Menschenrechtlerin festgenommen
Die vietnamesische Anwältin und Menschenrechtlerin Lê Thu Hà wurde am 16. Dezember festgenommen. Kurz zuvor am selben Tag war auch der bekannte Menschenrechtsanwalt Nguyễn Văn Đài festgenommen worden. Bisher durfte sie keinen Besuch von anderen Aktivist_innen erhalten. Sie läuft Gefahr, gefoltert und anderweitig misshandelt zu werden.
Appell an
MINISTER FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT
Gen Tran Dai Quang
Ministry of Public Security
44 Yet Kieu Street
Hoan Kiem district
Ha Noi, VIETNAM
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
E-Mail: über die Website: http://www.mps.gov.vn/web/guest/contact_english
AUSSENMINISTER
Pham Binh Minh
Ministry of Foreign Affairs
1 Ton That Dam Street
Ba Dinh distric
Ha Noi, VIETNAM
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
Fax: (00 84) 43 823 1872
E-Mail: bc.mfa@mofa.gov.vn
Sende eine Kopie an
JUSTIZMINISTER
Ha Hung Cuong
Ministry of Justice
60 Tran Phu Street
Ba Dinh district
Ha Noi
VIETNAM
Fax: (00 84) 46 273 959
E-Mail: botuphap@moj.gov.vn
BOTSCHAFT DER SOZIALISTISCHEN REPUBLIK VIETNAM
S. E. Herrn Doan Xuan Hung
Elsenstraße 3
12435 Berlin
Fax: 030-5363 0200
E-Mail: sqvnberlin@t-online.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Vietnamesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 2. Februar 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
FAXE, EMAILS ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Lassen Sie Lê Thu Hà bitte umgehend und bedingungslos frei, da sie eine gewaltlose politische Gefangene ist, die nur deshalb festgehalten wird, weil sie von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat und ihrer menschenrechtlichen Arbeit nachgegangen ist.
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Sorgen Sie bitte dringend dafür, dass sie in Haft nicht gefoltert oder anderweitig misshandelt wird.
- Stellen Sie zudem sicher, dass sie gemäß den UN-Mindestgrundsätzen für die Behandlung von Gefangenen behandelt wird und uneingeschränkten Zugang zu Rechtsbeiständen und ihrer Familie sowie jeder nötigen medizinischen Behandlung erhält.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Urging the authorities to release Lê Thu Hà immediately and unconditionally as she is a prisoner of conscience detained solely for exercising her right to freedom of expression and promoting human rights.
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Urging them to ensure that she is not subjected to torture or other ill-treatment.
- Urging them to treat her in accordance with the UN Standard Minimum Rules for the Treatment of Prisoners and to ensure that she is given full access to lawyers of her choice, her family and any medical attention she may require.
Sachlage
Die Rechtsanwältin Lê Thu Hà soll am 16. Dezember inhaftiert worden sein, als Sicherheitskräfte die Wohnung des Menschenrechtsanwalts Nguyễn Văn Đài in der Hauptstadt Hanoi durchsuchten. Der Anwalt war am Morgen desselben Tages festgenommen worden. Weitere Informationen zu seinem Fall finden Sie in UA-292/2015, online unter: www.amnesty.de/urgent-action/ua-292-2015/anwalt-festgenommen. Lê Thu Hà ist Mitglied der von Nguyễn Văn Đài gegründeten Organisation "Bruderschaft für Demokratie" (Brotherhood for Democracy). Sie befindet sich derzeit im B14-Gefängnis in Hanoi in Untersuchungshaft. Es ist nicht bekannt, ob sie bereits angeklagt wurde.
Lê Thu Hà war bereits am 23. September festgenommen worden, gemeinsam mit vier weiteren Mitarbeiter_innen des unabhängigen YouTube-Kanals "Lương Tâm TV" ("Gewissens-TV"). Sie war als Englisch-Übersetzerin für den Sender tätig gewesen, der seit August 2015 auf YouTube kurze Clips über die Menschenrechtslage in Vietnam ausstrahlt. Alle fünf waren bis spätabends von der Hanoier Sicherheitspolizei festgehalten worden. Im April hatten die Behörden den Reisepass von Lê Thu Hà eingezogen, kurz bevor sie von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-Stadt fliegen und von dort aus einen Flug ins Ausland nehmen wollte.
