Amnesty Journal Korea (Nord) 10. November 2010

Kurz vor dem Kollaps

Amputationen ohne Betäubung, Operationen bei Kerzenlicht, Krankenhäuser ohne Heizung – das Gesundheits­system in Nordkorea ist in einem katastrophalen Zustand. Dies belegt eine aktuelle Amnesty-Studie.

Von Daniel Kreuz

Wann er das letzte Mal einen Krankenwagen in seiner Stadt gesehen hatte? Da muss Park aus dem nordkoreanischen Chongjin erst einmal nachdenken: »Das war 1992 oder 1993. Seitdem keinen einzigen mehr. Krankenwagen kenne ich nur aus dem Fernsehen.« Ohnehin besäßen nur die sehr reichen Leute ein Telefon, normale Menschen wie er könnten die Ambulanz erst gar nicht rufen, so der 27-Jährige, der im April 2007 ins Ausland floh. »Und selbst wenn man den Notruf wählte, würde eh nichts passieren. Es gibt ja gar kein Benzin für die Krankenwagen.«

Die Situation in Chongjin ist beispielhaft für das heruntergewirtschaftete Gesundheitssystem im Reich von Kim Jong-Il. Es steht kurz vor dem Kollaps, wie eine aktuelle Studie von Amnesty International belegt. Sie beruht unter anderem auf Interviews mit 40 Nordkoreanern, die in den vergangenen Jahren aus dem von der Außenwelt abgeschotteten Land geflohen sind. Übereinstimmend berichten sie über katastrophale Bedingungen in den Krankenhäusern: Es fehlen Heizungen und Medikamente, Nadeln werden mehrmals verwendet und vor dem Gebrauch nicht desinfiziert, die Bettwäsche nicht regelmäßig gewechselt. Weil häufig der Strom ausfällt, operieren die Ärzte manchmal bei Kerzenlicht, aus Mangel an Narkosemitteln führen sie Amputationen auch ohne Betäubungen durch.

So wie bei Hwang aus Hwasung. Ein fahrender Zug hatte seinen linken Knöchel zerquetscht, nachdem der 24-Jährige von einem Waggon gefallen war. Ohne Narkose amputierten die Ärzte das Bein von der Wade abwärts. »Fünf Assistenten hielten mich fest, damit ich mich nicht bewegen konnte. Ich schrie und hatte so starke Schmerzen, dass ich in Ohmnacht fiel. Erst eine Woche später bin ich in einem Krankenhausbett wieder aufgewacht.«

Immer wieder brechen in Nordkorea Epidemien aus, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten sind an der Tagesordnung. Die Regierung behauptet zwar, dass jeder Bürger eine ­kostenlose Gesundheitsversorgung erhalte. Doch die Realität sieht anders aus: Mediziner bekommen oft kein Gehalt – Sprechstunden bei Ärzten werden daher mit Zigaretten, Alkohol und Lebensmitteln bezahlt, Untersuchungen und Eingriffe mit Bargeld. Dies schildert auch die 20-jährige Rhee, die im November 2008 flüchtete: »In Nordkorea nimmt niemand die Mühe auf sich, ins Krankenhaus zu gehen, wenn er nicht genug Geld hat. Jeder weiß, dass man für die Behandlung bezahlen muss. Wenn du kein Geld hast, stirbst du.«

Verschärft wird die Situation durch die mangelhafte Ernährung: Fast neun Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, hungern. Die Währungsreform vom 30. November 2009 führte zu einer Inflation und verschärfte damit die Lebensmittelknappheit noch zusätzlich. Die Regierung verschlimmerte die Lage außerdem durch das Verbot, mit ausländischer Währung zu zahlen, durch die Schließung von Lebensmittelmärkten sowie ein Ernteverbot für Kleinbauern.

Amnesty wirft der Regierung daher eine »verfehlte oder kontraproduktive« Gesundheitspolitik vor. »Nach internationalem Recht ist Nordkorea verpflichtet, das Recht der Bevölkerung auf eine Gesundheitsversorgung bestmöglich zu gewährleisten«, sagte Amnesty-Expertin Catherine Baber. Dieser Verpflichtung komme der Staat jedoch nicht nach. Nordkorea brauche unbedingt weitere internationale Unterstützung, um das Gesundheitswesen verbessern zu können. Gleichzeitig müsse die Regierung internationale Unterstützung anfordern, falls sie die Situation nicht selbst in den Griff bekomme.

Zur Zeit deutet jedoch nichts darauf hin, dass das Regime von Kim Jong-Il in Zukunft größeren Wert auf eine verbesserte Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ­legen wird. Die Atommacht Nordkorea investiert 25 Prozent des Bruttosozialprodukts in ihre Streitkräfte, eine der größten Armeen der Welt. Für die Gesundheit ihrer Bürger gibt sie laut der Weltgesundheitsorganisation pro Person weniger als einen Dollar im Jahr aus. So wenig wie kein anderes Land der Welt.

Der Autor ist Volontär beim Amnesty Journal.

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