Amnesty Journal Chile 21. Januar 2016

Ein deutsches Folterzentrum

Ein deutsches Folterzentrum

Dramatisch. Daniel (Daniel Brühl) und Lena (Emma Watson) werden vom chilenischen Geheimdienst als Oppositionelle verhaftet

Florian Gallenbergers Film »Colonia Dignidad« ist Menschenrechtsfilm und bemerkenswerter Politthriller in einem.

Von Jürgen Kiontke

Ein ernsthaftes Anliegen im Thrillerformat: Mit seinem Film »Colonia Dignidad« setzt Regisseur Florian Gallenberger einen erstaunlichen Schwerpunkt im Kino. Die 1961 von Deutschen in Südchile gegründete Kolonie war während der Diktatur von Augusto Pinochet Haft- und Folterzentrum der chilenischen Geheimpolizei. Mitglieder dieses ­faschistischen Modellstaates im Kleinformat bekannten, nach dem Putsch Pinochets gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 linke Aktivisten ermordet zu haben.

Die Ereignisse rund um diesen Tag bilden auch den Einstieg für die fiktive Handlung des Films: Fotograf Daniel (Daniel Brühl) und Stewardess Lena (Emma Watson) stehen im Zentrum des revolutionären Geschehens, als die Truppen losschlagen und Oppositionelle ins Fußballstadion von Santiago de Chile verfrachten. Ex-Kinderstar Emma Watson (»Harry Potter«) scheint ihre Filmarbeit mit ihrem Auftrag als UNO-Sonderbotschafterin auf Linie zu bringen.

Gallenbergers Darsteller arbeiten konzentriert daran, das Flair der siebziger Jahre auferstehen zu lassen – überzeugend: Einerseits spielen sie ein flippiges junges Pärchen voller revolutionärer Ideen. Andererseits werden an ihrem Beispiel die Methoden eines Regimes durchexerziert, das wirtschaftliche Deregulierung mit autoritärer Brutalität durchsetzte.

Für diese Politik steht auch die Colonia Dignidad, die »Kolonie der Würde«, so ihr zynischer Name. Sie fungierte als Scharnier für den Rohstoff- und Waffenhandel und etablierte sich gleichzeitig als Folterzentrum des Pinochet-Regimes.

Chilenische Militärs und deutsche Folterer sind das Personal, auf das das junge Liebespaar trifft. Während Daniel ins Folterzentrum einfährt, versucht Lena alles Erdenkliche, ihn aus den Händen der Sekte zu befreien. Die einzig echte Option: sich selbst als Glaubensschwester dort einzuliefern. Und so erleben die Zuschauer Gewaltakte und pharmakologische Experimente mit den Augen Lenas, während Daniel infolge von Elektroschocks scheinbar dahinvegetiert, aber doch bei klarem Bewusstsein ist. Gemeinsam sammeln sie Beweise für die Gesetzlosigkeit in der Kolonie und bereiten ihre Flucht vor.

Tiefe Brunnen, verschlossene Tunnel, dunkle Löcher – der Film liefert eine genretypische Verfolgungsjagd, die so nie hätte stattfinden können: Politische Gefangene aus Deutschland hat es in der Kolonie nach Angaben von Amnesty International nicht gegeben. Das historische Geschehen wird verknappt auf den Kampf zwischen Lena und Paul Schäfer, dem diabolischen Oberhaupt der Kolonie (Michael Nykvist).

Bei der Premiere auf dem Filmfestival in Toronto zeigte sich die Kritik ungnädig: »Colonia Dignidad« schwanke zwischen Abenteuerfilm und Action-Romanze und tauge dabei weder fürs Popkorn-Kino noch als großes Liebesepos. Einwenden könnte man: Dieser Film richtet sich mit seiner Hauptdarstellerin an ein junges Publikum, das von der Colonia Dignidad noch nie ­etwas gehört hat. Die prominente Besetzung könnte durchaus dafür sorgen, dass sich die Zuschauer stärker mit dem sehr speziellen Stoff und der Geschichte auseinandersetzen. Und ganz nebenbei wird die zwielichtige Rolle des deutschen Botschafters in Chile beleuchtet, der wie viele deutsche Politfunktionäre seine schützende Hand über die Kolonie gehalten hatte.

Und womöglich hat der Film einen ganz konkreten Effekt: Der ehemalige Lagerarzt Hartmut Hopp lebt nach wie vor unbehelligt in Krefeld, obwohl ein rechtsgültiges chilenisches Urteil vorliegt und er von Interpol gesucht wird. Auch die deutschen Behörden ermitteln, bis dato aber ohne Ergebnis: Die Ermittler würden kein Spanisch sprechen, heißt es seit Jahren, deshalb dauere es noch etwas, bis Dokumente und Zeugenaussagen übersetzt seien. Vielleicht bekommt der Fall durch die mediale Aufmerksamkeit ja eine neue Dynamik.

»Colonia Dignidad«. D/F/LUX 2015, Regie: Florian Gallenberger, Darsteller: Daniel Brühl, Emma Watson. Kinostart: 18. Februar 2016

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