ihn beiseite nahm und ihm beim Lernen half, und später war sein Glück der Schuldirektor, der die Gráncsas ermutigte, den Jungen aufs Gymnasium zu schicken. Jetzt ist es soweit gekommen, dass János seinem Vater und seinen Onkeln ­dabei hilft, Lesen und Schreiben zu lernen, denn auch sie wollen das jetzt können. János träumt davon, Architekt zu werden, er würde gerne studieren. "Aber ob das klappt…", fragt er zweifelnd. "Das Geld dafür haben meine Eltern jedenfalls nicht." Der Vater von Emese Jóni hatte Geld. Er legte Wert auf die Bildung seiner Tochter, nicht darauf, dass sie möglichst schnell heiratet. Sie durfte studieren, sie wurde Soziologin. Jetzt will sie etwas von dem, was sie erhalten hat, zurückgeben. Seit den Ausschreitungen kommt sie jeden Tag für drei, vier Stunden zu den Roma ins Dorf und hört sich ihre Sorgen an. Es ist keine dankbare und keine gut bezahlte Arbeit, aber sie will verhindern, dass es noch einmal soweit kommt wie letztes Jahr.

Die 37-Jährige stammt aus einer bekannten siebenbürgischen Dynastie von Roma-Musikern, sie wuchs in Miercurea Ciuc auf, ihr Vater ist ein Violinvirtuose. Ihre langen schwarzen Haare mit den blonden Strähnchen hat Emese Jóni fesch hochgesteckt, sie trägt ausgewaschene Jeans, dazu ein weißes Top mit aufgedruckten Blümchen. Und doch wirkt sie nicht flippig, sondern ernst und bodenständig. Sie arbeitet seit acht Jahren als so genannte Mediatorin: Sie geht in Roma-Gemeinden, berät vor allem Frauen in Gesundheitsfragen und Familienplanung, ermutigt Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken, organisiert Arztbesuche und Impfungen, hilft bei Behördengängen und bei der Arbeitssuche – kurz, sie leistet umfassende Sozial- und Betreuungsarbeit.

Nach den Ausschreitungen im vergangenen Jahr stellte der Bürgermeister Emese Jóni an. Sie soll kontrollieren, ob die Roma den "Pakt für ein friedliches Zusammenleben" auch einhalten. Emese Jóni könnte sich empören über dieses Papier und über den Bürgermeister, aber sie sieht die Sache pragmatisch. "Irgend jemand muss sich doch darum kümmern, dass die Roma Anschluss finden", sagt sie.
Haben sie den inzwischen gefunden? "Es herrscht mehr Sauberkeit und Hygiene", sagt sie, "die Leute versuchen, Essenzeiten für ihre Kinder einzuhalten, sie schicken sie in den Kindergarten und regelmäßiger zur Schule, wir haben sie impfen lassen. Das ist ein großer Fortschritt. Doch es bedarf noch vieler Jahre Arbeit. Vor allem aber brauchen die Leute selbst eine Perspektive. Im Sommer kommen sie mit Tagelöhnerarbeit gerade so über die Runden. Aber im Winter nur von Sozialhilfe zu leben, das ist wirklich eine Kunst." Müsste man nicht eigentlich auch bei den Ungarn im Dorf Sozialarbeit machen? Um Vorurteile abzubauen? Emese Jóni lacht. Sie überlegt eine Weile, dabei wird ihre Miene immer ernster. "Es wird noch lange dauern, bis die Roma einigermaßen akzeptiert sind. Vielleicht wird der Hass auch niemals aufhören."

Kinga Tompos und Andrea Kis haben die Roma nicht gehasst, sie hatten niemals schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. Aber sie fanden, dass es Menschen gibt und Zigeuner. So hatten es ihnen ihre Eltern beigebracht. Heute schämen sie sich dafür. Die beiden Frauen, 34 und 29, sind Lehrerinnen an der Grundschule in Sâncraieni. Vergangenen Herbst fragten Emese Jóni und der Schuldirektor, ob sie einen Alphabetisierungskurs für erwachsene Roma machen würden. Sie lehnten entrüstet ab, sie hatten Angst vor den Männern mit den schwarzen Hüten. Emese Jóni redete auf die beiden Frauen ein, versprach, dass sie in den ersten Unterrichtsstunden dabei sein würde. Der obligatorische Alphabetisierungskurs für Erwachsene war ein Punkt aus dem "Pakt für ein friedliches Zusammenleben". Emese Jóni hatte den Punkt ernst genommen. Auf ihr Betreiben hin bezahlte das Bürgermeisteramt die beiden Lehrerinnen. Im November vergangenen Jahres begann der Kurs, zwei Mal pro Woche eine Doppelstunde Lesen und Schreiben. Von ­anfangs siebzehn Männern blieben zwölf. "Mein Bild über sie hat sich schnell völlig geändert", sagt Kinga Tompos, "sie waren pünktlich, sauber angezogen, haben fleißig gelernt und uns respektvoll behandelt. Sie sind einfach Menschen, genau wie wir."

