Amnesty Journal El Salvador 17. September 2014

Auf Leben und Tod

"Bald werde ich mit meiner Tochter ans Meer fahren." Mirna hinter einem vergitterten Fenster in ihrem Laden

"Bald werde ich mit meiner Tochter ans Meer fahren." Mirna hinter einem vergitterten Fenster in ihrem Laden

El Salvador hat eines der schärfsten Abtreibungs­gesetze der Welt. Ein ­Schwangerschaftsabbruch ist unter allen Umständen verboten, selbst bei ­einer Vergewaltigung oder bei ­Gefahr für das Leben der Mutter. Derzeit sitzen 17 Frauen deshalb ­jahrzehntelange ­Haftstrafen ab. Weltweit setzen sich Menschen nun für ihre ­Begnadigung ein.

Von Kathrin Zeiske

Die Gefangenen hämmern von innen gegen das guss­eiserne Tor des Sicherheitssektors 2 im Frauengefängnis Ilopango. Sie wurden aus einem der Zellenkomplexe hinter den mit Stacheldraht besetzten Zäunen herausgerufen, an denen Wäsche in der Sonne trocknet. Eine Wächterin in enger Uniform und hohen Stiefeln bewacht das Tor. »Señora!«, rufen die Frauen auf der anderen Seite, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ein paar vereinzelte Anwälte erwarten sie im Außenbereich des Gefängnisses. Dort, wo eine Arbeitskolonne von Häftlingen in gelben T-Shirts mit der Aufschrift »Ich ändere mich« Blechwannen mit Essensresten stapelt. Schließlich öffnet die Wächterin das Tor einen Spalt breit und winkt fünf der Wartenden heraus. Als die Frauen ihre Anwältin ausmachen, lächeln sie. Daniela Ramos gehört zum Anwaltsteam der »Bürgerschaftlichen Vereinigung für eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs«, die eine mittlerweile weltweit laufende Kampagne für ihre Begnadigung startete. »Die 17« sind wegen Mordes zu Haftstrafen von 30 bis 40 Jahren verurteilt. Angezeigt wurden sie ursprünglich wegen Abtreibung.

Während die UNO-Konferenz in Kairo im Jahr 1994 in aller Welt liberalere Abtreibungsregelungen zugunsten der reproduktiven Rechte von Frauen anstieß, wurden die Gesetze in El Sal­vador verschärft. Schwangerschaftsabbruch ist in dem kleinen mittelamerikanischen Land seit 15 Jahren unter allen Umständen verboten; selbst wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist, selbst wenn der Fötus nicht lebensfähig ist, selbst wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung hervorgeht – ein Thema, das in den von Jugendbanden beherrschten Armen­vierteln El Salvadors große Relevanz besitzt.

Kenia, Teodora, Carmen, Alma und Teresa, die jetzt in Ilo­pango den Sicherheitsbereich A betreten, haben nicht abgetrieben. Sie haben eine Frühgeburt mit Todesfolgen für das Baby erlitten und kamen vom Krankenhaus direkt ins Gefängnis. Auch die übrigen »17« teilen dieses Schicksal. Ein von Vorurteilen und veralteten Rollenbildern geprägtes Gesundheits- und Rechtssystem wurde ihnen zum Verhängnis. Einer jungen Frau, die blutend in die Notaufnahme eines öffentlichen Krankenhauses gebracht wird und offensichtlich schwanger ist oder war, wird in El Salvador sofort unterstellt, sie habe abgetrieben. Weder Ärzte noch Polizei stellen Untersuchungen oder Nachforschungen an.

Teodora, die sich mit ihren vier Leidensgenossinnen auf einem kleinen Mäuerchen niederlässt, erinnert sich. Wie ihre Wehen an einem regnerischen Abend so stark wurden, dass sie verzweifelt die Nummer der Polizei wählte. Wie sie das Haus im heruntergekommenen Zentrum von San Salvador verließ, weil sie vergeblich auf die Ambulanz wartete. Wie sie auf nasser Straße ausrutschte und ohnmächtig wurde. Als sie im Krankenhaus aus der Narkose aufwachte, stand ein Polizist neben ihrem Bett. Einen Tag, nachdem ihr Kind tot zur Welt kam, wurde sie in die düsteren Zellen der Untersuchungs­haft gebracht, trotz starker Blutungen und noch ganz benommen von der Narkose.

