Amnesty Journal Mexiko 28. März 2013

Die ersten Opfer

Während die Zahl der Morde in Mexiko insgesamt langsam zurückgeht,
nehmen die Tötungsdelikte gegen Frauen in der Stadt Ciudad Juárez weiter zu.
Mit dafür verantwortlich ist die massenhafte Verbreitung von Schusswaffen
in einem mittlerweile kriegsähnlichen Konflikt.

Von Wolf-Dieter Vogel

Es hätten die Schuhe ihrer Tochter sein können. »Aber sie kann sie nicht mehr benutzen«, sagt Enriqueta Enríquez, während sie mit anderen Aktivistinnen vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft in Ciudad Juárez steht und protestiert. Mehr als 300 rote Schuhe haben die Frauen am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, hier aufgestellt. Rot für das viele Blut, das in der nordmexikanischen Stadt geflossen ist; die Schuhe zur Erinnerung an die unzähligen Mädchen und Frauen, die in Ciudad Juárez dem sogenannten »Feminicidio« zum Opfer gefallen sind. Auch Adriana Sarmiento, die Tochter von Enriqueta Enríquez, wurde tot aufgefunden. Seither fordert die Mutter, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Doch bislang mit wenig Erfolg: »Es ist wie vor vier Jahren, als sie verschwunden ist. Die Behörden verspotten uns.«

Niemand weiß genau, wie viele Frauen starben, seit das Töten Anfang der neunziger Jahre seinen Anfang nahm. Von insgesamt 915 ermordeten Frauen spricht Imelda Marrufo Nava vom Netzwerk »Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez«, 320 wurden nach Amnesty-Informationen allein im Jahr 2011 getötet. Auch die vielen Sonderermittler, Spezialstaatsanwaltschaften und Ombudstellen, die nach internationalem Druck und aufgrund des Kampfs zivilgesellschaftlicher Organisationen eingerichtet wurden, konnten die Angriffe nicht eindämmen. Nach einem Bericht, der im Rahmen der UNO-Frauenrechtskonvention CEDAW erstellt wurde, starben 2010 so viele Frauen eines unnatürlichen Todes wie lange zuvor nicht mehr. Andere Quellen gehen davon aus, dass seit 2009 bis heute mehr Mädchen und Frauen ermordet wurden als in den gesamten 15 Jahren zuvor.

Was sind die Gründe für diese Zunahme? Eine Erklärung liegt nahe: In jedem Krieg sind Frauen die ersten Opfer, und nachdem Präsident Felipe Calderón 2008 im Kampf gegen die Drogenkartelle Tausende von Soldaten nach Ciudad Juárez schickte, ist die Stadt an der US-Grenze Schauplatz eines bewaffneten Konflikts, der kriegerische Ausmaße angenommen hat. Mindestens 10.500 Menschen wurden seither getötet. Allein im Jahr 2008 wurden in der Stadt mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern mehr Zivilpersonen getötet als im gleichen Zeitraum in ganz Afghanistan. Viele Menschen kamen ums Leben, weil sie in den Kugelhagel zwischen Kriminellen und Armeeangehörigen geraten waren, andere, weil die Mörder sie schlicht verwechselt hatten.

Im Schatten des sogenannten Drogenkriegs sterben auch Menschen, die den Kartellen, lokalen Machthabern oder Sicherheitskräften schon lange ein Dorn im Auge sind. So etwa Susana Chávez, Marisela Escobedo und Josefina Reyes, die sich gegen Frauenmorde, Straflosigkeit und ungerechte Verhältnisse zur Wehr gesetzt hatten. Bis heute weiß man nicht, wer die Aktivistinnen umgebracht hat. Unbekannt sind auch die Mörder von Adriana Sarmiento und andere Täter, die für den »Feminicidio« verantwortlich sind. 95 Prozent aller Fälle bleiben ungesühnt, kritisiert das Netzwerk »Mesa de Mujeres«. Durch die Straflosigkeit fühlen sich die Täter zu weiteren Morden ermutigt.