Im Januar strich der Bürgermeister das Geld für den Kurs. Die beiden Lehrerinnen machten erst einmal weiter. Im April baten sie freundlich um ihren Arbeitslohn. Der Bürgermeister schimpfte, er sagte, die Zigeuner würden ohnehin nicht lernen, das sei doch klar, deshalb habe so ein Kurs auch gar keinen Sinn. Er duzte die Lehrerinnen und sagte ihnen, sie würden Geld für den Monat Mai bekommen und dann sei Schluss. Die beiden Frauen sind noch heute enttäuscht über die herablassende Behandlung. Niemand aus dem Bürgermeisteramt hat ihre Arbeit und die Lernergebnisse der Roma gewürdigt oder wenigstens nur einmal hospitiert. Dafür hat Emese Jóni von einer privaten Stiftung eine Finanzierung für einen Folgekurs bekommen. "Ab Herbst geht es weiter", sagt Kinga Tompos begeistert, "wir haben wegen des vorzeitigen Kursendes ja nicht alle Buchstaben geschafft."
Wie viele Ungarn im Dorf waren bereit, ihr Bild von den Roma zu hinterfragen? Nicht viele, sagt Emese Jóni lapidar. Sind die Lehrerinnen eher eine Ausnahme? Ja, sagt Emese Jóni. Ist das wenig nach einem Jahr Arbeit? Viel? Emese Joni weiß nicht, was sie sagen soll. Vielleicht muss man woandershin blicken, um zu ermessen, was sie erreicht hat, in den Nachbarort, wo niemand wie sie arbeitet.

Spurensuche fünf Kilometer weiter, in Sânmartin
Es ist ein ähnliches Dorf, die Roma leben unter ähnlichen Bedingungen, nur ein großer Betrieb mit vielen Arbeitsplätzen fehlt. Auch dort kam es im vergangenen Jahr zu Ausschreitungen. Anlass waren die Pferde einer Roma-Familie, die auf einer privaten Wiese geweidet hatten. Als sie der Aufforderung nicht nachkamen, sie zu entfernen, hatten sich Dutzende Dorfbewohner zusammengetan und sämtliche Roma aus dem Dorf vertrieben und deren Häuser demoliert. Auch hier verhinderte nur ein tagelanger Polizeieinsatz Schlimmeres. Einige Roma-Familien verbargen sich wochenlang in umliegenden Wäldern oder bei Verwandten in anderen Dörfern. Noch immer sind Schmierereien mit Hetzparolen auf den Holzzäunen um einige Grundstücke der Roma zu sehen, noch immer ­erzählen einige Roma mit Schrecken davon, wie sie im vergangenen Jahr tagelang in den Wäldern umherirrten, wie sie von Männern auf Quad-Motorrädern gejagt wurden. Es gibt kleine Lebensmittelgeschäfte im Dorf, in denen Roma nicht bedient werden. Schikanen, wohl mit dem Ziel, die Roma aus dem Dorf zu vertreiben.

Die Ruhe im Ort ist zum Zerreißen angespannt. Vielleicht merkt man das nirgendwo deutlicher als im Haus von Levente Birtalan. Der 30-Jährige ist ein smarter, gutaussehender Kleinunternehmer mit einer schwarzen Kurzhaarfrisur. Er handelt mit Papierwaren und Büroausstattungen, er ist Vater zweier kleiner Kinder. Im Wohnzimmer der Birtalans hängt ein Bogen an der Wand. Levente Birtalan nimmt ihn, legt einen Pfeil ein und spannt die Sehne. "Die Pfeile habe ich selbst gefertigt", sagt er, "sie können Leben auslöschen." Er schaut den Besucher prüfend an. "Kommen Sie mal!" Draußen im Garten spielen die Kinder Mátyás und Orsólya, fünf und drei Jahre alt. Am hinteren Hofende steht eine Scheune. "Es war in einer Nacht, im Januar 2009", erzählt Levente Birtalan, "da hörte ich in der Scheune Geräusche. Ein Zigeuner war eingebrochen. Ich nahm meinen Bogen und stellte ihn. Ich drückte ihm eine Schaufel in die Hand und befahl ihm, sein eigenes Grab zu graben. Als er fertig war, nahm ich eine Flasche Schnaps, wir tranken beide ein Glas, dann sagte ich, er solle zu seinen Zigeunern gehen und ihnen sagen, das nächstes Mal jemand tot in dem Grab liegen werde. Seitdem hat sich nie wieder einer blicken lassen."
Birtalans Kinder spielen im Sand und hören die Geschichte halb mit an. Als eines hinfällt und weint, springt sein Vater schnell herbei und tröstet es. Birtalan ist ein liebevoller Vater.

Wie würde er die Probleme der Roma lösen? Er grinst. "Was bedeutet das: Einen Zigeuner in Schwefelsäure zu werfen?" Er wartet einen Augenblick. Dann sagt er: "Das Problem zu lösen." Er lacht. In seinen Augen lodert Hass. Und noch viel mehr als das. Etwas Krankhaftes. Man möchte es nicht weiter ergründen, man möchte gehen. "Mal im Ernst", fährt er fort, "ich würde sie zur Zwangsarbeit in Bergwerke schicken, da passieren ja ab und zu auch Unfälle, und dann gehen wenigstens ein paar von ihnen drauf. Oder man gibt ihnen ein Reservat, schließt sie dort eine Zeit lang ein und schaut, was passiert." Zum Abschied erteilt Levente Birtalan dem Besucher noch einen Rat. "Reden Sie nicht zuviel mit den alteingesessenen Bauern im Dorf. Die haben wirklich drastische Ideen zur Lösung des Zigeunerproblems."

Der Autor arbeitet als freier Journalist zu südost­europäischen Ländern.

Weitere Informationen zur Lage der Roma in Rumänien und Italien und Aktionsvorschläge finden Sie auf ­[www.amnesty.de/wohnen](www.amnesty.de/wohnen "Amnesty-Kampagne "Wohnen in Würde"")

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