Amnesty Journal 27. Mai 2016

"Die Toten sind Opfer unserer Gesetze"

"Die Toten sind Opfer unserer Gesetze"

"Das Mittelmeer ist ein Friedhof": Lampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini

Seit Frühlingsbeginn machen sich wieder Tausende Flüchtlinge aus Libyen Richtung Italien auf. Giusi Nicolini, Bürgermeisterin der Insel Lampedusa, über die Toten auf der gefährlichen Mittelmeerroute und den langsamen Bewusstseinswandel
im Norden Europas.

Interview: Markus Bickel

Wie viele Flüchtlinge kommen derzeit auf Lampedusa an?
Wegen der Stürme sind seit Beginn des Jahres erst einige Tausend angekommen. Aber sobald das Wetter besser wird, werden die Zahlen wieder steigen. Im Unterschied zu früheren Jahren können wir inzwischen dafür garantieren, dass die Geflüchteten weiterziehen können nach Sizilien und auf das italienische Festland, wo sie weitaus besser versorgt werden als hier.

Papst Franziskus sprach bei seinem Besuch auf Lampedusa vor zwei Jahren von einer »Globalisierung der Gleichgültigkeit« angesichts Tausender Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind. Hat sich seitdem ein Bewusstseinswandel vollzogen?
In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich sehr viel geändert. Die Omertà, das Gesetz des Schweigens, über die Schrecken im Mittelmeer ist gebrochen. Die Politik Europas hinkt diesem Fortschritt jedoch leider weiter hinterher. Aber auch das wird sich ändern, weil immer mehr Menschen diese Haltung als ungerecht und schändlich empfinden. Die Schließung der Bal­kanroute hat ­gezeigt, dass es nichts bringt, neue Mauern und Barrieren zu ­errichten. Mehr als zwanzig Jahre sind seit der Ankunft der ­ersten Flüchtlinge auf Lampedusa vergangen, und erst jetzt ­beginnt man im Rest Europas langsam, das als gemeinsame Herausforderung zu begreifen.

In der EU setzt man darauf, vermeintlich legale Migration von »illegaler« Flucht zu unterscheiden; in Italien spricht man von »Clandestini«.
Dieses Wort gehört aus dem Wörterbuch gestrichen, schließlich handelt es sich bei all diesen Menschen um Personen, nicht um Nummern. Hinzu kommt, dass es nicht einmal sonderlich viele sind, die es bis nach Europa schaffen. Deshalb darf man ihre Zahlen auch nicht aufbauschen, wie es Neo­faschisten und Rassisten tun. Selbst bei einer Million jährlich ist es doch lächerlich zu behaupten, Europa könne diese ­Menschen nicht versorgen.

Einer von zehn geplanten Hotspots der EU wurde auf Lampedusa eingerichtet, um die Neuankömmlinge zu registrieren und zu identifizieren. Was bringt das?
Die Hotspots sind Instrumente, um Griechenland und Italien zu bestrafen. Es entstehen hier Fabriken der Illegalität, weil die Politik der Umverteilung, die man in Brüssel im vergangenen Herbst unter dem Druck der Flüchtlingskrise entworfen hat, nicht funktioniert. Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Menschen werden gezwungen sein, im armen Süden Europas zu bleiben, obwohl sie sehen, wie wirtschaftlich angeschlagen etwa Griechenland schon heute ist.

Lampedusa ist zum Symbol für die Schrecken der Flucht geworden. Was setzen Sie dem entgegen?
Das Mittelmeer ist ein Friedhof, gezeichnet vom Menschenhandel mit seinen Tausenden Toten – den Opfern unserer Gesetze. Solange es Europa nicht gelingt, legale und sichere Einreisemöglichkeiten zu schaffen, wird das nicht aufhören. Deshalb setze ich seit meinem Amtsantritt darauf, eine andere Erzählung von Lampedusa zu vermitteln – und zwar die einer Insel, die nicht ausländerfeindlich, sondern aufnahmebereit ist. Wir haben es geschafft, Menschen willkommen zu heißen und trotzdem weiter Tourismus zu betreiben. Nur wenn Europa begreift, dass das Mittelmeer sein Herz ist, wird es verhindern können, an der Flüchtlingsfrage auseinanderzubrechen.

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