Bombardierung nahe Schutzzone

Vier Frauen und zwei Kinder gehen einen Hügel hoch, im Vordergrund stehen die Reste eines abgebrannten Baumes

Vertriebene Indigene in der kolumbianischen Pazifikregion

Im Zuge ihres Vorgehens gegen die Nationale Befreiungsarmee ELN bombardierten die kolumbianischen Sicherheitskräfte ein Gebiet in der Nähe der Schutzzone von Chagpien Tordó, die in der Gemeinde Litoral de San Juán im Departamento Chocó liegt. Dabei verletzten sie eine Minderjährige. Die Militärmaßnahmen vertreiben die Bewohner_innen aus den angrenzenden Gemeinden. Sie haben Angst vor weiteren Übergriffen.

Appell an:

Juan Manuel Santos

Presidente de la República

Palacio de Nariño

Carrera 8 Núm. 7-26

Bogotá, KOLUMBIEN
 

Sende eine Kopie an:

Botschaft der Republik Kolumbien
I.E. Frau María Elvira Pombo
Taubenstr. 23
10117 Berlin

Fax: 030-2639 6125
E-Mail: ealemania@cancilleria.gov.co

Amnesty fordert:

  • Bitte leisten Sie umgehend humanitäre Hilfe und sorgen Sie dafür, dass sich die Lage der Binnenvertriebenen und der im Departamento Chocó eingeschlossenen Bevölkerung verbessert.
  • Ich möchte Sie an Ihre völkerrechtliche Verpflichtung erinnern, die Vertreibung indigener und afro-kolumbianischer Gemeinschaften aus ihren angestammten Gebieten zu verhindern und ihre Rechte als Betroffene des bewaffneten Konflikts zu schützen.
  • Bitte beachten Sie, dass alle Zivilpersonen in der Region –indigene und afro-kolumbianische Gemeinschaften sowie weitere Teile der Zivilbevölkerung – das Recht haben, nicht in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen zu werden. Der Staat muss seinen Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht uneingeschränkt nachkommen. Eine Nichtbeachtung könnte zur Folge haben, dass Kolumbien sich auf internationaler Ebene verantworten muss.

Sachlage

Am 30. Januar ging eine Einheit der kolumbianischen Streitkräfte, die Fuerza de Tarea Conjunta Titán, im Departamento Chocó gegen die Nationale Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional, ELN) vor. Dabei bombardierte sie ein Gebiet in der Nähe der Schutzzone (Comunidad de resguardo) von Chagpien Tordó, in der die indigene Bevölkerungsgruppe der Wounaan lebt. Ein 16-jähriges Mädchen wurde dabei so schwer verletzt, dass sie zur Behandlung in die Stadt Buenaventura gebracht werden musste. Laut Angaben aus dem Ombudsbüro in Chocó, kann davon ausgegangen werden, dass noch weitere Personen verletzt oder getötet wurden, doch liegen noch keine offiziellen Zahlen vor. Die Bewohner_innen der indigenen Gemeinden Santa María Pangala und Estrella Pangala sehen sich gezwungen, ihre Wohnorte in großer Zahl zu verlassen, sind jedoch aus Furcht vor anhaltenden Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen und Sicherheitskräften zwischen den nahegelegenen Landstraßen eingeschlossen.

Bereits 2017 erhielt Amnesty International Berichte darüber, dass als Folge zweier Zusammenstöße zwischen der Armee, der ELN und paramilitärischen Gruppen zahlreiche Bewohner_innen der Schutzzone von Chagpien Tordó vertrieben worden waren. Beide Vertreibungen waren vom Dachverband indigener Gemeinschaften in Kolumbien (Organización Nacional Indígena de Colombia, ONIC) scharf kritisiert worden. Bis heute hat die kolumbianische Regierung noch keine Maßnahmen ergriffen, um das Recht auf Leben, Integrität und Sicherheit der betroffenen Gemeinde zu schützen.

Auch der erneute Angriff auf die Zivilbevölkerung verstößt auf eklatante Weise gegen die Prinzipien des humanitären Völkerrechts, wie beispielsweise die Unterscheidung zwischen der Zivilbevölkerung und Kämpfer_innen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Amnesty International macht immer wieder auf die ernste Menschenrechts- und Sicherheitslage im Departamento Chocó aufmerksam und fordert Kolumbien dazu auf, das jüngste Friedensabkommen auch in der Praxis wirksam umzusetzen und seinen internationalen Menschenrechtsverpflichtungen nachzukommen.

Das Ausbleiben einer umfassenden und wirkungsvollen Reaktion seitens der staatlichen Stellen in den Konfliktgebieten ist eine Ursache für die aktuellen Menschenrechtsverletzungen an den indigenen und afro-kolumbianischen Bewohner_innen in dieser Region. Nach wie vor werden die Rechte auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Bewegungsfreiheit sowie auf Land und kulturelle Identität verletzt. Es ist noch ein weiter Weg bis zu einem stabilen und anhaltenden Frieden, der die individuellen und kollektiven Menschenrechte respektiert.

Das Ende des beidseitigen Waffenstillstands zwischen der illegalen bewaffneten Gruppe ELN und der kolumbianischen Regierung Anfang Januar und die Aussetzung der Friedensverhandlungen am 29. Januar hat erneut zu einer Welle von Gewalttaten der ELN geführt, sodass die Regierung wieder verstärkt militärisch gegen sie vorgeht.

Es ist besorgniserregend, dass die betroffenen Gemeinden in dieser Phase des Friedensprozesses sowohl von Menschenrechtsverletzungen seitens der Sicherheitskräfte als auch über Verbindungen zwischen ihnen und paramilitärischen Gruppen berichten. Den Gemeinden und nationalen NGOs zufolge sind seit November 2016 mehrere paramilitärische Gruppen in verschiedenen Gegenden des Departamentos aktiv. Die Untätigkeit seitens der Regierung führt dazu, dass sich die Berichte über Drohungen und Einschüchterungen aus den betroffenen Gemeinden häufen. Die Bewegungsfreiheit der dortigen Bevölkerung ist stark eingegrenzt.