Drohende Hinrichtung in Ohio

Diese Urgent Action ist beendet.

Gary Otte wurde am Morgen des 13. September im US-Bundesstaat Ohio hingerichtet. 1992 wurde der damals 20-Jährige zum Tode verurteilt, zum Zeitpunkt seines Todes war er 45 Jahre alt.

Demonstration gegen die Todesstrafe in Boston, USA

Demonstration gegen die Todesstrafe in Boston, USA

Gary Otte soll am 13. September im US-Bundesstaat Ohio hingerichtet werden. Im Oktober 1992 verurteilte man den damals 20-Jährigen wegen zweier Morde zum Tode, die er im Februar 1992 begangen haben soll. Der Gouverneur von Ohio hat sich gegen eine Begnadigung ausgesprochen.

Appell an:

Governor John Kasich
Riffe Center, 30th Floor,
77 South High Street
Columbus, OH 43215-6117
USA

Sende eine Kopie an:

Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika
Herrn Kent Doyle Logsdon
Geschäftsträger a.i., Gesandter-Botschaftsrat
Clayallee 170
14191 Berlin
Fax: 030-83 05 10 50

Amnesty fordert:

  • Bitte überdenken Sie Ihre Entscheidung bezüglich des Gnadengesuches von Gary Otte.
  • Mit dieser Bitte möchte ich weder die Schwere der ihm zur Last gelegten Gewaltverbrechen noch deren Folgen herunterspielen.

Sachlage

Am 12. bzw. 13. Februar 1992 wurden der 61-jährige Robert Wasikowski und die 45-jährige Sharon Kostura in ihren Wohnungen in Parma, Ohio, erschossen. Gary Otte wurde am 13. Februar festgenommen und gab tags darauf zu, die beiden Morde begangen zu haben. Er verzichtete auf sein Recht auf ein Schwurgerichtsverfahren und so begann im September 1992 sein Prozess vor einem dreiköpfigen Richtergremium. Er wurde schuldig gesprochen. Im Oktober fand die Verfahrensphase statt, in der über das Strafmaß befunden wird. Den Richter_innen wurden strafmildernde Faktoren wie die schwierige Kindheit des Angeklagten, Depressionen sowie eine seit früher Jugend ausgeprägte Drogen- und Alkoholabhängigkeit präsentiert. Nichtsdestotrotz verurteilten sie Gary Otte zum Tode.

Vor Gericht wurde festgestellt, dass Gary Otte zum Zeitpunkt der Morde Alkohol und Drogen konsumierte. In der Berufungsverhandlung wurde jedoch ein wichtiges Argument zu seiner Verteidigung zurückgewiesen: das Argument, dass er während seines polizeilichen Gewahrsams aufgrund von Erschöpfung, Suizidgedanken, Drogen- und Alkoholentzug sowie wegen seines unterdurchschnittlichen Intellekts nicht in der Lage gewesen sein konnte, bewusst auf die in der US-Verfassung verbrieften „Miranda-Rechte“ zu verzichten. Hierzu gehören das Recht zu schweigen und das Recht auf anwaltlichen Beistand beim Verhör. Zweimal musste Gary Otte während seines Gewahrsams ins Krankenhaus eingeliefert werden: am Abend des 13. Februar 1992 und am frühen Morgen des 15. Februar, kurz nach Ablegen seines ersten Geständnisses. Im Jahr 2011 wurde das Todesurteil vor dem US-Berufungsgericht bestätigt. Von drei Richter_innen stimmten zwei dafür, eine_r jedoch sprach sich mit folgendem Argument dagegen aus: „Diese psycho-chemischen Reaktionen würden bei jedem dazu führen, dass die höhergradige mentale Verarbeitungskapazität beeinträchtigt wird, die nötig ist, um bewusst auf ein verfassungsmäßiges Recht zu verzichten. Und [Herrn] Ottes unterdurchschnittlicher IQ hat diese Kapazität noch zusätzlich beeinträchtigt. Die Auswirkungen von Drogenkonsum, Entzug, Depressionen und Erschöpfung auf die bereits eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten von [Herrn] Otte sehe ich als zu schwerwiegend an, als dass ich meinen Kollegen in ihrer Meinung zustimmen könnte, [Herrn] Ottes Verzicht sei bewusst und verständig gewesen.“

Die Berufungsgerichte wiesen zudem die Behauptung zurück, der Verzicht von Gary Otte auf sein Recht auf ein Schwurgerichtsverfahren sei freiwillig, bewusst und verständig gewesen. Bei einer Wiederaufnahmeanhörung sagte ein Pharmakologe als Zeuge der Verteidigung aus, dass Gary Otte seiner Ansicht nach aufgrund von antipsychotischen Medikamenten während des Gewahrsams kognitiv nicht in der Lage gewesen sei, auf seine Rechte zu verzichten. Die Staatsanwaltschaft führte jedoch gegenteilige Expertenaussagen an. Ebenfalls zurückgewiesen wurde das Argument, dass im ursprünglichen Gerichtsverfahren mehr strafmildernde Umstände hätten präsentiert werden sollen, wie zum Beispiel die schlechten Schulzeugnisse des Angeklagten, in denen auf seine „schwere emotionale Beeinträchtigung“ hingewiesen wurde.

