Amnesty Journal Frankreich 30. Januar 2017

Nimm das Schwere leicht

Nimm das Schwere leicht

Archaische Trauer. Selbstporträt der Zeichnerin Catherine Meurisse kurz nach dem Attentat auf ihre Redaktionskollegen bei »Charlie Hebdo«

"Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse"

Nur durch Zufall überlebte die Zeichnerin Catherine Meurisse das Attentat auf das französische Satire­magazin »Charlie Hebdo« im Januar 2015. Ihre Graphic Novel »Die Leichtigkeit« ist ein poetischer Trauerbericht.

Von Dimitrios Charistes

Die Karikaturistin Catherine Meurisse entkam dem Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins »Charlie Hebdo« nur, weil sie am Morgen des 7. Januar 2015 nicht rechtzeitig aufstand und zu spät im Redaktionsgebäude in der Rue Nicolas-Appert eintraf, um an der Frühkonferenz teilzunehmen. Ihre Kollegen, Mentoren und Freunde aber wurden aus dem Leben gerissen. Zwei maskierte Täter, die sich später zu Al-Qaida bekannten, drangen gewaltsam in die ­Redaktionsräume ein, töteten elf Menschen, verletzten mehrere Anwesende und brachten auf der Flucht einen Polizisten um.

In ihrer nun auf Deutsch vorliegenden Graphic Novel »Die Leichtigkeit« ver­arbeitet die Künstlerin ihren Trauerprozess und stellt existenzielle Fragen zu Gerechtigkeit und Zorn. Entstanden ist ein poetischer Tatsachenbericht, der sich trotz der sensiblen Thematik – typisch »Charlie Hebdo« – auch von der humoristischen Seite zeigt: Ein Comicroman, der zum persönlichen Nachdenken anregt, der subjektive Gedankengänge und innerliche Zerrissenheit visualisiert – und dennoch ein lebensbejahendes Plädoyer für Freundschaft, Kultur und Schönheit ist.

»Schönheit wird die Welt retten«, hat der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski geschrieben. Im Fall von Catherine Meurisse stimmt das. Ein knappes Jahr nach dem Attentat versuchte die 1980 geborene Zeichnerin, die sich mit dem Job bei »Charlie Hebdo« einen Jugendtraum erfüllt hatte, wieder ins ­Leben zurückzukehren. Sie mietete ein Zimmer in der Villa Medici in Rom, die seit Jahrhunderten Künstler aus aller Welt aufnimmt, um sie mit Inspirationen auf ihrer Sinnsuche zu unterstützen.

Der Entscheidung war eine zähe Zeit der Trauer vorausgegangen, zahlreiche Sitzungen bei Psychologen und Gespräche mit Freunden, die sich ihrer annahmen und doch nur scheitern konnten. Begleitet nur von den eigenen Gedanken macht sich Meurisse auf den Weg aus der Schwere. Und so blättert sich der Leser durch ihren Trauerprozess, kann dessen psychologische Phasen nachvollziehen: Leugnen, intensiv aufbrechende Emotionen, Suchen und Loslassen sowie Akzeptanz und Neuanfang.

Die Künstlerin lässt den Leser an diesem Prozess teilhaben – vom selbstquälerischen Grübeln über ihre Affäre mit einem verheirateten Familienvater bis zum einsamen Gang ans Meer. Ihre große Sehnsucht nach Nähe, Gemeinsamkeit und einer Familie ist das zentrale Motiv ihrer Selbstfindungsphase, geht doch Meurisse den schweren Weg allein. Melancholisch blickt sie ­zurück auf die Arbeitswelt in der Redaktion. Ihre detailreichen Alltagszeichnungen, in denen sie ihrer ermordeten Kollegen ­gedenkt, sind berührend. Plötzlich ist Meurisses Redaktions­familie, unter ihnen die in Frankreich so umstrittenen wie ­populären Karikaturisten Charb, Cabu und Honoré, wieder ­lebendig und frech wie eh und je.