Am 20. Dezember versuchten einige Aktivist_innen, Lê Thu Hà im B14-Gefängnis zu besuchen, durften sie jedoch nicht sehen. Sie läuft Gefahr, gefoltert und anderweitig misshandelt zu werden. Menschenrechtsverteidiger_innen, gegen die in Vietnam strafrechtliche Vorwürfe erhoben worden sind, werden während der Untersuchungshaft bzw. in der Ermittlungsphase häufig unmenschlich behandelt.
Hintergrundinformation
Es ist noch unklar, ob gegen Lê Thu Hà Anklage erhoben worden ist. Es ist jedoch recht wahrscheinlich, dass sie wie Nguyễn Văn Đài unter Paragraf 88 des Strafgesetzbuchs wegen "Verbreitung von Propaganda gegen den Staat" angeklagt und zunächst vier Monate lang in Untersuchungshaft gehalten wird. Dieser Zeitraum kann verlängert werden. Untersuchungshäftlinge dürfen in der Regel keinen Besuch von Familienangehörigen oder Rechtsbeiständen empfangen.
Vietnam ist Vertragsstaat des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte, welcher die Rechte auf freie Meinungsäußerung, friedliche Versammlung und Vereinigungsfreiheit garantiert. Allerdings werden diese Rechte in Vietnam gesetzlich und in der Praxis stark eingeschränkt. Der Abschnitt über die nationale Sicherheit im vietnamesischen Strafgesetzbuch von 1999 enthält vage formulierte Bestimmungen, die regelmäßig herangezogen werden, um friedlich geäußerte abweichende Meinungen oder regierungskritische Aktivitäten zu kriminalisieren. Personen, die sich für einen friedlichen politischen Wandel einsetzen, die Regierung kritisieren oder die Achtung der Menschenrechte fordern, sind besonders gefährdet. Paragraf 88 (Verbreitung von Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam) ist einer von mehreren strafgesetzlichen Bestimmungen, die regelmäßig eingesetzt werden, um Andersdenkende wegen ihrer friedlichen Aktivitäten festzunehmen, anzuklagen und zu inhaftieren.
Betroffen sind unter anderem Blogger_innen, Arbeits- und Landrechtsaktivist_innen, politisch engagierte Personen, Mitglieder religiöser Gruppen, Menschenrechtler_innen sowie Personen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, und sogar Musiker_innen.
In Vietnam herrschen in der Regel harte Haftbedingungen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten ist unzureichend und entspricht weder den UN-Mindestgrundsätzen für die Behandlung von Gefangenen noch anderen internationalen Standards. Menschenrechtsverteidiger_innen, gegen die in Vietnam strafrechtliche Vorwürfe erhoben worden sind, werden während der Untersuchungshaft bzw. in der Ermittlungsphase häufig unmenschlich behandelt. Oft sind sie monate- oder jahrelang körperlicher Gewalt, Einschüchterung, Demütigungen und Isolation ausgesetzt, was Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe gleichkommen kann. Auf diese Weise sollen die Betroffenen dazu gebracht werden, die gegen sie erhobenen Vorwürfe zu "gestehen".
Auch nach der Gerichtsverhandlung und Verurteilung werden Gefangene unter harten Bedingungen festgehalten. Gewaltlose politische Gefangene werden oftmals über lange Zeit hinweg als Strafe in Einzelhaft oder Isolationshaft gehalten. Es wird außerdem über Folter und andere Misshandlung berichtet, so z. B. Schläge durch andere Häftlinge, ohne dass die Gefängniswärter_innen eingreifen. In manchen Fällen werden gewaltlose politische Gefangene regelmäßig von einer Hafteinrichtung in die nächste verlegt, ohne dass ihre Familien darüber informiert werden. Einige gewaltlose politische Gefangene sind in der Vergangenheit bereits in den Hungerstreik getreten, um gegen die missbräuchliche Behandlung und schlechten Haftbedingungen zu protestieren.