Spenden Russische Föderation 25. September 2020

Eine schicksalhafte Begegnung

Perspektive einer Rolltreppe von oben, drei Rolltreppen sind nebeninander und führen nach unten, man sieht das Ende nicht.

Rolltreppe in der Metro-Station Admiralteiskaya in St.Petersburg (Archivfoto)

Eine Kurzgeschichte von Nils Baumann, Alica Fiege, Ann-Kathrin Köster, Luca Julie Kuhlmann und Helen Trà

Der Himmel grau und wolkenverhangen. Ein regnerischer Morgen. Ihre Jacke mal wieder durchnässt. So hatte sie sich den Kurzstädtetrip nach St. Petersburg ganz sicher nicht vorgestellt. Seufzend zieht sie die Kapuze tiefer ins Gesicht und holt den inzwischen durchgeweichten Notizzettel aus ihrer Tasche. Wohin als nächstes? Die Blutskirche macht bei diesem Wetter keinen Sinn. Dann also die Metrostation Admiralteiskaya mit der längsten Rolltreppe der Welt.

Sie betritt das türkise Gebäude, welches im Sonnenschein bestimmt wunderschön aussehen würde – heute wirkt es eher traurig. Im Inneren überrascht sie der Trubel von Menschen: Ein kleines Mädchen in einem niedlichen Mantel läuft an der Hand ihrer Mutter an ihr vorbei, wichtig aussehende Männer und Frauen eilen mit Aktentaschen unter dem Arm durch das Atrium und eine Gruppe Jugendlicher biegt laut diskutierend um die nächste Ecke. Sie sieht sich suchend um, überwältigt von den vielen Eindrücken. 

Die Orientierung in einem Land, dessen Sprache sie nicht spricht und dessen Schriftsprache sie nicht lesen kann, erscheint ihr plötzlich um einiges herausfordernder, als bisher angenommen. Eine halbe Stunde später hat sie es endlich durch die Sicherheitstüren geschafft und hält einen gültigen Fahrausweis in der Hand. Völlig fasziniert sieht sie sich um – die Metro in St. Petersburg ist mit nichts zu vergleichen, was sie bisher an U-Bahn-Stationen zu Gesicht bekommen hat, sei es in London, Paris oder Berlin. Fast scheint es ihr, als sei sie in einem Luxushotel gelandet und nicht in einer Metrostation, die Wände aus sandfarbenem Marmor, schwarze Säulen und direkt am Eingang ein großes kostbar aussehendes Mosaik, welches einen Hafen zu zeigen scheint. 

Als sie die richtige Rolltreppe endlich gefunden hat, beugt sie sich gespannt vor. Sie wünschte, sie könnte die Schrift auf den bunten Reklamen entziffern. Sie holt ihr Handy aus ihrer Tasche. In einem Versuch, besonders viel von der Rolltreppe auf ein Foto zu bekommen, beugt sie sich noch weiter nach links und... ein plötzlicher Stoß von hinten lässt sie beinahe kopfüber die Rolltreppe hinunterfallen. Wild mit den Armen rudernd kann sie sich gerade noch an dem älteren Herrn vor ihr festklammern. Der junge Mann, welcher sie hatte links überholen wollen, hat sich bereits wieder gefangen und eilt, ohne sie überhaupt zu beachten, weiter die Rolltreppe hinunter. Stöhnend reibt sie sich das linke Knie, welches sie sich bei der Aktion eingehauen hat. "So ein verdammter Mist!" 

Der ältere Mann vor ihr dreht sich zu ihr um und sie erkennt ein belustigtes Schmunzeln in seinem Gesicht. "Nana, junge Dame. So ein Missgeschick passiert schon einmal. Ich würde Ihnen raten, sich nächstes Mal rechts zu halten, die linke Seite ist für diejenigen reserviert, die es eilig haben. Und wenn Sie jetzt wieder Ihr Gleichgewicht gefunden haben, wäre es sehr freundlich, wenn Sie mich nun loslassen würden." 

Er zieht eine Augenbraue hoch. Etwas beschämt muss sie feststellen, dass sie ihn tatsächlich noch immer umklammert. Vorsichtig verlagert sie ihr Gewicht und löst dann ihre Hände von seinem Anorak. "Entschuldigen Sie bitte, das war nicht meine Absicht, es ging einfach alles so schnell, ich stehe anscheinend immer noch unter Schock." Die Worte sprudeln gerade so aus ihr hervor. "Dieses Land... ich weiß ja wirklich nicht. Ich habe so viele Dokumentationen über Russland gesehen. Aber jetzt wo ich hier bin... Klar, der Zarenpalast ist wirklich schön, zumindest wäre er es bestimmt, bei besserem Wetter... Zugegebenermaßen die Sprache und die Schrift ähneln eher Hieroglyphen und machen die Orientierung nun wirklich nicht leichter..." 

