Amnesty Journal Iran 02. Mai 2016

Doppelt gewonnen

Ausgezeichnet. "Fuocoammare - Fire at the Sea"

Ausgezeichnet. "Fuocoammare - Fire at the Sea"

Berlinale 2016: Der diesjährige Amnesty-Filmpreis geht an zwei Dokumentarfilme: "Royahaye Dame Sobh - Starless Dreams" und "Fuocoammare - Fire at the Sea"

"Was ist dein Traum?" – "Zu sterben." Die Hauptdarstellerinnen in Mehrdad Oskoueis Berlinale-Beitrag "Royahaye Dame Sobh – Starless Dreams" blicken düster in die Zukunft: Mädchen, die in einer Teheraner Besserungsanstalt einsitzen, Drogenkarrieren hinter sich haben, krasse Gewalt erfahren und auch selbst verübt haben.
Sie sollen lernen, wie Leben funktioniert. Kann das gelingen? Sie sind in Zellen gesperrt, waren Gangmitglieder und haben Arme voller Schnitte. "Schmerz tropft hier von den Wänden", heißt es in einer Einstellung dieses eindrucksvollen Dokumentarfilms: Gehemmte Aggression bestimmt die Atmosphäre.

Aber ebenso erlebt der Zuschauer das genaue Gegenteil: ausgelassen lachende Jugendliche, die für einen Moment vergessen, was ihr Leben bestimmt, ihre zum Teil schweren Depressionen, gegen die sie Medikamente nehmen müssen. Die Arbeit am Film führt sie auf eine Ebene des kreativen Schaffens.

Sieben Jahre wartete das Team um den iranischen Regisseur Oskouei auf die Drehgenehmigung. Dann hatte es drei Monate Zeit, eine weltweit verständliche Filmsprache zu finden, die die Lage benachteiligter Kinder und Jugendlicher ins Bild setzt.

"Auffällige Schönheit und stilsicheren Respekt" entdeckten die Mitglieder der diesjährigen Jury des Amnesty-International-Filmpreises in diesem traurigfrohen Dokument eines gescheiterten Lebensbeginns. In der Jury saßen die Schauspielerin Meret Becker, der Regisseur Dani Levy und – als Vertreterin von Amnesty – die Kommunikationsberaterin Sabine Wessels.

Dass Oskoueis Werk hier nicht allein als Siegerfilm vom Platz ging, ist in den Augen der Jury der außergewöhnlichen Qualität von Gianfranco Rosis Film »Fuocoammare – Fire at the Sea« zu verdanken. Sein Wettbewerbsbeitrag mag stilistisch recht behutsam daherkommen, bietet aber strukturell eine umso drastischere Konstellation. Der Dokumentarfilm berichtet von den Flüchtlingen auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa; wie sie in kaputten Booten über das Meer kommen, von den Besatzungen der Küstenwache aus den Seelenverkäufern geholt werden – und auch wie sie bei der Überfahrt sterben.

Ins Zentrum der Erzählung rückt immer wieder der Arzt auf Lampedusa, einem Eiland von 20 Quadratkilometern, auf dem in den vergangenen Jahren 400.000 Flüchtlinge gelandet sind. Aber der wirkliche Kontrast, der für die Spannung sorgt, ist der schlagfertige Samuele, ein zwölfjähriger Italiener, der hier aufwächst und den die Kamera in seinem Alltag begleitet. Samuele hat Probleme in der Schule, sieht schlecht auf einem Auge, treibt sich mit einem Kumpel herum und übergibt sich, sobald er mit einem Boot fahren muss – und das als Spross einer Fischerfamilie. Sein eigenes Leben und das seiner Familie kommentiert er mit gekonnter Ironie. Beiläufiges aus dem Leben eines ganz normalen Jungen. Hier macht Rosis Film klar: Selbstverständlichkeiten gibt es nicht, nichts kann dem Publikum gewiss sein.

Mit seiner Mischung aus skurrilen, traurigen, komischen und bedrückenden Szenen vermittle der Film das ganze Ausmaß der Tragödie von Lampedusa, urteilte die Amnesty-Jury, die den Film aus 15 nominierten Beiträgen auswählte.

Mit dieser Meinung war sie nicht allein. Das Porträt des Sehnsuchtsortes Lampedusa und zugleich des gesamten Dramas an der europäischen Mittelmeerküste hat auch die Berlinale-Jury um Präsidentin Meryl Streep beeindruckt. »Fuocoammare« ging nicht nur mit dem Amnesty-Preis, sondern auch mit dem Hauptpreis des Festivals, dem Goldenen Bären, nach Hause.

Beiden Filmen ist gemein: Sie bewegen sich zwischen jugendlicher Lebensfreude und Todeszone. Die Arbeit beider Künstler zeichnet aus: Liebe für ihr Thema und genaues ­Hinsehen.

