Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 27. Januar 2017

Bis die Schlange stirbt

Bis die Schlange stirbt

Etappensieg. Demonstranten im Dezember in Cannon Ball, North Dakota

Umweltaktivisten und Ureinwohner fürchten, dass Donald Trump den von seinem ­Vorgänger ­verhängten Baustopp an der Dakota Access Pipeline wieder aufheben ­könnte – zum Wohle der Ölindustrie. Das wollen sie verhindern.

Von Simon Riesche

Es war eine Szene, wie sie sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können. Draußen fegen eisige Nordwinde über den Parkplatz, drinnen im Veranstaltungssaal des »Prairee Knights Casino & Resort« wird es für einen Moment ganz still. Wesley Clark Junior, Veteran der US-­Armee und Sohn eines Viersternegenerals, fällt vor Leonard Crow Dog, dem im Rollstuhl sitzenden Medizinmann der Lakota-Sioux, auf die Knie, um ihn und sein Volk, ja eigentlich alle amerikanischen Ureinwohner, um Vergebung zu bitten. Für nichts weniger als die Schuld, die weiße Eroberer in Amerika im Laufe der letzten Jahrhunderte auf sich geladen haben.

»Wir haben euch das Land genommen. Wir haben Verträge unterschrieben und dann gebrochen. Wir haben Bodenschätze aus euren heiligen Bergen gestohlen«, sagt Clark, der selbst als Drehbuchautor arbeitet, mit leiser Stimme. »Wir haben euch nicht respektiert, haben eure Erde verschmutzt, haben euch auf zahlreiche Weise verletzt. Aber jetzt sind wir gekommen, um zu sagen, dass es uns leidtut.«

Neben Tränen der Rührung fließen nach diesem Schuldeingeständnis auch jede Menge Freudentränen im Reservat »Standing Rock«. Denn gefeiert werden kann an diesem kalten Dezembertag in North Dakota ein Etappensieg in einem Konflikt, den die Schauspielerin Jane Fonda kurz zuvor mit den Worten »Gier gegen die Zukunft der Menschheit« umschrieben hatte. Dieser dreht sich um den genauen Verlauf der Dakota Access Pipeline (DAPL), die eines Tages mehr als 470.000 Barrel Öl aus den Fracking-Regionen im hohen Norden der USA in den Bundesstaat Illinois pumpen soll – über fast 2.000 Kilometer Länge. Ginge es nach den ursprünglichen Plänen der Betreiberfirma Energy Transfer Partners, dann würde die Pipeline unmittelbar nördlich von »Standing Rock« den Missouri kreuzen.

Diese Pläne wurden von der Regierung Barack Obamas Anfang Dezember jedoch gestoppt, wobei die Erklärung der zuständigen Behörde weit weniger filmreif klang als die von Jane Fonda oder Wesley Clark Junior. Es sollen »alternative Routen geprüft« und ein neues Umweltgutachten erstellt werden, hieß es im Statement der Staatssekretärin Jo Ellen Darcy. Man werde Obama, der zusammen mit seiner Frau bereits 2014 das Reservat besucht hatte, auf ewig dankbar sein, freute sich Dave Archambault II, der Stammesvorsitzende der Standing Rock Sioux. Der Lauf der Geschichte sei korrigiert worden.

Weil sie fürchteten, dass Öl aus der Pipeline das Trinkwasser im flussabwärts gelegenen Reservat verschmutzen und wichtige Grabstätten entweihen könnte, hatten die Standing Rock Sioux im April 2016 damit begonnen, in der Nähe der Baustelle ein Protestcamp zu errichten. Ob sie ihre Tipis und Wohnwagen dabei außerhalb oder innerhalb ihres Stammesgebiets aufstellten, ist umstritten. Der fragliche Landabschnitt wurde ihnen zwar 1851 zugesichert, allerdings nie offiziell übergeben.

