Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal August 2012

"Gemeinsam sind wir stark"

Ohne das ehrenamtliche Engagement von ­Mitgliedern, die zu einem bestimmten Land oder ­Thema arbeiten, würde Amnesty International nicht funktionieren. Einer von ihnen ist Mathias John aus Berlin. Er ist Sprecher der Gruppe "Wirtschaft, Rüstung und Menschenrechte".

Von Daniel Kreuz

Der Einsatz für die Menschenrechte kann häufig anstrengend und bedrückend sein. In manchen Momenten ist er aber einfach nur peinlich. Kaum jemand weiß das wohl besser als Mathias John. Der 55-jährige Berliner ist der ehrenamtliche Experte der deutschen Amnesty-Sektion zum Thema Rüstung und Waffenhandel, niemand in der Organisation kennt sich auf diesem Gebiet besser aus als er. Regelmäßig geht John in den Bahnhofskiosk, um die neuesten Waffenmagazine und Rüstungszeitschriften zu kaufen. Wohl fühlt er sich dabei nicht, weiß er doch nur zu gut, wie viele Menschenrechtsverletzungen mit Waffen begangen werden.

Doch diese Unannehmlichkeiten nimmt John gezwungenermaßen in Kauf. Denn je besser er über neue Waffensysteme und Rüstungsgeschäfte informiert ist, umso mehr kann er bewirken. John ist Sprecher der Amnesty-Gruppe "Wirtschaft, Rüstung und Menschenrechte". Seit über 30 Jahren setzt er sich dafür ein, dass Rüstungsexporte stärker kontrolliert und keine Waffen in Krisengebiete und Länder geliefert werden, in denen die Menschenrechte verletzt werden.

Gemeinsam mit den hauptamtlichen Mitarbeitern bilden ehrenamtliche Experten wie John das Rückgrat der inhaltlichen Arbeit von Amnesty in Deutschland. Und die Waffenmagazine aus dem Kiosk sind natürlich bei weitem nicht seine einzige Informationsquelle. Der Verwaltungsangestellte einer Berliner Universität steht in engem Kontakt mit Aktivisten aus anderen Amnesty-Sektionen sowie den Mitarbeitern im Berliner Sekretariat und der Zentrale in London.

Er arbeitet mit anderen NGOs zusammen oder geht gelegentlich auf Rüstungsmessen oder zum "Tag der offenen Tür" bei der Bundeswehr und dem Verteidigungsministerium. "Unzählige Stunden habe ich früher in der Bibliothek verbracht, als ich die dicken Wälzer der Fachliteratur kopiert habe." Diese Zeiten seien mittlerweile dank des Internets und ausführlicher Online-Datenbanken vorbei. Doch damals wie heute wird jede Information genau überprüft. Auf sorgfältige Recherche legt Amnesty großen Wert.

John studierte Chemie in Münster und war bereits in der Friedens- und Dritte-Welt-Bewegung aktiv, als er 1980 Amnesty-Mitglied wurde. "Ich hatte mich für Amnesty entschieden, weil hier der Einsatz für die Menschenrechte ganz konkret ist. Wir engagieren uns für einzelne Personen, können unmittelbar etwas für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen tun und haben immer wieder direkte briefliche oder persönliche Kontakte, die uns vor Augen führen, wie wichtig und sinnvoll diese Art der Menschenrechtsarbeit ist."

Als Amnesty Anfang der achtziger Jahre begann, auch verstärkt zum Thema Wirtschaft und Menschenrechte tätig zu werden, gehörte John zu den ersten, die sich in das neue Themengebiet einarbeiteten. Der internationale Waffenhandel war dabei stets ein wichtiger Aspekt. Bei der Gefangenenbetreuung sei es im Grunde darum gegangen, auf einen schlimmen Vorfall zu reagieren. Dass nun auch vorbeugend gearbeitet wurde, indem beispielsweise Rüstungsexporte in Diktaturen verhindert werden sollten, begrüßte John: "Wir wollten nicht mehr länger ­warten und erst dann reagieren müssen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern fortan dafür sorgen, dass die Menschenrechte erst gar nicht verletzt und Menschen zu Opfern werden." John war Mitglied der ersten Amnesty-Delegationen, die sich zu Lobbygesprächen mit Bundestagsabgeordneten und später mit Mitarbeitern verschiedener Ministerien trafen, um sie von strengeren Regeln für Rüstungsexporte zu überzeugen. "Das war und ist wirklich das Bohren dicker Bretter."