Acht Tage später findet sich Teodora im Gefängnis von Ilopan­go wieder; acht Monate später steht das Gerichts­urteil fest: 30 Jahre wegen Mordes. Seitdem sind acht Jahre vergangen. »Der schlimmste Moment war, ins Gefängnis eingeliefert zu werden«, sagt die junge Frau mit den ebenen Gesichts­zügen: wie ein Tunnel ohne Licht. »Der schönste Moment wird sein, es wieder zu verlassen.« Auf ihrem weißen Shirt steht Love. Wenn du rauskommst, dann studieren wir gemeinsam, hat ihr erstgeborener Sohn gesagt. Seine Mutter hat nur die Grundschule besucht. Sie hat den Jungen seit einem Jahr nicht mehr gesehen.

Auch Alma teilt dieses Schicksal. »Meine beiden Mädchen nicht zu sehen, ist schrecklich«, sagt die kleine Frau mit den großen braunen Augen. Ihr drittes Kind erwürgte sich mit der Nabelschnur. Fernab jeder Klinik hatte Alma es zu Hause zur Welt gebracht. Ihre Familie aus Ahuachapán ist so arm, dass sie sich die Fahrt nach Ilopango nicht leisten kann, um sie zu besuchen – auch wenn El Salvador nicht größer ist als Hessen. Von ihren Töchtern kann Alma deshalb nur noch träumen, wenn sie nachts dicht an dicht mit 280 Frauen auf dem Boden eines zur Zelle umfunktio­nierten Saales liegt. Wie alle Gefängnisse des Landes ist auch das Frauengefängnis mehrfach überbelegt.

Die Kampagne für »Die 17« gebe ihnen Kraft und Hoffnung. Manchmal seien sie richtig aufgeregt, erzählen sie. »Ach, ich dreh durch, wenn ich hier rauskomme!«, ruft Carmen impulsiv. Ihre Ohrringe klirren leise, als sie heftig den Kopf schüttelt. »Bei der Besuchszeit letzten Sonntag meinte eine Frau zu mir: Da schießen Leute Fotos mit Blumen für euch und stellen das auf Facebook.«

Dass sich Menschen in aller Welt mit ihnen solidarisch ­zeigen und Briefe an die salvadorianischen Behörden senden, rührt die Frauen, die zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig sind, sehr. Doch auch sie fühlen sich mit anderen solidarisch. »Das hört ja mit uns nicht auf«, erklärt Teresa, die in einer Fabrik arbeitete und nicht wusste, dass sie schwanger war, bis die Wehen einsetzten. »Hier werden immer wieder junge Frauen ankommen, denen das Gleiche passiert ist wie uns. Frauen, die so bitterarm sind wie wir; die sich keine Privatklinik und keinen Anwalt leisten können.« Ihren Strafverteidiger sah Teresa erstmals in der Gerichtsverhandlung; er kannte noch nicht mal ihren Namen.

Kenias Fall unterscheidet sich nicht von den anderen, aber sie ist jünger. Mit neunzehn Jahren kam sie 2013 ins Gefängnis. Erst mit 49 Jahren soll sie es wieder verlassen. Kenia kann noch immer nicht begreifen, was ihr geschah; sie wirkt traumatisiert und abwesend. »Manchmal kommt es mir vor, als befände ich mich in einem Albtraum«, sagt sie leise und starrt auf das bunte Blumenmuster ihrer Flipflops. »Dann kämpfe ich gegen Angstzustände. Meine Eltern vermisse ich schrecklich.«

Zu leiden haben die Frauen auch unter dem Stigma der »Kindsmörderinnen«. »Viele sagen: Hoffentlich verrecken sie in Ilopango«, berichtet Teodora. »Ihnen ist nicht klar, was wir ­erlebt haben.« Auch im Gefängnis werden sie bedroht. »Wenn wir uns draußen noch mal wiedersehen, dann bringen wir euch um«, sagten Mitgefangene. Eine ernstzunehmende Ansage, denn viele der Inhaftierten sind Bandenmitglieder und sitzen wegen Gewaltverbrechen im Gefängnis.

»Eins dürft ihr nie vergessen«, sagt Daniela Ramos, die Anwältin der »17«, als sich die Besuchszeit dem Ende nähert und die Wärterin in der blauen Uniform streng herüberwinkt. »Ihr sitzt hier zu Unrecht. Und wir werden alles tun, damit ihr eure Freiheit wiedererlangt.« Bei diesen Worten schießen den fünf Frauen, die sich bisher zusammengerissen haben, die Tränen in die Augen. Und dann schließt sich das große gusseiserne Tor des Sektor B auch schon wieder hinter Teodora, Carmen, Teresa, Alma und Kenia.

