Amnesty Journal Mexiko 25. November 2016

"Täglich drei Morde"

"Täglich drei Morde"

"Täglich drei Morde". Abel Barrera

Die Ermordung und das Verschwindenlassen von Studenten aus der mexikanischen Stadt Iguala sind immer noch nicht aufgeklärt. Abel Barrera, Leiter des mexikanischen Menschenrechtszentrums Tlachinollan, über eine mögliche Beteiligung des Militärs.

Interview: Wolf-Dieter Vogel

Am 26. September 2014 wurden in Iguala Studenten von Kriminellen und Polizisten angegriffen. Sechs Menschen wurden getötet, 43 verschleppt. Weiß man heute mehr über die Verschwundenen?
Dank der Recherchen der Expertengruppe GIEI, die von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission ernannt wurde, sind wir etwas weiter. Die Generalstaatsanwaltschaft ging bei ihren Ermittlungen nur von der These aus, alle Studenten seien auf einer Mülldeponie verbrannt worden. Das ist nach Analysen der GIEI wissenschaftlich nicht haltbar. Die Gruppe hält es für nötig, Ermittlungen in andere Richtungen zu vertiefen. Für die Angehörigen der Opfer ist das angesichts der Blockadehaltung der Regierung sehr wichtig.

Wo müssen neue Ermittlungen ansetzen?
Mittlerweile ist klar, dass nicht alle Studenten an denselben Ort gebracht wurden. Es gibt Beweise dafür, dass man einige in die Deponie verschleppt hat, aber nicht alle. Jetzt gilt es, die Spur der Handys genau zu verfolgen. Mindestens sieben Mobiltelefone der Verschleppten wurden noch nach Mitternacht des Folgetages benutzt. Laut Staatsanwaltschaft wurden sie aber verbrannt. Auch die Handys der Täter müssen überprüft werden, um Bewegungsbilder zu bekommen. Die GIEI empfahl zudem, bei der Suche nach den Verschwundenen hochtechnologische Geräte einzusetzen, die den Untergrund des Bodens analysieren können. Schließlich existieren Indizien, wo die Studenten hingebracht worden sein könnten.

Weiß man mehr über eine mögliche Beteiligung des Militärs?
Nein. Angehörige und die GIEI haben gefordert, dass Soldaten, die in der Nacht vor Ort waren, als Zeugen vernommen werden. Das Militär weigert sich jedoch und auch zivile Behörden wollen das nicht. Das wiederum macht die Eltern der Verschwundenen skeptisch. Die Armee hat in der Nacht genau verfolgt, was passierte. Da muss man sich natürlich fragen, warum sie nicht eingegriffen hat.

Sind die Fälle von Verschwindenlassen seit dem Angriff von ­Iguala zurückgegangen?
Leider nicht. Sie haben zugenommen, seit die Regierung 2006 mit dem Krieg gegen die Mafia begann. Heute sprechen wir von 28.000 Fällen, ein Ende ist nicht in Sicht. Die Regierung verfügt über keine neue Strategie gegen das organisierte Verbrechen, in das, wie die GIEI herausgearbeitet hat, lokale und bundesstaatliche Politiker sowie Militärs eingebunden sind. Die Armee ist in Iguala stationiert und wusste genau, wie die Banden dort organisiert sind. Sie machten sogar Geschäfte mit dem Bürgermeister, der jetzt als maßgeblich Verantwortlicher des Angriffs im Gefängnis sitzt. Solange man solche strukturellen Probleme nicht untersucht, wird sich die Lage weiter verschlechtern. Derzeit werden in Iguala täglich drei Menschen umgebracht. Die organisierte Kriminalität hat die Kontrolle in der Stadt übernommen.

Was unternimmt die mexikanische Regierung?
Bereits vor einem Jahr sollte ein Gesetz zur Bekämpfung des Verschwindenlassens im Parlament verabschiedet werden. Am Entwurf waren viele beteiligt: mexikanische NGOs ebenso wie die GIEI und der UNO-Sonderbeauftragte für Menschenrechte. Doch dieses Gesetz gibt es bis heute nicht. Wir hätten erwartet, dass Präsident Enrique Peña Nieto das zu seiner Priorität macht. Aber innerhalb der Regierung gibt es offensichtlich Streit. Einige wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt, andere möchten das verhindern, um Straflosigkeit und Korruption im Justizsystem zu vertuschen.

Abel Barrera ist Leiter des mexikanischen Menschenrechtszentrums ­Tlachinollan in Tlapa im Bundesstaat Guerrero. 2011 erhielt der ­Anthropologe den Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Dezember 2016 des Amnesty Journals erschienen.

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