Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal April 2012

Wo das Gras am höchsten wuchs

Registriernummer 5324. Exhumierung von Antonio Fernández Gonzalez.: Foto: Bodo MarksRegistriernummer 5324. Exhumierung von Antonio Fernández Gonzalez.: Foto: Bodo Marks
Geschätzte 150.000 Opfer der Franco-Diktatur liegen in Spanien nach wie vor in anonymen Massengräbern. Der "Pakt des Schweigens" hat eine ganze Generation
zum Verstummen gebracht. Die Enkel brechen ihn.

Von Shelina Islam

Es ist Vormittag, die Sonne scheint über die Bergkette. Unterhalb des Kilometersteins mit der 13, ein paar Kilometer vom nordspanischen Bergdorf Villanueva de Valdueza entfernt, gräbt sich ein kleiner Bagger langsam durch den Schieferboden am Berghang. Der 28-jährige Archäologe René Pacheco steht über einer der Furchen und blickt konzentriert in die gut einen Meter tiefen Gräben. Der Bagger geht behutsam vor. Jede Erdschicht, die die Schaufel abträgt, kann einen Hinweis geben, Knochen freilegen, Reste von Kleidungsstücken, Knöpfe, Patronenhülsen.

76 Jahre ist es her, seit General Francisco Franco gegen die spanische Republik putschte; bis 1975 herrschte sein faschistisches Regime. Francos Milizen trieben Tausende von Bauern, ­Intellektuellen und Andersdenkenden auf Lastwagen, folterten und ermordeten sie, dann verscharrten sie die Leichen außerhalb der Ortschaften. Heute, 37 Jahre nach dem Tod des Diktators, liegen noch immer geschätzte 150.000 Opfer in anonymen Massengräbern auf Äckern, in Straßengräben. Der "Pakt des Schweigens" von 1977 sollte Politik und Gesellschaft in demokratische Bahnen lenken, der Preis dafür war die Tabuisierung der Vergangenheit. Vor ein paar Jahren begannen die Enkel der Ermordeten, das Schweigen zu brechen. Sie fordern ein Ende der Straflosigkeit und des Schweigens, in das sich Spanien seit dem Ende der Franco-Zeit hüllt.

Als erster spanischer Richter überhaupt begann Baltasar Garzón 2008, sich mit dem Erbe der Diktatur zu befassen. Der "Tyrannenjäger", der durch seinen Haftbefehl gegen den chilenischen Diktator Pinochet weltweit bekannt wurde, leitete damals Ermittlungen wegen des "Verschwindenlassens" und anderer Menschenrechtsverletzungen ein, die während der Franco-Diktatur verübt wurden. 2010 wurde er deshalb von seinem Posten suspendiert - ultrarechte Organisationen warfen ihm vor, gegen das Amnestiegesetz von 1977 für Franco-Verbrechen verstoßen zu haben. Garzón verwies hingegen auf internationale Menschenrechtsabkommen, aufgrund derer eine Amnestie von Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht möglich sei.

Dass Anhänger der Diktatur einen Richter auf die Anklagebank bringen konnten, weil er Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufklären wollte, hatte international für Empörung gesorgt. So hatte auch Amnesty International das Verfahren als "Bedrohung der Menschenrechte und der juristischen Unabhängigkeit" scharf kritisiert und Beobachter zu dem Prozess entsandt. Ende Februar 2012 wurde Garzón zwar vom Vorwurf der Rechtsbeugung freigesprochen. Der jetzt erfolgte Freispruch bedeutet für den 56-jährigen Juristen dennoch das Ende seiner Karriere, denn Anfang Februar erhielt er nach einem ebenfalls umstrittenen Verfahren zu einer Korruptionsaffäre der Regierungspartei "Partido Popular" elf Jahre Berufsverbot.

Mit den Opfern beschäftigen sich daher weiterhin vor allem private Initiativen, wie der Verein zur Wiedergewinnung des historischen Gedächtnisses ("Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica", ARMH). Er kümmert sich seit mehr als zehn Jahren um Menschen, die die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen aus den Massengräbern bergen wollen und damit bei den Behörden auf taube Ohren stoßen. Mithilfe von Freiwilligen recherchiert der ARMH die Fälle, führt Exhumierungen durch und informiert die UNO-Arbeitsgruppe zu erzwungenem Verschwindenlassen. Denn der spanische Staat macht keine Anstalten, die Exhumierungen von Behörden vornehmen zu lassen. "Wir bekommen Zuschüsse für ein paar Ausgrabungen im Jahr", sagt Marco González, der stellvertretende Vorsitzende des ARMH, "doch eigentlich sollte dies Aufgabe des Staates sein".

González und seine Kollegen begeben sich auf Spurensuche in die Dörfer. Viele Menschen haben jahrelang geschwiegen, doch langsam brechen die Familiengeschichten auf. So wie die von Adriana Gonzáles. Die 48-jährige Argentinierin ist die Enkelin des Korbflechters Antonio Fernández González, genannt "El Cesterín". Er wurde am 9. Oktober 1936 von Franco-Milizen ermordet und oberhalb seines Dorfs Villanueva de Valdueza an ­einem Berghang vergraben. Es ist der Berghang, auf den an diesem Morgen die Sonne scheint, als Adriana mit ihrem Vater Constantino und ihrem Onkel Antonio aus dem Auto steigt. Sie schauen hinunter auf das aufgewühlte Feld. Adrianas Vater nimmt Marco González beim Arm und zeigt ins Tal: "Dort liegt mein Vater. Ich bin oft als Junge hier vorbeigegangen, wenn ich die Kühe zur Weide gebracht habe." Und er sagt, was viele sagen: "Das Gras wuchs an der Stelle, wo er begraben liegt, immer höher und grüner als in der Umgebung."

