Amnesty Journal Somalia 16. Januar 2012

Clans, Warlords und Rebellen

Seit über zwei Jahrzehnten existiert in Somalia keine Zentralregierung mehr.
Ein kurzer Überblick über die Geschichte des gescheiterten Staates.

Somalia entstand 1960 als unabhängiger Staat aus den ehemaligen Kolonialgebieten Britisch- und Italienisch-­Somaliland. 1969 übernahm die Armee unter Mohamed Siad Barre die Macht in dem Staat am Horn von Afrika. Das ursprünglich pro-sowjetische Regime führte 1977 ­einen Eroberungskrieg gegen Äthiopien, um dessen öst­liche Region Ogaden, die mehrheitlich von Somalis be­siedelt war, einem Groß-Somalia einzuverleiben. Mit Unterstützung der Sowjetunion und kubanischer Truppen konnte Äthiopien die somalischen Streitkräfte 1978 ­zurückschlagen. Barre wandte sich in der Folge von der ­Sowjetunion ab und fand in den USA einen neuen Verbündeten.

In den achtziger Jahren verstärkte sich der Widerstand gegen die Regierung Siad Barres durch bewaffnete Gruppen, die verschiedenen Clans angehörten und die von Äthiopien unterstützt wurden. 1991 wurde Siad Barre schließlich gestürzt. Nachdem sich die siegreichen Re­bellengruppen nicht auf eine gemeinsame Regierung ­einigen konnten, glitt das Land in einen Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Clans und Milizen ab, der bis heute anhält. Der Norden des Landes erklärte sich 1991 als Somaliland einseitig für unabhängig. Diese Unabhängigkeit wurde bislang international nicht anerkannt, seit Mitte der neunziger Jahre ist es in Somaliland jedoch ­verhältnismäßig friedlich.

Im Jahr 1992 begann die UN-Mission UNOSOM unter US-Führung die Operation und den Frieden wieder herzustellen. Nach schweren Angriffen auf die UNO-Friedens­truppen durch somalische Milizen in der Hauptstadt Mogadischu 1993 zogen sich die USA im folgenden Jahr aus Somalia zurück, wenig später beendete auch die UNO ihre Mission. 1998 erklärte sich die Region Puntland im Nordosten Somalias für autonom, ohne aber die Unabhängigkeit anzustreben. Zwei Jahre später wurde nach Friedensverhandlungen in Dschibuti eine nationale Übergangsregierung für Somalia unter Präsident Abdiqasim Salad Hassan gebildet, die sich aber gegen die verschiedenen Warlords nicht durchsetzen konnte.

2006 erlangte die Rebellenorganisation »Union islamischer Gerichte« die Kontrolle über weite Teile Süd- und Zentralsomalias und etablierte insbesondere in Mogadischu erstmals seit Kriegsbeginn eine gewisse Stabilität. Ende des Jahres marschierten äthiopische Truppen in Somalia ein und entmachteten die »Union islamischer Gerichte«. Die föderale Übergangsregierung versuchte mit Unterstützung Äthiopiens, die Kontrolle zu übernehmen, stieß aber auf erbitterten Widerstand von Clans und islamistischen Milizen, die die äthiopische Militärpräsenz ablehnten.

Im März 2007 kamen die ersten Schutztruppen der Friedensmission der Afrikanischen Union (AMISOM) zur Unterstützung der Übergangsregierung ins Land. 2009 zogen sich die äthiopischen Truppen aus Somalia zurück. Der gemäßigte Islamist Sheikh Sharif Sheikh Ahmed wurde neuer Präsident der Übergangsregierung, die von der extremistischen al-Shabaab-Miliz bekämpft wurde. Al-Shabaab war zwar als Jugendorganisation der »Union ­islamischer Gerichte« tätig, wurde aber nach deren Zerschlagung durch die äthiopischen Truppen eine eigenständige Organisation. Bis Ende 2010 übernahm al-Shabaab in weiten Teilen Süd- und Zentralsomalias wieder die Kontrolle. Die Übergangsregierung wurde unter dem Schutz der AMISOM-Mission auf Teile Mogadischus zurückgedrängt.

Ab Februar 2011 intensivierten die Truppen der Übergangsregierung und AMISOM-Truppen den Kampf gegen die al-Shabaab-Miliz, die sich im August 2011 aus Mogadischu zurückziehen mussten und im Sommer auch in anderen Teilen des Landes unter Druck gerieten. Nach mehreren Überfällen und Entführungen von ausländischen Staatsbürgern aus Kenia durch somalische Milizen marschierten im Oktober 2011 kenianische Truppen im Süden Somalias ein.
Mit dem Verschwinden der Zentralregierung 1991 hat die Piraterie vor der Küste Somalias kontinuierlich zugenommen. Seit 2005 wurden in den Gewässern vor Mogadischu und im Golf von Aden Hunderte von Schiffen gekapert. 2008 verabschiedete die UNO eine Resolution, mit der alle Staaten in der Region dazu aufgefordert werden, militärisch gegen die Piraten vorzugehen.

Text: Jürg Keller

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