Amnesty Journal 21. September 2011

Auf Vatersuche

Der neue Roman des libyschen Schriftstellers Hisham Matar heißt »Geschichte eines Verschwindens«. Darin spiegeln sich auch eigene Erfahrungen des ­Autors wider.

Von Wera Reusch

Es gibt Zeiten, da lastet die Abwesenheit meines Vaters auf mir, als säße mir ein Kind auf der Brust. Dann wieder kann ich mich kaum an die Züge seines Gesichts erinnern und muss die Fotos hervorholen, die ich in einem alten Umschlag in der Schublade meines Nachttischs aufbewahre. Seit seinem plötzlichen geheimnisvollen Verschwinden hat es nicht einen Tag gegeben, an dem ich nicht nach ihm gesucht hätte, selbst an den unwahrscheinlichsten Orten.« Bereits in den ersten Sätzen schlägt Hisham Matar den Grundakkord an, der seinen neuen Roman durchzieht: Die tiefe Sehnsucht eines Jungen nach seinem Vater, der »verschwand«.

Der Ich-Erzähler des Romans, Nuri el-Alfi, ist zehn, als seine Mutter stirbt, und lebt zunächst allein mit seinem Vater in Kairo. Ursprünglich stammen seine Eltern aus einem anderen arabischen Land. Der Vater, ein ehemaliger Minister und Anhänger einer konstitutionellen Monarchie, sah sich jedoch gezwungen, dieses Land zu verlassen, nachdem dort eine »Revolution« ausbrach, die er als »infantile Unverfrorenheit« bezeichnet. Nuri bewundert seinen weltläufigen und wohlhabenden Vater, doch ändert sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn, als die beiden während eines Urlaubs am Meer eine junge Frau aus England kennenlernen. Der Zwölfjährige verliebt sich in Mona und reagiert eifersüchtig, als sie wenig später seinen Vater heiratet. Um die familiäre Situation zu entschärfen, wird Nuri in ein Internat nach England geschickt, was seiner Schwärmerei für seine Stiefmutter jedoch keinen Abbruch tut. Er fiebert auf die Weihnachtsferien in der Schweiz hin, in denen er Mona wiedersehen wird. Doch der Urlaub endet jäh, denn sein Vater wird von Agenten seines Heimatlandes verschleppt und »verschwindet«. Für Nuri bedeutet dies einen Wendepunkt in seinem Leben, sein Sehnen richtet sich immer weniger auf Mona als vielmehr auf seinen Vater, den er zutiefst vermisst.

Hisham Matar lotet mit enormem Feingefühl die ambivalente Gefühlswelt seines jugendlichen Protagonisten aus. Dabei verändert sich der Ton des Ich-Erzählers fast unmerklich, parallel zu dessen Reifeprozess. Und manches, was wir zunächst aus der Perspektive eines Zwölfjährigen wahrnehmen, stellt sich im Lauf des Romans – mit zunehmendem Alter des Protagonisten – völlig anders dar. Matars große Stärke liegt in der psychologischen und sprachlichen Genauigkeit, mit der er Wellenbewegungen verfolgt, die durch politische Ereignisse ausgelöst werden und sich durch eine Familiengeschichte hindurch fortpflanzen. Wellen, die selbst an weit entfernten Ufern noch Spuren hinterlassen, wie zum Beispiel in der Psyche eines Jungen, der seinen Vater aus politischen Gründen verliert, ohne dessen geheime oppositionelle Tätigkeiten und dessen Heimatland auch nur zu kennen.

Bereits in seinem ersten Roman »Im Land der Männer« erzählte der libysche Autor eine Familiengeschichte aus der Sicht eines kleinen Jungen. Das Buch, das in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, spielt in der libyschen Hauptstadt Tripolis Ende der siebziger Jahre. Matar schildert darin, wie sich die gnadenlose Verfolgung von Oppositionellen durch das Gaddafi-Regime auf das Leben des neunjährigen Protagonisten auswirkt.

Dass in die Romane des in London lebenden Schriftstellers eigene Erfahrungen eingeflossen sind, ist unverkennbar. Hisham Matar wurde 1970 in New York geboren und wuchs in Tripolis auf. Als er neun war, emigrierte die Familie nach Kairo. In einem Essay mit dem Titel »Und die Welt hier ist leer« schreibt er, dass sein Vater dort versuchte, die verschiedenen Fraktionen des exilierten libyschen Widerstands zu vereinen, um das Gaddafi-Regime zu stürzen. 1990 wurde Jaballah Matar vom ägyptischen Geheimdienst entführt und an die libyschen Behörden überstellt. Einige Jahre später erhielt seine Familie zwei Briefe und eine Kassette von ihm, die aus dem Gefängnis Abu Salim in Tripolis geschmuggelt werden konnten. Doch seit Mitte der neunziger Jahre gab es kein Lebenszeichen mehr.

Amnesty International hat die libyschen Behörden in den vergangenen Jahren wiederholt aufgefordert, das »Verschwinden« von Jaballah Matar aufzuklären. Hisham Matar sagte Amnesty: »Das Schweigen und die Ungewissheit über das Schicksal meines Vaters seit seinem ›Verschwinden‹ ist manchmal unerträglich. Meine Familie und ich sind sehr dankbar für die anhaltende und unerschütterliche Unterstützung durch Amnesty International. Ich danke den Mitgliedern der Organisation und bitte sie inständig, ihre gute Arbeit fortzusetzen.«

Der Schriftsteller weiß bis heute nicht, ob sein Vater noch lebt. Jahrelang hielt er es für besser, sich nicht zur politischen Situation in Libyen zu äußern, um seinen Vater nicht zu gefährden. Dies änderte sich nach dem Erscheinen seines Romans »Im Land der Männer« im Jahr 2006, in dem er die Verfolgung, Verhaftung und Hinrichtung von Oppositionellen in Libyen zum Thema machte.

Die jüngsten Ereignisse in Libyen haben Hisham Matar mit Hoffnung erfüllt. In einem Interview mit der Zeitschrift »Profil« sagte er: »Auf einer gewissen Ebene haben die Ereignisse der letzten Monate mir meinen Vater nähergebracht. (…) Seit seinem Verschwinden habe ich über die Jahre immer wieder gedacht: War es das wert? Vielleicht hat er seine Freiheit, vielleicht sogar sein Leben umsonst geopfert! Dann begann diese Rebellion. Ich sah im Fernsehen junge Männer in Benghazi auf dem Platz zwischen Gerichtsgebäude und Strand demonstrieren. Sie waren noch nicht auf der Welt, als mein Vater verhaftet wurde. Dennoch hielten sie Plakate mit seinem Porträt in ihren Händen. Plötzlich machte das Handeln meines Vaters wieder Sinn. Doch ehrlich gesagt, wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich ihn trotzdem lieber hier bei mir.« Eine Aussage, die auch von seinem Romanhelden Nuri el-Alfi stammen könnte.

Die Autorin lebt als freie Journalistin in Köln.

Hisham Matar: Geschichte eines Verschwindens. Aus dem Englischen
von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand Verlag, München 2011, 192 Seiten, 19,99 Euro.

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