Daniela Ramos’ Tag ist noch nicht vorbei. Ein Taxi bringt sie durch den dichten Verkehr ins angrenzende San Salvador zurück. Dort holt die Anwältin Mirna ab, eine der »17«, die nach zwölf Jahren Haft schon im offenen Strafvollzug ist. Sie hatte das Glück, dass ihre Tochter die Frühgeburt in einer ärmlichen Latrine überlebte.

»Nun wartet diese Tochter, die der Grund ist, warum ihre Mutter im Gefängnis sitzt, sehnsüchtig darauf, dass Mirna endlich freikommt«, erklärt die Anwältin seufzend, als sie vor einem Friseursalon mit Fruchtsaftausschank stoppt. Mirna erwartet sie an der Tür, eine zierliche Frau mit in Silber eingefassten Zähnen. »Bald werde ich mit meiner Tochter ans Meer fahren«, sagt sie zuversichtlich. Dann packt sie hastig ihre Sachen zusammen, denn gleich ist Einschluss im staatlichen Wohnheim in Santa Tecla, in das sie jeden Abend zurückkehrt. Ihre Chefin umarmt sie zum Abschied. Einst büßte Doña Alma ebenfalls eine Haftstrafe ab; heute ermöglicht sie Frauen im offenen Strafvollzug den beruflichen Wiedereinstieg.

Eine Stunde später fährt die Anwältin Daniela Ramos endlich zum Büro der »Bürgerschaftlichen Vereinigung für eine ­Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs« zurück, das sich hinter bewachsenen Natursteinmauern und lila Wandgemälden befindet. Seitdem die Kampagne der »17« so erfolgreich voranschreitet, ist die Organisation ins Schussfeld der salvadorianischen Abtreibungsgegner geraten. Und diese sind eng verbunden mit den Sphären der Macht. Nach Recherchen der Wirtschaftsjournalistin und ehemaligen Direktorin des salvadorianischen Frauenentwicklungsinstitutes ISDEMU, Julia Martínez, existiert eine »Troika« zwischen Opus Dei, einer ultrarechten Gruppierung innerhalb der katholischen Kirche, der selbsternannten Lebensschutzorganisation »Sí a la Vida« und dem ­»Diario de Hoy«, einer der beiden größten Zeitungen des Landes. Personifiziert wird diese Troika durch die Kolumnistin Julia Regina de Cardenal, die einer der reichsten Familien des Landes angehört. Hinsichtlich des Begnadigungsgesuchs der »17« ist auch die Besetzung hoher Posten in der Gerichtsmedizin im Obersten Gerichtshof durch den Opus Dei problematisch. Dies sind die Institutionen, die das Gesuch überprüfen.

»Diario de Hoy« veröffentlichte Mitte August einen Artikel, in dem der »Bürgerschaftlichen Vereinigung für eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs« unterstellt wird, große Summen für die »Bewerbung und Unterstützung von Abtreibungspraktiken« von US-amerikanischen Stiftungen zu erhalten. In El Salvador steht auch dies unter Strafe. »So etwas kann uns zum Verhängnis werden«, sagt Sara García, die für das Radioprogramm der Organisation »Aus dem Krankenhaus ins ­Gefängnis« verantwortlich ist. Und in einem der gewalttätigsten Länder der Welt ginge eine Rufschädigung zivilgesellschaftlicher Aktivisten nicht selten tätlichen Übergriffen voraus.

Dass es der konservativen Elite tatsächlich um den »Schutz des ungeborenen Lebens« geht, glaubt Sara García nicht. »Es geht hier nicht um die Babys. Es geht um die gesellschaftliche Kontrolle über den Körper von Frauen. Sie sollen in ihrer traditionellen reproduktiven Rolle verbleiben.« Frauen werde das Recht auf eine eigene Entscheidung abgesprochen. Dies wurde im vergangenen Jahr deutlich, als der Fall von Beatriz in El Salvador eine landesweite Debatte um Abtreibung auslöste.

Irgendwo am unteren Lempa-Fluss wohnt die heute 22-Jährige in einem lehmverputzen Haus mit Ziegeldach und hölzernen Fensterläden. Vor der Terrasse wachsen Blumen und Kräuter in alten Farbeimern. Ein schmales Rinnsal fließt aus der Dusche vor dem Haus über die festgetretene Erde. Seit ihrem 18. Lebensjahr leidet die junge Frau unter der Autoimmunschwächekrankheit Lupus, die in Regionen, in denen Pestizide in Monokulturen eingesetzt wurden, keine Seltenheit ist. Ihr erstes Baby brachte sie unter hohem Risiko auf die Welt. »Ich wollte dieses Kind unbedingt«, erzählt Beatriz und zieht ihren kleinen Sohn zu sich in die Hängematte. Sollte sie noch einmal schwanger werden, sei dies ihr Todesurteil, sagten ihr die Ärzte damals.

