Amnesty Journal Griechenland 16. Juli 2013

Der einzige Weg

Flucht mit dem Schlauchboot. Syrischer Flüchtling auf Lesbos

Flucht mit dem Schlauchboot. Syrischer Flüchtling auf Lesbos

Viele Flüchtlinge versuchen, über den gefährlichen Seeweg nach Europa
zu kommen. Dabei kommt es zu zahlreichen Unglücken. Die europäische
Grenzschutzagentur Frontex und die griechischen Behörden scheinen dies
trotz hochmoderner Überwachungstechnik nicht verhindern zu können.

Von Chrissi Wilkens

Ich will nur den Körper meines Sohnes finden. Ich will nicht, dass die Fische im Meer ihn auffressen«, sagt Ali. Der Syrer sitzt auf dem Bett seines Hotelzimmers auf der Insel Lesbos und starrt verzweifelt aus dem Fenster. Seine Finger verkrampfen sich, während er vom letzten Gespräch mit seinem 14-jährigen Sohn erzählt. »Er rief mich an und sagte, dass sie von der Küste aufgebrochen seien und in einer halben, spätestens einer Stunde in Lesbos ankämen.«

Das war in der Nacht vom 6. auf den 7. März dieses Jahres. Doch Ali wartete vergeblich auf eine weitere Nachricht seines Sohns. Schließlich fuhr er selbst nach Lesbos und auf die ­Nachbarinsel Chios, um dort nach ihm zu suchen. Obwohl Ali sofort die Polizei und die Küstenwache über die Vermissten auf See benachrichtigte, wurde erst Mitte März mit der Suche begonnen, als an den Küsten von Lesbos die Leichen einer Frau und zweier Kinder gefunden wurden. Ein paar Tage später wurden zwei Reisepässe und vier weitere Leichen angespült, darunter auch die von Alis Sohn. Das Schiffsunglück wurde von den griechischen Behörden nicht einmal als solches registriert.

Ali ist Unternehmer und wohnt seit Jahren in Griechenland. Sein Sohn hat ihn mehrmals besucht, die Visa erhielt er von der griechischen Botschaft in Damaskus. Vor einigen Monaten, als der Krieg in Syrien eskalierte, floh sein Sohn mit seiner Großmutter und seiner Tante nach Ägypten. Ali versuchte vergeblich, bei der dortigen griechischen Botschaft ein Visum für ihn zu bekommen. Als einziger Weg nach Griechenland blieb nur die Flucht mit dem Schlauchboot.

Gemeinsam mit dem Jugendlichen reiste eine Familie mit drei kleinen Kindern. Sie hatte bereits einige Jahre in Griechenland gelebt, war aber wegen der Wirtschaftskrise dort nach Syrien zurückgekehrt. Auch sie musste aufgrund des Krieges in Syrien erneut Richtung Griechenland fliehen – ohne gültige Papiere, obwohl zwei der Kinder dort geboren wurden. Ein Verwandter der Familie erzählt, sie habe zunächst versucht, über die griechisch-türkische Landesgrenze zu gelangen. Doch habe die Grenzpolizei ihr den Übertritt verweigert. So blieb der Familie nur der gefährliche Seeweg. Sie war in demselben Boot wie Alis Sohn – für alle endete die Überfahrt tödlich.

Er habe erfolglos versucht, die Familie bei den Behörden als vermisst zu melden, klagt der Verwandte. Eine Suchaktion würde während der Patrouillenfahrten der Küstenwache durchgeführt, erhielt er lapidar zur Antwort. Die Gleichgültigkeit, mit der die Behörden reagierten, sei erschreckend. Was wäre wohl geschehen, wenn es sich bei den Vermissten um Touristen gehandelt hätte? Seine letzte Hoffnung sind nun die Fischer aus Lesbos. Vielleicht kann er über sie mehr Informationen über das Schicksal der Familie erhalten.

Unter den vermutlich neun Toten des Schlauchboot-Unfalls befand sich auch ein 17-jähriges Mädchen aus Syrien, deren Mann mit Aufenthaltserlaubnis in Deutschland lebt. Da es für sie als minderjährige Ehefrau keine Möglichkeit zur Familienzusammenführung gab, flüchtete sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder aus Syrien. Sie ertranken ebenfalls auf See.

