Amnesty Journal Nepal 21. Juli 2016

Ein Mädchen schert aus

Ein Mädchen schert aus

"Meine Geschichte klingt unwirklich." Nasreen Sheikh in ihrer Schneiderwerkstatt im nepalesischen Goldhunga

Eine Nähmaschine, ein Fremder aus den USA und ein ­unbändiger Wille: Nasreen Sheikh hat es von ganz unten bis zur Unternehmerin und Frauenrechtlerin geschafft. Und das in Nepal, einem der ärmsten Länder der Welt.

Von Veronika Wulf

Nasreen Sheikh sitzt auf dem staubigen Teppichboden in ihrer kleinen Wohnung in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Es ist Mitte März. Draußen knattern Mopeds durch das Touristenviertel der Millionenmetropole und hüllen Passanten und Schaufenster in eine Wolke aus Abgasen und Staub. Rikschafahrer kämpfen gegen Schlaglöcher, Hitze und den Ballast auf der Rückbank an. Drinnen hockt Nasreen, die schmalen Arme um die Beine geschlungen, als wolle sie sich selbst festhalten. Tränen rinnen ihr über das Gesicht.

»Wie kannst du mir das antun?«, klagt ihre Mutter. Zwischen den buschigen Augenbrauen der 51-jährigen Frau ziehen sich tiefe Furchen. »Warum kannst du nicht heiraten wie eine normale Frau?« Nasreen schweigt. »Habe ich das falsche Kind in meinem Bauch getragen? Wenn ich dich mit diesen Fremden im Laden sehe, dann denke ich, ich hätte dich nach der Geburt wegwerfen sollen.«

Schluchzend hebt Nasreen den Kopf. Sie rennt ins Nebenzimmer, kauert sich unter eine Decke, verschwindet komplett darunter. Ein weinender Berg. Die Mutter steht erst unschlüssig im Türrahmen, legt dann eine Hand auf die Decke, dort, wo sie Nasreens Schulter vermutet, hilflos, stumm und so flüchtig, dass Nasreen es vielleicht gar nicht bemerkt hat.

Später steht Nasreen mit einer dieser Fremden im kleinen Laden im Erdgeschoss, unter ihrer Wohnung. Er ist vollgestopft mit gemusterten Schals, Taschen, Kleidern und Geldbörsen in bunten Farben. Die Schaufenster sind blind vor Staub, es riecht nach Benzin und Kurkuma von den Straßenhändlern.

Nasreen trägt eine traditionelle gemusterte Tunika über weiten Pluderhosen. Sie wirkt mädchenhaft mit ihrer Stupsnase, den hohen Wangenknochen, ihrem schlanken Körper, sieht jünger aus als 24. Sie lacht laut und viel, während sie mit einer Touristin aus den USA spricht, die Mitte fünfzig ist. Nasreen türmt einen Stapel Stoff aus Wolle und Pashmina auf den Ladentisch. Es sind fast ein Dutzend Schals. »97 Dollar«, sagt Saheen, Nasreens 19-jährige Schwester hinter dem Ladentisch. Die Touristin schluckt.

Die ältere Schwester wurde mit elf Jahren verlobt

»Die Produkte sind handgenäht, von Frauen, die zwangs­verheiratet wurden, die kaum Geld und Chancen haben«, sagt Nasreen. Mehr muss sie meist nicht sagen, um Menschen von ihrem Projekt »Local Women’s Handicrafts« zu überzeugen. Auch die Touristin zückt ihren Geldbeutel und bezahlt.

Was Nasreen nicht sagt: dass sie selbst eine solche Frau war. Dass sie als Mädchen keine Männer anschauen, nicht lachen oder das Haus verlassen durfte. Dass ihre Eltern sie nicht zur Schule schickten, weil sie ein Mädchen war. Dass sie einen Mann heiraten sollte, den sie nicht kannte, und der Vater sie schlug, als sie sich weigerte.

Textilladen in Nepals Hauptstadt Kathmandu

Textilladen in Nepals Hauptstadt Kathmandu

Nasreens Geschichte ist die eines ungewöhnlichen Aufstiegs in einem der ärmsten Länder der Welt. Sie beginnt in einem entlegenen konservativen Dorf und endet in der Hauptstadt Kathmandu mit einem Sozialunternehmen. Vielleicht ist das aber auch erst der Anfang, denn Nasreen hat noch Größeres vor.