Als sie in ihrem Sprechfluss kurz nach Luft schnappen muss, sieht sie, dass der ältere Herr nun nicht mehr schmunzelt, sondern breit grinst. "Und Sie, was machen Sie in St. Petersburg?", setzt sie etwas atemlos hinzu, froh, nach drei Tagen endlich wieder einige Worte Deutsch zu hören und sprechen zu können. "St. Petersburg ist meine Heimatstadt. Ich lebe hier." "Wirklich?" Sie sieht ihn ungläubig an. "Warum sprechen Sie denn dann so gut Deutsch?" Er lacht. "Mein Vater war Deutscher – ich bin zweisprachig aufgewachsen." Ermutigt von seinem freundlichen Auftreten und glücklich, keine Sprachbarriere überwinden zu müssen, stellt sie eine weitere Frage.

Für mich bedeutet Heimat, in einem kleinen gemütlichen Café sitzen; vor mir auf dem Tisch ein Teller mit dampfenden Piroggen, dazu eine gute Tasse Tee.

"Waren Sie schon einmal in Europa?" Wieder lacht er. So langsam bekommt sie das Gefühl, dieser kleine Austausch amüsiert ihn sehr. "Wo genau glauben Sie, befinden wir uns hier?" Sie stammelt, wird rot. Ja, wo genau liegt Russland? "Naja, Russland ist schon mal kein Teil der Europäischen Union..." "Ist das alles, was Sie über Russland wissen?" "Nein, natürlich nicht." Angestrengt runzelt sie die Stirn. Zögerlich beginnt sie "Russland war bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Zarenreich und wurde anschließend durch den Kommunismus geprägt. Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist Russland ein eigenständiger Staat mit einem Parlament, an dessen Spitze der Präsident steht, welcher direkt vom Volk gewählt wird und über eine große Macht verfügt.

Momentan regiert im Kreml, dem Sitz des russischen Parlaments, Wladimir Putin – und das nunmehr schon ziemlich lange – fast sechzehn Jahre!" Sie schaut ihn verwundert an. "Wirklich? Dass es so lange ist, war mir nicht mehr bewusst. Was noch? Ach ja, in letzter Zeit wurde Russland zum Teil stark kritisiert. Ich erinnere mich an einen Artikel über eine zunehmende Einschränkung der Pressefreiheit und dann war da natürlich die Krimkrise und…" Sie schaut sich rasch zu allen Seiten um, bevor sie sich vorlehnt und ihm zuraunt: "Ich habe gehört, die Regierung verfolgt und bestraft ihre Kritiker." 

Als sie sich zurücklehnt und dem älteren Herrn wieder ins Gesicht blickt, stellt sie fest, dass sich seine Mimik inzwischen verändert hat. Immer noch freundlich, aber nicht mehr ganz so offen und herzlich, fast schon etwas distanziert. Er seufzt und sieht sie etwas ernster an, als noch vor einer Minute. "Ich möchte Ihnen gerne von meinem Russland erzählen – und was mein Heimatland für mich bedeutet. Wenn ich an Russland denke, dann erinnere ich mich an meine Kindheit; an Winter, in denen wir auf den zugefrorenen Flüssen und Seen Schlittschuhlaufen waren. Und wenn wir dann durchgefroren nach Hause kamen, unsere klammen Finger an der Borschtsch-Suppe gewärmt haben. Meine Mutter war eine grandiose Köchin und an unserem Esstisch war immer Platz für meine Freunde aus ganz Europa – für mich sind die Menschen in Russland die Gastfreundlichsten, die ich kenne. Ich erinnere mich an Lagerfeuerabende in meiner Jugend – wie wir gemeinsam am Feuer saßen und traditionelle russische Volkslieder sangen. Der russische Nationalstolz ist mit nichts zu Vergleichen. Es sind schöne Erinnerungen." 

