Amnesty Journal Ungarn 27. Mai 2014

"Ich mag Nationalismus nicht"

"Ungarn entfernt sich von der Demokratie." Dirigent Iván Fischer.

"Ungarn entfernt sich von der Demokratie." Dirigent Iván Fischer.

Iván Fischer, Gründer und Leiter des berühmten Budapester Festivalorchesters, ist ein entschiedener Gegner des ungarischen Nationalismus und damit immer wieder Anfeindungen ungarischer Rechtsextremer ausgesetzt. Ein Gespräch über großungarische Rhetorik, die europäische Idee und eine gefährliche Bildungspolitik.

Herr Fischer, spüren Sie in sich ein genetisches Gefühl des ­Nationalismus?
Nein.

György Fekete, der Präsident der Ungarischen Kunstakademie meint, keinem wirklich ungarischen Künstler dürfe das »genetische Gefühl des Nationalismus« fehlen. Demnach wären Sie kein wirklich ungarischer Künstler.
Ich ignoriere solche Aussagen. Ich mag Nationalismus nicht. Er treibt die Menschen in ein völlig verengtes Denken. Ich bin ein großer Anhänger der europäischen Integration. Europa ist ein wunderbarer Gedanke. In den reichen EU-Ländern wie Deutschland müsste man noch viel mehr für eine vertiefte EU-Integration tun, dann könnten Länder wie Griechenland, Italien oder Ungarn noch viel besser einbezogen werden. In Ungarn ist dieses europäische Denken zurzeit leider nur sehr schwach ausgeprägt, Nationalismus ist das Hauptproblem in Ungarn.

An was denken Sie konkret?
Zum Beispiel an die großungarische Rhetorik. Nach dem Ers­ten Weltkrieg verlor Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebietes. So wie sich Deutschland damit abfindet, dass Schlesien oder das Elsass nicht mehr zu ihm gehören, so sollte sich auch Ungarn damit abfinden, dass Siebenbürgen zu Rumänien gehört und Oberungarn zur Slowakei. Als erwachsener Mensch sollte man das akzeptieren und in einer gemeinsamen europäischen Familie friedlich miteinander leben.

Wer in Ungarn heutzutage solche Kritik übt, riskiert, finanzielle Unterstützung oder sogar seinen Arbeitsplatz zu verlieren, nicht nur im Kulturbereich. Wie ist das bei Ihnen? Schützt es Sie, dass Sie ein berühmter Dirigent und der Gründer und Leiter des Budapester Festivalorchesters sind, eines Weltklasse-Orchesters?
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass das Festivalorchester augenblicklich sehr gut dasteht. Die ungarische Regierung unterstützt uns derzeit wirklich anständig. Wir konnten noch nie so ruhig arbeiten wie jetzt, dafür bin ich der Regierung dankbar, und ich möchte, dass sie das weiß. Aber das heißt nicht, dass ich unkritisch wäre. Ich stimme mit dem nationalistischen Geist, den die Regierung verbreitet, nicht überein.

Nach dem Machtantritt der Orbán-Regierung im Frühjahr 2010 kam in Ungarn bald das Wort vom »Kulturkampf« auf. Dabei mag der Regierung Musik unproblematischer erscheinen als Literatur, Theater oder Bildende Kunst.
Es stimmt, es gibt vor allem um das Theater und um kulturpolitische Zeitschriften große Debatten. Mit den Orchestern gehen sie gut um. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass das größte Problem in Ungarn die Kulturpolitik wäre. Ein viel größeres Problem ist die Politik im Bildungswesen, dort finden die wirklich schlimmen Dinge statt.

Also zum Beispiel, dass im »Nationalen Grundlehrplan« für Schulen antisemitische Schriftsteller der Zwischenkriegszeit als Lektüre empfohlen werden?
Ja, ich kann das nur missbilligen. Die Kinder müssten in einem europäischen Sinne erzogen werden, Sprachen lernen und wissen, dass Deutsche, Österreicher, Rumänen und Slowaken ­genauso viel wert sind wie die Ungarn und dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt. Sie sollten nicht dazu erzogen werden, sich von nationalistischen Illusionen ergreifen zu lassen.

Mit nationalistischer Hysterie befassen Sie sich in einer Oper, die Sie komponiert haben und die im Herbst in Budapest uraufgeführt wurde. Sie heißt »Die rote Färse« und es geht darin um einen angeblichen jüdischen Ritualmord im Jahre 1882, der damals in Ungarn riesiges Aufsehen erregte und zu einer Welle des Antisemitismus führte. Warum haben Sie ausgerechnet diese Geschichte für Ihre Oper gewählt?
Damals wurden Juden in dem ostungarischen Dorf Tiszaeszlár beschuldigt, sie hätten ein 14-jähriges Mädchen umgebracht. Das war natürlich völlig verrückt und nicht wahr, und im Prozess wurden ja auch alle Angeklagten freigesprochen. In der Oper geht es um das Schicksal eines 14-jährigen jüdischen Jungen, der Kronzeuge der Anklage war, Móricz Scharf. Man brachte ihn mit Manipulationen, Versprechungen und auch Folter dazu, auszusagen, er habe seinen Vater und dessen Freunde dabei beobachtet, wie sie das Mädchen Eszter Solymosi ermordet hätten. Mich hat diese entsetzliche, hysterische Sündenbocksuche und diese Wut interessiert, wenn sich eine Masse plötzlich verhält wie Fußball-Hooligans. Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, gab es eine sehr starke Welle des Antisemitismus in Ungarn. Ich denke, eine ähnliche Stimmung herrscht jetzt auch wieder in Ungarn.