Vor der Entscheidung Obamas waren die Proteste immer lauter geworden. Gegen die größtenteils gewaltlosen Kundgebungen stzten die Sicherheitskräfte Tränengas, Gummigeschosse und Wasserwerfer ein. Hunderte Menschen wurden festgenommen, eine 21-jährige Demonstrantin schwer verletzt. Amnesty International kritisierte die »unverhältnismäßige Militarisierung« und den Einsatz von Gewalt, der das Menschenrecht auf friedlichen Protest verletze. Bezirkssheriff Kyle Kirchmeier hielt dagegen: »Es geht nicht um die Pipeline oder die Demons­tranten. Es geht hier um Gesetze, und wir wollen, dass alle Seiten diese Gesetze einhalten.«

Das sehen die meisten Bewohner des Protestcamps »Oceti Sakowin« anders. »Es ist unser Land, so einfach ist das«, ruft Joye Braun, die sich um neu ankommende Besucher kümmert, aber auch über Facebook und andere Social-Media-Kanäle mit Unterstützern in aller Welt in Kontakt steht. Ihr Schreibtisch steht in einem schlecht beheizten Zelt. So erbarmungslos das winterliche Wetter in North Dakota ist, so widerstandsfähig zeigen sich die Menschen, die hier ausharren. Dicke Jacken und Winterstiefel gehören zur Grundausstattung, heiße Suppen, Tee und Kaffee wärmen von innen. »Wir kommen schon zurecht und helfen uns gegenseitig«, sagt Braun und lacht.

»Oceti Sakowin« bedeutet übersetzt »Feuer der sieben Stämme«. Zum ersten Mal seit der legendären Schlacht am Little ­Bighorn von 1876 sind alle großen Sioux-Gruppen wieder zusammengekommen – eine wahrhaft historische Begebenheit. Auch Angehörige anderer indigener Gruppen aus den USA, aber auch aus dem Ausland, machten sich auf den Weg nach »Standing Rock«. Tausende nichtindigene Umweltaktivisten komplettieren die ungewöhnliche Allianz. »Wasser ist Leben« steht auf vielen bunten Fahnen, die im Schneesturm flattern. Die Botschaft ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der Campbewohner.

Abschied von Umweltauflagen

Vereint sind sie auch in ihrer Skepsis gegenüber dem neuen ­Präsidenten. Die Annahme, dass Donald Trump es mit dem ­Umweltschutz nicht so genau nehmen werde und stattdessen lieber etwas für die Wirtschaft mache, ist schließlich in den ­ganzen USA weit verbreitet – und kam gut an: Umfragen zeigen, dass es vor allem solche Erwägungen waren, die dem 70-Jährigen im November den Wahlsieg bescherten. Die Aussage des Republikaners, dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei, hat ihm offenbar nicht geschadet.

Welche Art von Umwelt- und Energiepolitik Trump machen wird, werden bereits die ersten Monate seiner Präsidentschaft zeigen. Nicht nur seine Ankündigung, künftig auf Deregulierung zu setzen, gibt die Richtung vor. Es sind vor allem Trumps Personalentscheidungen, die eine klare Sprache sprechen. So ­ernannte er Rex Tillerson, den Vorsitzenden des größten amerikanischen Energiekonzerns Exxon Mobile, zum Außenminister. Scott Pruitt, der als Generalstaatsanwalt von Oklahoma immer wieder gegen die Direktiven der US-Umweltbehörde zu Felde zog, soll nun ausgerechnet deren Leiter werden. Ryan Zinke, der als Abgeordneter konsequent gegen Umweltschutzinitiativen stimmte, wird Innenminister. Der Trump wohlgesonnene Milliardär Carl Icahn wiederum könnte als einflussreicher Berater in Regulierungsfragen dafür sorgen, dass zahlreiche Umweltauf­lagen für Ölkonzerne schon bald der Vergangenheit angehören.