Er lächelt selig. "Bestimmt ist Ihnen bereits das reiche kulturelle Erbe meines Landes aufgefallen, gerade auch hier in meiner Heimatstadt. Vielen Touristen käme vermutlich die Eremitage, auch als Winterpalast bekannt, als erstes in den Sinn. Schließlich spiegelt das imposante Gebäude die ehemalige Herrschafts- und Lebensform wider, darüber hinaus beherbergt es mehr als 3,5 Millionen Kunstobjekte und zählt somit zu den größten Kunstmuseen weltweit. Oder die ehemalige Zarenresidenz Petershof mit den beeindruckenden Brunnen- und Schlossanlagen, ein Ort der besonders bei gutem Wetter zum Verweilen einlädt, wenn die goldenen Statuen im Sonnenschein strahlen und der Park eine Oase der Ruhe fernab vom zum Teil stressigen Großstadtalltag bietet.

Doch das ist nicht mein Russland. Für mich bedeutet Heimat, in einem kleinen gemütlichen Café sitzen; vor mir auf dem Tisch ein Teller mit dampfenden Piroggen, dazu eine gute Tasse Tee. Und wenn ich abends an den Ufern der Newa entlang spaziere, auf dem Weg nach Hause, halte ich allzu oft inne. Gerade die jungen Leute treffen sich gerne am Wasser, man hört Salsa-Klänge und Lachen, im Hintergrund, auf der anderen Flussseite, die erleuchtete Eremitage. Das ist mein Russland." 

Im Leben geht es auch darum, Brücken zu schlagen. Brücken zu anderen Ländern, Kulturen und Menschen.

Ein Funkeln ist in seine Augen getreten. "Wie Sie vielleicht sehen, es gibt nicht das Russland - Russland ist das größte Land der Welt und dementsprechend vielseitig ist die Varietät der verschiedenen Kulturen und Menschen innerhalb des Landes. Der westliche Teil Russlands und so auch Moskau und St. Petersburg werden – gerade auch von Touristen – als sehr europäisch wahrgenommen. Der östliche Teil dagegen ist viel traditioneller geprägt. Letztlich kommt es darauf an, ob Sie bereit sind, sich auf ein Land einzulassen und sich nicht nur mit einem ersten, oberflächlichen Eindruck zufrieden zu geben. Es kommt auf Sie und Ihre Einstellung an. Wie so oft im Leben." 

Inzwischen grinst er fast schon verschmitzt. "Und wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf: Im Leben geht es auch darum, Brücken zu schlagen. Brücken zu anderen Ländern, Kulturen und Menschen. Allzu oft erfordert dies die Überbrückung von anfänglichen Vorurteilen und Differenzen. Doch Sie werden sehen; es sind mehr Gemeinsamkeiten, die uns verbinden, als Unterschiede, die uns entzweien. Und selbst diese Unterschiede sollten Sie wertschätzen, bedingen diese doch erst die Vielfalt unserer Welt und machen unser Leben einzigartig." 

Sie ist für eine kurze Weile still, unsicher einer angemessenen Antwort auf diese eindringlichen Worte. Sie macht den Mund auf, nur um ihn gleich darauf wieder zu schließen. Der ältere Herr lächelt sie ermutigend an, doch sie bekommt noch immer kein Wort heraus. Gerade, als sie ihre Gedanken geordnet hat, fasst er sie vorsichtig am Ellenbogen. Etwas verwirrt blickt sie ihn an. "Nicht, dass Sie ein weiteres Mal stürzen." Ohne, dass sie es bemerkt hätte, haben sie sich dem Ende der Rolltreppe genähert. Sie treten auf die Plattform, eine junge Frau auf hohen Schuhen drängelt sich von hinten an ihnen vorbei und legt die letzten Meter zur bereits wartenden Metro im Laufschritt zurück. "Nun, junge Dame, ich wünsche Ihnen alles Gute."

Mit diesen Worten dreht der ältere Herr sich um und geht gemächlichen Schrittes auf die Metro zu. Als er diese betritt und sich anschließend wieder in ihre Richtung umdreht, scheint die Starre endlich von ihr abzufallen. Doch es ist bereits zu spät, die blauen Türen beginnen sich zu schließen, fast so, als hätte man nur auf ihn gewartet. Der ältere Herr lächelt, nickt ihr noch einmal freundlich zu und hebt zum Abschied die Hand. Dann verlässt die Metro die Station. Sie hat keine Kontaktdaten, nicht einmal seinen Namen kennt sie. Und so bleibt sie auf der Plattform zurück und denkt nach, über eine schicksalhafte und besondere Begegnung. 

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