Amnesty Journal Deutschland 24. März 2017

Ende der Exotik

Kunst von Nihad Nino Pušija: Hommage an Andrej Warhola

Kunst von Nihad Nino Pušija: Hommage an Andrej Warhola

Eine neue Generation von Roma-Künstlern macht die Diskriminierung der größten ethnischen Minderheit Europas zum Thema – fernab jeglicher Klischees.

Von Lena Reich

Muskulöse Männer in Lendenschurz und Kettenhemd, mit Helm und Schild stehen auf feinem Sand in einer Arena. Feierlich und stolz posieren sie – als Sklaven, die die Gladiatoren im antiken Rom nun einmal waren. Mit diesen Bildern hat der in Berlin lebende bosnische Fotograf Nihad Nino Pušija eine zeitlose Metapher für das permanente Leid der Roma in Europa geschaffen. In den ­antik anmutenden Rüstungen stecken junge italienische Roma. Die Porträts sprechen für sich: In Unmündigkeit gezwungen, kämpfen Angehörige der Minderheit täglich ums Überleben.

Pušija, Jahrgang 1965, gehört zu einer Generation von Roma, die den zeitgenössischen Kunstmarkt herausfordert. Die emanzipatorische Entwicklung der Roma-Kunst nahm vor 50 Jahren ihren Anfang. In Cannes wurde 1967 der jugoslawische Spielfilm »Skupljaći perja« – wörtlich »Federnsammler«, deutscher Verleihtitel »Ich traf sogar glückliche Zigeuner« – von Aleksandar Petrović ausgezeichnet. Vier Jahre später wurde ein traditionelles Lied aus diesem Film, »Djelem, djelem«, auf dem ersten internationalen Roma-Kongress in London 1971 zur Hymne der Volksgruppe erklärt.

Die Künstlergeneration, zu der auch der Fotograf Pušija gehört, ist der Folklore allerdings weitgehend entwachsen und hat auch mit dem Gypsy-Swing eines Django Reinhardt, mit dem die diesjährige Berlinale eröffnet wurde, nur noch wenig am Hut. Im Mittelpunkt ihrer Arbeiten stehen Diskriminierungen, Abschiebungen und Vertreibungen, die in weiten Teilen Europas noch immer den Alltag der Roma prägen.

Als Wegbereiterin dieser politischen Kunst gilt die ungarische Malerin Omara. 1989 marschierte sie kurzerhand mit einem unfertigen Ölbild in die Ungarische Nationalgalerie in Budapest, um den dortigen Kurator zu fragen, ob sie es fertigstellen solle. Es zeigt eine tränenüberströmte Frau auf einem Operationstisch und vermummte Ärzte im Hintergrund, die sich förmlich verbiegen, um die Augäpfel der Patientin zu entsorgen.

Ein überdeutlicher Appell für einen neuen Blick, weg vom Exotischen. Als auf der Biennale in Venedig dann 2007 erstmals ein Roma-Pavillon eröffnete, war das ein Meilenstein im Kunstbetrieb. Seither sind diverse Kunsträume entstanden, etwa in London oder Budapest. In Ungarns Hauptstadt kommt es immer wieder zu rassistischen Übergriffen auf Roma. Die dortige »Gallery 8« mit Kuratorin Tímea Junghaus, die auch den Biennale-Pavillon organisierte, setzt sich vehement für die Anerkennung der Kunst von Minderheiten ein und sucht dabei auch den Dialog mit Nicht-Roma.

Gladiator: Kunst von Nihad Nino Pušija

Gladiator: Kunst von Nihad Nino Pušija

In Berlin ist es der Nicht-Roma Moritz Pankok, der die Szene voranbringt. »Ich bin ein Gadjo, aber ich biete einen Raum«, sagt er. Seit 2011 leitet Pankok die Galerie »Kai Dikhas«, auf Deutsch »Ort des Sehens«. Dort hängen auch die Gladiatoren-Bilder von Pušija. Die weltweit erste Galerie für zeitgenössische Kunst der Sinti und Roma bietet den Künstlern der Minderheit einen »Ort der Kontinuität«, wie Pankok sagt.

Die Spannweite der präsentierten Werke reicht von düsteren Malereien der Holocaust-Überlebenden Ceija Stojka, die 2013 im Alter von 79 Jahren verstarb, bis zu skurrilen Performances von Delaine Le Bas. Mit feinem englischen Humor spielt die Travellerin, wie Roma in Großbritannien genannt werden, mit dem Heimatbegriff. Da symbolisiert etwa die Micky Maus an der schäbigen Hüttenwand den Wunsch der Minderheit dazuzugehören.

»Es ist vor allem die Erfahrung der Verfolgung, die uns alle vereint«, meint die Künstlerin, die mittlerweile in den großen Museen der Welt vertreten ist. »Als Individuen sind wir alle vorangekommen, aber im kollektiven Gedächtnis scheinen wir Roma-Völker an unserem Platz in der Geschichte gefangen zu sein.«

Moritz Pankok sieht sich in einer besonderen Verantwortung. Als Großneffe des Künstlers Otto Pankok, dessen Werke von den Nationalsozialisten für »entartet« erklärt wurden, ist er mit der Thematik aufgewachsen – sein Großonkel hatte sich intensiv mit der Diskriminierung und Vernichtung der Sinti und Roma auseinandergesetzt. Als Kind spielte Moritz Pankok in den siebziger Jahren mit einer Bronzeskulptur seines bekannten Vorfahren, die damals im elterlichen Wohnzimmer stand: ein Sinti-Mädchen, Überlebende des Naziterrors, das einen Ball in den Händen hält.

