Amnesty Journal Honduras 27. Mai 2016

Tod einer Ikone

Tod einer Ikone

Kampf um Aufklärung: Berta Cácares' Tochter (Mitte) auf einem Protestmarsch

In Honduras ist die prominente Aktivistin Berta Cáceres erschossen worden. Ihre Anhänger machen eine Baufirma dafür verantwortlich.

Von Kathrin Zeiske

Die Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres wurde in der Nacht des 3. März 2016 in ihrem Haus in der Kleinstadt La Esperanza umgebracht. Auftragsmorde kommen in Honduras häufig vor, rund 250 US-Dollar sind das gängige Honorar. 25 Millionen US-Dollar soll hingegen der geplante Staudamm »Agua Zarca« pro Jahr an Gewinn abwerfen, so die Hoffnung der honduranischen Betreiber und internationalen Geldgeber. Berta Cáceres hatte gegen das Projekt drei Jahre lang erfolgreich Widerstand geleistet. Unzählige Male wurde sie deshalb mit dem Tode bedroht.

Dabei schien Berta Cáceres beinahe unsterblich, so viele Attacken hatte sie bereits überlebt. In Jeans, T-Shirt und Wanderstiefeln, mit einem freundlichen Lächeln und klugen Augen unter schwarzen widerspenstigen Locken, kämpfte sie gegen Landraub, Rassismus und Machismo. Unverkennbar ihre dunkle Stimme, mit der sie Ex-Präsident Mel Zelaya genauso fest ermahnte, die Rechte der Indigenen zu achten, wie sie Frauen aus entlegenen Gemeinden ans Herz legte, gegen häusliche Gewalt selbst aktiv zu werden.

»Authentisch« ist der Begriff, den viele Menschen in Honduras nennen, um Berta Cáceres zu beschreiben. Ihr Kampf für Demokratie, Umweltschutz und Menschenrechte brachte ihr im Jahr 2012 den Eichstätter Shalompreis ein, drei Jahre später den Goldman-Preis, die weltweit wohl renommierteste Auszeichnung für Umweltaktivisten.

Der Mord an Berta Cáceres ist bislang ungesühnt. Ihre Töchter kämpfen für die Aufklärung der Tat. Die jungen Frauen, die wegen der ständigen Drohungen gegen die Familie im Ausland studieren, beharren auf einer unabhängigen Untersuchungskommission unter Beteiligung der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, die vergeblich Polizeischutz für Cáceres gefordert hatte.

»Dieselbe Polizei, die meine Mutter schützen sollte, arbeitet eng mit dem Sicherheitspersonal der Staudammfirma DESA zusammen, das sie bedrohte«, sagt Bertita Zuñiga Cáceres.

In einer Sporthalle im Süden der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa versammelten sich Mitte April unzählige Menschen aus aller Welt, um Berta Cáceres zu gedenken und ­Gerechtigkeit zu fordern. Transparente mit ihrem strahlenden ­Gesicht schmückten die Sportarena. Auf einer Leinwand wurde eine Videobotschaft von Gustavo Castro gezeigt. Der mexikanische Umweltaktivist, der das Attentat überlebte und in dessen Armen Cáceres starb, war als Verdächtiger verhört worden. Erst durch den Druck einer Eilaktion von Amnesty International konnte er das Land verlassen.

Unterdessen versucht die honduranische Staatsanwaltschaft, die Organisation COPINH zu diskreditieren. Berta Cáceres hatte COPINH schon als Studentin gründet, um für die sozialen Rechte des indigenen Volks der Lenca zu kämpfen. Das Büro der Staudammfirma DESA wurde hingegen erst zehn Tage nach dem Mord durchsucht, obwohl Menschenrechtsbeobachter seit Monaten Attacken von Angestellten und Paramilitärs aus dem Umfeld der Firma dokumentierten. Nur zwei Wochen nach ­Cáceres Tod wurde mit Nelson García ein weiterer COPINH-Aktivist umgebracht.

