Amnesty Journal Deutschland 22. Januar 2016

#refugeeswelcome

Icon-Flüchtlinge und Asyl

Viele Theater in Deutschland bringen Fluchtgeschichten auf die Bühne und heißen Geflüchtete willkommen.

Von Georg Kasch

Nachmittags in der Gaußstraße, der Nebenspielstätte des Hamburger Thalia Theaters: Im sogenannten Ballsaal sitzen gut 20 Leute an mehreren Tischen, reden auf Deutsch, Arabisch, trinken Kaffee, lachen. An Spieltagen wie heute dient der Raum als Foyer und Bar, mischen sich Geflüchtete, Freiwillige und das Publikum.

An der Wand steht ein improvisiertes Buffet mit Spekulatius und Mandarinen, daneben sitzt eine ältere Dame und übt mit einem Mann um die 40 lateinische Buchstaben. Zwei Männer spielen einander an einer Tischtennisplatte lässig den Ball zu. Die Stimmung ist gelassen, fast heiter. »Embassy of Hope« heißt das Café, das für viele Geflüchtete, die in der Unterkunft Schnackenburgallee leben, der einzige Ort ist, an dem sie dem Lageralltag mal entkommen.

Die »Embassy of Hope« ist nur eines von unzähligen Projekten und Initiativen, die Theater in Deutschland derzeit auf die Beine stellen. Vor allem widmen sie sich natürlich ihren Hauptaufgaben, zeigen Repertoire, bereiten neue Produktionen vor, kümmern sich mit Einführungen und Diskussionen um ihr Publikum. Daneben aber mobilisieren Theatermitarbeiter ein erstaunliches, oft ehrenamtliches Engagement, das durch seine flächendeckende Vielzahl und Vielfalt beeindruckt.

Mehr als 60 Beispiele hat das Online-Feuilleton »nachtkritik.de« zusammengetragen – eine Liste, die ständig wächst. Das Staatstheater Wiesbaden etwa öffnet einmal wöchentlich das »Café Fluchtpunkt«. Mit dem Projekt »Rede mit« vermittelt es Sprach- und Kultur­tandems.

Das Theater der Altmark in Stendal engagiert sich in der Bewegung »Refugees Welcome« in unterschiedlichen Arbeitskreisen, hilft bei der Organisation von Fahrrädern, bei Amtsgängen und beim Deutschlernen. Zusammen mit einer Stendaler Migranteninitiative konzipiert das Haus Länder- und Willkommen-Abende im Theater, beteiligt sich an öffentlichen Aktionen wie Flashmobs und spontanen Kundgebungen und plant mit dem interkulturellen Theaterprojekt »Arche 2.0« für die nächsten fünf Jahre ein Demografie- und Migrationsprojekt.

Das Theater Meiningen hat Geld für Flüchtlingsinitiativen gesammelt – und nach fremdenfeindlichen Kommentaren auf ­seiner Facebook-Seite Anfang Dezember den »Bürgersalon« ins Leben gerufen, in dem über mögliche konkrete Hilfe, aber auch über die Vorurteile und Ängste der Meininger gesprochen wird.

Zu den ersten Häusern, die sich engagierten, zählte das Hamburger Thalia Theater. Seit es im September 2013 eine Ur­lesung von Elfriede Jelinks Stück »Die Schutzbefohlenen« organisierte, an der auch 80 Lampedusa-Flüchtlinge beteiligt waren, die in der Hamburger St. Pauli-Kirche Kirchenasyl gefunden hatten, steht das Thema auf der Agenda. 2014 wurde das Stück in einer Inszenierung von Nicolas Stemann, an der Geflüchtete beteiligt waren, beim Festival »Theater der Welt« gezeigt (Amnesty Journal 08-09/2014).

Anschließend wurde es ins Thalia-Repertoire übernommen und 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In Hamburg kam – anders als bei der Uraufführung – ein wichtiges Detail hinzu: Nach den Vorstellungen gibt es Tischrunden, an denen sich das Publikum mit Beteiligten und Experten austauschen kann. Oft entstehen so hochemotionale Momente und intensive Diskussionen.

