Frauenrechtlerinnen bedroht

Allein den ersten 150 Tagen nach dem Beben wurden 250 Vergewaltigungen in 15 unterschiedlichen Camps gemeldet

Allein den ersten 150 Tagen nach dem Beben wurden 250 Vergewaltigungen in 15 unterschiedlichen Camps gemeldet

Einige Mitglieder von KOFAVIV, einer Organisation für Frauenrechte in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, sind wiederholt bedroht und schikaniert worden. Amnesty International befürchtet, dass sie in großer Gefahr sind.

Appell an:

MINISTER FÜR JUSTIZ UND ÖFFENTLICHE SICHERHEIT
Jean Renel Sanon
18 avenue Charles Summer, Port-au-Prince, HAITI
(Anrede: Monsieur le Ministre / Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
E-Mail: secretariat.mjsp@yahoo.com oder
jrsanon@mjsp.gouv.ht

POLIZEICHEF
Godson Orélus, Police Nationale d’Haiti
Port-au-Prince, HAITI
(Anrede: Monsieur le Directeur / Dear Director / Sehr geehrter Herr Generaldirektor)
E-Mail: godore68@hotmail.com

Sende eine Kopie an:

KOFAVIV
12A Route de Maïs Gâté, à l’entrée de la rue Moise,
à l’étage de Florida Quincaillerie
Port-au-Prince
HAITI
E-Mail: info@kofaviv.org

BOTSCHAFT DER REPUBLIK HAITI
Herrn Patrick Saint Hilaire
Geschäftsträger a.i., Botschaftsrat
Uhlandstraße 14
10623 Berlin
Fax: 030-8862 4279
E-Mail: amb.allemagne@diplomatie.ht

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Französisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 25. Juli 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Ich sorge mich um die Sicherheit von Marie Eramithe Delva und den anderen Mitglieder von KOFAVIV und fordere Sie auf, in Absprache mit ihnen wirksame Maßnahmen zu ihrem Schutz zu veranlassen.

  • Bitte leiten Sie umgehend eine unabhängige Untersuchung der Bedrohungen und Einschüchterungen von Mitgliedern von KOFAVIV ein. Veröffentlichen Sie die Ergebnisse und stellen Sie die Verantwortlichen vor Gericht.

  • Ich erinnere Sie hiermit daran, dass Sie gemäß der UN-Erklärung zum Schutz von Menschenrechtsverteidiger_innen von 1998 verpflichtet sind sicherzustellen, dass Menschenrechtsverteidiger_innen ihre Arbeit ohne Angst vor Gewalttaten und Drohungen ausüben können.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Expressing concern for the safety of Marie Eramithe Delva and other members of KOFAVIV and calling on the authorities to provide effective protection to them in accordance with their wishes.

  • Calling on the authorities to immediately and independently investigate the accusation of threats and intimidation against members of KOFAVIV, to make the results public and to bring those found responsible to justice.

  • Reminding them of their duty to guarantee that human rights defenders can carry out their work without fear of violence and threats, as established in the 1998 UN Declaration on Human Rights Defenders.

Sachlage

Mehrere Mitglieder der haitianischen Frauenrechtsorganisation Komisyon Fanm Viktim Pou Viktim (KOFAVIV), unter ihnen die Generalsekretärin Marie Eramithe Delva, erhalten seit März per Anruf und SMS Drohnachrichten, darunter auch Morddrohungen. Am 7. Juni ging per SMS eine Drohnachricht an die Generalsekretärin und an den Rechtsanwalt von KOFAVIV. In den frühen Morgenstunden des 28. April wurde beobachtet, wie drei bewaffnete Männer vor dem Büro der Organisation gegen das Treppengeländer schlugen. Anschließend waren dort mehrere Schüsse zu hören.

Diese Drohungen begannen, nachdem am 24. Februar eine Frau festgenommen worden war, die die Polizei für frühere Bedrohungen und Schikanierungen von Marie Eramithe Delva und Malya Vilard Apolon (der Koordinatorin von KOFAVIV) sowie anderen Mitgliedern der Organisation verantwortlich macht. Dazu zählen die versuchte Entführung der Kinder von Marie Eramithe Delva und Malya Vilard Apolon im Juni 2013, das Abfeuern mehrerer Schüsse gegen das äußere Tor von Malya Vilard Apolons Haus im August 2013 und mehrere anonyme Anrufe bei der Organisation. Malya Vilard Apolon, die angesichts dieser Drohungen in großer Sorge war, verließ Haiti im März mit ihren Kindern. Bei der Polizei wurde am 2. Mai wegen der Schüsse und am 22. Mai wegen einer der per SMS versandten Drohnachrichten Anzeige erstattet. Es ist nicht bekannt, dass die Polizei Ermittlungen bezüglich der Vorfälle eingeleitet hätte. Zudem sind Marie Eramithe und den anderen bedrohten Mitarbeiterinnen von KOFAVIV trotz ihrer wiederholten Forderungen keine Schutzmaßnahmen zur Verfügung gestellt worden.