Laue Skizzen war man vom Team der »Charlie Hebdo«-­Redaktion ohnehin nicht gewohnt. Radikal, rebellisch, ohne Kompromisse griffen die Zeichner Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft an – und übten Kritik auch am eigenen saturierten Lebensstil. Die Cartoonistin findet große Metaphern für ihre Gefühle, wie zum Beispiel die unsichtbare Mauer, die sie durchschreitet, als sie erstmals wieder die Räumlichkeiten der Redaktion betritt. Bedrückend sind auch die Abschnitte, in denen Meurisse nachzeichnet, wie sie unter Polizeischutz steht und sich gefangen fühlt.

Besonders nachdenklich machen die Szenen, in denen nach dem Verlust ihrer publizistischen Heimat auch die eigene Identität ins Wanken gerät. Die internationale Solidarisierung im Namen der Meinungs- und Pressefreiheit brachte der Redaktion zwar ein gewaltiges Medienecho und führte zu einer weltweiten Diskussion über westliche Freiheitswerte und religionskritische Satire. Dass sich plötzlich alle Welt mit »Je suis Charlie«-Buttons schmückte, empfand Meurisse in den Wochen nach dem Massaker jedoch als paradox.

Wie sich das große Leid und Verlassenheitsgefühl der Überlebenden nach dem Attentat auf »Charlie Hebdo« anfühlte, hatte Renard Luzier alias Luz bereits im Frühjahr 2015 in seiner zeichnerischen Aufarbeitung »Katharsis« zum Ausdruck gebracht. Auch er kam an jenem Montag im Januar zu spät zur Redaktionskonferenz – und hielt die gerade eintreffende Meurisse davon ab, das Gebäude zu betreten. Beide hörten die Schüsse.

Luzier zeichnete in der ersten Ausgabe nach dem Attentat das berühmte grüne Titelbild der Sondernummer mit dem Propheten Mohammed, der ein Schild mit der Aufschrift »Je suis Charlie« in der Hand hält, das weltweit zum Symbol von Vergebung und Solidarität wurde – und das muslimische Tabu brach, den Propheten bildlich darzustellen. Die Lektüre seiner Comic-Strips lässt miterleben, wie ein begabter, mutiger und politischer Künstler versucht, sich mit dem Tod und der quälenden Frage nach dem Warum auseinanderzusetzen und sich selbst zu therapieren.

Catherine Meurisse wählt eine andere Herangehensweise. Sie hinterfragt nicht die Hintergründe der Tat, verfällt nicht in blinden Zorn oder Rachegedanken. Sie trauert sinnlich und erbarmungslos offen, drückt ihre Lage emotionaler aus als Luzier dies in seinem Werk tut. Ästhetisch nachvollziehbar wird ihr Weg zurück ins Leben auch durch die Farbgestaltung des Buches. Dominieren anfangs noch düstere und triste grau-schwarz-weiße Zeichnungen, rücken später zunehmend hellere Farben in den Vordergrund, die ihre Rückkehr ins Leben symbolisieren. Positiv aufgeladen sind etwa ihre stillen und minimalistischen Zeichnungen, in denen die Künstlerin einen eskapistischen Aufenthalt in Italien schildert.

Ob beim Betrachten einer Skulptur oder einer Lichtung bei Sonnenaufgang: Natur, Kultur und Kunst lassen sie weitermachen. Und auf der letzten Doppelseite sticht dann sogar ein hoffnungsvolles Himmelblau hervor. Hier schreibt sie gegen ihre Depression an: »Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir Leichtigkeit zurückgibt.« Catherine Meurisses Buch steht ganz in der Tradition satirischen Widerstands: Der Zeichenstift wird der Barbarei immer überlegen sein.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit. Carlsen Verlag, ­Hamburg 2016. 144 Seiten, 19,99 Euro. Ab 14 Jahren.

Catherine Meurisse wurde 1980 in Niort in Westfrankreich geboren. Sie studierte zunächst Französisch und Literatur, ehe sie in Paris die Ecole Estienne für Illustration besuchte. Noch während ihres Studiums stieß sie zum Team von »Charlie Hebdo«. Sie zeichnete auch für andere Magazine und Tageszeitungen, illustrierte Kinderbücher und veröffentlichte Comics mit humoristischer und literarischer Ausrichtung. Nach zehn Jahren Mitarbeit bei »Charlie Hebdo« verließ sie das Magazin nach dem Attentat. »Die Leichtigkeit« ist ihre erste Graphic Novel, die auf Deutsch erschienen ist.

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe Februar 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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