»Es ist schwierig, meine Geschichte zu erzählen«, sagt sie. »Sie klingt so unwirklich.« Nasreen stammt aus Rajura, einem Dorf an der indisch-nepalesischen Grenze. Ihr Vater Zafir Sheikh ist psychisch krank und arbeitsunfähig. Ihre Mutter Haleema Khatoon ist tief verwurzelt in den Kastenregeln und im sunnitischen Islam. Nasreen wollte schon als Kind nicht glauben, dass ein Mädchen, das kaum geschlechtsreif ist, einem Mann versprochen werden muss – auch wenn sie genau das mitansehen musste: Denn ihre ältere Schwester Yasmin wurde mit elf Jahren verlobt und mit 16 verheiratet. Den Bräutigam kannte sie nicht. Bei der Vermählung weinten beide.

In Nepal sind Ehen zwischen Minderjährigen zwar verboten. Doch viele Gläubige entziehen sich den Gesetzen durch traditionelle Zeremonien. Nasreens Mutter Haleema gehört zu ihnen. Für sie ist das Wichtigste, die Töchter an »gute« Männer zu verheiraten, also solche, die sunnitisch sind und ein ordentliches Einkommen haben.

Zwei Tage nach dem Streit hockt Haleema in Nasreens ­Wohnung auf dem Boden vor zwei Kochplatten und zerstößt Ingwer in einer Messingschale. Der Schimmel hat die Wände in schwärzliches Grün gefärbt. Im Nebenzimmer sitzt Nasreens älterer Bruder Maghar auf einer abgewetzten Matratze im Schneidersitz zwischen Kleiderbergen.

Giftige Gase und Hitze

Der 33-Jährige hat die gleiche Stupsnase wie Nasreen, an seinem linken Handgelenk prangt eine vier Zentimeter lange Narbe. Die Mutter versteht nicht, was er sagt, weil er auf Englisch erzählt, wie es dazu kam. Er arbeitete als Elfjähriger in einer Glühbirnenfabrik im indischen Delhi und war dort giftigen Gasen und Hitze ausgesetzt. Immer wieder platzte das Glas, Schutzkleidung gab es keine. Dann wechselte er in eine Textilfabrik, nähte den ganzen Tag Bordüren an Saris, zehn bis zwölf Stunden lang, mit einer halben Stunde Pause. »Ich war stolz, weil ich meiner Familie Geld schicken konnte.«

Mit 18 Jahren zog er nach Kathmandu. Die Familie folgte ihm nach, denn es wurde immer schwieriger, im Dorf zu überleben. Der kranke Vater konnte keine Feldarbeit verrichten, Mutter und Töchter durften es als Frauen nicht. Sie kamen aus einem Dorf, in dem es keine Autos gab, in die Hauptstadt, in der sich der Verkehr als hupender, chaotischer Strom durch die Straßen bewegt. Anstelle windschiefer Bauernhütten gab es in Kathmandu Handyshops, statt verhüllter Hausfrauen Touristinnen in Shorts.

Manchmal saß Nasreen am Straßenrand und beobachtete das Treiben. Sie lebte drei Monate in der Stadt, als ein weißer Mann mit Schnauzer vorbeikam. Er war Mitte 50 und hatte einen Hund an der Leine. »Du kommst doch aus Amerika, kannst du mir Englisch beibringen?«, fragte sie ihn und zupfte ihn am T-Shirt. Der Fremde blickte auf sie hinab. »Natürlich«, antwortete er auf Nepalesisch. Nasreen sagt heute: »Es ist unglaublich, dass er ja sagte. Ich hatte noch nie jemanden um Hilfe gebeten.« Leslie St. John, der Fremde, sagt heute: »Es gibt so viele bettelnde Kinder in Nepal. Ich hatte noch nie einem geholfen.«

Er lebt inzwischen in einer Pflegeeinrichtung für Parkinson-Kranke am Stadtrand von Los Angeles. Die Krankheit hat den 67-Jährigen zurück in seine Heimat geholt, nachdem er vierzig Jahre in Asien verbrachte, auf der Suche nach Gott. In Nepal, Indien und Bangladesch unterrichtete er in Klöstern Englisch und Religion und traf bei seiner Arbeit auch den Dalai Lama.