Doch nicht nur Straflosigkeit, sondern auch die ständig präsente Gewalt senken die Hemmschwelle für tödliche Angriffe. Der Krieg brachte viele Schusswaffen in die Stadt und je mehr Gewehre und Pistolen im Umlauf sind, desto selbstverständlicher wird das Morden. Darunter leidet vor allem die weibliche Bevölkerung, stellt Barbara Frey fest, die UNO-Sonderberichterstatterin für die Prävention von Menschenrechtsverletzungen durch Kleinwaffen: »In einer männerdominierten Gesellschaft wird der Waffenbesitz damit begründet, dass die Männer die Frauen schützen müssen, doch werden die Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit Opfer von Gewalt, je mehr Waffen in der Familie oder im gesellschaftlichen Umfeld vorhanden sind.«

Jüngste Untersuchungen der UNO, die in Zusammenarbeit mit der für Frauenpolitik zuständigen mexikanischen Regierungsbehörde Inmujer entstanden, bestätigen diese Einschätzung: Vor 2007 kamen in Mexiko kaum Frauen durch Schüsse ums Leben, 2010 waren hingegen bei 54 Prozent der Frauenmorde Gewehre und Pistolen im Spiel. Dies habe »zweifellos mit dem illegalen Waffenhandel und den Aktivitäten krimineller Organisationen zu tun«, so die Autoren der Studie.

Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez und ihre Schwes­terstadt El Paso auf US-amerikanischer Seite bilden eines der Zentren des organisierten Verbrechens. Seit langem herrschen hier zwei Mafia-Gruppen: das Juárez-Kartell und das Sinaloa-Kartell. Bis Felipe Calderón die Armee mobilisierte, existierte ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte. Doch inzwischen führen die Kartelle einen offenen Krieg um die Kontrolle der illegalen Transportrouten und des kriminellen Marktes. Nach Schätzungen von US-Behörden passieren rund 70 Prozent des in die Vereinigten Staaten geschmuggelten Kokains hier die Grenze. Auch große Mengen Heroin, Marihuana und Methamphetamin erreichen die US-amerikanischen Konsumenten via El Paso. Zugleich importieren die Kartelle auf diesem Weg unzählige Schusswaffen, die sie in den USA erwerben und mit denen sie Krieg gegen ihre Konkurrenten, die Armee und die Zivilbevölkerung führen.

Mindestens 68 Prozent der 100.000 Kleinwaffen, die Mexikos Sicherheitskräfte seit 2007 beschlagnahmt haben, stammen nach Recherchen der US-Behörde für Alkohol, Tabak, Feuerwaffen und Sprengstoff (ATF) aus den Vereinigten Staaten. Aber auch Gewehre des deutschen Rüstungsproduzenten Heckler & Koch gerieten in die Hände von Kriminellen – im Mai vergangenen Jahres stellten mexikanische Polizisten in Ciudad Juárez nach einer Festnahme ein G36-Sturmgewehr sicher. Für mehr Aufmerksamkeit sorgten US-Waffen, die 2011 in einer Lagerhalle des Sinaloa-Kartells in El Paso gefunden wurden. Sie sollten im Rahmen einer verdeckten Operation der ATF illegal verkauft werden, um so die Köpfe der Mafia zu fassen. Doch kaum waren sie veräußert, verlor sich ihre Spur. Viele der etwa 2.000 Gewehre landeten direkt bei der Mafia.

»Hinter unseren Toten stecken ihre Waffen«, kritisiert der mexikanische Aktivist und Dichter Javier Sicilia, der im Herbst 2012 mit Gleichgesinnten in einer Karawane durch die USA zog, um auf die Mitverantwortung des Nachbarlandes für den Krieg in seiner Heimat aufmerksam zu machen. Selbst der konservative Politiker Calderón setzte sich für restriktivere US-Gesetze ein. »Einer der Hauptfaktoren für die Stärke der Kriminellen ist der unbegrenzte Zugang zu Hochleistungswaffen, die frei und uneingeschränkt in den USA verkauft werden«, kritisierte er. Der beste Weg, um die Gewalt in Mexiko zu reduzieren, sei, »den unmenschlichen Verkauf von Waffen in unser Land zu ­beenden«.

Für Enriqueta Enríquez und die anderen Frauen auf dem Platz vor der Staatsanwaltschaft in Ciudad Juárez kommt diese Erkenntnis zu spät. Und sie lenkt von Calderóns eigener Ver­antwortung während seiner Amtszeit von 2006 bis 2012 ab. Schließlich hatte er mit seiner militärischen Mobilmachung 2008 den Krieg angeheizt. Seit er im Sommer 2012 die Soldaten von den Straßen abziehen ließ, ist die Gesamtzahl der Morde zwar zurückgegangen. Geblieben jedoch ist der Terror gegen die weibliche Bevölkerung. Fast täglich wurde 2011 eine Frau oder ein Mädchen in der Stadt ums Leben gebracht – erdrosselt, erstochen oder erschossen.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

Mehr dazu