Drohende Hinrichtung in Texas

Diese Urgent Action ist beendet.

Am 8. November ist der 47-jährige Rubén Cárdenas Ramírez im US-Bundesstaat Texas hingerichtet worden. Seine Hinrichtung verstößt gegen das Völkerrecht. Sowohl die mexikanische Regierung als auch UN-Expert_innen und die Interamerikanische Menschenrechtskommission hatten einen Hinrichtungsaufschub gefordert.

Demonstration gegen die Todesstrafe in Boston, USA

Demonstration gegen die Todesstrafe in Boston, USA

Der 47-jährige Ruben Cárdenas Ramírez soll am 8. November im US-Bundesstaat Texas hingerichtet werden. Seine Hinrichtung würde gegen das Völkerrecht verstoßen, da man ihm nach der Festnahme seine konsularischen Rechte verweigerte. 1998 war er wegen eines Mordes zum Tode verurteilt worden, den er 1997 begangen haben soll. Ruben Cárdenas Ramírez beteuert seine Unschuld und hat neue DNA-Tests beantragt.

Appell an:

Begnadigungsausschuss von Texas
Clemency Section, Board of Pardons and Paroles
8610 Shoal Creek Blvd.
Austin, Texas 78757-6814

USA

Sende eine Kopie an:

Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika
Herrn Kent Doyle Logsdon (Gesandter-Botschaftsrat)
Clayallee 170
14191 Berlin
Fax: 030 830 510 50
E-Mail: über
http://germany.usembassy.de/email/feedback.htm

Amnesty fordert:

  • Bitte stoppen Sie die Hinrichtung von Ruben Cárdenas Ramírez (Häftlingsnummer 999275) und wandeln Sie sein Todesurteil um.
  • Ich weise Sie darauf hin, dass seine Hinrichtung gegen das Völkerrecht verstoßen und einer Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs zuwiderlaufen würde.
  • Es besorgt mich sehr, dass Ruben Cárdenas Ramírez seine konsularischen Rechte nicht wahrnehmen durfte und erst elf Tage nach seiner Festnahme bzw. eine Woche nach der Anklageerhebung einen Rechtsbeistand erhielt.
  • Bitte berücksichtigen Sie, dass die Verurteilung auf einem äußerst fragwürdigen Geständnis, unzuverlässigen DNA-Spuren und unzureichenden Augenzeugenberichten beruht.
  • Ich weise zudem darauf hin, dass eine Hinrichtung unumkehrbar ist und bitte Sie eindringlich, einen Hinrichtungsaufschub zu gewähren, damit die beantragten DNA-Tests durchgeführt werden können.

Sachlage

Im Jahr 1997 wurde der mexikanische Staatsbürger Ruben Cárdenas Ramírez des Mordes an seiner Cousine, der 16-jährigen Mayra Laguna, angeklagt. In den polizeilichen Aussagen der Personen, die die Entführung von Mayra Laguna beobachtet hatten (darunter auch die jüngere Schwester des Opfers, die Ruben Cárdenas Ramírez kannte), wurde der Angeklagte jedoch weder explizit identifiziert noch wurde eine Beschreibung abgegeben, die auf Ruben Cárdenas Ramírez zutraf. Dennoch wurde Ruben Cárdenas Ramírez schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte DNA-Nachweise vorgelegt, die den Angeklagten nicht mit dem Mord in Verbindung brachten und die heute als unzuverlässig gelten würden. Zudem stützte sich das Gerichtsurteil auf Aussagen von Ruben Cárdenas Ramírez, die er nach tagelangen Verhören gemacht hatte und nachdem sein Antrag auf einen Rechtsbeistand ignoriert wurde. Seine Aussage beinhaltete einige uneinheitliche Angaben sowie Details, die mit den Sachbeweisen unvereinbar waren. So sagte Ruben Cárdenas Ramírez beispielsweise bei der Polizei aus, dass er vor dem Mord Sex mit dem Opfer gehabt hätte; allerdings ließen sich keine Spuren von Geschlechtsverkehr oder sexueller Gewalt feststellen. Nichtsdestotrotz wurde er 1998 des Mordes für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.

Die Rechtsbeistände von Ruben Cárdenas Ramírez haben DNA-Tests beantragt, die ihrer Ansicht nach ihren Mandanten entlasten könnten. Die Lokalbehörden haben eingeräumt, dass Fingernägel des Opfers für entsprechende DNA-Tests zur Verfügung stünden. Dieser Antrag wird von einem DNA-Experten unterstützt, der mitgeteilt hat, dass selbst „ein einziges Stück von einem Fingernagel mehr als genügend Analysematerial hergeben“ würde.