»Nasreen war so intelligent, so aufgeweckt«, erzählt er am Telefon. »Irgendetwas sagte mir, ich muss ihr helfen.« Was Nasreen ein Wunder nennt, drückt er so aus: »Gott hat mich zu ihr geleitet.« St. John kaufte Bücher, brachte Nasreen Lesen, Schreiben und Englisch bei und zeigte ihr, wie man einen Computer bedient. Dann ging sie zur Schule, in Bluse und Faltenrock, wie die Mädchen, die sie immer vom Fenster aus beobachtet hatte. Sie übersprang eine Klasse, später noch eine. St. John übernahm alle Kosten. Erst nannte sie ihn Lehrer, dann Papa.

Für die skeptischen Eltern blieb er der Fremde. Nur ihr Bruder Maghar unterstützte Nasreen. »Der Doktor war eine riesige Chance für sie«, sagt er auf der Matratze sitzend und wirft der Schwester ein Lächeln zu. Ein zweijähriges Mädchen klettert auf seinen Schoß: Amna ist das Einzige, was ihn und seine Frau verbindet. Auch seine Ehe war arrangiert. Für seine kleine Schwester wollte er etwas Besseres und brachte ihr neben der Schule noch das Nähen bei.

Die Maschine ratterte Tag und Nacht in dem kleinen Zimmer in Kathmandu, das zugleich Schlafzimmer und Werkstatt war. Die Geschwister belieferten eine Textilfabrik. Die erste Frau, die zu ihnen stieß, traf Nasreen auf der Straße, eine Bettlerin, schwanger, ohne Mann, ohne Wohnung, ohne Arbeit. Nasreen zeigte ihr, wie aus Stoffbahnen schicke Röcke oder Schals werden. Das sprach sich herum, es kamen weitere Frauen. Als sie sechs Näherinnen waren, eröffneten sie ihren eigenen Laden, dessen Miete sie mühsam zusammengespart hatten.

So begann 2006 Nasreens kleine Firma. Den Kern bildeten die drei Geschwister Maghar, Nasreen, Saheen, von denen nur der Bruder volljährig war. Sie verkauften anfangs nur drei verschiedene Produkte zu lächerlich niedrigen Preisen. »Die Leute kauften die Sachen«, sagt Nasreen, noch immer ungläubig.

Die Mutter drohte, sie umzubringen

Nebenher beendete sie die Schule und studierte mit St. Johns Hilfe in Kathmandu Elektronik und Informationstechnologie. Doch als sie 20 wurde, intervenierte ihre Mutter: »Es ist Zeit zu heiraten.« Die Eltern hatten bereits einen Jungen aus dem Dorf ausgewählt und den Hochzeitstag festgelegt. Nasreen durfte den Bräutigam vorher nicht kennenlernen, so will es der Brauch.

Schneiderin Nasreen und ihre Mutter Haleema in Nepals Haupstadt Kathmandu

Schneiderin Nasreen und ihre Mutter Haleema in Nepals Haupstadt Kathmandu

Doch sie weigerte sich – als Erste aus ihrem Dorf. Die Eltern zerrten sie aus dem Laden, der Vater schlug sie, sie fiel in den Staub. Die Mutter drohte, sie umzubringen. »Ich wusste, sie würde mir nichts antun«, sagt Nasreen. »Tief in ihrem Inneren liebt sie mich. Die Gesellschaft hat sie so gemacht.« Die Nachbarn tuschelten, bespuckten Nasreen auf der Straße. Erst als ihr Bruder Maghar im Dorf den Ortsvorsteher bestach, damit er verbreitete, Nasreen sei geisteskrank, wurde die Hochzeit abgesagt. Eine Verrückte wollte keiner. Die Eltern wurden zum Gespött des Dorfes.

Nasreen geht hinunter in den Laden. Ihre Augen glänzen feucht, als sie von der Zwangsheirat erzählt. Das Telefon klingelt. Sofort hat sie ihre Fassung wiedergewonnen: »Namaste?« Es ist der Lieferant. In geschäftigem Ton spricht sie auf Nepalesisch. Vielleicht steckt sie Probleme einfacher weg, weil sie Rückschläge gewohnt ist. Einen der größten erlebte sie im April 2015.

