Amnesty Journal 26. November 2013

Verborgene Liebe

"Newborn". Denkmal für die Unabhängigkeit des Kosovo in Priština.

"Newborn". Denkmal für die Unabhängigkeit des Kosovo in Priština.

Viel ist im Kosovo vom Schutz der Minderheiten die Rede, gemeint sind damit normalerweise Serben und Roma. Doch die größte Minderheit des Landes ist zugleich die am wenigsten sichtbare: Schwule, Lesben und Transsexuelle. Das Land hat zwar eine fortschrittliche Verfassung, in der Praxis nutzt dies aber wenig.

Von Dirk Auer

»SEX« stand in großen Lettern auf der Titelseite des Gesellschaftsmagazins »Kosovo 2.0«. Es sollte ein Meilenstein des kritischen Journalismus werden: Ein pralles Heft mit mehr als 150 Seiten, das auch Artikel über homosexuelles Leben im Kosovo und anderen Balkanstaaten enthielt. Die Ausgaben zuvor hatten mit Themen wie »Religion« und »Korruption« bereits heiße Eisen der kosovarischen Gesellschaft angefasst, und auch die neue Ausgabe sollte durch öffentliche Podiumsdiskussionen und Filmvorführungen begleitet werden.

Doch die Stimmung war angespannt. Auf der Facebook-Seite der Redaktion gab es Drohungen und Schmähungen und so forderten die Journalisten vorsorglich Polizeischutz an. Eine Vorsichtsmaßnahme, die nicht übertrieben war: Die Veranstaltung hatte noch nicht einmal begonnen, als Islamisten und Anhänger des Fußballfanclubs Plisat den Saal stürmten. Die jungen Männer zerstörten Mobiliar und attackierten einzelne Teilnehmer. Die Veranstaltung wurde abgesagt. Am späteren Abend versammelten sich die Randalierer erneut, diesmal vor einer Party und in noch größerer Anzahl. Begleitet von »Jasht, jasht pederast«-Rufen (»Päderasten raus!«) mussten Polizisten schließlich die Gäste aus dem Gebäude eskortieren. Das war im Dezember 2012.

Mit einem Mal stand eine Gruppe im Licht der Öffentlichkeit, die ansonsten fast vollständig im Verborgenen lebt. Kosovo ist das einzige europäische Land, in dem die Organisation einer »Gay Pride«-Parade noch nicht einmal angedacht wurde. Kaum jemand lebt »offen«, stattdessen führen viele ein Doppelleben –, aufgezwungen von einem Rollenverständnis, das keine Alternative zum patriarchal geprägten Familienmodell kennt. Auch gibt es immer noch keinen öffentlichen Ort, an dem sich Schwule und Lesben ungezwungen treffen könnten.

Ein erster Versuch, eine homosexuellenfreundliche Bar zu eröffnen, endete 2011 im Desaster. Der Ort war hochsymbolisch: Er befand sich im Zentrum von Priština, direkt hinter dem gelben Schriftzug »Newborn«, den ein Künstler aus Anlass der Unabhängigkeit des Kosovo installiert hatte. Bereits vor der Eröffnung der Bar wurde der Betreiber bedroht. Fußballhooligans marschierten auf und so sollte die erste Bar gerade einmal für eine Nacht existieren. Wenig später wurde der Ort komplett renoviert. Der ehemalige Besitzer musste vor den anhaltenden Drohungen ins Ausland fliehen.