Bevor er als 17-Jähriger mit seinem Bruder nach Argentinien auswanderte, war er ahnungslos. Mehr als 70 Jahre vergingen, bis er den wahren Grund für den Tod seines Vaters erfuhr. Es war seine Tochter, die ihn darauf stieß. "Vor zwei Jahren begann ich anzuzweifeln, dass mein Großvater Opfer eines Nachbarschaftsstreits geworden war", erzählt Adriana. In der Familie hieß es immer: "Er hatte mit Politik nichts zu tun!" Doch kannte Adriana diese Antwort zur Genüge aus der argentinischen Geschichte - als üblichen Reflex aus Angst vor Repression und Verfolgung. Adriana nahm Kontakt zum ARMH auf, bat den Verein um eine Recherche vor Ort und der wurde bald fündig.

Die Sterbeurkunde von "El Cesterín" trägt die Registernummer 5324, steile Buchstaben quittieren knapp: "Gestorben: auf dem Feld. Bestattungsort: -. Todesursache: Bekämpfung des Marxismus". "Es heißt, mein Großvater habe einen Dorfbewohner vor den Franquisten gewarnt. Sie holten ihn dann vor den Augen seiner Frau und seiner beiden kleinen Söhne ab." "El Cesterín" leistete keinen Widerstand, als seine Mörder ihn abführten. Noch in derselben Nacht wurde er am Straßenrand oberhalb des Dorfes erschossen. Er wurde 24 Jahre alt.

Die Geschichten sind in Vergessenheit geraten wie die Toten in den anonymen Gräbern. Für viele der damaligen Ereignisse gibt es keine Zeugen mehr. Das Trauma der Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen bis in die Gegenwart. "Doch die Gesellschaft beginnt zu sprechen. Und das ist vielleicht das wichtigste Ergebnis dieser Arbeit: dass das historische Gedächtnis sich nicht mehr auf den Familienkreis beschränkt", sagt Marco González. Er steht neben den staubigen Büschen und beobachtet den Bagger, der Schaufel um Schaufel Erde abträgt. "Mit den sterblichen Überresten graben wir zugleich die Geschichten der Menschen aus. Sie werden so immer mehr zum kollektiven Gedächtnis Spaniens."

Es ist halb sechs Uhr abends, als "El Cesterín" am Berghang von Villanueva gefunden wird. Am nächsten Tag sammelt Forensiker José Luis Prieto die ersten Knochen in eine Plastiktüte. Constantino Fernández beobachtet die Arbeit des Teams. Es ist still, nur das Schaben der Bürsten ist zu hören. Adriana steht neben ihrem Vater und wischt sich Tränen aus den Augen. Unter den behutsamen Bürstenstrichen des Freiwilligenteams wird der Schädel sichtbar. Er ist rotbraun wie die Erde, der Kiefer ist weit geöffnet wie zu einem stummen Schrei. "Sein Kopf war leicht auf die Seite gedreht", erzählt Adrianas Vater am nächsten Tag den alten Nachbarn. "Er hat all die Jahre auf das Dorf geschaut." Es ist der 9. Oktober 2011: Auf den Tag genau 75 Jahre nach seiner Ermordung durch die Franquisten wird "El Cesterín" aus seinem anonymen Grab gehoben.

Forensiker Prieto steht an einem Tapeziertisch am Berghang, über ihm eine Plane, die ihn vor dem Sonnenlicht schützt. Er untersucht die Knochen, setzt sie dann wie Puzzleteile zusammen. Am frühen Abend liegt das Skelett von "El Cesterín" vollständig vor ihm. Adrianas Onkel nähert sich stumm. Er nimmt seine Mütze vom Kopf, blickt auf den Schädel seines Vaters und faltet die Hände. "Als er starb, waren wir zu jung, und wir haben kein einziges Foto von ihm", erklärt sein Bruder Constantino. "Es ist das erste Mal, dass wir unseren Vater sehen." In der roten Abendsonne stellt Forensiker Prieto seine Diagnose: "Ein junger Mann, etwa 1,80 Meter groß. Ein Einschussloch am Kiefer. Gebrochene Rippen. Ein Messerstich am Hals. Alle Verletzungen wurden ihm kurz vor seinem Tod zugefügt." Adriana steht hinter ihrem Vater und nickt.

"Für mich war es das Kreuzworträtsel meines Lebens, das ich lösen musste", sagt sie, "aber der Kampf ist noch lange nicht zu Ende". Gemeinsam mit mittlerweile fünf weiteren Klägern hat sie Klage gegen den spanischen Staat eingereicht. Sie fordern eine Zusage Spaniens, die Verbrechen der Franco-Diktatur aufzuarbeiten. In einer Antwort der spanischen Regierung vom Juni 2011 heißt es, das geschehe bereits. "Ein Lippenbekenntnis", sagt Marco González . "An den Massengräbern ist bis heute kein Regierungsvertreter aufgetaucht, nicht einmal in diesem Fall, zu dem die Klage läuft."

Auch Amnesty International fordert, die Verbrechen der Diktatur endlich aufzuarbeiten. Amnesty begrüßte zwar den Freispruch für Garzón, doch sagte ein Sprecher nach dem Urteil, es sei ein Skandal, dass sich Spanien mit seiner dunklen Vergangenheit bis jetzt nicht auseinandergesetzt habe. Es dürfe keine Straflosigkeit für diese schrecklichen Verbrechen geben. "El Cesterín", der Korbflechter aus Villanueva de Valdueza, wurde inzwischen im Familiengrab beigesetzt. "Jetzt ist die Familie wieder vereint", sagt Constantino.

Die Autorin ist Journalistin, Amnesty-Mitglied und lebt in Hamburg.