Sorge um Liu Xia

Porträtfoto von Liu Xia mit dem Meer im Hintergrund

Die Dichterin und Künstlerin Liu Xia befindet sich auch nach dem Tod ihres Ehemannes Liu Xiaobo weiter unter Hausarrest. Aus einem von ihr verfassten Brief geht hervor, wie depressiv und einsam sie sich fühlt. Berichten zufolge musste sie sich unlängst einem chirurgischen Eingriff unterziehen, um Uterusmyome entfernen zu lassen. Seit dem Tod von Liu Xiaobo im Juli durfte sie keinen direkten Kontakt mehr mit der Außenwelt aufnehmen.

Appell an:

Präsident

Xi Jinping

Zhongnanhai, Xichang’anjie

Xichengqu

Beijing Shi 100017

VOLKSREPUBLIK CHINA

Sende eine Kopie an:

Minister für Öffentliche Sicherheit
Zhao Kezhi
14 Dong Chang’anjie
Dongchengqu
Beijing Shi 100741
VOLKSREPUBLIK CHINA
E-Mail:
gabzfwz@mps.gov.cn

Botschaft der Volksrepublik China
S. E. Herrn Mingde Shi
Märkisches Ufer 54
10179 Berlin
Fax: 030-27 58 82 21

E-Mail: presse.botschaftchina@gmail.com oder            de@mofcom.gov.cn

 

Amnesty fordert:

  • Setzen Sie bitte dem unrechtmäßigen Hausarrest und der Überwachung von Liu Xia ein Ende. Beenden Sie auch die Schikane gegen sie und erlauben Sie ihr, sich frei zu bewegen.
  • Ergreifen Sie bitte wirksame Maßnahmen, um sicherzustellen, dass alle Menschenrechtsverteidiger_innen, darunter auch Liu Xia, sowie deren Familien ihre friedlichen Aktivitäten ohne Angst vor Schikane, Einschüchterung, willkürlicher Festnahme oder Inhaftierung ausüben können, so wie es in der UN-Erklärung über Menschenrechtsverteidiger_innen verbrieft ist.
  • Ergreifen Sie bitte wirksame Maßnahmen um sicherzustellen, dass das Recht auf Meinungsfreiheit gewährleistet ist, wie es die chinesischen Verfassungsgarantien und auch der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte vorsehen. Letzterer wurde von China mit dem Vorsatz der baldigen Ratifizierung unterzeichnet.

Sachlage

Die Dichterin und Künstlerin Liu Xia, die auch nach dem Tod ihres Ehemannes Liu Xiaobo weiterhin unter Hausarrest steht, hatte einen Brief an die Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller, geschrieben. Am 9. Dezember veröffentlichte der in Deutschland lebende Dichter und Schriftsteller Liao Yiwu die Inhalte des Briefs im Internet. Der Brief ist undatiert und in Versform verfasst. Liu Xia beschreibt darin, wie nervös sie bei jedem Klopfen an der Tür wird, wie sich ihr Nacken versteift und wie sie sich zusammenrollt: „Ich kann nicht raus. Ich spreche mit mir selbst. Ich werde verrückt.“

Seit dem Tod des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo am 13. Juli 2017 sind einige unbestätigte YouTube-Videos aufgetaucht, die vorgeblich Liu Xia an verschiedenen Orten in der Provinz Yúnnán und in Peking zeigen. Allerdings konnten keine ihre engen Freund_innen direkten Kontakt mit ihr aufnehmen, um mehr über ihren Aufenthaltsort und ihren Gemütszustand herauszufinden.

Die Künstlerin und Dichterin Liu Xia wurde rechtswidrig unter Hausarrest gestellt, als ihr mittlerweile verstorbener Mann Liu Xiaobo im Jahr 2010 den Friedensnobelpreis erhielt. Am Abend des 8. Oktober 2010 brachte die Polizei sie in die Provinz Liaoning, um sie von den Medien fernzuhalten.

Laut Berichten des Radiosenders Radio Free Asia musste sich Liu Xia unlängst einem chirurgischen Eingriff unterziehen, um Uterusmyome (gutartige Gebärmuttertumore) entfernen zu lassen. Amnesty International sorgt sich um ihre körperliche und psychische Gesundheit, da sie unter sehr starken Depressionen zu leiden scheint. Dies geht auch aus dem Brief an Herta Müller hervor, den Liu Xia mit folgenden Worten schließt: „Ich habe kein Recht zu sprechen, laut meine Stimme zu erheben. Ich lebe wie eine Pflanze. Ich liege da wie eine Leiche.“

Hintergrundinformation

Hintergrund

Im Juni 2017 wurde bekannt, dass Liu Xiaobo an Leberkrebs im fortgeschrittenen Stadium leidet. Er wurde daraufhin aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen und in ein Krankenhaus in Shenyang in der Provinz Liaoning gebracht. Liu Xia durfte zwar bei ihrem Mann im Krankenhaus bleiben, sie wurden jedoch überwacht und durften keinen Besuch erhalten.

Am 13. Juli starb Liu Xiaobo an Organversagen. Sein Leichnam wurde sehr bald eingeäschert und seine Asche wurde bereits am 15. Juli an der Küste von Dalian in Liaoning verstreut. Dabei waren Liu Xia und andere Familienangehörige zugegen. Allerdings war Liu Xia bei der von den Behörden organisierten Pressekonferenz später am selben Tag nicht anwesend.

Amnesty International fand später heraus, dass Liu Xia von Angehörigen der Staatssicherheit gezwungen wurde, in die Provinz Yúnnán in Südwestchina zu „verreisen“. Obwohl sie dort Leute kannte, durfte sie mit niemandem sprechen. Liu Xia befindet sich mittlerweile wieder in Peking, wird aber nach wie vor streng von Angehörigen der Staatssicherheit überwacht. Selbst ihre engsten Freund_innen können sie nicht erreichen.

Am 18. August wurde ein kurzes Video auf Youtube veröffentlicht, in dem Liu Xia sagte, sie wäre auf dem Wege der Besserung, und um Zeit bat, um ihre Trauer zu verarbeiten. Ein später veröffentlichtes Video zeigte eine teilweise verdeckte Gestalt, die wie Liu Xia gekleidet war. Dadurch kamen Bedenken darüber auf, ob die Videos möglicherweise unter Zwang oder Nötigung entstanden waren. Liu Xia hatte auf Twitter geschrieben, dass Liu Xiaobo ihr während eines Treffens am 10. Oktober 2010 unter Tränen gesagt habe, dass er seinen Friedensnobelpreis all den Menschen widme, die ihr Leben in gewaltfreien Aktionen für Frieden, Demokratie und Freiheit riskieren. Noch am selben Tag wurde Liu Xia nach Peking zurück gebracht und wird seitdem in ihrem Zuhause oder an anderen Orten gefangen gehalten und rund um die Uhr überwacht.

Am 12. Juni 2013 schrieb Liu Xia einen offenen Brief an den chinesischen Präsidenten Xi Jinping, in dem sie gegen ihren rechtswidrigen Hausarrest protestierte und die Tatsache verurteilte, dass ihr Bruder Liu Hui im Juni 2013 zu elf Jahren Haft verurteilt worden war. Ihm wurde Betrug vorgeworfen, was vielerorts als konstruierte Anklage betrachtet wurde. Die Familien von Liu Xiaobo und Liu Xia stehen seit Langem durchgehend unter Überwachung.