Inzwischen gibt es immerhin ein Büro, das als Treffpunkt dient, betrieben wird es von der neuen NGO ­»Libertas«. Ein neuer Anlauf also, ein neuer Ort, auf den von außen freilich nichts hinweist. Es gibt kein Schild und auch auf der Webseite wird man nicht fündig, wenn man nach der Adresse sucht. Drinnen sitzen die kosovarischen Mitarbeiter, diskutieren und planen anstehende Veranstaltungen und Kampagnen.
Einer von ihnen ist Ilir*, aufgewachsen in einer Kleinstadt im Westen des Kosovo. »Ich wusste eigentlich schon immer, dass irgendetwas ›falsch‹ mit mir war«, erinnert er sich. Mit 13 begann er zum ersten Mal mit einem anderen Jungen aus der Nachbarschaft zu experimentieren. »Er ist heute verheiratet«, sagt Ilir mit einem Lächeln auf den Lippen. Auch nach seinem Umzug nach Priština erzählte Ilir niemandem von seinen Neigungen. »Wir Schwule im Kosovo leben sehr lange Zeit nur in unserem Kopf«, bestätigt Jeton, der eine ähnliche Geschichte erlebt hat. Lange Zeit gab es keine Informationen, vor allem nicht in den Dörfern und Kleinstädten.

Heute ist durch Internet und Satellitenfernsehen vieles einfacher, auch die Ankunft zahlreicher Mitarbeiter internationaler Organisationen nach dem Krieg war durchaus hilfreich. Ilir war 21 Jahre alt, als er in einem Café dem Gespräch zweier Ausländer lauschte, die sich über die schwule Dating-Webseite »Gayromeo« unterhielten. Zu Hause tippte er die Adresse in seinen Computer ein, wenig später kam es zu einem ersten Treffen.

Ilir und Jeton wissen um die paradoxe Situation, in der sich Schwule und Lesben im Kosovo befinden. Einerseits können sie sich auf ein äußerst fortschrittliches Recht berufen: Als eines der wenigen Länder der Welt hat der Kosovo ein explizites Verbot »sexueller Diskriminierung« in der Verfassung stehen. Auch das Anti-Diskriminierungsgesetz aus dem Jahr 2004 verbietet eine entsprechende Benachteiligung bei Arbeit, Ausbildung, sozialer Sicherheit oder Wohnungssuche.

Doch wie in vielen anderen Bereichen existieren rechtliche Normen im Kosovo nur auf dem Papier. Die Verfassung wurde von westlichen Experten geschrieben und dem jüngsten Staat Europas als Bedingung für seine Unabhängigkeit 2007 aufgezwungen. Sie trifft auf eine Gesellschaft, die von einem patriarchalen Familienmodell bestimmt wird. In der Praxis führt das zu einer spannungsreichen Koexistenz von progressivem Recht und jahrhundertealten Traditionen und patriarchalen Werten, die im Konfliktfall oft noch immer über staatliche Institutionen gestellt werden.

Wie tief homophobe Einstellungen in der kosovarischen Kultur verwurzelt sind, zeigen verschiedene Umfragen. Nach einer 2010 von »Gallup Balkan Monitor« durchgeführten Erhebung halten 90 Prozent der Befragten Homosexualität für moralisch falsch. Ein Befund, der durch eine neue Studie von »Libertas« bestätigt wurde: Fast 70 Prozent der Befragten glauben, dass Homosexualität überhaupt nur aufgrund des Drucks durch den Westen zu einem Thema wurde, fast zwei Drittel sind der Überzeugung, dass Homosexuelle die Gesellschaft gefährden. Deutlich sind die Zahlen auch, wenn etwa gefragt wird, wie die Befragten reagieren würden, wenn sich ein Kollege als homosexuell offenbarte: Nur gut zehn Prozent würden nicht homophob reagieren. Sollte es sich um ein Familienmitglied handeln, sinkt diese Zahl sogar auf fünf Prozent.