Im März 2013 wurde bei ihren regelmäßigen Krankenhausbesuchen eine erneute Schwangerschaft festgestellt. Festgestellt wurde auch, dass der Fötus kein Gehirn und somit keine Lebenschance hatte. Doch der Oberste Gerichtshof lehnte eine Sonderfallregelung ab, selbst als der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof sich einschaltete. Ein Wettlauf gegen die Zeit begann. »Ich verbrachte zweieinhalb Monate in San Salvador im Krankenhaus«, erinnert sich Beatriz. »Jeder einzelne Tag war furchtbar.« Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends; ein Nierenversagen drohte. »Ich wollte leben. Ich wollte nicht, dass mein Sohn ein Waisenkind wird.«

In der 27. Schwangerschaftswoche nahmen die Ärzte schließlich einen Kaiserschnitt vor. Das Baby überlebte nur wenige Stunden. Beatriz konnte sich gesundheitlich erholen. Doch kann sie keine anstrengenden Arbeiten verrichten und ist auf Medikamente angewiesen. Sie hat begonnen, bei ihren regelmäßigen Fahrten zum Krankenhaus in der Hauptstadt Kleidung einzukaufen und diese in ihrem Dorf nahe dem Lempa-Fluss weiterzuverkaufen. Während Anhänger des Opus Dei in San Salvador am »Denkmal des ungeborenen Lebens« demonstrierten und ihr zynisch Körbe mit Babykleidung schickten, hat Beatriz in ­ihrer Gemeinde viel Unterstützung erfahren. Von Freundinnen, Nachbarn und der katholischen Jugendorganisation. Als sie von ihren Zukunftsplänen erzählt, huscht erstmals ein Lächeln über ihr Gesicht. »Ich will jetzt nur noch nach vorne schauen.«

Zwei Autostunden entfernt flattert die blauweiße Fahne El Salvadors über dem Parlament. Hier wurde das Begnadigungsgesuch für »Die 17« eingereicht. Die Debatte um den Schwangerschaftsabbruch ist in dem mittelamerikanischen Staat erneut entbrannt. Präsident Salvador Sánchez Cerén von der einstigen Guerilla-Organisation und heutigen Partei FMLN hat sich hinsichtlich eines Dialogs über mögliche Gesetzesreformen positiv geäußert.

Die FMLN-Abgeordnete Audelia López kämpfte einst für die Rechte der Frauen in den Reihen der Guerilla. Zu einer öffentlichen Stellungnahme für eine Abtreibungslegalisierung mag sie sich – wie sämtliche Parteigenossen – dennoch nicht hinreißen lassen. Der potenzielle Stimmenverlust in dem katholisch geprägten Land ist für die FMLN, die erst vor zwei Regierungsperioden die ultrarechte Partei ARENA ablöste, nicht abzuschätzen. »Ich hoffe, dass der Oberste Gerichtshof im Fall der ›17‹ die mangelhafte Beweisführung, die offensichtlichen Verfahrensfehler und die diskriminierende und grausame Behandlung der Frauen in Betracht zieht«, windet sich die Abgeordnete eloquent ­heraus. Über ihrem Schreibtisch hängt ein Konterfei Oscar ­Romeros, des Bischofs von San Salvador, der wegen seines ­Engagements für die Verfolgten der Diktatur im Bürgerkrieg der achtziger Jahre ermordet wurde.

Während sich im Regierungsviertel von San Salvador niemand so recht zu den Fällen von Teresa, Carmen, Alma, Teodora, Mirna und den anderen äußern will, stehen andere lautstark für sie ein. »Wir sind nicht alle – es fehlen ›Die 17‹!«, rufen die Angehörigen der Jugendorganisation CoIncidir, die sich für die sexuellen Rechte von Jugendlichen einsetzt. Während eine Schulkapelle mit Cheerleaderinnen in engen Korsetts zur offiziellen Veranstaltung anlässlich des »Tages der Jugend« zieht, kreischt eine Bande junger Mädchen mit großen Sonnenbrillen und regenbogenfarbenem T-Shirt-Aufdruck »Alarm!« und »Begnadigung!« und winkt voller Elan mit Schildern, auf denen die Namen der »17« stehen. Bis Ende des Jahres sollte die Entscheidung über ihre Begnadigung endlich gefällt sein.

Die Autorin ist Mittelamerika-Korrespondentin.

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