Diesen Dialog, den der Großonkel in der jungen BRD anstieß, führt Pankok heute weiter. Ihm liegt an der Überwindung des starren Blicks auf die größte Minderheit Europas. »Sinti und Roma sollen nicht nur als Objekte – der Kunstgeschichte – wahrgenommen werden«, sondern selbst – als Künstlerinnen und Künstler – öffentlich in Erscheinung treten.

Und wie sie das tun, ist beeindruckend, wie sie Klischees verstärken, um sie im richtigen Moment zu brechen, mit Ironie und Humor, auch wenn es um Leben und Tod geht. So wie Alfred Ullrich es tut. Vor einer Wiener Szene-Brauerei, die in den vierziger Jahren Zwangsarbeiter beschäftigte, unterschreibt er für 9,99 Euro »Persilscheine« nach Art der Unschuldsbescheinigungen der Entnazifizierungsausschüsse, die Deutsche nach 1945 freisprachen, sofern ein Opfer oder einstiger Gegner für sie bürgte. Sie wurden sozusagen reingewaschen.

Das übernimmt nun Ullrich. Er grinst, stempelt – und nach der Aktion unterhält er sich mit den »Kunden«, die meist ein großes Redebedürfnis haben. »Ein menschlicher Effekt«, wie Ullrich findet. Mit großer Zähigkeit kämpft der 69-Jährige mit seiner Kunst gegen die Verdrängung des Nazihorrors in Deutschland und Österreich, bringt Kontinuitäten ins Bewusstsein: 2011 verschwand auf sein Drängen hin ein Schild mit der Aufschrift »Landfahrerplatz kein Gewerbe« von einem Dachauer Rastplatz – der Terminus »Landfahrer« entstammt dem Wortgebrauch der Nationalsozialisten.

Roma in Rom: Kunst von Nihad Nino Pušija

Roma in Rom: Kunst von Nihad Nino Pušija

Ullrich, Sohn eines Deutschen und einer Sinteza, die ein Außenlager des KZ Buchenwald in Meran überlebte und erst Ende der achtziger Jahre eine Entschädigung zugesprochen bekam, hat den »Porajmos« (Verschlingen), so nennen die Roma den Völkermord der Nationalsozialisten, zum Leitmotiv seiner Kunst gemacht: Von seinen 16 Verwandten überlebten nur vier die Konzentrationslager. Der Verbleib eines Bruders und seiner Großmutter ist ungeklärt.

»Das irrationale, traumatische Verhalten meiner überlebenden Verwandten und meiner Mutter war für mich oft unbegreiflich.« Erst spät erzählte Ullrichs Mutter von ihren Erlebnissen. Aufgewachsen in einem Planwagen in der nördlichen Wiener Vorstadt, spürte Ullrich aber schon als Kleinkind »diese unausgesprochene Bedrohung«.

Immer noch hat der Antiziganismus in Europa Konjunktur. Im vergangenen Jahr wurden in Frankreich mehr als 10.000 Roma Opfer von Zwangsräumungen, in der Ukraine kam es zu Hetzjagden. »Zigeuner« seien »selber schuld« an ihrer Situation, muss sich der Fotograf Pušija immer wieder anhören. Sie sollten »richtig arbeiten gehen«, ihre Kinder zur Schule schicken. Dass beides Roma oftmals systematisch vorenthalten wird, wollen die meisten nicht sehen.

Pušija stammt aus Sarajevo. Regelmäßig hat er bosnische Roma in Italien besucht und dabei Auswirkungen der dortigen Politik dokumentiert. Auf Basis des sogenannten Nomaden-Notstands haben die Behörden in mehreren Regionen des Landes seit 2008 gezielt Häuser von Roma zerstört und ihre Bewohner in zum Teil bewachte Containerlager außerhalb der Städte deportiert.

Zwar erklärte Italiens Oberster Gerichtshof diese »Notstandsverordnungen« 2013 für gesetzeswidrig. Doch immer noch wohnen Tausende Roma in diesen Lagern – fernab vom Rest der Bevölkerung, abgeschnitten von jeglicher Infrastruktur und unter widrigsten Bedingungen.

Etwa zwanzig Kilo­meter von Rom entfernt leben Freunde von Pušija in einem Lager. In einer nahen »Gladiatorenschule« entstanden seine Schwarz-Weiß-Fotografien. Abgänger dieser Schule lassen sich an römischen Touristen-Hotspots gegen Bezahlung fotografieren – eine Zeit lang auch vor dem Kolosseum. Als sie von dort verschwunden waren, erkundigte sich Pušija in der Schule nach dem Grund. Die Antwort: Touristen wollten sich mit Gladiatoren ablichten lassen, nicht mit »Zigeunern«.

Die Galerie Kai Dikhas zeigt vom 6. April bis zum 3. Juni 2017 die ­Ausstellung »Kali Berga. Der schwarze Berg« mit Kunstwerken u. a. von Delaine Le Bas. Aufbau Haus am Moritzplatz, Berlin.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe April / Mai 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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