Aber der Einsatz lohnte sich. So konnte verhindert werden, dass G36-Sturmgewehre der deutschen Waffenschmiede Heckler & Koch in das damalige Bürgerkriegsland Nepal geliefert wurden. Auch die strengen Ausfuhrregeln für Elektroschocker, Handfesseln oder Tränengas gehen auf Initiativen von Amnesty zurück.
Dies sei allerdings ausschließlich mit Lobby-Arbeit nicht zu erreichen gewesen, so John: "Das Beeindruckende an Amnesty ist, dass wir eine unabhängige Mitgliederorganisation sind, die weltweit Millionen Unterstützer zum Schutz der Menschenrechte mobilisieren und somit öffentlichen Druck auf die Regierungen aufbauen kann. Denn gemeinsam sind wir stark." Das gelte sowohl für die Amnesty-Mitglieder als auch für die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.

Doch Erfolge können auch Schattenseiten haben. Mehrmals schon ist John persönlich bedroht worden, wenn sich einzelne Protagonisten der Welt von Militärs, Paramilitärs und Waffenhändlern plötzlich im Licht von Amnesty-Recherchen wiederfanden. Auch wenn sich John nicht einschüchtern ließ, bleibt gerade die Nähe zu dieser militarisierten Schattenwelt nicht ohne Auswirkungen: "Das ist oft nah an der Grenze des Erträglichen."

Mitte der siebziger Jahre war John für 15 Monate selbst Teil dieser militärischen Welt, als er als Panzergrenadier seinen Wehrdienst ableistete. Im Falle eines Krieges hätte er eingezogen werden können. Daher verweigerte er wenige Jahre später den Kriegsdienst. "Man kann nicht in einen Krieg ziehen, ohne Menschenleben zu zerstören. Das wäre für mich nicht akzeptabel und tragbar gewesen. Und es hätte auch meine Persönlichkeit zerstört."

Auch wenn Amnesty in den vergangenen drei Jahrzehnten viel erreicht hat, werden nach wie vor überall auf der Welt Leben mit Waffen zerstört. Jede Minute stirbt ein Mensch durch Waffengewalt - das sind eine halbe Million Menschen jedes Jahr. Hunderttausende werden mit Waffen bedroht, unterdrückt und verletzt. Eine große internationale Kampagne von Amnesty und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die John in Deutschland mit begleitet hat, führte dazu, dass seit 2006 die Ausarbeitung eines internationalen Waffenhandelskontrollvertrags auf der Tagesordnung der Vereinten Nationen steht.

Im Jahr 2012 besteht nun die historische Chance, den Prozess endlich zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, im Juli verhandelten die Vereinten Nationen in New York konkret über einen internationalen Waffenhandelskontrollvertrag ("Arms Trade Treaty", ATT). Jedes Mal, wenn John in Fernsehbeiträgen aus Krisenregionen das deutsche Sturmgewehr G3 sieht, sagt er sich: "Hätten wir vor vielen Jahren schon einen ATT gehabt, ­wären diese Waffen möglicherweise dort nie hingekommen, weil die Bundesregierung bei der Exportentscheidung die Menschenrechte berücksichtigt und den Endverbleib besser kontrolliert hätte. Und dann rollt wieder ein Schützenpanzer durchs Bild und möglicherweise zeigen genauere Recherchen, dass auch dieser mit bewährter Technik aus Deutschland fährt."

Doch dies sind genau die Momente, die John anspornen, weiterzumachen. Daher wird er sich auch in Zukunft im Bahnhofskiosk informieren. Denn Mathias John weiß: Dieser Einsatz ist notwendig. Und er lohnt sich.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.