Mittlerweile gab es aufgrund des internationalen Drucks Festnahmen im DESA-Umfeld.
Berta Cáceres war in Honduras eine Symbol­figur des sozialen Widerstands. Nach dem Putsch im Jahr 2009 wurde sie zur Staatsfeindin, denn die machtpolitische Elite machte eine neue Einnahmequelle für das strukturschwache Land aus: die »Green Economy«.

Internationale Investoren bauen Wasserkraftwerke, Biomasseanlagen, Wind- und Solarparks – vor allem in Gebieten der indigenen Bevölkerung, die durch die Bauvorhaben oft ihre Felder, Wälder und Wasserquellen verliert. ­Miriam Miranda, Koordinatorin der Organisation »Gemeinschaft der Schwarzen Honduras« (OFRANEH) und enge Mitstreiterin von Cáceres, spricht von »neokolonialer Ausbeutung«.

Es läge in der Verantwortlichkeit internationaler Firmen und Banken, die ILO-Konvention 169 zu achten, sagt die stattliche Frau mit den graumelierten Zöpfen. In dieser Konvention ist der Grundsatz verankert, dass indigene Gemeinden Projekten auf ihrem Territorium zustimmen müssen. Doch die Konvention wird weltweit nur unzureichend angewandt; ein »Nein« selten akzeptiert.

»Indigene Rechte werden als zu überwindendes Hindernis betrachtet, dessen Ausschaltung man dubiosen Consultingfirmen und von Korruption, Gewalt und Drogenhandel beherrschten Staaten überlässt.« Der Mord an Berta Cáceres betreffe nicht nur Honduras. Sollte er unaufgeklärt bleiben, wäre dies ein fatales Zeichen in dem von Straflosigkeit geprägten Land, konstatiert Miranda.

Glasklar bleibt in Honduras bis auf Weiteres nur das Flusswasser des Gualcarque, der sich seinen Weg zwischen Sandbänken, jungen Bäumen, Steilwänden und kugelrunden Riesensteinen bahnt. Das Gelände, das unterhalb der Gemeinde San Ramón für den Staudamm gerodet und begradigt wurde, liegt verlassen da. Die holländische Bank FMO, der finnische »Finnfund« und die zentralamerikanische BCIE haben ihre Finanzierung nach den Morden vorläufig suspendiert, schließlich hat auch das Siemens-Joint-Venture »Voith Hydro« die Lieferung der Turbinen für das Staudammprojekt eingestellt.

»Es sind Projekte des Todes«, so Tomás Gómez, der nach der Ermordung von Cáceres die Koordination von COPINH übernommen hat. »Sie werden weitere Menschenleben fordern. Das Einzige, was unser aller Leben wirklich garantieren kann, ist, sie abzublasen.« Fünfzig Konzessionen für Energie- und Bergbauprojekte wurden, teilweise direkt nach dem Putsch, auf dem Territorium des indigenen Volks der Lenca vergeben.

Seitdem hat der Staat das Gebiet militarisiert, um jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. Schon beim ersten Bauversuch des Staudamms »Agua Zarca« im Jahr 2013 erschoss ein Soldat den ­COPINH-Aktivisten Tomás García vom DESA-Gelände aus. Zwischen Unternehmensführung, Militärgeheimdienst und Staatsanwaltschaft gibt es enge personelle Verbindungen.

Einige Wochen nach dem Mord an Berta Cáceres suchten die COPINH-Mitglieder eine Anhöhe mit Blick auf den Fluss auf, um sie mit einer traditionellen Zeremonie zu ehren. Die Gesichter der Anwesenden waren gezeichnet, ihre Wangen hohl, die Augen verweint. Viele der Frauen trugen traditionelle buntkarierte Kopftücher. Sie sprachen von den Wochen der Trauer um eine herzliche, gerechte Frau, die niemand ersetzen kann. Und doch war die Stimmung kämpferisch und energiegeladen. Vor kurzem haben sie die Generalstaatsanwaltschaft in der Hauptstadt besetzt.

Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus Mittelamerika.

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