Und so ist es kein Wunder, dass ein »Outing« allenfalls im vertrauten Freundeskreis stattfindet. »Wir sind wirkliche Meister darin, zu spüren, wo etwas möglich ist und wo nicht«, sagt Jeton. Kosovo ist ein kleines Land, die soziale Kontrolle immens, und über allem steht die Familie. Sie ist die Institution, um die sich für den Einzelnen alles dreht, die fortgeführt werden muss – und das keineswegs nur in ländlichen Gegenden. Hatte in den sechziger bis achtziger Jahren ein gesamtjugoslawischer Modernisierungsschub auch den Kosovo nicht unberührt gelassen, so scheinen sich die innerfamiliären Beziehungen seit den neunziger Jahren wieder zu festigen. Bei etwa 40 Prozent Arbeitslosigkeit und der Abwesenheit eines Sozialstaats ist der Familienverband die einzige Institution, die eine Absicherung noch halbwegs gewährleisten kann. Die Erfahrung des Krieges trug ebenfalls dazu bei, althergebrachten Werten wie Männlichkeit und Ehre wieder zu Geltung zu verhelfen. »Männer werden als Krieger verherrlicht und Frauen als Mütter«, fasst Nita Luci, Anthropologin an der Amerikanischen Universität Kosovo, ihre Forschungen zur Geschlechterkonstruktion in der kosovarischen Nachkriegsgesellschaft zusammen. Und vor diesem Hintergrund sei der soziale Druck einfach viel stärker als jedes Gesetz.

»Zur wirklichen Unabhängigkeit kommt es für uns nie«, bestätigt Jeton, der als Kind und Jugendlicher in Deutschland gelebt hat. Vor allem von Männern wird erwartet, dass sie heiraten und eine Familie gründen, um die Tradition fortzuführen: »Das wird uns permanent beigebracht.« Gleichgeschlechtliche Vorlieben haben in dieser Vorstellungswelt keinen Platz, ihre Existenz wird entweder geleugnet oder als Schande für die Familienehre betrachtet, was nicht selten den Verstoß und soziale Stigmatisierung nach sich zieht. »Es gab tatsächlich Fälle, wo ein Outing den Ausschluss aus dem Familienverband zur Folge hatte. Oder wo der Druck so groß wurde, dass dann doch in eine Heirat eingewilligt wurde.«

Gleichwohl sind die Geschichten zu vielfältig, um sie über einen Kamm zu scheren. Isen etwa arbeitet als Model und hat in der Modebranche keine Probleme, denn »viele Models sind schwul«, sagt er lachend. In der Öffentlichkeit gilt aber auch für ihn: Gesten, die als feminin ausgelegt werden könnten, sind tabu, Berührungen und verliebte Blicke sowieso. Das Doppelleben, das Schwule und Lesben im Kosovo führen, geht so weit, dass fast jeder ein doppeltes Facebook-Profil hat. Denn Internetforen sind der wichtigste Ort, wo sich Homosexuelle kennenlernen und austauschen können; dort werden Partner gesucht und gefunden. Dies allerdings oft nur für den schnellen sexuellen Kontakt, wie Jeton beklagt. »Die allermeisten von uns wohnen zu Hause, man kann sich nicht zurückziehen – wie will man da eine Beziehung führen?« Hotels bieten Räume an, aber die wenigsten können sich das leisten. »Letztlich nimmst du dir einen Rucksack und gehst ins Grüne«, sagt ­Jeton schmunzelnd.

Teuta ist Anfang dreißig, und hat es da einfacher. Sie wohnt allein, das erleichtert vieles. Und die Erwartungen an Frauen sind geringer, meint sie: »Denn es sind ja die Männer, die die Traditionslinie fortführen müssen.« Teuta kennt deshalb auch nur eine verheiratete Lesbe, aber etwa sechzig Schwule, die sich dem Druck gebeugt und schließlich doch eine Familie gegründet haben. Auch in der Öffentlichkeit empfindet sie den Zwang zur Selbstkontrolle nicht so stark. Während zwei Männer immer leicht unter Verdacht geraten können, könnten Frauen schließlich auch »beste Freundinnen« sein, sagt Teuta und lacht. Unter Beschimpfungen und beruflichen Nachteilen leiden zwar potenziell alle, aber Opfer von Gewalt wurden bislang fast ausschließlich Männer. Frauen schlägt man nicht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Doch kaum jemand ist bereit, sich bei Diskriminierungs- oder Gewalterfahrungen an staatliche Stellen zu wenden, beobachtet Sami Kurteshi. Der Ombudsmann für Menschenrechte sitzt in einem modernen Büro im Stadtteil Sunny Hill. Er hat die Aufgabe, Beschwerden von Bürgern nachzugehen, die diese gegenüber staatlichen Institutionen vorbringen. Doch in seinen Berichten ist kein einziger Fall von Schwulen- oder Lesbendiskriminierung registriert, was aber zunächst nur so viel heißt: »Es gab keinen einzigen Fall, der mir gemeldet worden wäre.«