Und dann gibt es da noch Rick Perry, der als Gouverneur von Texas zwar durchaus in Windenergie investierte, aber zugleich als treuer Freund der Ölindustrie gilt – und als überzeugter Klimawandelskeptiker, der weiterhin auf Kohle als wichtigen Energieträger setzt. Ihn hat Trump zum Energieminister auserkoren, dabei hatte Perry noch vor fünf Jahren selbst für die Abschaffung des Ministeriums plädiert. Zuletzt saß er im Verwaltungsrat einer jener Firmen, die die Pipeline durch North Dakota bauen lässt: Energy Transfer Partners.

Auch Trump hat als Unternehmer kräftig in Energy Transfer Partners investiert – und in die Firma Philips 66, der ein Viertel der fertigen Pipeline gehören wird. Dass Trump den ­Pipeline-Bau unterstütze, habe selbstverständlich nichts mit dessen persönlichen Investments zu tun, versicherten Berater des gewählten Präsidenten noch vor dessen Amtsantritt. Schließlich habe er bereits im Sommer 2016 alle Aktien von Energy Transfer ­Partners verkauft, so seine Sprecherin Hope Hicks. Ob er auch Aktien von Philips 66 veräußert hat, blieb bis zu seinem Umzug ins Weiße Haus unklar. Jason Miller, Kommunikationschef des Übergangsteams des Wahlsiegers, behauptete lediglich, dass der neue Präsident bereits im vergangenen Juni alle in seinem Besitz befindlichen Aktien verkauft habe.

Dass Trump sich offenbar bereits Monate vor der Präsidentschaftswahl von seinem insgesamt angeblich 40 Millionen Dollar schweren Portfolio trennte, könnte weniger mit der Sorge um mögliche Interessenskonflikte zu tun gehabt haben, als vielmehr mit dem teuren Wahlkampf, vermuten Beobachter. Dabei gab es durchaus viele großzügige Spender, die die Kampagnen Trumps und anderer Republikaner unterstützten. Allein 100.000 Dollar im »Trump Victory Fund« kamen von Kelcy ­Warren, dem Chef von Energy Transfer Partners.

Trumps Vorgänger Obama hingegen setzte zum Ende seiner Amtszeit, in der er immer wieder versucht hatte, sich für den Kampf gegen »Big Oil« und den Klimaschutz stark zu machen, zumindest noch umweltpolitische Ausrufezeichen. Von weit­reichenderer Bedeutung als der vorübergehende Pipeline-Baustopp in North Dakota ist dabei die wohl kaum von seinen Nachfolgern rückgängig zu machende Entscheidung, gemeinsam mit Kanada große Teile der arktischen Gewässer und bestimmte Atlantikgebiete für Öl- und Gasbohrungen zu sperren. Damit sollten die Ökosysteme sowie die Interessen der dort lebenden Ureinwohner geschützt werden.

Während viele Verbände, die sich für die Rechte und Interessen der »Native Americans« einsetzen, Obama lobten, werfen sie Trump Ignoranz und Rassismus im Umgang mit Amerikas indigener Bevölkerung vor. Die Liste abschätziger Aussagen des Milliardärs ist lang: Im Wahlkampf hatte Trump die demokratische Senatorin Elizabeth Warren mit Blick auf ihre ­indianischen Vorfahren immer wieder abschätzig »Pocahontas« genannt. Im Streit um Kasinolizenzen im Bundesstaat New York verbreitete er als Geschäftsmann einst einen Radiospot, in dem der Stamm der Saint Regis Mowhak als Gruppe von Kriminellen und Drogendealern bezeichnet wurde. »Die sehen überhaupt nicht wie Indianer aus«, lästerte er während einer Kongressanhörung über den Stamm der Mashantucket Pequot in Connecticut.