Da Ruben Cárdenas Ramírez mexikanischer Staatsbürger ist, hatte er nach seiner Festnahme das Recht, sich „unverzüglich“ für Unterstützung an das mexikanische Konsulat zu wenden. Dieses Recht ist in Artikel 36 des Wiener Übereinkommens über konsularische Beziehungen verbrieft. Er wurde jedoch nicht über dieses Recht informiert. Stattdessen wurde er ohne konsularischen oder rechtlichen Beistand einem Verhör unterzogen, in dem er letztlich die Tat gestand. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission entschied 2009, dass das Todesurteil gegen Ruben Cárdenas Ramírez aufgehoben und ein Wiederaufnahmeverfahren mit allen notwendigen Verfahrensgarantien eingeleitet werden sollte. Bereits 2004 hatte der Internationale Gerichtshof (IGH) geurteilt, dass die USA im Fall von Ruben Cárdenas Ramírez gegen Artikel 36 des Wiener Übereinkommens über konsularische Beziehungen verstoßen hatten. Der IGH ordnete eine gerichtliche „Überprüfung und Wiederaufnahme“ des gegen Ruben Cárdenas Ramírez verhängten Schuldspruchs und Strafmaßes an, um festzustellen, ob sich diese Verstöße nachteilig auf seinen Fall ausgewirkt haben. Im Jahr 2008 urteilte der Oberste Gerichtshof der USA, dass die Entscheidung des IGH für die USA zwar eine „völkerrechtliche Verpflichtung“, aber „nicht automatisch innerstaatliches Recht“ darstelle, und dass die Zuständigkeit für die Umsetzung des Entscheids letztlich beim Kongress liege. Der Kongress hat bisher keine entsprechenden Durchführungsgesetze erlassen.

Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe. Seit 1976 sind in den USA 1.461 Menschen hingerichtet worden, darunter mehr als 30 ausländische Staatsangehörige. Die meisten ausländischen Staatsangehörigen durften nach der Festnahme ihre konsularischen Rechte nicht wahrnehmen. In Texas wurden seit 1976 insgesamt 543 Hinrichtungen vollzogen. 2017 wurden in den USA bisher 19 Todesurteile vollstreckt, fünf davon in Texas. Bis heute haben 141 Länder die Todesstrafe per Gesetz oder in der Praxis abgeschafft.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Hintergrundinformationen (Auf Englisch)

At the 1998 trial, the state relied upon evidence that by today’s standards would be considered highly unreliable. The prosecution’s expert testified that blood found in Ruben Cárdenas Ramírez’s car was consistent with the blood of the victim, but the statistics he cited are meaningless by today’s standards. He testified that a small drop of blood on the back seat and floor mat from the defendant’s mother’s car were a “match” to Mayra Laguna’s blood, based on a “1 in 18 match probability.” In an affidavit supporting the motion for new DNA testing, the expert retained by Ruben Cárdenas Ramírez’s appeal lawyers states: “The techniques used to test the evidence in Mr. Cardenas’s trial are now considered obsolete and insufficient in the forensic industry . . . Modern techniques and analysis can yield random match probabilities  . . . in the range of 1 in over one quadrillion.”  The expert further stated that “[m]odern testing can be performed with very small amounts of DNA. Even material such as a single fingernail clipping could provide more than sufficient material for analysis.”

Prosecutors also relied on the defendant’s own statements, which he made after a lengthy interrogation and without access to a lawyer or consular assistance. The statements were inconsistent with each other, with known facts surrounding the murder, and with the physical evidence. Today, there is ample evidence that people can be coerced into false confessions without police resorting to physical brutality. Furthermore, the eyewitness testimony that was presented by the prosecution was inconsistent with statements given by those same witnesses shortly after the crime. An eyewitness who saw a man leading a girl away from the house on the night in question was unable to initially identify Ruben Cárdenas Ramírez as the suspect – and only did so at the time of trial, when Ruben Cárdenas Ramírez was sitting in the defendant’s seat. The victim’s younger sister, who knew Ruben Cárdenas Ramírez, did not identify the man as him, or his voice as his, and described the person who took her sister as having white and grey hair, which did not match Ruben Cárdenas Ramírez’s hair at the time.

Timely access to consular assistance for individuals arrested outside of their home countries can be a critical fair trial safeguard. In the context of a US capital sentencing, a consulate can assist defence lawyers. Such assistance could have been critical to Ruben Cárdenas Ramírez during the 11-day period after his initial arrest when he was without legal representation and subjected to repeated interrogations. In an affidavit signed in 2005, an official from the Mexican Foreign Ministry said: “Had Texas authorities complied with their Article 36 obligations, a representative of the Mexican Consulate would have promptly contacted Mr Ramírez Cárdenas. In accordance with their training, consular officers would have advised him of the importance of having a lawyer present during any conversations with the police… Mexican consular officers would also have advised him in very clear terms that he should only speak to the police after first seeking the advice of a lawyer”. 

In 2004, the International Court of Justice determined, in Avena and Other Mexican Nationals, that the USA had violated the rights under Article 36 of the VCCR of Ruben Cárdenas Ramírez and 50 other Mexican nationals on death row in the USA. After the ruling, then US President George W. Bush sought to have the state courts provide the necessary “review and reconsideration” in all of the affected cases.  Texas has nonetheless refused to comply with the ICJ’s ruling.  The administration of President Barack Obama continued the Bush administration’s efforts to enforce the ICJ ruling.

In June 2015 US Supreme Court Justice Stephen Breyer issued a landmark dissenting opinion arguing that the Court should consider the constitutionality of the death penalty per se, citing among other things, arbitrariness, and the number of errors in capital cases. Since 1973, more than 150 people have been exonerated of the crimes for which they were originally sent to death row in the USA. Clearly the US capital justice system is capable of making mistakes, and does so with alarming regularity.