Es gab 2008 in Ungarn einen verblüffend ähnlichen Fall. Ein 14-jähriges Mädchen, Nóra Horák, wurde in der Kleinstadt Kiskunlacháza ermordet. Der Bürgermeister machte sofort Roma verantwortlich, in der Stadt herrschte Pogromstimmung und den ungarischen Rechtsextremen gelang es, im Zuge dieses Mordfalles den Begriff der »Zigeunerkriminalität« in der Öffentlichkeit zu etablieren. Sieben Monate später wurde ein ungarischer Nachbar des Mädchens als Täter gefasst und später verurteilt, eine DNA-Analyse identifizierte ihn zweifelsfrei. Geblieben ist der Begriff »Zigeunerkriminalität« und der Glaube vieler Menschen, Nóra Horák sei von Roma ermordet worden.
Ja, es gibt Parallelen, die die Oper höchst aktuell machen. Eigentlich hatte ich die Idee zu dieser Oper mit ihrer Geschichte aus dem 19. Jahrhundert schon vor sehr, sehr langer Zeit, aber wenn jemand heute wissen möchte, in welchem tiefenpsychologischen Zustand sich das gegenwärtige Ungarn befindet, dann sollte er sich diese Oper ansehen. Jedenfalls stelle ich in ihr meine Sicht dieses Zustandes dar.

Ende Juni hat die Oper im Konzerthaus Berlin Deutschland-Premiere. Wie wurde die Oper in Budapest aufgenommen? Glauben Sie, Sie können mit so einer Oper dazu beitragen, dass der Zustand Ungarns, wie Sie ihn beschreiben, sich ändert?
Nach der Uraufführung wurde mir von rechts vorgeworfen, dass die Oper eine Provokation sei. Warum eine Provokation? Es geht um das Schicksal eines unglücklichen jüdischen Jungen. Das kann nur Neonazis und ähnlich schreckliche Gestalten provozieren. Was das Ändern der Gesellschaft angeht, das ist nicht die Aufgabe eines Künstlers, ich möchte der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Wenn es mir gelungen ist, jemanden zu erschüttern, dann ist das sehr gut.

Die Voraussetzungen für eine Änderung der ungarischen ­Zustände sind nicht gut. Anfang April waren in Ungarn Parlamentswahlen. Das Wahlgesetz hat der Regierungspartei Fidesz Vorteile verschafft; eine deutliche relative Mehrheit hat für ­Orbán und seine Partei gestimmt und die Rechtsextremen ­kamen auf das Rekordergebnis von 21 Prozent.
Ungarn bewegt sich momentan in die schlechtmöglichste Richtung. Die Regierung betont sehr stark den altmodischen ­Gedanken der nationalen Souveränität. Das sind Schritte rückwärts. Ungarn entfernt sich vom Gedanken der europäischen ­Integration, es entfernt sich von der Demokratie.

In den vergangenen Jahren haben 460.000 Bürger das Land verlassen, fast fünf Prozent der Bevölkerung. Viele auch, weil sie das öffentliche Klima unter Orbán nicht mehr aushalten. Werden Sie in Ungarn bleiben?
Natürlich. Ich werde und will bleiben. Ungarn ist noch nicht verloren. Es gibt viele Menschen hier, die sich eine europäische Demokratie für ihr Land wünschen. Vor allem für sie mache ich Musik.

Fragen: Keno Verseck

Iván Fischer
Iván Fischer wurde 1951 als Sohn einer Musikerfamilie in Budapest geboren und zählt heute zu den bekanntesten Dirigenten weltweit. Schon als Kind spielte er Klavier und Violine, später Cello. Er studierte Komposition in Budapest und machte an der Universität für Musik in Wien sein Diplom als Dirigent. Mitte der siebziger Jahre begann er in Großbritannien seine Weltkarriere, kehrte jedoch 1983 nach Ungarn zurück, wo er zusammen mit dem Pianisten Zoltán Kocsis das »Budapest Festival Orchestra« gründete, dessen musikalischer Direktor er bis heute ist. 2012 wurde Fischer Musikdirektor des Berliner Konzerthauses und Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Regelmäßig äußert sich Fischer zur Politik in seiner Heimat, besonders zum Nationalismus und Rechtsextremismus. Von Rechtsextremen wird er deshalb verunglimpft.

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