In Bismarck, der Hauptstadt North Dakotas, weniger als 100 Kilometer vom Reservat »Standing Rock« entfernt, dürften ihm solche Äußerungen eher Stimmen gebracht als ihn gekostet haben: Zwei Drittel aller Wähler in dem Bundesstaat stimmten für den Kandidaten der Republikaner. Einst sollte die Pipeline an der Stadt vorbeigelegt werden, aber die Einwohner hatten im Planungsprozess eine solche Route verhindert, aus Sorge um ihr Trinkwasser. Dass die Bewohner des Reservats ganz ähnliche Bedenken haben, wollen hier viele trotzdem nicht gelten lassen.

Am Tresen einer Bar in Bismarcks Stadtzentrum sitzt eine Gruppe Männer und schimpft auf »die Indianer und die Ökofreaks« in »Standing Rock«. Ein paar Abende zuvor hatten sie sich an einer Demonstration für Sheriff Kirchmeier und seine harte Linie gegen die Aktivisten beteiligt. »Mein ganzes Leben war ich gierig, gierig, gierig«, hat der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, dessen Kabinett über mehr Reichtum verfügt als ein Drittel aller Haushalte in den USA zusammen, im Wahlkampf gesagt. Das finden die Männer am Tresen gut.

Nüchterne Fakten, düstere Prophezeiung

Zurück am verschneiten Ufer des Missouri in North Dakota, wo auch der berühmte Häuptling »Sitting Bull« begraben liegen soll: Im Protestcamp »Oceti Sakowin« wärmt sich eine Gruppe Demonstranten am Feuer, sie gehören zum Stamm der Standing Rock Sioux. Wieder einmal drehen sich die Gespräche um die Gier der Öl-Lobby, die Rücksichtslosigkeit der Regierenden, aber auch die eigene Perspektivlosigkeit. Die Stimmung ist nachdenklich. »Nein, einen Job habe ich nicht«, sagt der 25-jährige Montgomery. »Ich bin im Reservat geboren, in einer sehr zerrütteten Familie groß geworden, wie fast alle hier, dann irgendwann in die Armee eingetreten, wieder raus, viele Probleme, und jetzt bin ich wieder im Reservat.« Einige in der Runde hätten sogar Trump gewählt, sagt Montgomery und lächelt verlegen. »Vielleicht ist er ja doch nicht so schlimm, wie alle sagen.«

Diesen vorsichtigen Optimismus in Bezug auf Amerikas neuen Präsidenten teilen nur wenige Demonstranten im Camp. Viele rechnen stattdessen fest damit, dass Trump alles versuchen werde, den Baustopp der Pipeline und die Suche nach Alternativrouten schnellstmöglich zu beenden. Dass der Stammesvorsitzende Archambault die selbst ernannten »Wasserbeschützer« aufrief, den Etappensieg zu nutzen, um für eine Weile nach Hause zu gehen, stößt auf Unverständnis. Gerade jetzt müsse man doch standhaft bleiben. »Wir leisten Widerstand, bis die schwarze Schlange tot ist«, sagt LaDonna Brave Bull Allard, die ebenfalls den Stamm der Standing Rock repräsentiert.

Eine schwarze Schlange, so verkündet eine überlieferte Prophezeiung der Ahnen, werde eines Tages großes Leid über das Land bringen. Viele Sioux sind sich sicher: Damit kann nur die Dakota Access Pipeline gemeint sein. Doch nicht nur düstere Prophezeiungen, auch nüchterne Fakten nähren schlimme ­Befürchtungen. Nur etwa 250 Kilometer von »Standing Rock« entfernt wurde unlängst ein Fluss durch eine undichte Pipeline verseucht. Hunderttausende Liter Öl seien ausgetreten, gab das Gesundheitsministerium von North Dakota bekannt. Anwohner hatten das Leck am 5. Dezember entdeckt. Dem Tag, an dem ­Wesley Clark Junior vor Medizinmann Leonard Crow Dog auf die Knie ging.

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe Februar 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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