Kurteshi weiß gleichwohl, dass sich dahinter ein großes Problem verbirgt. Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist im Kosovo äußerst gering, insbesondere das Justizsystem hat einen denkbar schlechten Ruf. Entscheidend aber ist: Wer sich beschwert, muss sich zu erkennen geben. Wenn aber Polizisten und Richter über Homosexuelle nicht anders denken als der Rest der Gesellschaft, wird das zum Problem. Kurteshi kennt die kursierenden Geschichten von Fällen, in denen sich Polizisten über die Opfer homophober Gewalt auch noch lustig gemacht haben. Die Bereitschaft, sich deren Anliegen anzunehmen, sei tatsächlich oft nicht vorhanden, räumt er ein. Und dennoch: »Sie müssen sich einmal entscheiden, zur Polizei zu gehen. Auch mit dem Risiko, dass alles an die Öffentlichkeit kommt. Die Probleme müssen öffentlich werden.« Auch Nita Luci fordert mehr Risiko: »Wer politisch werden will, muss sich exponieren«, sagt sie.

Manchmal jedoch werden einem die Entscheidungen durch Ereignisse aus der Hand genommen. So war es ausgerechnet die Gewalt im Dezember 2012, die der schwul-lesbischen Szene zu einem unverhofften Mobilisierungsschub verholfen hat. »Viele Leute, die wir vorher nicht kannten, haben sich plötzlich bei uns gemeldet«, berichtet Jeton. Das Büro musste zwar umziehen, der Eingang ist nun durch Videokameras überwacht, aber nach innen wurde die Szene durch den Druck zusammengeschweißt, bestätigen die anderen Mitarbeiter von »Libertas«. Auch die Zusammen­arbeit mit der Polizei sei gut gewesen, in den ­Medien wurde berichtet, das Fernsehen sendete Diskussionen zum Thema. Die Probleme von Schwulen und Lesben im Kosovo waren plötzlich Gegenstand einer öffentlichen Debatte.
Mediale Aufmerksamkeit sei sehr wichtig, sagt Jeton, damit das Thema in der Öffentlichkeit bleibe und nicht mehr wie in der Vergangenheit unter den Teppich gekehrt werden könne. Aber jetzt müssten auch die Regierungsstellen nachlegen und den Solidaritätsbekundungen Taten folgen lassen. »Mitarbeiter von Polizei und Justiz müssen für unsere Probleme sensibilisiert werden und ein Training in Menschenrechten bekommen.«

»Libertas« hat in diesem Sinne bereits vorgelegt. Wochenlang zierten Plakate mit der Aufschrift »Mein Freund ist schwul. Seine Rechte sind unser Stolz« die öffentlichen Flächen von Priština. Als nächstes ist ein »Coming-out Guide« geplant. Auch wenn darin eher zur Behutsamkeit und Geduld geraten wird: In einzelnen Fällen gibt es immerhin kleine Erfolge zu vermelden. Jeton spielt mit dem Gedanken, sich gegenüber seinen Eltern zu offenbaren. Und Teuta hat es gegenüber ihrer Mutter bereits ­getan. »Sie hat toll reagiert. Ich war total überrascht.«

Nur eine erste »Gay Pride«-Parade scheint noch in weiter Ferne. »In 50 Jahren werden wir das vielleicht einmal erleben«, sagt Isen. Vielleicht.

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

Der Autor ist Journalist und lebt in Belgrad.

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