Nur wenige Wochen später ereignete sich ein weiteres Unglück. Mitte Mai ertrank ein sechsjähriges Mädchen aus Syrien vor der Insel Leros. Sie hatte zusammen mit 21 anderen Flüchtlingen versucht, Schutz in Griechenland zu finden. Medienberichten zufolge starb das Kind, weil die Flüchtlinge aus Angst vor einer direkten Rückschiebung durch die griechische Küstenwache das Schlauchboot zerstochen hatten. Sie wollten damit erreichen, dass die Küstenwache sie als Schiffbrüchige rettet und nicht im selben Boot zurückschickt.

Pro Asyl und Amnesty International beobachten die Situation syrischer Flüchtlinge seit längerem und fordern, die Hürden für den Familiennachzug zu senken. Visa-Anträge von Syrern mit Angehörigen in Deutschland werden bislang meist ­rigoros abgelehnt, stellen die beiden Organisationen fest. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich kündigte Ende März die Aufnahme von etwa 5.000 »besonders schutzwür­digen« Flüchtlingen aus Syrien an. Nun geht es in enger Zusammenarbeit mit dem UNHCR um die Vorbereitung der Aufnahme dieser Flüchtlinge, die sich aus Menschen mit humanitären Bedürfnissen, Bezügen zu Deutschland und jenen zusammensetzen werden, die sich besonders für den Wiederaufbau Syriens qualifizieren.

Inzwischen hat der Bundestag einen fraktionsübergreifenden Antrag verabschiedet, der über das Kontingent hinaus den Bundesländern erlaubt, weiteren Flüchtlingen aus der Region den Nachzug zu ihren syrischen Verwandten in Deutschland zu erleichtern. Pro Asyl fordert darüber hinaus, in Griechenland und Bulgarien gestrandeten Syrern die Weiterreise nach Deutschland zu erlauben, wenn die Betroffenen Anknüpfungspunkte in Deutschland haben.

Seit vergangenem Herbst wurden allein in der Ägäis mehr als drei Schiffsunglücke und mehr als 90 tote Flüchtlinge registriert. Immer öfter suchen Flüchtlinge alternative Routen, um Grenzen zu überwinden. So feuerten in der Nacht des 22. Juni 23 Bootsflüchtlinge aus Syrien, Somalia und Ägypten östlich der Insel Kreta Leuchtsignale ab, als ihr Boot plötzlich in Flammen aufging. Acht Flüchtlinge erlitten Verbrennungen und mussten ins Krankenhaus von Heraklion transportiert und dort behandelt werden.

Die heimliche Grenzüberquerung auf hoher See in überfüllten Booten ist mit vielen Gefahren verbunden. Auch die Grenzschutzmanöver der europäischen Grenzschutzagentur Frontex und der griechischen Küstenwache mit ihren zweifelhaften Methoden bringen die Menschen in Lebensgefahr. Flüchtlinge werfen den griechischen Behörden illegale Abwehrpraktiken auf hoher See vor, die die Überfahrt noch riskanter machen. Dies belegt auch der aktuelle Amnesty-Bericht »Frontier Europe – Human rights abuses on Greece’s border with Turkey«. Eine solche Erfahrung hat Mohamad gemacht, der im Februar mit anderen Flüchtlingen auf Lesbos ankam. Es war sein fünfter Versuch, Europa zu erreichen, erzählt er. Zuvor wurde er Opfer eines sogenannten »Push-Backs«. »Die Beamten der griechischen Küstenwache haben uns erwischt und uns den Motor weggenommen. Sie haben uns an Bord ihres Schiffes geholt und unser Schlauchboot hinten festgemacht. Kurze Zeit später haben sie uns wieder ins Schlauchboot gesetzt und uns ein Paddel gegeben.« Die Flüchtlinge hätten dann verstanden, dass sie wieder in türkischem Gewässer sind. »Nur mit dem Paddel und den bloßen Händen haben wir es geschafft, die türkische Küste zu erreichen«, erzählt Mohamad. Unter den dreißig Passagieren des Schlauchboots seien auch kleine Kinder und verletzte afghanische Flüchtlinge gewesen.

