Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal Februar 2016

Der Vorkämpfer

Menschenrechtspreisträger Henri Tiphagne: "Ihr müsst selbst die Initiative ergreifen": © Oliver WolffMenschenrechtspreisträger Henri Tiphagne: "Ihr müsst selbst die Initiative ergreifen": © Oliver Wolff

Seit seiner Jugend kämpft Henri Tiphagne für ein gerechteres Indien. Die deutsche Amnesty-Sektion ehrt den Gründer der Organisation "People's Watch" mit dem Menschenrechtspreis 2016.

Von Andrzej Rybak

Im Hörsaal des Arul Anandar College in Madurai haben sich 120 Studentinnen zu einem Menschenrechts-Workshop eingefunden. Die meisten tragen bunte Saris und haben ihre langen Haare nach indischer Art zu dicken Zöpfen geflochten. Ehrfürchtig lauschen sie den Worten des Redners, der mit einem Mikrofon in der Hand immer wieder ihre Reihen abschreitet.

Henri Tiphagne überragt die Anwesenden um einen ganzen Kopf. Der Direktor von "People's Watch" trägt ein gestreiftes weißes Hemd und eine graue Hose. Sein ergrauter dicker Schnäuzer fällt über die Oberlippe, das kräftige Haupthaar ist kurz geschnitten. Seine Augen funkeln vor Freude, man merkt ihm an, dass er gern zu den Studentinnen spricht. Immer wieder streut er einen Scherz ein, um die Spannung aufzulockern. Er weiß, wie man Zuhörer in den Bann schlägt.

Kompromissloser Idealist

Als junger Mann, erzählt Tiphagne, sei er ein kompromissloser Idealist gewesen. Ein Hitzkopf, der mit seinem aufbrausenden Temperament zu kämpfen hatte. Er wollte jede Ungerechtigkeit sofort abschaffen, notfalls im Alleingang. So schlich er sich nachts auf einen katholischen Friedhof und riss eine Mauer ein, die die Gräber der Dalits, der Unberührbaren, vom allgemeinen Teil trennte. Zwei Tage später war die Mauer aber wieder hochgezogen.

"Damals habe ich verstanden, dass man die Ursachen der Ungleichheit bekämpfen muss, nicht die Folgen", sagt Tiphagne. "Das geht nur mit Unterstützung von Millionen Gleichgesinnten, die mit einer mächtigen Waffe ausgestattet sind: Bildung." An den Menschenrechtskursen, die er fortan organisierte, haben inzwischen 500.000 indische Kinder und Erwachsene teilgenommen. "Menschenrechte werden heute in Indien an den Schulen unterrichtet", sagt Tiphagne. "Was für ein Wandel! Zu meiner Schulzeit wurden Menschenrechtler in einen Topf mit Maoisten geworfen und von der Geheimpolizei verfolgt."

Aber es vergeht kein Tag, an dem nicht neue, schlimme Fälle ans Licht kommen. Diskriminierung der Dalits, Gewalt gegen Frauen, Morde im Namen der "Ehre", Vergewaltigungen, Polizeifolter, Enteignungen und Vertreibungen. Man könnte meinen, die Zahl der Menschenrechtsverletzungen werde immer höher. "Das täuscht, weil die Resonanz heute viel größer ist", sagt Tiphagne. "Die Zivilgesellschaft ist inzwischen stark genug, um die Missstände anzuprangern, auch die Opfer haben den Mut, zu sprechen. Früher wurde alles unter den Teppich gekehrt."

Rund um Madurai wurden noch vor 15 Jahren Neugeborene häufig von ihren Familien getötet, wenn sie weiblich waren. Das ist Vergangenheit. Doch noch immer werden 90 Prozent der Ehen in Indien arrangiert und oft wird eine Mitgift gezahlt, die ganze Familien ruiniert. Aber Veränderung ist möglich: "Frauen müssen für ihre Rechte kämpfen, niemand wird sie ihnen freiwillig geben", doziert Tiphagne vor seinem Publikum. "Ihr müsst selbst die Initiative ergreifen."

Tiphagne, Jahrgang 1956, ist ein Menschenrechtler mit Leib und Seele. "Bei dieser Mutter hatte ich doch gar keine Wahl", scherzt er und zeigt auf das Porträt einer älteren Frau an der Wand seines Wohnzimmers, vor dem nach indischer Sitte eine Blumenkette hängt. "Der Dienst an der Menschheit war in unserem Haus das oberste Gebot." Seine Mutter, eine französische Ärztin, kam 1934 gleich nach dem Studium nach Indien, um den Armen zu helfen. Sie behandelte vor allem Lepra- und Tuberkulose-Patienten in Missionskrankenhäusern. Sie adoptierte sechs Waisenkinder aus verschiedenen Familien. Henri war ihr zweiter Adoptivsohn.

Schon im College war Tiphagne in der katholischen Studentenbewegung aktiv. 1977 brach er mit Kollegen auf, um den ­Opfern einer verheerenden Überschwemmung im Bundesstaat Tamil Nadu zu helfen. Vor Ort war er täglich Zeuge, wie Dalits diskriminiert wurden, indem man ihnen immer wieder Hilfe verweigerte.

