Indigene Gemeinschaften in Gefahr

Eindrücke der indigenen Gemeinschaft der Wounaan in Chocó, Kolumbien

Angehörige der indigenen Gemeinschaft Wounaan in Chocó, Kolumbien

Die Rechte der indigenen Gemeinschaften Wounaan und Embera in Chocó, Kolumbien, werden weiterhin durch die Anwesenheit und die Kämpfe zwischen paramilitärischen Gruppen, der Nationalen Befreiungsarmee und staatlichen Sicherheitskräften verletzt.

Setz dich jetzt für indigene Gemeinschaften in Kolumbien ein!

Amnesty fordert:

  • Stellen Sie bitte sicher, dass die dringend notwendige humanitäre Hilfe die Gemeinden Juun Dur und Quiparalito erreicht und sorgen Sie bitte für angemessene Schutzmaßnahmen für die benachbarten Gemeinden Peñas Blancas, Jagual, Marcial und Pichindé.
  • Ich fordere Sie höflich auf, durch eine angemessene Präsenz den Schutz, die Sicherheit und die Bewegungsfreiheit der indigenen Gemeinschaften in den Gebieten um die Flüsse Truandó und San Juan zu gewährleisten.

 

Sachlage

Berichten zufolge gab es am 20. August um 13:45 Uhr Ortszeit eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Truppen der kolumbianischen Streitkräfte und der Nationalen Befreiungsarmee (Ejército De Liberación Nacional – ELN) am Fluss San Juan – nur 700 m vom Territorium der Wounaan in Puerto Olave entfernt. Vor kurzem wurde die Gemeinschaft zudem von den Sicherheitskräften darüber informiert, dass sich in den umliegenden Gebieten Landminen befinden. Indigenenorganisationen sagten gegenüber Amnesty International, dass die jüngsten Kampfhandlungen und die Gefahr von Landminen in den umliegenden Gebieten sie um ihre Sicherheit fürchten lassen.

Es wird über eine weitere bewaffnete Auseinandersetzung gegen 10 Uhr am Morgen des 22. August berichtet. Diesmal zwischen der ELN und den Paramilitärs der Gruppe Autodefensas Gaitanistas de Colombia (ACG). Die Kämpfe fanden in den Gemeinden Juun Dur (Territorium der indigenen Wounaan-Gemeinschaft) und Quiparalito (Territorium der indigenen Embera-Gemeinschaft), am Ufer des Flusses Truandó in Riosucio im nördlichen Chocó statt. Ana María Mepaquito, eine 22-jährige Indigene und Mutter von drei kleinen Kindern wurde im Kreuzfeuer der Kämpfe getötet. Die Angehörigen der indigenen Gemeinschaften können ihr Land nicht verlassen. Zum Einen, weil sie Angst haben, an den Checkpoints von den Wachen der paramilitärischen Gruppen oder den kolumbianischen Streitkräften festgenommen zu werden und zum Anderen aus Angst vor den Landminen, die ihr Land umgeben.

Problematisch ist aber nicht nur, dass sie dadurch praktisch auf ihrem Land gefangen sind, sondern auch, dass sie nicht auf die Jagd gehen können. Dies ist jedoch ihre Hauptnahrungsquelle. Es gelangen zudem nur begrenzt Lebensmittel zu den Gemeinschaften, was zu einer schwierigen humanitären Situation geführt hat. Der Runde Tisch der Indigenen in Chocó bestätigt, dass den Menschen in den benachbarten Gebieten Peñas Blancas, Jagual, Marcial und Pichindé, durch die gewaltsamen Zusammenstöße von bewaffneten Gruppen, unmittelbar die Vertreibung droht. Amnesty International erreichen zudem immer wieder neue Berichte über Zwangsrekrutierungen von indigenen Kindern.