Ähnliche Erzählungen hört man mittlerweile häufig von neu angekommenen Flüchtlingen auf Lesbos. Manchmal berichten sie von Warnschüssen der Beamten, oder gar, dass diese ihre Gewehre drohend auf die Flüchtlinge gerichtet hätten. Die griechische Küstenwache sowie das Frontex-Pressebüro in Warschau dementieren diese Vorwürfe. Menschenleben zu retten, habe immer absolute Priorität auf dem Meer, beteuert die Pressesprecherin von Frontex.

Hinter dem Steuer des Schiffs der griechischen Küstenwache, das gerade eine weitere Patrouille in der Meerenge zwischen Lesbos und der türkischen Küste beginnt, sitzt ein kräftiger Mann in blauer Uniform. Der Kapitän zeigt stolz auf die Wärmebildkamera, die sich rechts vor seinem Sitz befindet. »Das ist unsere stärkste Waffe. Dadurch kann man sehr schnell illegale Einwanderer lokalisieren und im Falle eines Schiffsunglücks im Meer Überlebende finden. Sie kann bei idealen Bedingungen einen Bereich von drei Seemeilen abdecken, was das Radar nicht kann«, erklärt er. Seinen Namen will er nicht nennen. Am häufigsten träfen er und seine Kollegen auf hoher See zurzeit Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan an, die mit kleinen überfüllten Schlauchbooten die griechische Küste erreichen wollten, erzählt er. »Falls sie sich auf der Grenzlinie befinden, sagen wir: ›Alter your course, you are proceeding Greek territory water.‹ Man kann sie auch warnen, dass man auf sie schießen wird. Wir sagen halt das, was wir sagen müssen.« Die Beamten dürften jedoch ihre Waffen nicht einsetzen, wenn sie es mit Unbewaffneten zu tun haben, betont der Kapitän. Die Afghanen wüssten dies bereits und befolgten die Anweisungen nicht. »Die Syrer, die das noch nicht wissen, kehren zurück, wenn wir sie erschrecken«, sagt er.

Ein paar Kilometer vom Hafen entfernt, im Bergdorf Agiasos, in einer Unterkunft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge beendet ein afghanischer Jugendlicher gerade sein Fußballspiel. Er ist einer der beiden Überlebenden eines Schiffsunglücks vor der Küste von Lesbos im vergangenen Dezember. In einem Regal über seinem Bett liegen als Dekoration zwei kleine Schiffe, ein paar Plastikblumen und der Koran. Der 16-Jährige zwingt sich zum Lächeln und beschreibt das Unglück gelassen: »Wir waren auf dem Boot. Plötzlich ist Wasser eingedrungen und das Boot lief voll. Ich hatte eine Rettungsweste und zwei Taschen in den Händen. Ich sah die anderen im Wasser verschwinden.«

Er lag bereits zwölf Stunden im Meer, als ihn ein Frontex-Schiff fand. Später wurden die Leichen seiner Mitreisenden an die Strände der Insel gespült. Einwohner von Lesbos und Menschenrechtsaktivsten kritisieren, dass die griechischen Behörden die Rettungsaktion nicht sofort starteten, nachdem sie einen Überlebenden gefunden hatten. Das zuständige Ministerium dementiert, verweigert jedoch genaue Angaben zur Rettungsaktion. Trotz hochmoderner Überwachungstechnik, die von der EU finanziert wird, scheinen Frontex und die griechischen Behörden nicht in der Lage zu sein, Schiffsunglücke zu verhindern oder Suchaktionen rechtzeitig durchzuführen.

Der Jugendliche schaut nachdenklich eine Landkarte an, die an der Wand hängt. Er fühlt sich in Griechenland nicht sicher und will deswegen weiter nach Nordeuropa, wieder über den Seeweg, diesmal von Griechenland nach Italien. Und das, obwohl er riesige Angst vor dem Meer hat. »Ich werde dieses Ereignis nie vergessen. Es wird immer in meinen Kopf bleiben. Wenn du aber ohne Papiere nach Griechenland und Europa kommen willst, gibt es nur diesen Weg.«

Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Athen.

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