Seitdem sammelt das Theater nach allen Vorstellungen Geld für verschiedene Flüchtlingsinitiativen – schon fast 100.000 Euro sind zusammengekommen. Außerdem setzt sich das Thalia in mehreren Produktionen künstlerisch mit dem Thema Flucht und den Flüchtenden auseinander: In »’an,kɔmən. Unbegleitet in Hamburg« etwa erzählt Regisseur Gernot Grünewald die Geschichte von acht jungen Geflüchteten aus Pakistan, ­Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinküste. In kleinen Kammern bekommt der Besucher fünf Minuten lang Einblick in ein Leben. So gibt das Thalia Theater abstrakten Zahlen und Gruppenbezeichnungen ein Gesicht, ohne diese Gesichter auf einer Bühne vor einem anonymen Publikum auszustellen.

Kunst hat auch in der »Embassy of Hope« ihren Platz, die von den Theatermitarbeitern ehrenamtlich betrieben wird. »Vom Kassenmitarbeiter über die Verwaltung bis zum Schauspieler sind alle Bereiche beteiligt«, erzählt Chefdramaturgin ­Julia Lochte. Neben Sprachunterricht, Rechtsberatung und Kochabenden gibt es Theater- und Kunstworkshops sowie Konzerte von Bands aus Geflüchteten, die in der Gaußstraße proben können.

Das Geld dafür stammt aus Spenden. »Wir haben zunächst viele Gespräche mit Geflüchteten in der Schnackenburgallee geführt, um herauszufinden, welche Form von Engagement sinnvoll ist«, erzählt Lochte. »Dann haben wir begriffen: Es braucht einen Ort außerhalb des Lagers, wo die Leute mal was anderes sehen als immer nur die engen Wohncontainer und Zelte.« Für die »Embassy« arbeitet das Theater eng mit den Initiatoren anderer Hilfsprojekte und Geflüchteten zusammen.

Wenn man mit den engagierten Theaterleuten spricht, bekommt man den Eindruck, als wären die Theater dankbar dafür, von den Geflüchteten aus ihrer reinen Kunstproduktion gerissen und ins gesellschaftspolitische Engagement geworfen zu werden, mitten hinein in die Realität. Möglich, dass ihre Arbeit auch Werbung für ihr Haus ist.

Kritik daran ist allerdings wohlfeil. Der bekannte Regisseur Michael Thalheimer spricht zum Beispiel in einem Interview davon, dass das Theater sich mit ­solchem Engagement abschaffe: »Es wird niemandem geholfen, es wird nur so getan. Und Theater verliebt sich dann in diese ­sozialen Projekte, die nichts anderes sind als eitle Pose.«

Ein zynischer Vorwurf. Denn die Theater gehen mit ihrem Engagement sehr wohl Risiken ein. Zum Beispiel die in Ostdeutschland. In der Pegida-Stadt Dresden setzt sich das Staatsschauspiel vehement für eine offene Gesellschaft ein. Im Montagscafé bringt das Haus Geflüchtete und Dresdner in Work­shops, Filmvorführungen, Diskussions- und Kennenlernrunden zusammen, bietet Deutschkurse an.

Im »Club der geflüchteten und nicht geflüchteten Bürger« der Bürgerbühne erarbeiten Geflüchtete und Dresdner unter professioneller Anleitung Werkstattaufführungen. Seitdem erhalten die Theatermitarbeiter Drohmails und auf der Facebook-Seite des Hauses posten Menschen Sätze wie »Wir werden euch ausrotten« – mit ihrem vollen Namen. Im September wurden Schüler des bundesdeutschen Schultheatertreffens der Länder, das im Dresdner Staatsschauspiel stattfand, von Pegida-Demonstranten attackiert.

Auch das Hamburger Thalia Theater hat die Folgen seiner Politik zu spüren bekommen: Anfang Dezember sagte der renommierte lettische Regisseur Alvis Hermanis eine für Februar geplante Inszenierung ab, weil das Thalia sich in ein »refugee-welcome-center« verwandelt habe. Er vertrat dagegen die Ansicht, Flüchtlinge seien potenzielle Terroristen.

Intendant Lux konterte: »Das Thalia ist kein ›refugee-welcome-center‹, sondern ein Theater, das sich im Zentrum über seine künstlerische Arbeit definiert. Das soziale, humanitäre und gesellschaftspolitische Engagement ergänzt die Arbeit immer wieder. Aber es ­ersetzt sie nicht. Theater ist beides: ein Ort der künstlerischen Arbeit und ein öffentlicher Ort in der Stadtgesellschaft.« Zum Glück sehen das viele Theater im Land derzeit genauso.

Der Autor ist freier Kulturjournalist in Berlin.

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