Aktuell Russische Föderation 16. Juli 2009

Russland: Amnesty bestürzt über Mord an Natalia Estemirowa

Natalia Estemirowa

Natalia Estemirowa

Amnesty International verurteilt die Ermordung von Natalia Estemirowa, einer führenden Menschenrechtsverteidigerin im Nordkaukasus auf das Schärfste. Die Organisation trauert um eine langjährige enge Freundin und Verbündete . Sie war eines der führenden Mitglieder der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" in Grosny, Tschetschenien.

Die Ermordung von Natalia Estemirowa ist eine Folge der Straflosigkeit, die von russischen und tschetschenischen Behörden geduldet worden ist.Menschenrechtsverletzungen in Russland und insbesondere im Nordkaukasus dürfen nicht weiter ignoriert werden. Diejenigen, die sich für Menschenrechte einsetzen, müssen geschützt werden. Der Mord an Natalia Estemirowa ist eine schreckliche Tragödie. Der russische Präsident Medwjedew hat das Verbrechen verurteilt. Er muss nun zusätzlich sicherstellen, dass alles dafür getan wird, damit die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Der Mord ist ein weiterer Versuch die Zivilgesellschaft in Russland mundtot zu machen. Es zeigt, wie instabil die Region noch immer ist.

Natalia Estemirowa war eine außerordentlich mutige und beeindruckende Frau, die nie müde wurde die Menschenrechte von Anderen zu verteidigen. Die Nachricht über ihren Tod schockiert und betrübt Amnesty zutiefst. Amnesty möchte der Familie, den Freunden und Kollegen von Natalia Estemirowa gegenüber unser tiefstes Beileid ausdrücken.

Natalia Estemirowa ist am Mittwochmorgen gegen 8.30 Uhr Ortszeit entführt worden. Sie ist in ein weißes Auto gezerrt und in eine unbekannte Richtung weggefahren worden. Augenzeugen zufolge gelang es ihr noch laut zu rufen, dass sie entführt würde. Einige Stunden später berichtete die russische Nachrichtenagentur Itar-TASS, dass ihre von Schusswunden versehrte Leiche in der benachbarten Republik Inguschetien gefunden worden sei. Bisher hat sich niemand öffentlich zu der Tat bekannt, aber vieles spricht dafür, dass sie für ihren Einsatz für die Menschenrechte getötet wurde.

Die Arbeit von Natalia Estemirowa war für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in der Region von größter Bedeutung. Seit dem Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs im Jahr 2000 deckte sie Folter und andere Formen von Misshandlungen auf und versuchte Morde und das Verschwindenlassen von Menschen aufzudecken. Sie widmete sich auch der Hilfe für vertriebene Menschen und andere sozial benachteiligte Gruppen. Ihre Arbeit ist sowohl in ihrer Heimat als auch im Ausland mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden. 2005 erhielt sie die Robert-Schuman-Medaille des Europäischen Parlaments, 2004 den Right Livelihood Award (auch "Alternativer Nobelpreis" genannt) des schwedischen Parlaments und im Jahr 2007 war sie die erste Preisträgerin des Anna Politkowskaja-Preises.

Der Mord an Natalia Estemirowa wirft neues Licht auf die gefährlichen Umstände unter denen Menschenrechtsverteidiger in Russland arbeiten. Er steht in einer traurigen Reihe mit den Morden an dem Anwalt Stanislaw Markelow, der Journalistin Anastasia Baburowa Anfang dieses Jahres und der Journalistin Anna Politkowskaja, die 2006 ermordet worden ist. Stanislaw Markelow und Anna Politkowskaja waren enge Freunde und Kollegen von Natalia Estemirowa.

Amnesty International fordert ein Ende der Straflosigkeit für Morde an Menschenrechtsverteidigern, Journalisten und Anwälten in Russland.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht forderte Amnesty International eine vollständige Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen in der Region. Nur so kann Stabilität und Frieden in Tschetschenien und dem Nordkaukasus einkehren.

Amnesty Bericht "Rule without law - Human rights violations in the North Caucasus" (48 S., Englisch)
Aktuelle Informationen zum Fall der Ermordung von Anna Politkowskaja (Englisch)
Meldung zur Ermordung von Stanislaw Markelow und Anastasia Baburowa
Interview mit Peter Franck (Amnesty Russlandexperte) aus dem Amnesty Journal vom April 2009
Aktueller Länderbericht zu Russland

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