Nasreen verkaufte Taschen und Haremshosen auf einem kleinen Markt, als plötzlich Krähenschwärme aus den Bäumen aufflogen. Es rumpelte, knirschte, Glas zerbrach. Erst flog ihr das Handy aus der Hand, dann stürzte sie. Die Erde wankte noch immer wie ein großes Schiff im Sturm, als sie sich aufrappelte. Menschen kauerten auf dem Boden. Manche kreischten, beteten, filmten mit ihren Handys. Nasreen war still.

In der Nacht darauf saß sie aufrecht in einem riesigen Armeezelt. Neben ihr kauerten Saheen, Maghar und Hunderte von Menschen, die sich nicht in ihre Häuser trauten – oder keine mehr hatten. Die Körper lagen dicht an dicht, Taschenlampen leuchteten in schlafende Gesichter, Babys brüllten. Nasreen starrte ins Leere. Der Laden und die Wohnung hatten Risse, die Nachbarsfamilie wurde unter ihrem Haus begraben. Immer wieder vibrierte die Erde. Es war eines der schwersten Erdbeben in der Geschichte des Landes, rund 9.000 Menschen starben.

Mit dem Taxi durch die Trümmerlandschaft

Nach drei Nächten nahmen sich die Geschwister ein Taxi und fuhren durch die Trümmerlandschaft. Unter einem haushohen Schutthaufen suchten Soldaten noch immer nach Überlebenden. Eine halbe Stunde später hielt das Taxi in Goldhunga, einem Dorf am Stadtrand. Aus einem einstöckigen Rohbau ragten Eisenstangen. Die Geschwister hatten damit begonnen, eine Textilfabrik zu bauen, »unsere Zukunft«, sagt Nasreen. Eine Touristin aus Holland und Freunde aus Deutschland hatten ihnen ein Darlehen für das Grundstück, Baumaterial und den Lohn der Bauarbeiter gegeben.

Eine Mauer rundherum war eingestürzt. Saheen drückte die Nase ans Fenster. »Oh nein, schau dir das Chaos an!« Stoffe, Schnittmuster und Nähmaschinen lagen auf dem Boden verstreut – der Schaden betrug mehrere tausend Euro – fast so viel, wie der Laden in einem Jahr einbringt. »Immerhin steht das Haus«, sagte Nasreen ruhig.

Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen. Die kleine Fabrik hat inzwischen zwei Stockwerke. Doch heute stehen die Nähmaschinen still. An losen Stromkabeln hängen Luftballons vor unverputzten Wänden. Zwanzig Näherinnen sitzen in drei Reihen, manche mit Kleinkindern auf dem Schoß, und schauen zu Nasreen auf. Da ist die 32-jährige Babita Aryal, die mit 16 zwangs­verheiratet wurde und nie zur Schule ging. Da ist die 43-jährige Kamla Dahal, die mit 14 zwangsverheiratet wurde und mit 17 das erste Kind bekam. Da ist die 16-jährige Sunita Tamang, die im vergangenen Jahr zwangsverheiratet wurde und deren Haus beim Erdbeben zerstört wurde.

Nasreen spricht zu den Frauen über Bildung, Unabhängigkeit und Rechte. »Wenn ihr nichts verändert, wird sich nie etwas ändern«, sagt sie und erhält Applaus. Nasreens Unternehmen zahlt den Näherinnen schon in der Ausbildung einen Lohn, was unüblich ist in Nepal. Aber es geht nicht nur ums Geld. Nasreen bestärkt sie auch darin, sich als gleichwertig zu betrachten gegenüber ihren Ehemännern, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

Die Frauen tanzen

Heute, am 8. März 2016, feiern sie etwas, was sie noch nie gefeiert haben: den Weltfrauentag. Eine Näherin beginnt zu singen, die anderen springen auf, klatschen. Zöpfe fliegen durch die Luft, Füße gleiten über den Betonboden. Die Frauen tanzen und tanzen. Als wäre es das erste Mal.

Etwa hundert Näherinnen haben Nasreen und ihre Geschwister inzwischen ausgebildet. Manche haben sich selbstständig gemacht, andere warten noch, bevor sie ein Kind bekommen. Nasreen ist stolz. Doch sie schmiedet schon neue ­Pläne. Zurück im Laden holt sie einen Stapel Papier aus dem Schreibtisch. »Local Women, www.locwom.com« steht darauf, »Nonprofit-Organisation. Gesunde Stärkung durch Bildung«. »Das ist mein neues Projekt«, sagt sie strahlend.