Nach der Rückkehr war nichts mehr so wie früher. "Ich war selten in den Vorlesungen, ich lernte Jura auf der Straße und in den Dörfern, wo ich den Opfern von Unrecht und Gewalt zu Hilfe eilte", sagt der Menschenrechtler. Er protestierte gegen Behördenwillkür und staatlich sanktionierte Gewalt, der Polizei war er schnell ein Dorn im Auge: Bei einem Sit-in kam er nur knapp mit dem Leben davon.

1982 bestand er sein Examen und begann als Menschenrechtsanwalt in der südindischen Großstadt Madurai zu arbeiten. Er verteidigte Aktivisten, die vom Staat verfolgt wurden, ­organisierte öffentliche Anhörungen und Straßenproteste. Manchmal musste er dabei selbst Prügel einstecken, mehrmals wurde er festgenommen. "Ein Menschenrechtler, der damals nicht im Gefängnis saß, hat seine Berufung verfehlt", scherzt ­Tiphagne. "Eine Festnahme hat einem Menschenrechtler erst die Glaubwürdigkeit verliehen!"

Vision eines gerechteren Indiens

Ein Wendepunkt in seinem Leben war die UNO-Menschenrechtskonferenz in Wien 1993. Ihm sei damals klar geworden, dass es nicht reiche, die Opfer zu verteidigen, erinnert sich ­Tiphagne. Gemeinsam mit engsten Freunden gründete er ­"People's Watch", um Menschenrechtsverletzungen landesweit zu dokumentieren und zu versuchen, den Staat dafür zur Verantwortung zu ziehen."Viele Leute fragten mich damals, wozu man eine weitere Menschenrechtsorganisation brauche, davon gebe es doch genug", sagt Tiphagne. "Aber keine hatte den Mut, gegen den Staat vorzugehen."

Das war vor 20 Jahren. Seitdem arbeitet Tiphagne unermüdlich an seiner Vision eines gerechteren Indiens. Dabei wird er von seiner Frau Cynthia unterstützt, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist. Gemeinsam haben sie "People's Watch" zu einer der bedeutendsten Menschenrechtsorganisationen Indiens aufgebaut mit mehr als 60 Mitarbeitern.

"People's Watch" hat unzählige Menschenrechtsverstöße dokumentiert, Tausende Opfer von Polizeigewalt und Folter betreut, Aktivisten vor Gericht verteidigt, Korruption und Machtmissbrauch der Staatsorgane aufgedeckt. Tiphagne hat sich viele mächtige Feinde gemacht, doch auch viel Respekt erworben. Seine Integrität stellt niemand in Frage. In Madurai, einer Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern, kennt ihn fast jedes Kind.

Der Erfolg hatte seinen Preis. "Unsere Tochter Alina hat uns einmal vorgeworfen, ihre Kinderrechte zu verletzen", sagt der Vater. "Mama und Papa seien den ganzen Tag im Büro und hätten nie Zeit, um sich mit den eigenen Töchtern zu beschäftigen." Heute ist Alina 26 und arbeitet als Journalistin für das CNN/IBN-Büro in Delhi. Ihre Schwester Anita, 32, lehrt Soziologie und Menschenrechte an einem College in Madurai. Sie lebt mit ihrem Ehemann, einem Rechtsanwalt, bei den Eltern. "Sie ist ganz der Vater", sagt Mutter Cynthia.

Der pausenlose Einsatz hat Tiphagnes Gesundheit ruiniert. Auf einer Reise nach Bhutan erlitt er im September 2015 einen schweren Herzinfarkt. Er musste operiert werden und bekam mehrere Bypässe. "Die Ärzte sagen, dass ich mich schonen muss", sagt der Menschenrechtler. "Ich kann aber nicht Nein ­sagen, wenn jemand meine Hilfe braucht."

Die Jahre des Kampfes haben Tiphagne ansonsten kaum verändert. Er wohnt in einem bescheidenen einstöckigen Haus in einem ruhigen Wohnviertel. In dem kleinen Wohnzimmer, in dem die Familie jeden Abend zusammenkommt, hängen an prominenter Stelle Bilder von Cynthias und Henris Müttern, die das Leben ihrer Kinder so stark geprägt haben. Ein Kreuz neben dem Fernseher zeugt von deren christlichen Wurzeln.

"Der Glaube gibt uns Rückhalt", sagt Tiphagne. "Es gibt so viel zu tun, aber eines Tages werden die Menschenrechte in ­Indien so respektiert sein wie in Deutschland. Dass müssen wir ­erreichen."

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Hamburg.

Menschenrechtspreis 2016
Henri Tiphagne erhält in diesem Jahr den Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International. Seit 1998 zeichnet Amnesty International Persönlichkeiten aus, die sich unter oftmals schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen. Mit der Verleihung des Preises will Amnesty International diesen mutigen ­Einsatz würdigen, die Menschenrechtler in ihrer Arbeit unterstützen und dazu beitragen, sie vor staatlicher ­Repression zu schützen. Die Preisverleihung soll auch ­andere Menschen dazu ermutigen, selbst aktiv zu werden. Das Handeln der Preisträgerinnen und Preisträger zeigt, dass durch Engagement Veränderungen möglich sind.
Weitere Informationen auf www.amnesty.de/menschenrechtspreis