Mindestens 14 Partygäste getötet

Brasilianische Polizisten auf Patrouille in der Favela Chuveirinho in Rio de Janeiro (März 2015)

Brasilianische Polizisten auf Patrouille in der Favela Chuveirinho in Rio de Janeiro (März 2015)

Auf einer Party im Viertel Cajazeiras der Stadt Fortaleza im Bundesstaat Ceará sind am 27. Januar 2018 mindestens 14 Menschen erschossen und neun weitere verletzt worden. Die meisten Opfer waren zwischen 15 und 24 Jahre alt. Es muss umgehend eine unabhängige Untersuchung dieses Vorfalls erfolgen, die die Ermittlung einer möglichen Beteiligung von Angehörigen der Staatsgewalt einschließt.

Appell an:

Gouverneur von Ceará

Camilo Santana

Palácio da Abolição

Av. Barão de Studart, 505

Meireles, Fortaleza - Ce

CEP: 60.120-000, BRASILIEN

Sende eine Kopie an:

Ausschuss zur Verhinderung von Tötungsdelikten unter Jugendlichen des Bundesstaates Ceará
Renato Roseno
Av. Desembargador Moreira, 2807
Bairro: Dionísio Torres - CEP: 60.170-900 BRASILIEN
E-Mail: comite.ccpha@al.ce.gov.br

Botschaft der Föderativen Republik Brasilien
S.E. Herrn Mario Vilalva
Wallstraße 57, 10179 Berlin
Fax: 030–7262 83 -20 oder -21
E-Mail: brasemb.berlim@itamaraty.gov.br

Amnesty fordert:

  • Sorgen Sie bitte für eine umgehende, gründliche und unparteiische Untersuchung der Umstände der Tötung von mindestens 14 Menschen im Cajazeiras-Viertel. Veröffentlichen Sie bitte die Untersuchungsergebnisse und stellen Sie die mutmaßlich strafrechtlich Verantwortlichen in fairen Verhandlungen vor Gericht.
  • Ergreifen Sie bitte angemessene Maßnahmen, um eine wirksame Unterstützung – einschließlich psychosozialem und rechtlichem Beistand – der Familien der Tötungsopfer zu garantieren.
  • Sorgen Sie bitte umgehend für den Schutz der Zeug_innen der tödlichen Schießerei, um jedwede Art der Einschüchterung oder Bedrohung zu verhindern.

Sachlage

Am 27. Januar 2018 wurden gegen Mitternacht mindestens 14 Menschen erschossen und weitere neun verletzt, während sie auf einer Party im Stadtviertel Cajazeiras in der im nordöstlichen brasilianischen Bundesstaat Ceará gelegenen Stadt Fortaleza feierten. Die meisten Opfer waren zwischen 15 und 24 Jahre alt. Unter den Todesopfern waren acht Frauen und sechs Männer.

Am Tag nach der Schießerei veröffentlichten die Behörden des Bundesstaates Ceará eine Liste mit den Namen der Todesopfer. Laut Angaben von Anwohner_innen des Viertels könnte die Zahl der Opfer aber durchaus höher liegen. Die neun Verletzten wurden in das nahe gelegene Krankenhaus Instituto Dr. José Frota (IJF) gebracht. Fünf der Verletzten konnten bereits wieder entlassen werden, während sich die restlichen vier noch zur Beobachtung im Krankenhaus befinden. Dieses Ereignis, in Brasilien bereits als „Chacina das Cajazeiras“ (Blutbad von Cajazeiras) bekannt, war Medienberichten zufolge die opferreichste Massentötung in der Geschichte des Bundesstaates Ceará. Dies wurde später vom Minister für Öffentliche Sicherheit bestätigt.

Die Behörden in Ceará haben öffentlich erklärt, dass das Motiv für die Tötungen gegenwärtig noch untersucht wird. Angesichts der weit verbreiteten Gewalt in Ceará und der Dynamik vorangegangener Massentötungen sollte auch eine mögliche Beteiligung von Angehörigen der Staatsgewalt Gegenstand einer umgehenden, gründlichen und unabhängigen Untersuchung der Tötungen sein. Der Gouverneur von Ceará, Camilo Santana, kündigte die Bildung einer Arbeitsgruppe an, um die Täter_innen zu fassen. Der Minister für Öffentliche Sicherheit des Bundesstaates Ceará, André Costa, beschrieb den Vorfall als einen „isolierten Einzelfall“ und sagte, dass es „keinen Anlass zur Panik“ gäbe. Mindestens ein Mann wurde aufgrund einer möglichen Beteiligung an der Tat festgenommen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Mit 61.283 Morden im Jahr 2016, was einer Tötungsrate von 29,7 pro 100.000 Einwohner_innen entspricht, ist Brasilien das Land mit der weltweit höchsten Anzahl an Tötungsdelikten. Allerdings sind nicht alle Mitglieder der Gesellschaft gleichermaßen von dieser Gewalt betroffen. Die größte Opfergruppe dieser Tötungsdelikte sind die jungen schwarzen Bewohner_innen der Favelas und des Umlands der Großstädte.

In den letzten Jahrzehnten haben es die staatlichen Institutionen – sowohl auf Bundesstaats- als auch auf Landesebene – versäumt, angemessen auf die steigende tödliche Gewalt im Land zu reagieren und wirksame öffentliche Sicherheitsstrategien sowie Maßnahmen zur Senkung der Tötungsdelikte an schwarzen Jugendlichen und zum Schutz ihres Rechts auf Leben zu implementieren.

Der Bundestaat Ceará liegt im Nordosten Brasiliens und damit in der Region mit der höchsten Tötungsrate im ganzen Land. Laut offiziellen, vom Minister für Öffentliche Sicherheit des Bundesstaates Ceará bereitgestellten Daten wurden im Jahr 2017 in Ceará 5.134 Tötungsdelikte registriert. Innerhalb Brasiliens weist Ceará außerdem die höchste Zahl an Tötungsdelikten an jungen Menschen zwischen 12 und 18 Jahren auf. In Bezug auf diese Tötungsdelikte lässt sich ein Muster erkennen, bei dem nicht erfolgte Ermittlungen und mangelnde Rechenschaftspflicht eine zentrale Rolle spielen und die Gewaltspirale weiter nach oben drehen.

Vor dem „Chacina das Cajazeiras“ (Blutbad von Cajazeiras) hatte bereits eine andere Massentötung den Bundesstaat erschüttert, als am 11. November 2015 in der Messejana-Region außerhalb Fortalezas elf Menschen erschossen worden waren. Aufgrund des damaligen Medienechos und dank des Drucks der Zivilgesellschaft auf die Behörden wurde der Fall umfassend untersucht. Im Rahmen dieser Untersuchungen konnten überzeugende Beweise gesammelt werden, die auf eine Beteiligung von zum Tatzeitpunkt dienstfreien Polizist_innen an den Tötungen hindeuten. Der Fall ist auch als „Chacina de Messejana“ (Blutbad von Messejana) bekannt.