Bis heute hat die kolumbianische Regierung weder die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um den Zugang zu humanitärer Hilfe sicherzustellen, noch zeigt sie eine flächendeckende Präsenz in den Gebieten. Mehr als 100 Embera aus der Gemeinde Riosucio in Chocó haben sich im solidarischen Protest auf den Weg nach Bogotá gemacht. Sie fordern vor dem Präsidentenpalast, dass die Regierung umgehend die nötigen Maßnahmen ergreift, um zu garantieren, dass sie in Würde und Sicherheit leben können.

Appell an:

Juan Manuel Santos

Presidente de la República

Palacio de Nariño

Carrera 8 Núm. 7-26

Bogotá, KOLUMBIEN

Sende eine Kopie an:

Gouverneur von Chocó
J
hoany Carlos Alberto Palacios Mosquera

Cra. 7 Núm. 24-76, Piso 3
Quibdo, Chocó
KOLUMBIEN
Fax: (00 57) 46738 9001

Botschaft der Republik Kolumbien
I. E. Frau Maria Lorena Gutiérrez Botero
Taubenstr. 23
10117 Berlin
Fax: 030-2639 6125

 

Hintergrundinformation

Hintergrund

Am 16. August hat Amnesty International eine Stellungnahme zu der Situation in Chocó veröffentlicht, in der die Sorge über die schwierige humanitäre Lage im Departamento zum Ausdruck gebracht wird (Stellungnahme auf Englisch: https://www.amnesty.org/en/documents/amr23/6946/2017/en/). In der ersten Hälfte des Jahres 2017 haben die indigenen Gemeinschaften in Chocó mindestens zwei Mal das Eindringen paramilitärischer Gruppen in ihre Territorien gemeldet. Zum ersten Mal passierte dies am 6. März. Es kam zu massiven Vertreibungen von Familien und zur Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit in den benachbarten Gemeinden in Peña Azul (siehe UA-056/2017 online unter https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-056-2017/ueber-300-menschen-ver…). Beim zweiten Mal drangen am 18. April paramilitärische Gruppen in das Territorium Jiguamiandó nahe der humanitären Zone Pueblo Nuevo ein (siehe UA-162/2017-1 online unter https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-062-2017-1/paramilitaers-weiter…).

In Chocó werden weiterhin Menschenrechtsverletzungen und Völkerrechtsverbrechen begangen, darunter auch gezielte Tötungen von Angehörigen der afro-kolumbianischen und indigenen Gemeinschaften. Darüber hinaus werden die Gemeinschaften von ihrem Land vertrieben oder dort eingeschlossen und es finden Zwangsrekrutierungen indigener Jungen und Mädchen statt. Die indigenen Gemeinschaften in Chocó sind anhaltenden Drohungen und gewaltsamen Übergriffen durch bewaffnete Gruppen von Paramilitärs ausgesetzt. 2009 erließ das kolumbianische Verfassungsgericht die Resolution 4, welche die Regierung aufforderte, öffentliche Maßnahmen gegen die Vertreibung von Völkern zu ergreifen, mit dem Ziel, Leben, Freiheit und kulturelle Vielfalt und weitere Rechte zu schützen.

Amnesty International hat die zunehmenden Tötungsdelikte an Indigenensprecher_innen in Kolumbien bereits öffentlich angeprangert und dabei besonders den mangelnden Fortschritt bei den Friedensbemühungen kritisiert. „Die extrem gefährliche Lage indigener Gemeinschaften in Kolumbien ist alarmierend. Diese Straftaten zeigen zwei der größten Herausforderungen bei dem Versuch, Frieden zu schaffen: erstens den Schutz jener Gemeinschaften, die am meisten von den bewaffneten Konflikten betroffen sind. Zweitens müssen wir gewährleisten können, dass diese ungeheuerlichen Taten nicht ungestraft bleiben“, sagte Erika Guevara-Rosas, Direktorin der Region Amerikas bei Amnesty International. Nähere Informationen finden Sie auf Englisch unter https://www.amnesty.org/en/latest/news/2017/04/colombia-ola-de-asesinat….