Feier des Weltfrauentags in einer Schneiderwerkstatt in Nepals Haupstatdt Kathmandu

Feier des Weltfrauentags in einer Schneiderwerkstatt in Nepals Haupstatdt Kathmandu

Seit ein paar Tagen steht draußen am Laden nicht mehr ­»Local Women’s Handicrafts«, sondern »Saheen’s Handicrafts«. Nasreens Schwester wird künftig den Laden führen, während Nasreen weiter drängt. »Das hier ist ein Geschäft, zwar ein soziales, aber ein Geschäft«, erklärt Nasreen, die Unternehmerin, und zeigt auf die Kleiderständer um sie herum. »Locwom ist Sozialarbeit, mit der ich viel mehr Frauen helfen kann, weltweit.«

Sie geht Seite für Seite durch, erläutert Struktur, Organigramm, Finanzierung. Sie hat ihre neue Organisation in den USA angemeldet. Dort hat sie Freunde, die einst in ihrem Laden in Kathmandu vorbeikamen, ihr jetzt geholfen haben, ein Business-­Visum zu bekommen, und das Projekt mit ihr aufziehen wollen.

Eine bezahlte Nähausbildung für benachteiligte Frauen – daran will sie festhalten, nur nennt sie das jetzt »Skill Training Center«. Außerdem soll es ein Bildungszentrum geben und eine Gesundheitsklinik. »Ich will den Frauen auf allen Ebenen helfen. Sie lernen Nähen, ihre Kinder gehen nebenan zur Schule, und in der Klinik werden sie medizinisch versorgt.« Nasreen war gerade für zwei Monate in den USA, um ein Visum zu beantragen, Sponsoren zu finden, mit Crowdfunding zu starten. Für die wichtigsten Posten hat sie schon Mitglieder gefunden.

Sie blättert weiter. »Der Traum von Locwom: 100 Zentren in zwanzig Jahren«, steht da. »Aber wenn es nur eins ist, das dafür reibungslos läuft, dann ist das auch okay«, sagt sie. »Wir wollen gesundes Wachstum.« Die zwanzig Seiten auf ihrem Schoß wiegen schwer. Auf den ersten Blick klingt ihr Inhalt verrückt, größenwahnsinnig, zu mächtig für die junge Frau in diesem kleinen Raum. Doch hätte der Laden, den Nasreen jetzt führt, damals, im traditionellen Grenzdorf Rajura, nicht auch größenwahnsinnig geklungen? »Ich habe ein gutes Gefühl«, sagt Leslie St. John, ihr Lehrer und Förderer, mit dem sie noch immer Kontakt hält. »Nasreen kann das.«

Die Autorin ist freie Journalistin und berichtet unter anderem für die »Süddeutsche Zeitung« und »Der Spiegel«.

Zwangsehen in Nepal
Etwa Dreiviertel aller Ehen in Nepal sind arrangiert. Das ergab eine Studie der Organisationen »Plan Nepal«, »Save the Children« und »World Vision International Nepal« im Jahr 2012. Häufig ist die Braut bei der Hochzeit noch minderjährig. Obwohl das legale Heiratsalter in Nepal bei 20 Jahren liegt, beziehungsweise bei 18 Jahren, sofern die Eltern einwilligen, haben mehr als die Hälfte der 20 bis 49-jährigen Frauen ihre Ehe als Minderjährige geschlossen. Dies trifft insbesondere auf muslimische Familien zu: Laut Unicef wurden fast 80 Prozent der muslimischen Nepalesinnen verheiratet, bevor sie 15 Jahre alt waren. Entsprechend früh bekommen sie auch ihr erstes Kind. Nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen haben 7,4 Prozent der 15- bis 19-jährigen Mädchen in Nepal ein Kind – das sind fast zwanzigmal so viele wie in Deutschland. Für Bildung bleibt da wenig Zeit: Nepalesische Frauen haben im Schnitt nur 2,3 Jahre lang eine Schule besucht. Mehr als die Hälfte sind Analphabetinnen. Zwangsehen sind auch häufig der Ursprung von innerfamiliären Konflikten. Wie die nepalesische Menschenrechtsorganisation INSEC mitteilte, wurden im Jahr 2014 91 Frauen von Familienangehörigen umgebracht, 2013 waren es sogar 108.

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