KOFAVIV wurde von Vergewaltigungsopfern aus den ärmsten Vierteln der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince gegründet und unterstützt diese. Die Mitglieder bieten wichtige und sofortige Unterstützung für Überlebende von Vergewaltigungen an, indem sie diese beispielsweise ins Krankenhaus und zur Polizeiwache begleiten. In den vergangenen Jahren hat KOFAVIV zudem begonnen, Überlebenden von Vergewaltigungen Unterkünfte bereitzustellen. Die Organisation hat außerdem eine Hotline ins Leben gerufen, über die Fälle sexueller Gewalt gemeldet werden können. Seit dem zerstörerischen Erdbeben von 2010 tragen die Mitglieder mit ihrer Arbeit entscheidend dazu bei, die Sicherheit und das Wohlergehen der Frauen, die in den Flüchtlingslagern leben, zu gewährleisten. In den vergangenen Monaten sind viele Menschenrechtsverteidiger_innen in Haiti angegriffen worden. Die haitianischen Behörden müssen unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um ihnen und ihren Familien angemessenen Schutz zur Verfügung zu stellen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Berichten zufolge sind in Haiti in jüngster Zeit mehrere Menschenrechtsverteidiger_innen Opfer von Drohungen und Anschlägen geworden. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission hat jeweils im Oktober 2012 und November 2013 Schutzmaßnahmen für die Menschenrechtsanwälte Mario Joseph und Patrick Florvilus eingeleitet und den haitianischen Staat aufgefordert, die für den Schutz des Lebens und der persönlichen Integrität der Anwälte notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

Im Jahr 2013 wurden Mitglieder von Kouraj, einer Gruppe, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Intersexuellen (LGBTI) einsetzt, während öffentlicher Demonstrationen in Port-au-Prince wiederholt Opfer von Drohungen und Einschüchterungen (weitere Informationen: UA-186/2013, https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-186-2013/lgbti-aktivistinnen-gefahr). Im November wurde zudem ein Anschlag auf die Gebäude der Organisation verübt (UA-320/2013, https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-320-2013/angriff-auf-lgbti-buero).

Am 8. Februar 2014 wurden der Menschenrechtsverteidiger Daniel Dorsinvil und seine Ehefrau im Wohngebiet Canapé Vert in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince erschossen. Die Umstände und Motive der Tat sind weiterhin unklar. Ermittlungen wurden eingeleitet und mehrere Menschen befinden sich derzeit in Untersuchungshaft. Im Februar forderte Amnesty International eine umfassende Untersuchung der Tötung. (http://www.amnesty.org/en/library/info/AMR36/006/2014/en)

Am 2. April erhielt Pierre Espérance, Geschäftsführer des Nationalen Netzwerks zur Verteidigung der Menschenrechte (Réseau National de Défense des Droits Humains, RNDDH), einer der führenden Menschenrechtsorganisationen Haitis, im Büro der Organisation einen Drohbrief. Der Brief enthielt eine Pistolenkugel und die Anschuldigung, Pierre Espérance und das RNDDH hätten falsche Berichte erstellt, um die Regierung zu destabilisieren. In dem Brief wurde auch der Anschlag auf Pierre Espérance im Jahr 1999 erwähnt. Er war damals in Port-au-Prince einem Mordanschlag entkommen. In dem Drohbrief hieß es daher: „1999 haben wir dich verfehlt, dieses Mal kommst du nicht davon. Hör auf, Unsinn zu reden.“ Weitere Informationen finden Sie in der UA 087/2014 (https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-087-2014/menschenrechtsverteidiger-gefahr).

In Übereinstimmung mit der UN-Erklärung zum Schutz von Menschenrechtsverteidiger_innen von 1998 müssen die haitianischen Behörden ihrer Verpflichtung nachkommen, Menschenrechtsverteidiger_innen zu schützen, Anschläge auf sie umfassend zu untersuchen und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Darüber hinaus sind sie dazu verpflichtet sicherzustellen, dass Menschenrechtsverteidiger_innen ihre Arbeit ohne Angst vor Gewalttaten oder Vergeltungsmaßnahmen ausführen können.