Im Februar 2017 sprach sich der zuständige Begnadigungsausschuss (Ohio Adult Parole Authority) gegen eine Begnadigung aus, selbst nachdem ihm Informationen über die schwere Kindheit von Gary Otte vorgelegt wurde, welche von Mobbing, sozialer Entfremdung, Depressionen und Drogen- und Alkoholabhängigkeit gekennzeichnet gewesen war. Gary Otte selbst bat um Gnade, drückte seine Reue aus und beteuerte, er habe sich inzwischen geändert und könne bei einer Begnadigung eine positive Rolle im Leben anderer Menschen spielen, beispielsweise durch die Veranschaulichung der Folgen von Mobbing. Am 1. September verkündete der Gouverneur von Ohio John Kasich, dass er Gary Otte nicht begnadigen werde.

Bis heute haben 141 Länder die Todesstrafe per Gesetz oder in der Praxis abgeschafft. Das Völkerrecht sieht vor, auf die Abschaffung der Todesstrafe hinzuarbeiten, und die UN-Generalversammlung hat wiederholt ein Hinrichtungsmoratorium gefordert, bis die Todesstrafe vollständig abgeschafft ist. USA-weit werden Signale gegen den Einsatz der Todesstrafe ausgesendet. Einige US-Bundesstaaten haben in den vergangenen Jahren die Todesstrafe entweder abgeschafft oder ein Moratorium verhängt, und die Zahl der jährlich verhängten Todesurteile und vollzogenen Hinrichtungen ist so niedrig wie nie zuvor.

Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe. 2017 sind in den USA bisher 17 Todesurteile vollstreckt worden. Die Gesamtzahl der Exekutionen in den USA seit der Wiederaufnahme von Hinrichtungen im Jahr 1976 beläuft sich nun auf 1.459. Seit 1999 sind in Ohio 54 Todesurteile vollstreckt worden, eines davon im Jahr 2017. Allein 13 dieser Exekutionen sind seit Januar 2011 durchgeführt worden, als Gouverneur John Kasich ins Amt kam. Seine Amtszeit läuft am 14. Januar 2019 ab. Bis dahin sollen in Ohio nach jetzigem Stand noch sechs Männer hingerichtet werden, unter ihnen auch Gary Otte. Nach diesem Datum stehen in Ohio bisher weitere 20 Hinrichtungen an: sechs im Jahr 2019, sechs im Jahr 2020, sechs im Jahr 2021, und zwei im Jahr 2022.

Hintergrundinformation

Hintergrund

(auf Englisch)

In his 2011 dissent, US Court of Appeals Judge R. Guy Cole, argued that “Otte’s low IQ, side effects from alcohol withdrawal and his severe depression combined over multiple days of interrogation to prevent him from knowingly waiving his Miranda rights…The totality of the circumstances shows that Otte’s capacity was so diminished that he could not knowingly and intelligently execute a waiver. Otte was an alcoholic and drug abuser who drank an excessive amount of alcohol daily, and consumed marijuana and crack cocaine. The police arrested Otte at a bar the evening of February 13, 1992 after he had consumed beer and a large quantity of bourbon. He was interrogated for ninety minutes that night, but did not confess. After the interrogation he was sent to the hospital for a psychiatric evaluation in the early morning hours of February 14th. At 4:00 p.m. that day, he was questioned again by the police and confessed to the murders for the first time.

That evening he was taken to the hospital again. The intake notes from his hospital admission stated that Otte was shaking uncontrollably as a consequence of alcohol withdrawal and was treated with Libirium, a drug that reduces some of the symptoms of withdrawal, but also has sedative effects. Otte’s expert testified that alcohol withdrawal causes serious discomfort which impairs cognitive functioning. Though the State’s expert disagreed with the conclusion of Otte’s expert he conceded that alcohol withdrawal was a very dangerous and potentially life-threatening medical condition. On the 16th, Otte waived his Miranda rights again, but remained significantly impaired because he did not receive his prescribed dose of Libirium that day. He created a noose a few days later and was sent to the hospital for a suicide attempt or suicidal ideation…To the extent that the [police] officer’s impression of Otte’s acuity is relevant to the inquiry, the record convincingly establishes that the officer’s knew of Otte’s diminished capacity. Otte went back and forth to the hospital on multiple occasions to receive treatment for withdrawal as well as a psychiatric evaluation. It strains credulity too much to say that the officers knew nothing of this parade of red flags.”

When the parole board rejected clemency in February 2017, it concluded that while Gary Otte’s childhood may have been difficult, he had “consciously rejected the law-abiding, pro-social paths available to him”. To counter the arguments for clemency, the county prosecutor had related to the board the details of the crime and argued that Gary Otte’s trial lawyers had been effective. Gary Otte’s parents and other family members appealed for his life to be spared. Relatives of one of the murder victims appealed to the board to allow the execution to go forward.