"Royahaye Dame Sobh – Starless Dreams". Iran 2016. Regie: Mehrdad Oskouei
"Fuocoammare – Fire at the Sea". It/F 2015. Regie: Gianfranco Rosi

Amnesty-Jurorin. Schauspielerin Meret Becker.

Amnesty-Jurorin. Schauspielerin Meret Becker.

Kino ist ein Wunder, findet Meret Becker.

Meret Becker, wie fanden Sie die nominierten Filme?
Sensationell. Ich hoffe, diese Filme werden einem breiteren Publikum gezeigt. Ich bin froh, dass ich die Jury-Arbeit machen durfte. Man bekommt so viele Einblicke in Welten, die man sonst niemals zu sehen bekäme. Das ist ein Geschenk. Im Übrigen finde ich es großartig, dass Amnesty International am Ende noch einen zweiten Preis herausgegeben hat.

Konnte sich die Jury nicht auf einen Preisträger einigen?
Doch, auf zwei – und zwar einstimmig! "Royahaye Dame Sobh – Starless Dreams" ist eine Perle. Ich hoffe, dass der Preis einem Meisterwerk wie diesem Aufmerksamkeit verschafft. Von der ersten Minute an ist man mitten in dieser Geschichte und liebt die Protagonistinnen: lauter junge Frauen und Mädchen in einer Besserungsanstalt, die voller Träume und Lebensfreude sind, die aber letztlich keine Chance haben, "denn die Verhältnisse, sie sind nicht so". Aber man wünscht es ihnen von ganzem Herzen. Man verliebt sich in diese Menschen, die voller Trauer und gleichzeitig voller Komik sind. Der Film ist sensationell fotografiert, man vergisst, dass es eine Dokumentation ist. Und er geht sehr einfühlsam mit den Protagonistinnen um. Ich will den iranischen Beitrag unbedingt noch einmal sehen, ich will, dass meine Tochter ihn sieht, diese Mädchen "kennenlernt", dass er viel Publikum bekommt. Solche Filme sind sehr schwer zu machen, ich glaube, dass das Preisgeld hier wirklich gebraucht wird.

Und der zweite Film?
An "Fuocoammare" kommt man in der heutigen Zeit nicht vorbei, weil dies ein Werk ist, das sich dem Flüchtlingsthema auf einzigartige raffinierte Weise nähert. Er hat ja dann auch den Goldenen Bären gewonnen. Das spricht auch für die Hochwertigkeit der von Amnesty ausgezeichneten Filme.

Warum sind solche Stoffe im Kino gut aufgehoben?
Filme können ein Wunderwerk vollbringen: Menschen Menschen nahebringen. Ich glaube, würde man die Leute, die bestimmte Menschen ablehnen, ins Kino bekommen, würde der eine oder andere seine Meinung ändern und Verständnis entwickeln. Allein, darin liegt die Schwierigkeit.

Amnesty-Juror. Regisseur Dani Levy.

Amnesty-Juror. Regisseur Dani Levy.

Eine klare Botschaft fordert Herz und Geist, sagt Dani Levy.

Dani Levy, dieses Jahr gibt es zwei Amnesty-Filmpreise …
Ja, das resultiert aus der großen Liebe für eben mehr als einen Film. Das Gute ist: Wir konnten das Preisgeld zweimal vergeben. Und das bei einem renommierten Preis! Als Filmemacher weiß ich, dass Preise für das Herausbringen und die Pressearbeit von Filmen eine wirklich wichtige Sache sind. "Fuocoammare" ist ein sehr stiller Film, beobachtend und fast schon distanzierend. Er stürzt sich nicht auf sein Thema, er hält sich dezent zurück. "Starless Dreams" geht mit großem Respekt zu den Mädchen ins Heim. Hier wird nicht nach Aufmerksamkeit gestrampelt.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Inhalt und Kunst?
Wenn du in die Filmjury von Amnesty International gehst, denkst du natürlich, dass hier nicht unbedingt die Kunstfilme laufen. Aber das Gegenteil ist richtig: Starke Inhalte fordern eine klare filmische Sprache. Filme mit einer klaren Botschaft müssen mit einem starken Herzen und klarem Geist gemacht werden. Dann finden sie auch eine gute Form.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst als Regisseur auf diesem Terrain zu arbeiten?
Grundsätzlich schon. Aber das, was ich kann, habe ich als Autodidakt bei Spielfilmen gelernt. Ein Dokumentarfilm wäre für mich eine echte Aufgabe. Man muss dabei auch bedenken, was Arbeiten wie die von Rosi und Oskouei bedeuten – und in welche emotionalen Zustände man unter Umständen mit solchen Projekten kommt.

Eine Lebensaufgabe?
Ja – und das ist vielleicht auch ganz wörtlich zu nehmen: Wenn man, wie bei "Starless Dreams", sieben Jahre auf eine Drehgenehmigung wartet.

Interviews: Jürgen Kiontke

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